Planetenwanderer

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Juni 2013
  • |
  • 512 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10441-2 (ISBN)
 
Ökoingenieur Haviland Tuf steht vor einer kaum zu bewältigenden Aufgabe: Die Rettung der Menschheit

Die Menschheit hat sich in den unendlichen Weiten des Weltalls ausgebreitet. Überall sind neue Siedlungen entstanden, und jede Welt birgt neue Gefahren. Als der interplanetarische Händler Haviland Tuf eines der letzten Saatschiffe der Erde erwirbt, beginnt seine Odyssee quer durch den Weltraum. Eine Odyssee, auf der Haviland Tuf vom einfachen Händler zum gefeierten Retter der Menschheit wird . Mit Planetenwanderer beweist George R. R. Martin, dass er wie kein Zweiter die Fantastik mit dem Realismus zu vermählen versteht.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,45 MB
978-3-641-10441-2 (9783641104412)
weitere Ausgaben werden ermittelt
George Raymond Richard Martin wurde 1948 in New Jersey geboren. Sein Bestseller-Epos »Das Lied von Eis und Feuer« wurde als die vielfach ausgezeichnete Fernsehserie »Game of Thrones« verfilmt. George R.R. Martin wurde u.a. sechsmal der Hugo Award, zweimal der Nebula Award, dreimal der World Fantasy Award (u.a. für sein Lebenswerk und besondere Verdienste um die Fantasy) und dreimal der Locus Poll Award verliehen. 2013 errang er den ersten Platz beim Deutschen Phantastik Preis für den Besten Internationalen Roman. Er lebt heute mit seiner Frau in New Mexico.

PROLOG

Hallo? Hallo?

Ja, jetzt funktioniert es. Gut.

Ich bin Rarvik Hortventzy, zweiter Geschäftsführer, und spreche eine Warnung aus für jeden, der meine Worte findet.

Die Abenddämmerung bricht jetzt an, für mich zum letzten Mal. Die Sonne ist hinter den westlichen Klippen versunken und hat das Land in Blut getaucht, und nun frisst sich das Zwielicht unerbittlich seinen Weg bis zu mir. Die Sterne leuchten auf, einer nach dem anderen, aber der einzige Stern von Belang scheint Nacht und Tag, Tag und Nacht. Er ist immer bei mir, der hellste Stern am Himmel nach der Sonne. Es ist der Seuchenstern.

Heute habe ich Janeel begraben. Mit meinen eigenen Händen habe ich sie begraben, habe im harten, felsigen Boden gegraben, bis meine Arme vor Schmerz brannten. Als mein Martyrium vollbracht war, als ich den letzten Spaten dieses elenden außerirdischen Drecks auf ihren Kopf geworfen hatte, als der letzte Stein auf ihren Grabhügel gelegt war, da stellte ich mich über sie und spuckte auf ihr Grab.

Es ist alles ihre Schuld. Das hatte ich ihr auch gesagt, nicht nur einmal, sondern sehr oft, als sie dalag und starb; und als ihr Ende nahe war, hatte sie ihre Schuld schließlich auch zugegeben. Es war ihre Schuld, dass wir hierherkamen. Ihre Schuld, dass wir nicht gingen, als wir es noch konnten. Ihre Schuld, dass sie jetzt tot ist – ja, kein Zweifel –, und ihre Schuld, dass ich unbegraben verrotten werde, wenn meine Zeit kommt, mein Fleisch ein Festessen für die Bestien der Dunkelheit und die Flieger und Nachtjäger, mit denen wir einst Handel zu treiben gehofft hatten.

Der Seuchenstern funkelt nur leicht, scheint tief über dem Land in einem klaren, hellen Licht. Das ist falsch, hatte ich Janeel einmal gesagt. Ein Seuchenstern sollte rot sein. Er sollte glühen, sich mit scharlachroter Strahlung umhüllen, sollte Omen für Feuer und Blut in die Nacht hinausflüstern. Diese klare, weiße Reinheit, was hat sie mit Seuchen zu tun? Es war in den ersten Tagen, als unser Charterschiff uns soeben abgesetzt hatte, um unseren stolzen kleinen Handelsposten zu eröffnen, als es uns abgesetzt hatte und dann fortgeflogen war. Damals war der Seuchenstern nur einer von fünfzig Sternen der Magnitude eins an diesem fremden Himmel und kaum auszumachen. Damals belächelten wir ihn, belächelten den Aberglauben dieser Primitiven, dieser zurückgebliebenen Rohlinge, die glaubten, Krankheiten kämen vom Himmel.

