Die verdrängte Zeit

Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur im Osten
 
 
Tropen (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. August 2020
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-608-12012-7 (ISBN)
 
Die Wiederentdeckung des ostdeutschen Avantgarde
Weshalb ist die Erinnerung an die Kultur des Ostens stets zwischen politisierender Analyse oder apolitischer Ostalgie gefangen? Marko Martin entdeckt die ostdeutsche Avantgarde neu und zeigt, was sie uns heute noch alles sagen kann.

Die Beschäftigung mit der DDR-Vergangenheit scheint rettungslos zwischen Floskeln eingeklemmt. Weshalb finden sich die, die 89/90 den Umbruch mitgestaltet haben, mit ihren Jugendlektüren, intellektuellen Prägungen oder Musikvorlieben heute beinahe in einer Art bezugsloser terra incognita, während doch gleichzeitig westliche 68er-Erlebnisse längst ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind? Dieses Buch hat nicht den Anspruch einer letztgültigen Alternativ-Geschichte der DDR, es versucht, einen neuen, unideologischen Blick zu eröffnen. Wie etwa sah im eingemauerten Land eine Literatur oder Filmkunst aus, die weder politisch-oppositionell noch staatstragend war, sondern sich ihre Freiheitsräume gewitzt eroberte? Welche Rolle hatten Jazz und Punk? »Die verdrängte Zeit« ist eine provokativgutgelaunte Erinnerung an weltgewandte Kulturleistungen, die nicht nur gut gemeint, sondern auch gut gemacht waren - und die nicht wegen, sondern trotz des Regimes entstanden sind.
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Marko Martin lebt, sofern nicht auf Reisen, als Schriftsteller in Berlin. In der Anderen Bibliothek erschienen seine Bücher Schlafende Hunde und Die Nacht von San Salvador. Seine jüngsten Veröffentlichungen sind: Tel Aviv - Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt. Mit Das Haus in Habana. Ein Rapport stand er auf der Shortlist der Sachbuchpreises der Leipziger Buchmesse.

Da wäre etwas aufzufinden


Ostberlin, August 1990, ein Haus an der Friedrichstraße.


»Sind Sie bald fertig?« Die Frage der Sekretärin klang unwirsch, von Müdigkeit grundiert. Was machte dieser junge Typ vor den alten Bücherkisten im Korridor? Kniete da mit seinen West-Jeans, den West-Turnschuhen auf dem zerkratzten Linoleumboden im neonhellen Licht des fensterlosen Raums und nahm ein Buch nach dem anderen in die Hände, lächelte oder schüttelte den Kopf, stopfte sich einiges in den Rucksack, legte den Rest zurück, tauschte manchmal sogar um.

»Die sind längst ausgesondert«, sagte die Frau, die hier in den weiträumigen, doch merkwürdig leeren Zimmerfluchten des Schriftstellerverbandes der DDR nervös umherging. Vermutlich ahnte sie bereits, dass ihr Arbeitsplatz das angekündigte Verschwinden des Staates - anzunehmen, dass sie unter Kollegen eher »meines Landes« gesagt hätte - nicht lange überleben würde. Denn was sollte die weitere Existenzgrundlage eines Verbandes sein, der jenes Staatskürzel derart selbstverständlich im Namen führte? Ganz zu schweigen von der zu erwartenden neuen Miete und den Gerüchten über West-Investoren, die gewiss auch dieses Haus übernehmen und die Friedrichstraße zwischen Admiralspalast und dem ehemaligen Grenzübergang am Checkpoint Charlie nahezu vollständig verwandeln würden.

»Verschandeln«, hätte sie höchstwahrscheinlich gesagt, entweder mit trotzig-lauter Stimme oder auch schon wieder sehr leiste, denn man-konnte-ja-nie-wissen. Schon warb unten neben der Eingangstür eine lebensgroße blonde Pappfigur für TUI-Reisen.

