Die falsche und die wahre Freiheit

Wofür es sich jetzt zu kämpfen lohnt
 
 
Hoffmann und Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Juli 2017
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-00025-2 (ISBN)
 
Je besser wir verstehen, wie die Welt uns verändert, desto besser können wir die Welt verändern.

Freie Märkte, freie Wahlen, freie Meinungsäußerung, der freie Wille - Freiheit assoziieren wir mit Zivilisation, sie soll ein Leitfaden sein für unsere Gesellschaft. Dennoch wird der Begriff im Zweifel immer wieder in sein Gegenteil verkehrt: zunehmende Ungleichheit, die Aushöhlung der Demokratie, eine irrationale Strafjustiz oder eine entmenschlichende Außenpolitik sind Beispiele dafür. Raoul Martinez fordert uns dazu auf, den Grenzen unserer Freiheit ins Auge zu sehen, um uns ultimativ in die Lage zu versetzen, sie zu überwinden. Seine Recherchen in so unterschiedlichen Bereichen wie Neurowissenschaft, Kriminologie, Psychologie, Politik, Klimawissenschaft, Wirtschaft und Philosophie bilden die Basis für dieses Manifest, dessen Ziel darin besteht, ein besseres Verständnis der Zusammenhänge und Abhängigkeiten in unserer Welt zu entwickeln und uns damit das Rüstzeug in die Hand zu geben, sie zu verändern.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 1,52 MB
978-3-455-00025-2 (9783455000252)
3455000258 (3455000258)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Raoul Martinez ist Schriftsteller, Maler und preisgekrönter Filmproduzent. Freedom ist sein erstes Buch. Es entstand nach über zehn Jahren Forschungsarbeit. Der erste Teil seiner gleichnamigen Dokumentationsreihe The Lottery of Birth (2012) wurde als Beste Dokumentation für das London Raindance Film Festival nominiert und gewann 2012 den Artivist Spirit Award beim Artivist Festival in Hollywood. Seine Kunst wurde u.a. in der National Portrait Gallery in London ausgestellt. Raoul Martinez lebt und arbeitet in London.

2 Strafe


Die Vorstellung, dass Übeltäter Leiden verdienten, ist in unserer Kultur tief verankert. Über Jahrhunderte drückte sie sich in der Lehre vom »Auge um Auge«? aus. In der Praxis verlangten die religiösen Traditionen weitaus mehr als die fadenscheinige Gleichbehandlung, die sich aus diesem Prinzip zu ergeben schien. Oft wurde die Bibel so gedeutet, als schreibe sie für Sünden wie Ehebruch, Sodomie, Gotteslästerung, Bruch des Sabbatgebots, Verehrung anderer Götter oder ein Verfluchen der eigenen Eltern die Todesstrafe? vor. Der Koran befürwortet die Hinrichtung unter anderem für das »Verderbenstiften auf Erden«, wozu je nach Auslegung Verrat, Abfall vom Glauben, Ehebruch und homosexuelle Handlungen zählen. Der Glaube an ein göttliches System der Vergeltung und Strafe, dem zufolge Sünder, die keine Reue zeigen, ewige Qualen in der Hölle verdienten, ist für weite Teile der Menschheit nach wie vor ein zentrales Dogma.

In Anlehnung an die Glaubenslehre behaupteten Philosophen, Richter und politische Führer über Jahrtausende hinweg, dass der wichtigste Sinn von Strafe Vergeltung sei, die im Leiden des Täters Erfüllung finde.[1] Diese Anschauung ist noch weit verbreitet. Meinungsumfragen zur Todesstrafe sprechen eine deutliche Sprache. Eine Erhebung von YouGov im Jahr 2014 ergab, dass eine Mehrheit der Bürger Großbritanniens die Wiedereinführung der Todesstrafe befürwortet. Schon eine Umfrage 2010 hatte gezeigt, dass 74 Prozent die Todesstrafe »unter bestimmten Umständen« unterstützen würden, wenn auch nicht für alle Morde.[2] In den USA liegt die Zustimmung zur Todesstrafe? bei rund 61 Prozent.[3]