Dann wuchs der Seuchenstern. Nacht um Nacht brannte er immer heller, bis er sogar am Tage sichtbar war. Lange vor dieser Zeit hatte die Seuche begonnen.

Die Flieger ziehen ihre Kreise am dunkler werdenden Himmel. Es sind Gleiter, und von Weitem sehen sie sogar schön aus. Sie erinnern mich an die Schattenmöwen meiner Heimat Budakhar über dem glühenden Meer auf dem Planeten Razyar. Nur dass hier kein Meer ist, sondern nur Berge und Hügel und trockene Ödnis, und ich weiß auch, dass diese Flieger gar nicht mehr schön sind, wenn sie einem nahe kommen. Hagere und schreckliche Kreaturen sind sie, halb so groß wie ein Mensch, mit Haut wie gegerbtes Leder, die straff über die seltsamen hohlen Knochen gezogen ist. Ihre Flügel sind trocken und hart wie Trommelfelle, ihre Krallen scharf wie Dolche, und unter ihrer großen knochigen Stirn, die aus dem schmalen Schädel herausragt wie eine gebogene Klinge, sitzen Augen, die grauenhaft rot sind.

Jaleen erzählte mir, sie wären intelligent. Sie haben eine Sprache, sagte sie. Ich habe ihre Stimmen gehört, dünne, schneidende, kreischende Stimmen, die an den Nerven zerren. Ich habe nie gelernt, ihre Sprache zu sprechen, auch Jaleen nicht. Intelligent, sagte sie.

Wir wollten mit ihnen Handel treiben. Oh, sie wollten nichts von uns oder unserem Handel wissen. Sie waren schlau genug, um zu stehlen, ja, und da endete ihre Intelligenz auch schon. Jetzt haben sie und wir etwas gemeinsam: den Tod.

Die Flieger sterben. Die Nachtjäger mit ihren plumpen, verdrehten Gliedmaßen und den knotigen Händen mit den zwei Daumen und den Augen, die in ihren wulstigen Schädeln brennen wie Glut in einem erlöschenden Feuer, oh, auch sie sterben. Sie sind beängstigend stark, und diese seltsamen großen Augen können auch dann in der Dunkelheit sehen, wenn Sturmwolken selbst den Seuchenstern verdecken. In ihren Höhlen flüstern die Jäger von den großen Denkern, den Meistern, denen sie einst dienten, denen, die eines Tages zurückkehren und sie wieder in den Krieg zurückrufen werden. Allerdings kommen die Denker nicht, und die Nachtjäger sterben – genau wie die Flieger, genau wie die anderen, scheueren Spezies, deren Leichen wir in den Feuersteinhügeln finden, genau wie die niederen Tiere, genau wie die Pflanzen und Bäume, genau wie Janeel und ich.

Janeel erzählte mir, dies würde eine Welt voller Gold und Juwelen für uns sein, doch es ist eine Welt des Todes. Hro B’rana war ihr Name in den uralten Karten; ich werde sie nicht so nennen. Sie kannte die Namen aller ihrer Völker. Ich erinnere mich nur an einen – Hruun. Das ist der wahre Name der Nachtjäger. Eine Sklavenrasse der Hrangan, sagte sie, des großen Feindes, jetzt verschwunden, bezwungen vor tausend Jahren, ihre Sklaven verlassen und dem Untergang geweiht. Es war eine verlorene Kolonie, sagte sie, eine Handvoll intelligenter Lebewesen, die Handel treiben wollten. Sie wusste so viel und ich so wenig, aber jetzt habe ich sie begraben und auf ihr Grab gespuckt, und ich kenne die ganze Wahrheit. Wenn sie Sklaven waren, dann waren es sicherlich schlechte Sklaven, denn ihre Herren hatten sie in eine Hölle unter dem grausamen Licht des Seuchensterns gebracht.

