Zwischen zwei Leben - The Mountain Between Us

 
 
Ullstein Taschenbuchvlg. (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Dezember 2017
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1665-9 (ISBN)
 
Eine Katastrophe, die zwei Menschen für immer verbindet: Als Bens und Ashleys Flugzeug abstürzt, kämpfen sie in der Wildnis ums Überleben. Ashley war auf dem Weg zu ihrer Hochzeit, Bens Beziehung ist am Ende. Während die Aussicht auf Rettung schwindet, erzählt Ben seine Geschichte. Und Ashley fühlt sich immer mehr zu ihm hingezogen - doch auf seinem Leben lastet ein schreckliches Geheimnis.
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 2,07 MB
978-3-8437-1665-9 (9783843716659)
384371665X (384371665X)
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Charles Martin studierte Journalismus und Kommunikationswissenschaft. Vor einigen Jahren kündigte er seine Stellung und widmet sich seither ganz dem Schreiben. Charles Martin lebt mit seiner Frau und drei Söhnen in Jacksonville, Florida.

1

FLUGHAFEN SALT LAKE CITY
ZWÖLF STUNDEN ZUVOR

Die Aussichten waren trüb. Grauer, trister Januar. Auf dem Fernsehschirm hinter mir sagte ein Mann, der in einem Studio in New York saß, etwas von »Flugbetrieb eingestellt«. Ich lehnte die Stirn an die Scheibe. Auf dem Rollfeld lenkten Männer in gelben Schutzanzügen Gepäckzüge in Schlangenlinien um Flugzeuge herum und ließen Wolken von Auspuffgasen zurück, in denen Schneeflocken wirbelten. Neben mir saß ein müder Pilot auf seinem verwitterten Lederkoffer, die Mütze in der Hand - und hoffte auf die letzte Gelegenheit, nach Hause zu kommen und die Nacht im eigenen Bett zu verbringen.

Im Westen verhüllten Wolken die Startbahn; die Sicht war nahe null, aber das änderte sich durch den Wind ständig. Hoffnungsfenster. Der Flughafen von Salt Lake City ist von Bergen umgeben. Im Osten ragten schneebedeckte Berge über die Wolken. Berge hatten mich schon lange gereizt. Einen Moment lang fragte ich mich, was wohl hinter ihnen liegen mochte.

Mein Abflug war planmäßig für 18:07 Uhr angesetzt gewesen, aber angesichts der Verspätungen sah es allmählich so aus, als ob es ein Nachtflug werden sollte. Wenn überhaupt. Verärgert über die blinkende »Delayed«-Anzeige, ging ich in eine Ecke und setzte mich auf den Boden. Ich breitete Patientenakten auf meinem Schoß aus und begann, meine Berichte, Diagnosen und Verordnungen in ein digitales Diktiergerät zu sprechen. Patienten, die ich in der Woche vor meiner Abreise untersucht hatte. Ich behandelte zwar auch Erwachsene, aber die meisten Akten auf meinem Schoß betrafen Kinder. Vor Jahren hatte meine Frau Rachel mich überzeugt, mich auf Sportmedizin für Kinder zu spezialisieren. Sie hatte recht gehabt. Ich hasste es, sie hereinhumpeln zu sehen, liebte es aber, wenn sie wieder hinausliefen.

Da ich noch einiges an Arbeit zu erledigen hatte und das Batteriezeichen an meinem Diktiergerät rot blinkte, ging ich in den Terminalshop und stellte fest, dass es dort zwei AA-Batterien für vier Dollar gab oder zwölf für sieben Dollar. Ich gab der Kassiererin sieben Dollar, wechselte die Batterien in dem Aufnahmegerät und packte die restlichen zehn in meinen Rucksack.

