Der Kanon mechanischer Seelen

Science-Fiction-Roman
 
 
Amrûn Verlag
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 30. November 2017
  • |
  • 720 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95869-263-3 (ISBN)
 
In einer fernen Zukunft wird die Erde nur noch von wenigen Menschen bevölkert. Sie führen in ihren jugendlichen Körpern ein Leben, das viele Jahrhunderte währt, und manche von ihnen besitzen eine Gabe: Einzig durch ihren Wunsch und eine flüchtige Berührung sind sie fähig, Materie zu beseelen. In dieser wundersamen, von einer bizarren Mechafauna dominierten Welt lebt Ninive, die auf der Suche nach uralten Relikten das Hochland durchstreift, um längst vergessenen Dingen Leben einzuhauchen und sich ihre Geschichten anzuhören. Das alles beherrschende Bauwerk ist eine vier Kilometer hohe Mauer, von der niemand weiß, wozu sie einst errichtet wurde und wovor sie die Menschen und Maschinen seit Jahrtausenden schützt - bis ein Gesandter aus der letzten Stadt im Hochland auftaucht, der den Auftrag hat, die Bannmauer zu bezwingen. Und er ist der nicht der einzige, der die verlorene Passage in die Welt dahinter sucht ... DER KANON MECHANISCHER SEELEN ist eine Hommage an Stanislaw Lems 'Kyberiade' und seine Robotermärchen, an Miyazaki-Trickfilme wie 'Chihiros Reise ins Zauberland' und 'Das wandelnde Schloss', an Michael Moorcocks 'Am Ende der Zeit', garniert mit einem Schuss 'Alice hinter den Spiegeln'. Das SF-Romanereignis des Jahres!

Michael Marrak wurde am 5. November 1965 im tauberfränkischen Weikersheim geboren. Er studierte Grafik-Design, Desktop-Publishing und Multimedia in Stuttgart und trat zwischen 1989 und 1996 als Autor, Illustrator, Herausgeber und Anthologist in Erscheinung. Nach mehreren Jahren als freier Illustrator widmet er sich seit 1997 vornehmlich dem Schreiben und wurde mehrfach mit dem European Science Fiction Award, dem Deutschen Phantastik Preis, dem Kurd Lasswitz Preis und dem Deutschen Science Fiction Preis ausgezeichnet. Übersetzungen seiner Texte erschienen in Frankreich, Griechenland, Russland, China und den USA. Seine Romane, Erzählungen und Grafiken umfassen ein breites Spektrum aus Phantastik, Horror, Thriller, Science Fiction und Magischem Realismus. Nach drei Phantastik-Buchveröffentlichungen im Lübbe-Verlag folgte 2008 im Ravensburger Buchverlag der Jugendroman 'Das Aion - Kinder der Sonne'. Von Mitte 2006 bis Anfang 2012 war Michael Marrak im Hannoveraner Entwicklerstudio Reakktor Media verantwortlich für das Story-Development und Game-Design des im Frühjahr 2011 erschienenen SF-MMOs 'Black Prophecy', dessen Hintergrundgeschichte er seit 2005 entwarf. Mitte 2011 erschien mit 'Gambit' auch ein erster Roman zum Spiel. Die beiden geplanten Folgebände fielen der Einstellung des Spiels Ende 2012 zum Opfer. Für die Horror Factory von Bastei Entertainment verfasste Michael Marrak 2013 das Staffelfinale 'Epitaph' sowie den Jahresabschlussband 'Ammonit'. Obwohl er hauptberuflich als Schriftsteller tätig ist, finden gelegentlich auch neue Illustrationen und Covermotive ihren Weg in die Öffentlichkeit, wie 2013 das Titelbild für die Ausgabe 21 des SF-Magazins 'NOVA' oder 2014 seine Illustrationen in der Themenausgabe 'Mythos Le Mans' für das Motorsport-Periodikum 'revvv'. Michael Marrak lebt und arbeitet heute als freier Schriftsteller, Illustrator und Stadtflüchtling im Orbit eines beschaulichen Ortes im Harzvorland, wo er sein Habitat unfreiwillig mit einem kybernetisch getunten Marder und seinen Garten mit persistentem Wildwuchs teilt.
  • Deutsch
  • 3,27 MB
978-3-95869-263-3 (9783958692633)
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| PROLOG |

Das Summen der Gleichzeittransformatoren hallte von den Wänden wider, als Präsident Velocipedior III. über den von seinen Sekretären gestützten Steg auf die Ringempore rollte. Der Saal war erfüllt vom Raunen und Munkeln der Ratsmitglieder und ihrer Kontoristen. Leise klimperten Wimpern-Imitatoren, schnalzten Geduldsfedern, trommelten metallene Fingerkuppen nervös auf jahrtausendealtes Holz.

