Vogelhälse

 
 
Verlag duotincta GbR
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. April 2020
  • |
  • 220 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-946086-47-5 (ISBN)
 
Ein Sommertag beginnt. Ein Junge erwacht. Anstatt zu lernen, lauscht er den Lauten des Sommers, dem Gesang der Vögel, träumt von der Fahrt aufs Land, vom Garten seiner Großmutter - erinnert sich an die ersten zaghaften Umarmungen eines Mädchens ... Eine Zugreise beginnt. Die Rückreise des Jungen und des Mädchens, die als Erwachsene an die Orte ihrer Kindheit reisen. Die Erinnerung des einen verschwimmt in der Erinnerung des anderen, als gäbe es keine Zeit und keinen Raum mehr, nur noch die Verzauberung des Augenblicks ... Kai Maruhns Sommerkomposition gleicht einem impressionistischen Gemälde und erinnert auf eigentümliche Weise an die sprichwörtliche proustsche Madeleine.
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • Für Jugendliche
  • 1,02 MB
978-3-946086-47-5 (9783946086475)
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Kai Maruhn wurde in Berlin geboren. Er studierte Rechtswissenschaften und Geschichte und arbeitete in unterschiedlichen, mehr oder weniger interessanten Jobs.

Höhen fällen


- Weißt du noch, die warmen Gräser?

- Das Liegen in den Wiesen.

- Schritte im Gras, die noch umrandet federn.

- Ich weiß noch, wie wir braungebrannt in den Wiesen lagen.

- Salzige Haut .

- und warme Lippen .

- und geschlossene Augen .

- helle Wimpern, die golden in der Sonne funkten.

- Ich erinnere mich an die Hohlwege, an die Gräser in den Fugen der Steine, an die Ferkel, die wir über die Heuböden jagten, an Heu, an trockenes, staubiges Heu, und ein böser Hofhund, der gar nicht böse war und still und brav und ganz unterwürfig tat, von unten so nach oben blickte mit großen, traurigen Augen.

- Ich erinnere mich an den Flughafen Tempelhof, an einen regnerischen Sommertag und das Flugfeld, wir liefen zu den Maschinen aus dem Halbrund heraus, und ich drehte mich, und alle Flugzeuge waren groß, und ich hatte es nie ganz verstanden, wie sie fliegen konnten, und ich war immer ganz aufgeregt, die Flüge durch die Wolken, durch dunkle Wolken, und dann den Himmel, den blauen, weiten Himmel hinter den Wolken, ich hatte dann immer das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein.

Sie lachte ein wenig, während sie das sagte.

- Die Sommer auf dem Land endeten nie, sie waren der Höhepunkt des Jahres, hell und warm.

- ewig das kristallklare Wasser, das Funken der Wellen, die mit Gischtkronen auf die Ufer rollten und in die sich wagemutige Kinder stürzten, in einem immerwährenden Traum, duftend von Tang und Salz unter dem ewigen Schreien der Möwen .

- die staubigen Wege, die Lehmerde und die Weiden, auf denen die Tiere standen und blökten und muhten, die Stacheldrahtzäune, durch die kribbeliger Strom zog, damit die Tiere einen Schreck bekämen und keinen Unsinn mehr machen konnten und schön dablieben, wo sie waren, .

- und die Esel, die wir in den Wegen mit reifen und überreifen Feigen fütterten, die waren ganz wild auf die Feigen, und mümmelten dann mit ihren mächtigen Backen und zerknarzten und kauten und malmten und stuppten mit den Nasen an unsere Ärmel, und meine Schwester und ich wollten immer die großen Köpfe umarmen und die weichen Nüstern streicheln.