Ich war auf der Heimreise von einer Fachtagung in Colorado Springs. Man hatte mich gebeten, an einer Podiumsdiskussion über »Die Schnittstellen von Kinderorthopädie und Notfallmedizin« teilzunehmen. Wir sprachen über Verfahrensweisen in der Notaufnahme und den speziellen Umgang mit verängstigten Kindern. Der Tagungsort war reizvoll, die Veranstaltung deckte gleich mehrere der vorgeschriebenen Fortbildungsveranstaltungen ab und bot mir vor allem einen Vorwand, vier Tage in den Collegiate Peaks bei Buena Vista in Colorado Bergtouren zu unternehmen. Es war eine Geschäftsreise, die eigentlich meine Bergsteigesucht befriedigte. Viele Ärzte kaufen sich einen Porsche, ein riesiges Haus und die Mitgliedschaft in einem Country Club, von der sie selten Gebrauch machen. Ich laufe Langstrecken am Strand und gehe auf Bergtour, wann immer es geht.

Eine Woche war ich nun fort gewesen.

Meine Rückreise führte von Colorado Springs nach Salt Lake City, wo ich Anschluss an einen Direktflug nach Hause haben sollte. Flugreisen setzen mich immer wieder in Erstaunen: nach Westen zu fliegen, um nach Osten zu kommen!

Die Menge im Flughafen hatte sich gelichtet. An einem Samstag um diese Zeit waren die meisten zu Hause. Wer noch am Flughafen war, wartete entweder am Gate oder an der Bar bei einem Bier, einer Schüssel Nachos oder scharfen Chicken Wings.

Ihr Gang erregte meine Aufmerksamkeit. Lange, schlanke Beine; zielstrebiger Schritt, aber anmutig und rhythmisch. Sie fühlte sich wohl in ihrer Haut, wirkte selbstbewusst. Sie war vielleicht 1,75m oder 1,77m groß, dunkelhaarig und attraktiv, sah aber nicht eingebildet aus. Vielleicht dreißig. Kurze Haare. Typ Winona Ryder in Durchgeknallt. Oder Julia Ormond in Harrison Fords Remake von Sabrina. Nicht übertrieben aufgedonnert, aber in Manhattan fand man diesen Stil allenthalben bei Frauen, die eine Menge Geld ausgaben, um so auszusehen. Ich vermutete, dass sie sehr wenig dafür bezahlt hatte. Aber vielleicht hatte sie auch sehr viel dafür ausgegeben, damit es so aussah, als hätte sie wenig bezahlt.

Sie kam näher, ließ den Blick über die Menge im Terminal schweifen und suchte sich einen Platz drei, vier Meter von mir entfernt. Ich musterte sie aus den Augenwinkeln. Dunkler Hosenanzug, Aktenkoffer aus Leder und eine Reisetasche. Anscheinend war sie auf dem Heimflug von einer zweitägigen Geschäftsreise. Sie stellte ihr Gepäck ab, zog sich Nike-Turnschuhe an, warf einen Blick durch das Terminal, setzte sich auf den Boden und machte Stretching-Übungen. Da sie nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit Brust und Bauch ihre Oberschenkel und den Boden zwischen ihren Beinen berühren konnte, nahm ich an, dass sie das schon mal gemacht hatte. Ihre Beine waren muskulös wie die einer Aerobic-Trainerin. Nach ein paar Minuten Stretching holte sie einige gelbe Schnellhefter aus ihrem Aktenkoffer, blätterte handgeschriebene Notizen durch und fing an, auf ihrem Laptop zu tippen. Ihre Finger waren schnell wie Kolibris.

Nach einer Weile piepte ihr Computer. Stirnrunzelnd schob sie ihren Stift zwischen die Zähne und schaute sich suchend nach einer Steckdose in der Wand um. Eine Hälfte der Doppelsteckdose benutzte ich. Sie hielt das freie Ende ihres Netzkabels hoch.

»Darf ich die mitbenutzen?«

»Sicher.«

Sie schob den Stecker in die Dose und saß mit gekreuzten Beinen auf dem Boden, den Computer auf dem Schoß und ihre Akten um sich ausgebreitet. Ich machte mit meinen Akten weiter.

