Nacaria

Roman
 
 
Konkursbuch Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen im August 2011
  • |
  • 192 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-88769-832-4 (ISBN)
 
Dieser Roman erzählt von der Zeit, in der die Bewohner auf die kargen Böden angewiesen waren, in großer Armit lebten, viele emigrierten. Einer der Emigranten bringt aus Amerika eine Idee mit auf die Inseln ... Die in äußerster Armut lebenden Insulaner verkaufen Hab und Gut, um in der Koschenilleverarbeitung in der Fabrik einen höheren Lebensstandard zu erreichen. Doch diese Illusion zerbricht, als das Anilin erfunden wird und der heiß begehrte rote Farbstoff viel billiger hergestellt werden kann. Eine Tragödie bahnt sich an - die alle Protagonisiten in ihren Strudel reißen wird ... Zur Zeit der wirtschaftlichen Blüte schimmert der Himmel über der (fiktiven) Insel im Glanz des Perlmutt (nácar), den die übervollen Schiffe auf ihrer Fahrt nach England reflektieren. Spannender-poetischer Roman, der auch die kanarische Landschaft und Natur zum Leuchten bringt ...
  • Deutsch
  • 0,37 MB
978-3-88769-832-4 (9783887698324)
3887698320 (3887698320)
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Das magische Projekt


Eine flüchtige Schrift aus Schaumzeichen hinter sich lassend, ähnelte das Schiff einem jungen Wal, der es der feinen Fadenspur der Spinne gleichtun will. Langsam schaukelte es vorwärts. Wie eine starre, weit entfernte Galionsfigur spiegelte sich der Mond auf dem Bug und verlieh den Eindruck falscher Ruhe. Quintero beobachtete die Spur des flüchtigen Kielwassers im Dunkel der Nacht und sein angestrengt das Wasser durchforschender Blick verriet, wie er die Ankunft herbeisehnte. Unerträglich lange dünkte sie ihm.

Seine Pilgerfahrt über den Atlantik und der Jahre dauernde Aufenthalt in Amerika lagen hinter ihm. Jene Zeit verflüchtigte sich bereits in seinen Gedanken und erschien ihm vom Richtung Hafen tänzelnden Schiff aus weit entfernt und bereits verschwommen. Trotzdem wusste Quintero, dass er sich, wenn er nur wollte, den Beginn der verrückten Irrfahrt wieder ins Gedächtnis zurückholen könnte.

– Besser alles vergessen. Vielleicht hat es nie einen Anfang gegeben.

Die Wellen, die Algen herbeischafften, die sie glitschig, schleimig auf den Schiffsplanken ablegten, bestärkten ihn in seinem Bestreben, die Mole der Insel zu erreichen. Die Vergangenheit war an den Rand gedrängt: abgesprengt widersetzte sie sich der Erinnerung. Bald würde auf Isla Nacaria, als ob Unmögliches bestätigt würde, für ihn die Zeit neu beginnen. Quintero schickte sich an, seinen alten unveränderten Plan in die Tat umzusetzen.

In Übereinklang mit dem Rhythmus des stampfenden Schiffes schlug Quinteros Herz auch in seinem Kopf. In den gleichmäßigen Schlägen klang es wie ein fortgesetztes forderndes Echo, das umso heftiger wurde, je näher das ersehnte Reiseziel rückte. Seit jenem weit zurückliegenden Augenblick, in dem er überwältigt vor dem feurigen Rot stand, das die aus der Laus der amerikanischen Feigenkaktee gewonnene Farbtinktur Kaschmir- und Seidenstoffen verlieh, gab es für Quintero nur noch ein Ziel: zurückzukehren und seinen Plan zu verwirklichen. Von dieser Idee war er besessen, wie jemand, der weiß, dass er geboren wurde, um eine einzige Aufgabe zu erfüllen.

– Über Isla Nacaria wird ein fruchtbarer Regen niedergehen.

Und sein Denken hatte die Entschiedenheit unumstößlicher Entschlüsse.