Die kulturelle Hinwendung zum Vergeltungsprinzip mag in der menschlichen Natur wurzeln. Hirnscans von Probanden, die man in einem Experiment aufforderte, einen vermeintlichen Betrüger oder Ausbeuter zu bestrafen, wiesen eine gesteigerte Aktivität in den »Lustzentren« auf.[4] Es gibt sogar Hinweise darauf, dass schon acht Monate alte Säuglinge ein Bedürfnis haben, Fehlverhalten zu vergelten?.[5] Evolutionspsychologen vertreten den Standpunkt, dass sich Bestrafung als ein Mittel herausgebildet hat, um in der Gruppe wechselseitig vorteilhafte Formen von Kooperation aufrechtzuerhalten. Unter Berufung auf die Theorie des reziproken Altruismus behaupten sie, die Bestrafung von »Schummlern«, die Vorteile einheimsen, ohne sich an Kosten zu beteiligen, wirke als starker Anreiz für kooperatives Sozialverhalten?.

Unabhängig von den Gründen, aus denen sich im Verlauf der Evolution ein Trieb zur Bestrafung herausgebildet hat, sei daran erinnert, dass die natürliche Selektion ein Prozess ohne Moral ist. Die Natur ist, wie Tennyson es einmal formulierte, »rot an Zähnen und Klauen«. Insofern sie eine evolutionäre Grundlage haben, sind aufrichtige Empörung und Rachegelüste Teil unseres menschlichen Wesens, weil sie die Überlebenschancen unserer Vorfahren lange genug erhöhten, um den sie steuernden Genen den Weg in die nachfolgenden Generationen zu ermöglichen. Robert Wright?, Autor von Diesseits von Gut und Böse, einem Buch über die entwicklungsgeschichtlichen Ursprünge unserer moralischen Instinkte?, bemerkt dazu, vielleicht sei »der unmittelbar einleuchtende Gedanke, dass Dinge verdientermaßen geschähen, der Kern des menschlichen Gerechtigkeitssinns, [.] die Heftigkeit unserer moralischen Empörung, die innigste Gewissheit, dass [.] der Schuldige Strafe verdiene, [nichts anderes als] ein Nebenprodukt der Evolution, eine einfache genetische Kriegslist?«.[6]

Unseren Instinkten mit einem gewissen Maß an Skepsis zu begegnen, sie im Licht anderer Anschauungen, Überzeugungen und Werte zu hinterfragen, zu analysieren und zu bewerten, ist für den gesellschaftlichen Fortschritt und die Selbsterkenntnis von wesentlicher Bedeutung. Moralische Entrüstung? kann zu einer gefährlichen Regung werden. Das Gefühl, dass wir das Recht hätten, einen vermeintlichen Übeltäter leiden zu lassen, hat in der Menschheitsgeschichte besonders unmenschliche Praktiken hervorgebracht, von Steinigung und Pfählung über Verbrennen auf dem Scheiterhaufen bis zu Ausweiden oder Enthaupten. Auch prägte es unser Strafrechtssystem? so, dass es mit den stumpfsinnigen Eingebungen von verdienter Strafe, Vergeltung?, Schuld und Verantwortung in Einklang steht.

Die am höchsten entwickelten Rechtssysteme?? der Welt basieren auf dem Gedanken, dass die meisten Menschen die meiste Zeit eine Freiheit besitzen, dank derer sie für ihre Handlungen letztlich verantwortlich seien. Laut dem Obersten Gerichtshof der USA ist der »Glaube an die Freiheit des menschlichen Willens« ein »universeller und dauerhafter« Grundbestandteil des Rechts. »Eine deterministische Sicht? des menschlichen Verhaltens« sei »mit den grundlegenden Prinzipien unseres Strafrechtssystems? unvereinbar«.[7] Ein ausdrückliches Bekenntnis? zur »Willensfreiheit« findet sich in etlichen Urteilsbegründungen dieses Gerichtshofes und in den Arbeiten zahlreicher Rechtswissenschaftler.[8] Es gehört zu den Fundamenten eines Strafrechtssystems, die inzwischen unter der Last wissenschaftlicher Erkenntnisse zerbröckeln.