An seinem Platz angelangt, seufzte Velocipedior III. leise und musterte die versammelte Ratschaft. Anlässlich der historischen Zeitmarke hatten sich alle Bezirksvertreter im Sitzungssaal des Dynamoreons eingefunden: Paxreich Quantenpuls aus der Domäne Luminos, zuständig für urbane Erleuchtung und Bracklichtverklappung; Konsul Quellweiß Wasserspiel aus dem Klär-Sektor, Leiter des Ministeriums für fluide Angelegenheiten; Baronin Penelope von Schießer, in deren Ressort alles fiel, was positives Denken und Zentrifugalkraft nicht mehr im Orbit halten konnten; Barnabas Radab aus der Unterstadt, Leiter des Dampfturbinenmuseums und verantwortlich für Straßentuning und Verkehr; Transmutator Tesla aus der Radiozone, Minister für mechanisches Wetter und Gegenwetter; und nicht zuletzt der Konversationsbeauftragte Bass Kahn aus dem Distrikt Monogol - um nur einige der versammelten Ratsmitglieder zu nennen.

Selbst Magistrat Ohm aus der faradayschen Käfigexklave Statikon hatte es trotz seines vollen Terminkalenders geschafft, pünktlich an seinem Platz zu stehen - wenngleich er den Eindruck erweckte, als ob ihm sein letzter Ölwechsel nicht bekommen wäre.

Ein Blick auf den Saalchronometer verriet dem Präsidenten, dass bis zum Beginn der Sitzung noch ein wenig Zeit blieb. Er knöpfte seinen Frack auf, öffnete die Spulenverkleidung an seinem Bauch, schob das vordere Kupfermodul zur Seite und drückte seinen Magnetrotor gegen das an der Außenvertäfelung des Ringpults laufende Ladeband. Mit geschlossenen Objektiven genoss Velocipedior III. die ihn erfüllende Energie.

Kleine, mit politischen Informationen, Fragen, Ratschlägen oder Kundendienstrezepten angereicherte Lichtbögen wanderten knisternd entlang der zweipoligen Dialogschienen, die über der Sichtschutzblende des Ringpults schwebten. Sie wurden von ihren Empfängern abgepasst, eingespeist, analysiert und modifiziert an die Absender zurückgeleitet. Zwischen den vertraulichen Daten wanderten kleine Elektrosnacks in den Geschmacksrichtungen Tang, Mango, Terpentin, Altöl und Magnolium.

Der Präsident hob seinen Blick und betrachtete die leuchtenden, in Endlosschleife über den Köpfen der Bezirksräte kreisenden Buchstabenkolonnen.

Weisheit und Wahrhaftigkeit
erleuchten den grossen Dynamo

verkündete die Ratsmaxime samt Fußnotenverweis und illuminierte das zwölfköpfige Plenum mit unheilvoll-beruhigendem Saphirblau. Gegenläufig dazu rotierte darunter in kleinen, kaum noch zu entziffernden Lettern der Hinweis:

Ausser bei Sonnenfinsternis, Ionensturm,
Quecksilberregen und Dankegibsuns.

Auf die Sekunde genau begann die Oberkante der Sichtblende rot zu leuchten und signalisierte Velocipedior III. den Start der Sitzung. Mit drei Schlägen gegen einen kleinen Tischgong eröffnete er die Runde. Dann wartete er geduldig, bis im Saal Ruhe eingekehrt war und er sich der ungeteilten Aufmerksamkeit aller Anwesenden sicher sein konnte.

»Hochverehrte Räte«, richtete er sein Wort schließlich an die Gemeinschaft. »Geschätzte Echomagneten, Polkombinatoren und Spiral-Freidioden, seid innig umschlungen. Wir schreiben den 146. Tag im Jahr 23.911 des ewigen Kalenders.« Der Präsident legte eine Kunstpause ein, um seine Worte wirken zu lassen. »Auf den Tag genau eintausend Jahre ist es her, dass ein Reisender auf der Suche nach einem Nautikus an die Tore unserer Ahnenfeste klopfte«, fuhr er fort. »Das seltsame Wesen war keiner der Ihren gewesen, aber auch kein Wandler oder Seelenfresser, sondern ein leibhaftiges Urzeitgeschöpf. Ein Exemplar jener geheimnisvollen Spezies, die diese Welt vor dem Kataklysmos bevölkert hatte. Ein ganz und gar Organischer, erfüllt mit dem Wissen über das wundersame Goldene Zeitalter, aber ohne die Gabe, Materie zu beseelen oder zu entseelen. Ein reines Menschending, wie es leibte und lebte, bevor die große Flut nahezu alles verschlungen hatte.

Groß waren auch das Erstaunen und die Skepsis unserer Vorfahren gewesen, als ihr Besucher erzählte, er stamme aus dem mythischen Urstromtal jenseits der Bannmauer, dem gelobten Land, wo Öl und Äther fließe und das Metall nie roste.

Unglücklicherweise wusste zur Zeit unserer Ahnen niemand, was ein Nautikus ist, und auch von den sonderbaren Werkzeugen, um die der Fremde bat, hatte damals noch nie jemand etwas gehört. So überredete er letztlich eine Schar hydraulischer Herkuleronen, mit ihm ins Hochland aufzubrechen, um sein verletztes Reisegefährt zu bergen.