Ausgesondert. Aber wer hatte das getan - nicht nur hier in den Räumen des Schriftstellerverbandes, sondern auch in den Bibliotheken des Landes und in den Buchhandlungen, aus denen über Nacht die »Ostbücher« verschwunden waren? Parallel dazu waren aus den Kinos plötzlich die DDR-Filme entfernt und aus den Schallplattenläden der »Ostrock« - als hätte es das alles nie gegeben. Wer steckte dahinter - die Marktwirtschaft, der Westen? Eine Flurbereinigung, um sich unerwünschter Konkurrenten zu entledigen und ganze Verlagsproduktionen von Lagerhallen auf Büchermüllkippen zu befördern? Oder nicht eher die abrupte Entscheidung etwa von Buchhandlungen, die um die Unverkäuflichkeit der »alten« Sachen wussten und - in womöglich ignoranter Eilfertigkeit - glaubten, den Wünschen ihrer Kunden zum ersten Mal wirklich nachzukommen? Vielleicht geschah vieles auch auf Druck der neuen Eigentümer. In den kommenden Monaten würde zwar die Existenz solcher »Bücherfriedhöfe« in den Medien erwähnt werden, doch höchstens kursorisch und bald wieder von anderen Nachrichten überlagert. Das Gefühl, dass hier Kultur entsorgt wurde und das Lebenswerk ihrer Schöpfer entwertet, aber blieb - vielleicht sogar bis heute.

Dass es schließlich ein niedersächsischer Pastor namens Martin Weskott war, der nicht nur den Skandal in eine breitere Öffentlichkeit trug, sondern in klug koordinierten Rettungsaktionen mehr als 80 000 Bücher vor dem Schreddern rettete, passt dabei jedoch nicht ins Bild - und tut es auf gewisse Weise dann eben doch. Der »Bücherpastor« Weskott erhielt 1993 für seine erfolgreichen Bemühungen das Bundesverdienstkreuz und engagiert sich in seiner Kirchgemeinde Katlenburg bis heute für die Aktion »Weitergeben statt wegwerfen«, in der nun Bücher in ganz Deutschland gesammelt und vor dem Verschwinden bewahrt werden. Der »gute Westdeutsche« also, der zumindest partiell das auszubügeln versucht, was seine Landsleute vor dreißig Jahren angerichtet haben? Das Narrativ klingt verführerisch plausibel, kann sich dabei auf unzählige Detail-Tatsachen stützen und wird deshalb noch heute von selbsternannten Ost-Experten erfolgreich bewirtschaftet. Wirkliche Neugier aber bleibt dabei größtenteils auf der Strecke, das Pauschalisieren ebnet jedwede Nuancen ein. Bücher sind nicht gleich Bücher, und sie zu fetischisieren, trägt ebenfalls zu ihrer Entwertung bei. Denn nicht die Nachfrage, sondern eine ideologisch grundierte Planwirtschaft hatte damals in der DDR über Veröffentlichung (»Druckerlaubnis«) und Auflagenzahl entschieden. Wer vor dem Mauerfall - ob nun als Westbesucher oder DDR-Kunde - durch die dortigen üppig ausgestatteten Buchläden gestreift war, wird sich, wenn er ehrlich ist, mit Grausen an die schier endlosen Regalmeter jener parteifrommen Werke erinnern, mit denen man Studenten des Marxismus-Leninismus oder der sogenannten politischen Ökonomie traktiert hatte, die in Schulen oder bei Lehrgängen in ermüdender Ausführlichkeit durchgenommen worden waren.