Unter diesem Druck haben einige Rechtstheoretiker eine Rückzugsposition abgesteckt. In den Augen des Gesetzes sind wir praktisch denkende Menschen: In bewusster Überlegung wählen wir unser Tun, um unsere Ziele zu erreichen. Laut dem Rechtswissenschaftler Stephen J. Morse? und vielen anderen, die seinen Standpunkt teilen, müssen wir gar nicht ergründen, ob Menschen eine ausreichende »Willensfreiheit« besitzen, um sie für ihre Handlungen verantwortlich zu machen. Die Feststellung ausreichender Rationalität? genüge. »Rationalität«, schreibt er, »ist der Prüfstein für Verantwortlichkeit.«[9] Entscheidend sei, ob ein Verbrechen klare bewusste Absichten widerspiegle (deren tiefere Ursachen er anscheinend als irrelevant betrachtet). Morse erkennt an, dass der freie Wille eine Illusion und dass menschliches Verhalten determiniert sein könnte, weist aber den Gedanken zurück, dass sich dies irgendwie auf die Verantwortlichkeit auswirke: Solange die rationalen Fähigkeiten einer Person »unbeeinträchtigt erscheinen«, könne sie »verantwortlich gemacht werden, was auch immer die Neurowissenschaft aufzeigt«. In der Praxis müssten Gerichte nur voraussetzen, dass mit wenigen Ausnahmen »Erwachsene zu einer minimalen Rationalität und Verantwortung fähig sind und dass für alle dieselben Regeln gelten können?«.[10]

Diese Sicht zur Frage der Verantwortung wirft ein Licht auf viele in heutigen Gerichtssälen? eingesetzte Verfahrensweisen, ist aber von Grund auf konfus. Sie räumt ein, dass unser Verhalten letztlich ein Ergebnis von Einflüssen jenseits unserer Kontrollmöglichkeiten ist, beharrt aber darauf, dass wir für sie dennoch verantwortlich? gemacht werden können.[11] Ihre Verfechter wollen offenbar auf zwei Hochzeiten tanzen. Wie wir gesehen haben, sorgen rationales Denken und andere Fähigkeiten zwar dafür, dass wir Ziele leichter erreichen und die Konsequenzen unserer Handlungen besser verstehen, doch sie machen uns nicht für unsere Ziele verantwortlich. Ich führe nochmals den Psychopathen ins Feld, der zahlreiche aus moralischer Sicht entsetzliche Entscheidungen treffen mag, aber gewiss nicht die, das Gehirn eines Psychopathen zu besitzen. Die Konsequenzen der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse liegen auf der Hand: Das Verhalten ist untrennbar mit biologischen Abläufen verknüpft, die wir uns nicht aussuchen können. In manchen Fällen wird diese Einsicht von Gerichten bereits akzeptiert, wie die länger werdende Liste der »Syndrome« und »Störungen« zeigt, die zur Verteidigung von Straftätern vorgebracht werden. Allerdings bleibt dies die Ausnahme. Angesichts der in der Welt herrschenden gewaltigen Variationsvielfalt des genetischen Potenzials, der Lebenserfahrungen und der sozialen Chancen ist die Vorstellung, dass mit wenigen Ausnahmen »dieselben Regeln für alle gelten sollen«, schlicht ein Rezept für Ungerechtigkeit und kein Ansatz, sie zu überwinden.

Als Gesellschaft können wir uns auf jede von uns gewünschte Definition von Verantwortung einigen, in Begriffen von Rationalität, Jahreseinkommen, Bildungsstand oder auch Körpergröße, wenn wir es so wollen. Aber Definitionen verändern nichts an...

»Ein großartiges, scharfsinniges, weitsichtiges Buch voll menschlicher Wärme und - am wichtigsten - Hoffnung! Mein Buch des Jahres.«
 
»Martinez spricht für eine ganze Generation, die ein tiefgreifendes Ungleichgewicht zwischen ihrer Sehnsucht nach Freiheit und Kreativität und der von einer marktgetriebenen Gesellschaft verlangten Konformität plagt.«
 
»Ein Aha-Erlebnis für Leute, die der Illusion aufsitzen, sie lebten in einer Demokratie.«
 
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»Dieses Buch erinnert daran, dass man sich Freiheit erarbeiten muss. Es gilt, sich dieser Herausforderung zu stellen.«
 
»Disziplinübergreifend denken und arbeiten, das ist das Programm des Buches freedom. Sein Ziel: Freiheit zurückerobern. Wert, zu lesen.

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