Unser letztes Versorgungsschiff kam vor einem halben Jahr vorbei. Wir hätten fortgehen können. Die Seuchen hatten schon begonnen. Die Flieger krochen auf den Gipfeln der Berge, fielen von den Klippen. Ich hatte sie dort gefunden, ihre Haut war entzündet und sonderte Flüssigkeit ab, in ihren ledrigen Flügeln waren große Risse. Nachtjäger mit bläulichen Furunkeln kamen zu uns und kauften Unmengen von Regenschirmen von uns, um sich vor der Strahlung des Seuchensterns zu schützen. Als das Schiff gelandet war, hätten wir fortgehen können. Aber Janeel sagte, dass wir bleiben sollten. Sie hatte Namen für die Krankheiten, die die Flieger und die Nachtjäger tötete. Sie hatte Namen für die Medikamente, die diese Krankheiten heilen würden. Eine Sache zu benennen bedeutet auch, sie zu verstehen, dachte sie. Wir könnten Heiler sein, ihr Vertrauen gewinnen, und unser Glück wäre gemacht. Sie kaufte die gesamten Medikamente, die das Schiff transportierte, und bestellte weitere, und wir begannen damit, diese Krankheiten zu behandeln, deren Namen sie alle kannte.

Als die nächste Krankheit auftauchte, benannte sie auch diese. Und die nächste und die nächste und die nächste. Nun gab es unzählige Krankheiten. Zuerst gingen ihr die Medikamente aus, und auch bald darauf die Namen, und an diesem Morgen habe ich ihr Grab ausgehoben. Sie war eine schlanke, aktive Frau, aber im Sterben wurde sie sehr steif, und ihre Gliedmaßen blähten sich zur doppelten Größe auf. Ich musste ein großes Grab ausheben, um ihre starre, geschwollene Leiche unterzubringen. Ich habe der Sache, die sie getötet hat, einen Namen gegeben: Janeels Seuche nenne ich sie. Ich habe keine Ahnung von Namen. Meine eigene Krankheit ist anders als ihre und hat keinen Namen. Wenn ich mich bewege, jagt eine glühende Flamme durch meine Knochen, und meine Haut ist grau und brüchig geworden. Jeden Morgen, wenn ich aufwache, finde ich auf meinem Bettzeug Stückchen meines Fleisches, das mir von den Knochen gefallen ist, und Blutflecken von den feuchten rohen Stellen darunter.

Der Seuchenstern steht riesig und hell über mir, und jetzt verstehe ich, warum er weiß ist. Weiß ist die Farbe der Sauberkeit, oh, und der Seuchenstern säubert dieses Land. Jetzt lässt seine Berührung alles verderben und verrotten. Es liegt eine gewisse Ironie darin, nicht wahr?

Wir haben viele Waffen mitgebracht und nur wenige verkauft. Die Nachtjäger und die Flieger können keine Waffen einsetzen gegen diese Sache, die sie bezwingt, und haben von Anfang an mehr Vertrauen in Regenschirme gesetzt als in Laser. Ich selbst habe mich mit einem Flammenwerfer aus unserem Lager bewaffnet und mir ein Glas dunklen Wein eingeschenkt.

Ich werde hier in der Kühle sitzen und meine Gedanken in diesen Kristall sprechen, und ich werde meinen Wein trinken und den Fliegern zusehen, den wenigen, die noch am Leben sind, wie sie am Nachthimmel tanzen und schweben. Von ganz weit weg sehen sie sehr wie die Schattenmöwen über meinem glühenden Meer aus. Ich werde meinen Wein trinken und mich daran erinnern, wie das Meer rauschte, als ich ein Junge in Budakhar war und von den Sternen träumte, und wenn der Wein alle ist, werde ich den Flammenwerfer benutzen.

(Lange Stille)

Mir fällt nichts mehr ein, was ich noch sagen könnte. Janeel hatte immer etwas zu sagen und wusste viele Namen, aber ich habe sie heute früh begraben.

(Lange Stille)

Wenn meine Worte jemals gefunden werden …

(Lange Stille)

Wenn dies hier gefunden wird, nachdem der Seuchenstern wieder abgenommen hat, so wie die Nachtjäger es voraussagen, dann lasst euch nicht täuschen. Dies ist kein fairer Planet, kein Platz...

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