Als die Gruppe die Seen erreichte, war dieses jedoch weit abgetrieben und versunken. Womöglich war es des Nachts Opfer eines kapitalen Wildmechanoids geworden, der sich im Schutz der Dunkelheit über es hergemacht und in die Tiefe gezerrt hatte. Alle Versuche, es aufzuspüren, blieben bis zum heutigen Tag erfolglos, was die Zweifel am Wahrheitsgehalt der Begebenheiten im Laufe der Jahrhunderte zunehmend wachsen ließ.

Während der unfreiwillig gestrandete Reisende nach einem Weg suchte, in seine sagenumwobene Heimat zurückzukehren, lehrte er unsere Ahnen das Urzeitwissen, von dem bis dahin nur Ruinen zeugten, Legenden erzählten und Historiker Hunderte von Generationen lang träumten. Barna war es, der den Grundstein für die Mauern unserer Stadt legte und unseren Vorfahren den Glauben zurückgab, Wohlstand schaffen und dem Himmel entgegenstreben zu können. Und nun seht, welch prunkvolle Kronstadt in diesem Millennium entstanden ist .

Für seine Verdienste wurde der Fremde vom königlichen Großplanierer Lokomotorus zum Entwicklungsritter geschlagen. Sein goldener Nimbus konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass er im Laufe der Jahre viel schneller verschliss als unsereins oder die Äonenkinder. Besorgt darüber, dass sein gelehrtes Wissen nach seinem Tod erneut in Vergessenheit geraten könnte, schrieb er es nieder. Doch der mit Einfluss und Luxus wachsende Hochmut unserer Ahnen begann diesen Erkenntnisschatz schon bald nach dem Tod des Reisenden zu vernachlässigen. Ihr Dünkel, alles Erlernbare gelernt, gespeichert, verinnerlicht und archiviert zu haben, ließ sie nachlässig werden. Hunderte von Seiten vergilbten, das Papier verrottete und die Barna-Chroniken fielen schleichend der Zeit anheim.«

Velocipedior III. legte eine rhetorische Pause ein und musterte die Räte. »Fürwahr, unsere Stadt ist groß und bedeutend«, fuhr er fort. »Aber trotz ihrer Pracht sind wir selbst arm an Wissen über jene Epoche, die wir das Goldene Zeitalter nennen, jene sagenumwobene Welt vor dem siebten Kataklysmos, dessen Fluten so viel mit sich gerissen und für immer unter Schlamm begraben hatten. Selbst vom vollständigen Namen unseres Stadtvaters Barna gingen in den Irren und Wirren der vergangenen eintausend Jahre mindestens neun Buchstaben verloren.

Der Ruhm dieser Stadt und ihrer Bewohner ruht auf einem brüchigen Fundament, unter dem ein Abgrund klafft.

Zahllose Impulsschneller, Affektfederer und Idealistomimen hatten im Laufe der Jahrhunderte vergeblich versucht, das verlorene Wissen für uns zurückzugewinnen - mit Physik, Biologie, Mathematik und perpetueller Mobile-Alchemie.

Da war Roberto Nebelmund, der siebzehn Jahre nach Barnas Dahinscheiden ein Schwindelklettermodul konstruiert hatte, um die Mauer mit viel medialem Tamtam zu erklimmen. In knapp drei Kilometern Höhe war jedoch seine Brennkammer erloschen und die Hydraulik eingefroren. So war ihm nichts anderes übrig geblieben, als die im Gestein verankerten Sicherheitshaken zu lösen. Von einem Fallschirm stabilisiert und zwei Triebwerken gebremst, wollte er sein Modul an der Mauerwand sicher wieder hinabgleiten lassen. Unglücklicherweise hatte Nebelmund beide Sicherheitssysteme auf der jeweils falschen Seite seiner Apparatur installiert, sodass er den ausgelösten Fallschirm überfahren und die gen Himmel strahlenden Triebwerke seine Talfahrt auf Mach 1,4 beschleunigt hatten.

Das daraus resultierende, unvermeidliche Finale furioso hatten die städtischen Gazetten dereinst lakonisch als >perfekte Transformation von kinetischer in thermische Energie< bezeichnet .

Wir erinnern uns an Metronomet Dreitakt, der sich im Jahr 101 nach Barna anschickte, die Mauer mit einem Gleichstrombläserich zu überfliegen. Man fand ihn und sein windverwehtes Vehikel zwei Tage später nahe der Westküste in einer Baumkrone, knapp sechzig Kilometer von seinem eigentlichen Reiseziel entfernt.

Unvergessen bleibt auch Okulator Janus Zwinker, der ein leidenschaftlicher Chansonier war und zu Lehramtszeiten zwei einander gegenübersitzende Hochschulklassen simultan zu unterrichten vermochte. Von ihm blieben uns nur seine legendären Fixsterngesänge, ein paar Falschfarbenhologramme und ein Denkmal als stummer Ort der Andacht.

Wir erinnern uns an Analog Schlosserbart, der einst allein ins Hochland aufgebrochen und fünf Wochen später zu siebt wieder in die Stadt zurückkehrt war. Und der bis zum Tag...

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