Der eigentliche Skandal liegt wohl eher daran, dass die Verfertigungen, die in ihrem Herrschaftslob schon immer intellektuelle Makulatur waren, nun zusammen mit all jenen anderen Büchern auf Halde gekippt wurden, die vielleicht nicht »oppositionell« waren, aber doch unschätzbar wichtig für das kulturelle Gedächtnis. Kinder- und Jugendbücher, kluge, der Zensur abgerungene Alltagsromane, subtil-subversive Gedichtbände und Reiseberichte, ganz zu schweigen von all den skrupulös edierten Klassikerausgaben der deutschen und auswärtigen Literatur, mit denen sich vor 1989/90 auch Bundesdeutsche nicht zu knapp eingedeckt hatten, die mit ihrem zwangsumgetauschten DDR-Geld plötzlich Bücher und Eterna-Klassik-Schallplatten in den Händen hielten, die im Westen das Doppelte gekostet hätten. Daheim konnten sie - ganz die cleveren Kapitalismus-Kritiker - dann davon schwärmen, wie billig sie zu den qualitativ hochwertigen DDR-Sachen gekommen waren, dort drüben.

Erst Jahre später würde es in Leipzig, initiiert vom ehemaligen Verleger des legendären Aufbau-Verlages, eine DDR-Bibliothek mit wiederaufgelegten, im Westen größtenteils unbekannten und im Osten inzwischen halb vergessenen Titeln geben. Doch so wichtig das Unterfangen trotz eher geringer Breitenwirkung auch war - auch hier wurden oftmals Erklärungen, Schuldzuweisungen und DDR-nostalgische Selbstexkulpierungen auf eine Weise miteinander vermischt, die das potenziell Wertvollste überlagerten: ein Ambivalenzbewusstsein, das sich jenseits von totaler Amnesie und selektivem Erinnern hätte vergegenwärtigen können, was der Osten eben auch war. Dass die faszinierendsten seiner Kulturleistungen nicht wegen des Parteiregimes oder dagegen, sondern trotz dessen strangulierender Wirkung zustande gekommen waren - als Bücher, Filme, Songs, Gemälde oder Fotografien.

Viele davon sind heute zu Unrecht vergessen oder waren bereits in der DDR verboten und hatten deshalb nie eine Chance, Teil des kollektiven Gedächtnisses zu werden: DEFA-Filme, die man verstümmelt hatte, ehe sie im Giftschrank landeten, verbotene Lieder, zensierte Bücher, deren Autoren ins Gefängnis kamen oder zum Verlassen des Landes gedrängt wurden. Bilder, die zerstört worden waren oder in Depots verrotteten; ausgesondert: eine vierzig Jahre währende staatliche Amputation nach Plan, die noch heute sprachlos macht.

Was also gäbe es hier alles wiederzuentdecken - nicht als sinnloser Akt irgendeiner moralischen Wiedergutmachung, sondern mit einer Entdeckerfreude, die das Ästhetische nicht ausspielt gegen Politisches und sich bewusst ist, dass die Bilder eines Landes eigentlich immer nur Fragmente sein können. Dafür braucht es weder eine »Gegen-Geschichte« noch einen »alternativen Kanon« und schon gar nicht den Wahn, Vollständigkeit zu liefern oder mittels Kunstwerken irgendeine These zu beglaubigen. Neugier genügt vollauf.

Derlei Neugier müsste jedoch auch ein Bewusstsein ihrer selbst besitzen: Da sie ja keineswegs voraussetzungslos ist, sondern vorgeprägt durch persönliche Erfahrung, ästhetische Präferenzen, womöglich auch durch manche Ideosynkrasie. Lächerlich wäre die Idee eines nachgetragenen Rankings, und doch werden beim Wiederentdecken so manche Fragen unabweisbar. Könnte es zum Beispiel sein, dass in den leisen Gedichten einer Inge Müller Entscheidenderes über die Fragilität eines Wesens namens Mensch zu finden ist als in den metallisch tönenden Groß-Stücken ihres Gatten Heiner? Könnte ein Wieder- oder auch erstmaliges Lesen von Helga M. Novak, Brigitte Reimann oder Christa Moog eventuell den Sinn für eine weibliche Widerständigkeit schärfen, die eben nicht unbedingt automatisch den Namen Christa Wolf tragen muss? Ließe sich nicht in den Romanen eines...

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