Mit trägem, eintönigem Stampfen begegnetedas Schiff dem Wind und entfernte sich damit immer mehr von der ersten Überfahrt, die Quintero in umgekehrter Richtung von Isla Nacaria aus zum Kontinent jenseits des Atlantiks unternommen hatte. Mit jeder Spur des Kielwassers, das die ruhige Fläche des Ozeans verwischte, verschwand die erniedrigende Armut, die ihn angestachelt hatte, Stück für Stück die Anschläge am Kai der Insel zu lesen und sich so Daten, Abfahrten und Nationalitäten wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, wie jemand, der hofft, durch die Lektüre fliegender Blätter gerettet zu werden. In der Nacht vergaß er das Elend, das ihn Grenzen vergessen ließ und ihn zwang, an Bord zu gehen, unerkannt, wie viele andere auch, die von einem elementaren Überlebenswillen angetrieben wurden und die Anschläge denen überließen, die an der Mole und ihrem Elend zurückblieben oder auch auf ein anderes Schiff warteten, das die Überfahrt antrat. Und dann: Sein beharrliches Umherziehen durch Kreolenstädte, um Tauschgeschäfte zu tätigen und sich dem Verkauf von Tand und Trödel zu widmen. Dasselbe Vergessen galt der Antillenmachete, die ihm bei der Zuckerrohrarbeit anvertraut worden war, ein treffsicheres, gefräßiges Werkzeug, um dem Rohrdickicht beizukommen; jener Machete, die ihm mit einem blitzschnellen Hieb, einem Biss wie ein Spuk, den Finger abschlug, der sich nach einigen Spritzern blutend im Dschungel verlor.

Nichts von all dem bedauerte Quintero, nicht einmal den unter der Tropenhitze beim Stapeln unzähliger Kalebassen vergossenen Schweiß. Er erinnerte sich nur an jenen Tag, als der strahlende Glanz der aus dem Schmarotzer der amerikanischen Feigenkaktee gewonnenen Farbtinktur mit aller Deutlichkeit vor seinen Augen erschien – und zur magischen Besessenheit wurde. Da erkannte er sein Schicksal, glasklar. Dorthin, auf seine Erfüllung hin, bewegte sich die Kielspur des nur allzu trägen Schiffes.

Plötzlich umwehte ihn ein trockener, intensiver Geruch, den der Meereswind noch verstärkte. Vom Schiffsbauch her erreichte ihn eine Mischung aus pflanzlicher Ausdünstung und rostiger Feuchte: der Atem der überseeischen Feigenkakteen, die in den verborgenen Räumen des Schiffes lagerten. Dieser Hauch aus Katakomben, dachte Quintero, war für ihn wie Medizin, fast ein Geschenk.

Die intensive Dunstwolke machte sein persönliches Erscheinen erforderlich. Das Schiff setzte die Überfahrt fort, eingelullt in stetige Mattheit. Quintero wanderte durch eintönige Gänge, an von Rost und Öl gezeichneten Geländern vorbei, über Wendeltreppen, bis er schließlich vor der schweren Tür des Lagerraums stehen blieb. Zunächst wurde die Ausdünstung schwächer, schien sich fast aufgelöst zu haben, bis sie ihm nach Überschreiten der Schwelle fast explosionsartig entgegenquoll.

Quintero kannte diesen Geruch gut. Er hatte sich an ihn gewöhnt, als er auf der anderen Seite des Atlantiks die Geheimnisse der Aufzucht der Kakteen lernte, auf denen die weiße Laus gedeihen konnte. Die Aussaat, die klimatische Anpassung und damit verbunden die Vermehrung des Parasiten war sein Ziel. Dafür kehrte er nach Isla Nacaria zurück. Damit er seine Aufgabe erfüllen könne, unternahm er die Rückreise, wobei die vergessenen Trümmer seiner eigenen Geschichte hinter dem Heck des Schiffes verschwanden.

– Erst wenn ich ankomme, erst dann, wird mein Leben beginnen.

Langsam ging Quintero vorwärts und streckte eine Hand aus, um die Stacheln der graugrünen Blattglieder zu ertasten. Zart, fast andächtig, glitten seine Fingerkuppen über die wenig einladende Oberfläche der Pflanze, bis er die weichen winzigen Höcker spürte. Er ging mit den Augen näher heran: Dort befanden sich tatsächlich zwischen den zerbrechlichen Stacheln auf verschwommenem Grüngrau die weißen Schmarotzer.