»Orthopädische Nachuntersuchung vom .« Ich schaute auf meinem Kalender das Datum nach, »23. Januar. Hier spricht Dr. Ben Payne. Name der Patientin: Rebecca Peterson, Kenndaten folgen. Geburtsdatum: 6.7.95, Aktenzeichen BMC2453, weiß, weiblich, Star in ihrem Fußballteam, rechter Stürmer, Torschützenkönigin in Florida, von Mannschaften im ganzen Land umworben, zuletzt hatte sie vierzehn Erstliga-Angebote; OP vor drei Wochen, Post-OP normal ohne Komplikationen, anschließend intensive Physiotherapie; zeigt volle Beweglichkeit, Beugetest 127 Grad, Krafttest zeigt deutliche Verbesserung, Beweglichkeit ebenfalls. Sie ist so gut wie neu oder sogar besser, wie sie selbst sagt. Nach Rebeccas Angaben ist sie bei Bewegung schmerzfrei, sie kann alle Aktivitäten wieder aufnehmen . bis aufs Skateboardfahren. Sie soll die Finger von Skateboards lassen, bis sie mindestens fünfunddreißig ist.«

Ich wandte mich der nächsten Akte zu. »Orthopädische Erstuntersuchung vom 23. Januar. Hier spricht Dr. Ben Payne.«

Ich sage jedes Mal das Gleiche, weil in der elektronischen Welt, in der wir leben, jede Aufnahme für sich steht und identifizierbar sein muss, falls etwas verloren geht.

»Name des Patienten: Rasheed Smith, Kenndaten folgen. Geburtsdatum: 19.2.79, Aktenzeichen BMC17437, schwarz, männlich, hat als Verteidiger bei den Jacksonville Jaguars angefangen und ist einer der schnellsten Menschen, denen ich je begegnet bin. MRT bestätigt keinen Kreuz- oder Innenbandriss, empfehle intensive Physiotherapie. Außerdem soll er sich vom YMCA-Basketballfeld fernhalten, bis er seine Profikarriere im Football aufgibt. Beweglichkeit durch Schmerzen eingeschränkt, aber das müsste bei Therapie während der Saisonpause nachlassen. Mit nachlassenden Schmerzen kann eingeschränktes Kraft- und Lauftraining aufgenommen werden. Machen Sie einen Termin zur Nachuntersuchung in zwei Wochen und rufen Sie den YMCA an, damit sie seine Mitgliedschaft kündigen.«

Ich schob die Akten wieder in meinen Rucksack und bemerkte, dass sie lachte.

»Sind Sie Arzt?«

»Chirurg.« Ich hielt die Schnellhefter hoch. »Patienten der vergangenen Woche.«

»Sie lernen Ihre Patienten wohl sehr gut kennen, was?« Sie zuckte die Achseln. »Entschuldigung, ich konnte nicht umhin, mitzuhören.«

Ich nickte. »Das hat meine Frau mir beigebracht.«

»Was?«

»Dass Menschen mehr sind als die Summe aus Blutdruck und Puls, geteilt durch den Body-Mass-Index.«

Wieder lachte sie. »Sie sind ein Arzt nach meinem Geschmack.«

Ich deutete mit dem Kopf auf ihre Akten. »Und Sie?«

»Kolumnistin.« Sie wedelte mit der Hand über die Papiere auf ihrem Schoß. »Ich schreibe für verschiedene Frauenzeitschriften.«

»Über welche Themen?«

»Mode, Trends, viel Humor oder Satire, ein bisschen über Beziehungen, aber ich bin keine Tratschtante und schreibe keine Klatschgeschichten.«

»Ich könnte nicht mal beschreiben, wie man aus einer nassen Papiertüte herauskommt. Wie viele Kolumnen machen Sie im Jahr?«

Sie wiegte den Kopf. »Vierzig, vielleicht fünfzig.« Mit einem Seitenblick auf mein Diktiergerät sagte sie: »Die meisten Ärzte, die ich kenne, hassen diese Dinger.«

Ich drehte das Gerät in meiner Hand. »Ich habe es fast immer dabei.«

»Wie einen Klotz am Bein?«

Ich lachte. »So ungefähr.«

»Haben Sie lange gebraucht, sich daran zu gewöhnen?«

»Es ist mir ans Herz gewachsen. Mittlerweile könnte ich gar nicht mehr ohne leben.«

»Das klingt, als ob da eine Geschichte dahintersteckt.«

»Rachel . meine Frau, hat es mir geschenkt. Ich musste damals unseren Umzugslaster nach Jacksonville fahren. Wir zogen wieder zurück in unsere Heimat. Ich fing im Krankenhaus an. Sie hatte Angst vor den Dienstplänen....

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