- Die Wildgänse im späten Sommer, wenn sie sich sammelten und in ihren Formationen flogen, wie sie schon seit Jahrmillionen fliegen. Als Kind blieb ich immer stehen und blickte ihnen nach, und noch heute, höre ich das Rufen der Wildgänse, bleibe ich stehen und blicke in den Himmel und gucke, ob denn da wirklich Süden ist, wohin sie in ihren Formationen streben. Ich war immer traurig, weil dann der Sommer vorbei war und es wieder kalt wurde und dunkel und wirr. Wie die Stare, die ganz aufgeregt in den Apfelbäumen hüpften, gerade wurden sie geboren und schon fliegen sie als Kinder mit den Alten bis nach Afrika. Über Sizilien zum Meer, die zuckeln immer so mit den Köpfen, wie die Hühner .

- wie ich das Meer liebte, ich war immer hingerissen, wie weich das Meer war, als ich schwamm und die Fische sah, die Schwärme der Fische, dann als ich über die Wellen hüpfte und drin war, dann wollte ich nie mehr raus. Mit ganz blauen Lippen und bibbernd hatte es meine Mama geschafft, mich in ein Handtuch zu hüllen und mich abzurubbeln, mit klappernden Zähnen. Ach, wieder ans Meer, da dachte ich immer, bleiben zu können.

Und der Duft nach Kaffee und frischem, weichem Weißbrot, nach Tee. Und er schmiegte sich an ihren Bauch, nackt, wie sie waren, in einem Hotel in Rom.

An der Decke flappten die schweren Flügel eines Ventilators, der keinerlei Kühle brachte, sie standen oft auf, um die Köpfe unter kaltes Wasser zu halten, und redeten schon seit Stunden an diesem heißen Abend über die Ferien, die Sommer, die sie erlebten, damals.

- Wie jung wir waren und lebendig und neugierig, und wie oft wir uns schrieben in dieser Zeit.

Sie schrieb ihm damals ellenlange Briefe voller sehnsüchtiger Worte, und er antwortete mit verwunschenen Burgen, tiefen, schattigen Wäldern und Helden und Sängern, die die Liebe beschworen. In jedem Wald dachte er an sie, und sie in jedem Bogen des Meeres, in jeder Welle an ihn.

Und sie rauchten und tranken kaltes Bier mit Eiswürfeln und bliesen den Rauch in Kreisen zur Decke und freuten sich.

- Ich erinnere mich an den Rahm auf der Milch, an den Duft der Glyzinien, das Tischgebet, Salmiakpastillen, die zwischen den Zähnen klebten, Gräserkronen im Gegenlicht, Kartoffeln mit zerlaufener Butter und Zuckermöhren mit Schnitt- lauch, Essig im Bohnensalat, an gemalte Delfine .

- an tiefblaues, schwerblaues, seelenschaukelndes, silbernes Meer, an den Duft brauner Haut.

Und es gab Wiesen, die sich ruhig einherwogten, und funkelnd zitternde Gräserkronen, die im Gegenlicht blitzten.

- Und ich erinnere mich daran, wie ich innerlich immer zusammenzuckte, wenn du das Klassenzimmer morgens betratst und mich anlächeltest und schnell neben mir saßest und deine Haare meine Wange berührten und wir die Köpfe eng zusammensteckten und du mir von deinem Tag, deinem Wochenende ganz leise erzähltest und kleine Enten auf meinen Ordner maltest, die ich fangen wollte. Wie ich nur deinen leisen Worten zuhörte und fasziniert die Augen senkte, als wären unsere Blicke einer. Flüsternd. Leise. Fast still. Und als hörten wir nur unsere Worte und sonst nichts, als gab es keine Schule, keine Lehrer und nichts zu tun außer einander zuzuhören.

Einmal berührtest du meine Hände, sanft und warm. Du warst das schönste Mädchen auf der ganzen Schule.

- Ach, hör auf!