Als er die schwere Tür des Lagerraums schloss und den um seinen Hals hängenden Lederbeutel mit den „Samen“ spürte, lächelte er erleichtert.

Begleitet von dem unverwechselbaren Geruch, eilte er durch die nächtlichen Gänge des Schiffes zurück. Seine Schritte wollten hallen, doch das Echo blieb aus; die schattigen Wände bemächtigten sich seiner und machten daraus einen langsam vergehenden Ton. Quintero begab sich wieder an Deck. Es trieb ihn der Wunsch, die Nacht auszuloten. Lässig lehnte er an der Reling; die nächtliche Kühle versetzte ihm Nadelstiche ins Gesicht und brannte auf der Hand, genau da, wo ein Finger beim Zählen fehlte.

Das vor der Hafenmole der Insel liegende Schiff hob sich scharf von der Monotonie des unbewegten Horizonts ab. Quintero hatte den Lastwagen herangefahren und bemühte sich, ohne seine Ungeduld zu verbergen, den Hafenarbeitern, welche die Säcke vom Schiff auf das Fahrzeug beförderten, präzise Anweisungen zu geben. Nach Abschluss der Verladearbeiten überprüfte Quintero die alte Verschlussklappe und fuhr ohne Verzug los. Während hinter ihm das grünliche Meer aus seinem Blickfeld verschwand und die gerade Hafenmauer zum Punkt wurde, drängte sich immer wieder die von den Rädern aufgewirbelte Staubwolke durch die Ritzen der Fenster in die Kabine. Und trotzdem erschien ihm diese Staubflut, die sich in Augen und Zähnen festsetzte, wie ein feiner Regen auf einer ausgedorrten Pflanze.

– So viele Jahre musste ich warten.

Schnaubend und ruckend nahm der Lastwagen die Biegungen der Straße, wobei er ab und zu anderen Fahrzeugen, einem Wanderer oder streunendem Vieh begegnete. Fast ständig begleitete ihn die Silhouette von Bäumen, die in ihrem pflanzlichen Trieb und himmelwärts gerichtetem Streben gekappt worden waren; in ihrem aufrechten Wuchs täuschten sie Säulen mit mehreren Armen vor. In dem Maße wie sich die Fahrbahn verengte, änderte sich das unregelmäßige Bild am Wegesrand: An die Stelle der Bäume traten steil aufragende Felsen, der Boden bestand nur noch aus Basaltgeröll und Steinen; zuweilen wuchsen struppiger Majoran oder spärliche Säuleneuphorbien und Tabaiben.

Quintero, ans Lenkrad geklammert, das fast mit seinen Händen verschmolz, umfuhr geschickt mit einer kaum merklichen Drehung der Arme die holperigen Schlaglöcher, die das Rattern unterbrechen wollten. Als das Abendlicht der einbrechenden Nacht wich, betätigte er, einem plötzlichen Entschluss folgend, das Bremspedal und zog gleichzeitig die Handbremse. Wie unter krampfartigem Schluckauf verstummte das Holpern des Motors. In der Stille der frühen Dunkelheit verstärkte sich das Quietschen der Fahrertür, die mit einem trockenen Schlag ins Schloss fiel, und auch Quinteros Schritte waren mit aller Deutlichkeit zu hören; sie knirschten im neben dem Laster aufgetürmtem Sand. Er öffnete den Hosenschlitz und ließ genüsslich dem üppigen Strahl seinen Lauf; lange urinierte er über einem Windenstrauch, worauf ihm eine Duftwolke aus Ammoniak und Rhododendron entgegenschlug. Dann kehrte er zum Lader zurück.

Hastig entriegelte er die Ladeklappe, um einen der Säcke herauszuziehen. Dabei erfüllte ihn die Genugtuung eines Menschen, der endlich geheime Rache nehmen kann.

– Dafür bin ich zurückgekommen. Nichts wird mich hindern.

Der Sack war voll von Feigenkakteen. Quintero bemerkte die Bruchstellen einiger Stacheln und richtete gleichzeitig beschädigte Blattglieder wieder auf, die beim Ent- und Beladen beinahe abgebrochen wären. In Gedanken versunken betrachtete er sie eine ganze Weile. Da hatte er sie wahrhaftig vor sich, unverwechselbar in ihrem Graugrün. Und es gab noch mehr...

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