Was war das für ein Tag, als sie die Autobahnausfahrt erreichten, der Blinker des Wagens behände klickte und sie abbogen in die ihnen so bekannten Serpentinen. Dort begann die Welt. Das Brausen der Autobahn entfernte sich, und der Junge sah sich um, spürte nun nichts mehr von der bleiernen Schläfrigkeit während der Fahrt, nichts mehr vom einschläfernden Singsang des Motors ihres Variants, vom monotonen Sprechen seiner Eltern, er sah nur noch das Land und reckte sich nach allen Seiten, um die Burgen zu sehen, den mächtigen Fluss und endlich die Abfahrt zum Dorf, in dem seine Großmutter wohnte, und er reckte sich, war voller Erwartungen, voller Zuversicht.

- Wann sind wir da?


Als der Zug fuhr, wehte noch der staubige Geruch der Pinien in das Abteil, und kaum fuhren sie durch die Stadt, mischte sich der Duft der Pinien mit allen Düften der Märkte und Straßen, Braten und Abgase, nichts war mehr stickig, nichts mehr siedend und drückend, der Fahrtwind des Zuges blies die stickige Luft aus den Abteilen, jedes Innehalten, jeder Druck, jeder Stillstand wehte aus dem Zug, und es gab nur noch den Duft des Sommers, den Duft nach Obst, Kaffee und Fisch und Meer und Sonnenmilch und Diesel unter dem dauerhaften Gesang der Zikaden und dem fast schwebenden Summen des Zuges. Und es war nur noch das Fahren, das endliche Ziehen, Weiterkommen und nicht mehr bleiben wollen.

Und sie erzählte mit wachen Augen von Rom und schnitt nebenher eine Honigmelone, deren Saft auf den Boden tropfte, und belegte die Stücke mit salzigem Schinken und reichte sie ihm. Rom, die Stadt, die sie mit ihrer Familie so oft besuchte.

Das Licht wechselte, je weiter sie aus der Stadt fuhren. Noch einmal durchgehen, einmal durchfahren, einmal noch die Orte sehen, die sie als Kinder sahen und in denen die Zeit stehenzubleiben schien und wo sie voller Verzückung staunten, als seien sie in einem nicht enden wollenden Zauber.

Was wohl aus den Mädchen des Nachbarhofes geworden war, fragte er sich, waren sie verheiratet, wie viele glückliche, dicke Kinder tummelten sich auf dem Hof, und waren ihre Männer rosige Biertrinker mit lustigen, bunten Sporthosen und lustig bedruckten T-Shirts mit Diddelmäusen, die sie ihren Kindern abgeschaut hatten. Waren sie Sparkassenangestellte, Autoverkäufer, Bahnwärter, die vielleicht noch kurbelten, langsam und bedächtig die Schranken hoch und runter kurbelten.

Was wohl aus den Hohlwegen geworden war, waren sie noch genauso tief, dunkel, voller schattiger Nachtmaare und schleichender Trolle, wilder Eber und dicker, so zuckrig süßer blauer Brombeeren, die, die Münder ganz verschmierten, die Lippen, das Kinn, die Finger. Was war aus der Burg geworden, war sie immer noch über einen schmalen, verwinkelten Pfad zu erreichen oder inzwischen über eine schmale Straße, in der kaum zwei Wagen nebeneinander fahren konnten. Ein tiefer Wald stand um die Burg, hoch und alt, diese Bäume standen schon da, als noch Ritter in scheppernden Rüstungen durch die Torbögen preschten, was war aus dem Restaurant auf der Burg geworden, in dem säuerliche Braten gegessen wurden und kaltes Bier getrunken und Männer und Frauen die Hände schirmend über die Augen hielten und in ihr bekanntes Land spähten, und was war aus dem Dorf geworden, aus dem Hof, aus dem Garten, dem Haus der Großmutter, die Mutti hieß, den Dachkammern, Lerchen, den gurrenden Tauben.

Warum wirkt alles immer dann so unglaublich stark, wenn man geht, als bliebe es einem anhaften, wolle sich einnisten und hämisch grinsen und flüstern, jetzt gehst du, ohne mich je kennengelernt zu haben.

Was war Rom nur für eine Stadt und wie kühl dieser Wind, die Baldachine, die Schirme, und...

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