John Sinclair 2189 - Horror-Serie

Gefangener der Albtraumwelt
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 23. Juni 2020
  • |
  • 64 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-9675-1 (ISBN)
 
Jasmina war das alte Anwesen sofort ins Auge gefallen. Es stand am Ortsrand eines kleinen Dorfes nahe des Touristenmagneten Neustadt an der Weinstraße und wirkte etwas von der Welt vergessen. Über die vergangenen Jahrzehnte hinweg war das Grundstück komplett verwildert, die Mauern mit Efeu überwachsen und das Gras so weit in die Höhe geschossen, dass ein normal großer Mensch darin verschwinden konnte. Und doch, obwohl das zweistöckige Ziegelsteingebäude einen baufälligen Eindruck machte, zog es sie geradezu magisch an ...
1. Aufl. 2020
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 1,90 MB
978-3-7325-9675-1 (9783732596751)

Svens Frau war eine leidenschaftliche Heimwerkerin, ganz im Gegensatz zu ihm. Genau diese Gegensätze schweißten sie beide zusammen, und so war Jasmina sofort Feuer und Flamme gewesen, als er ihr gegenüber erwähnt hatte, dass das alte Haus seiner Großmutter - die er nur vom Namen her kannte - seit dem Tod seines Vaters ihm gehörte.

Inzwischen sah das Grundstück längst nicht mehr so verwildert aus wie vor zwei Monaten. Der Rasen war gemäht, die zerbrochenen Pflaster des zum Eingang führenden Steinweges durch neue ersetzt und die Efeuranken zurechtgestutzt. In Eigenregie hatten sie Fenster und Türen ersetzt und die Bausubstanz von einem Experten prüfen lassen. Das einzige, was sie nicht selbst in die Hand nehmen konnten, war das Verlegen neuer Stromleitungen. Dafür hatten sie eine polnische Elektrikerfirma beauftragt, auf Empfehlung eines Kollegen von der Bank.

Im Moment standen sie wie so häufig auf dem gepflasterten Weg und betrachteten ihr zukünftiges Zuhause. Das Gebäude wirkte auf ihn längst nicht mehr so unheimlich wie bei seinem ersten Besuch. Er erinnerte sich noch gut daran, wie er als Kind einmal mit Freunden auf das Grundstück geschlichen und in den verfallenen Bau eingedrungen war. Nie zuvor und nie wieder danach hatte er solche Angst verspürt, denn er war sich damals sicher gewesen, dass es in dem Haus spuken würde.

Davon konnte mittlerweile nun wirklich keine Rede mehr sein. Vor den neuen Fenstern waren Blumenkästen angebracht worden. Die bunten Blüten gaben dem Haus eine zusätzliche, heimelige Atmosphäre.

Im Hintergrund war das Hämmern und Bohren der Handwerker zu hören. Sven wollte nicht mehr länger vor dem Haus herumstehen. Er war von Natur aus misstrauisch, und auch wenn er die Arbeiter als seriös einschätzte, konnte er sie nicht einfach unbeaufsichtigt durch sein Haus ziehen lassen. Deshalb löste er sich von der Seite seiner Frau und ging ins Haus zurück.

Mehrere dicke, graue Kabel waren über den hellbraunen Teppichboden gelegt worden. Sie führten durch den Flur und vorbei an dem Wohnzimmer, in dem noch immer einige alte Möbel seiner Großmutter standen. Er wollte sie nach und nach ausmisten, doch vorerst investierte er all sein Geld in die Wiederinstandsetzung. Schließlich konnten sie nicht dauerhaft neben tragbaren Heizungen und Generatoren leben.

Den Spuren an den Wänden nach zu urteilen hatten sich die Arbeiten inzwischen in den ersten Stock verlagert. Sven schritt langsam die jämmerlich ächzenden Holzdielen empor, die sicher auch bald verstärkt oder erneuert werden mussten. An den Wänden hingen neben handgemalten Bildern seiner Mutter auch noch einige vergilbte Landschaftsporträts. Warum er ausgerechnet jetzt daran denken musste, wie er schon einmal als Kind die Treppe emporgestiegen war und sich bei den Geräuschen, die die Stufen abgaben, fast in die Hose gemacht hatte, wusste er selbst nicht.

Er hörte, wie sich die beiden Männer auf Polnisch unterhielten, während einer der beiden offenbar damit beschäftigt war, ein Loch zu bohren. An einer Wand am Ende des Flurs entdeckte er die Handwerker schließlich, die ihn schnell bemerkten und ihm freundlich zunickten.

»Wie läuft es?«, rief er laut, um das Sirren der Bohrmaschine zu übertönen.

Der ältere der beiden Männer wies auf die Wand. »Wir legen die nächste Steckdose an«, antwortete er in stark akzentuiertem Deutsch. »Laut Plan die fünftletzte. Szimon hat allerdings Probleme, einen geeigneten Platz zu finden.«

»Warum?«

»Die Wand ist nicht aus Ziegelsteinen gefertigt, wie es scheint.«

»Aus was dann?«

Der Mann mit der Bohrmaschine fluchte, als die Spitze seines Geräts so tief in die Wand stieß, dass sie ein faustgroßes Loch aufriss. Plötzlich drang etwas aus der Öffnung hervor. Es war eine Art dichter, hellgrauer Nebel, der an der Tapete entlang in die Höhe kroch und innerhalb weniger Sekunden das Gesicht des völlig überraschten Handwerkers erreichte. Auch über den Boden trieben einige Schwaden hinweg, lösten sich aber schnell wieder auf.

Sven wollte etwas sagen, als der Pole einen erstickten Schrei ausstieß. Er fasste sich mit beiden Händen an die Kehle, bevor er die Augen verdrehte. Seine Beine gaben nach, und schließlich sackte er zu Boden, wo er reglos liegen blieb.

Mit offenem Mund ging Sven vor. Er bemerkte kaum, dass die letzten Nebelschwaden zerfaserten und auch kein weiterer Dunst aus der Öffnung hervordrang. Zitternd ging er neben dem Mann in die Knie, doch für den Handwerker kam jede Hilfe zu spät. Er atmete nicht mehr. Stattdessen starrte er ihn mit starren, weit aufgerissenen Augen an.

?

Der Leichenbeschauer streifte seine Plastikhandschuhe ab und richtete sich auf, wobei er in zahlreiche fragende Gesichter blickte. Ein Hauptkommissar aus Neustadt erwartete seine Diagnose, ebenso Pawel Locarz, der Vorarbeiter des Toten, sowie Sven und Jasmina, die von dem Beamten hinzugebeten worden waren.

Die gesamte Szenerie kam Sven so unwirklich vor. Was hatten sie alles für Mühen auf sich genommen, um dieses Haus zu ihrem Zuhause werden zu lassen? Von einen Moment zum nächsten war davon nichts mehr übrig geblieben. Nicht nur, dass es zu einem Tatort geworden war, der von mehreren der alarmierten Polizisten in Augenschein genommen wurde, da war auch dieses beklemmende Gefühl, das einfach nicht von seiner Brust weichen wollte. Er fühlte sich zwischen diesen Wänden einfach nicht mehr wohl. Als hätte sich hier etwas Fremdes, Böses eingenistet.

Nur mit Mühe gelang es ihm, den Gedanken daran beiseitezuschieben. Seine Frau drückte sich eng an ihn, woraufhin er eine Hand über ihre Schultern legte. Dabei fragte er sich, ob sie nicht besser die kommende Nacht in einem Hotel verbringen oder hierher überhaupt nicht mehr zurückkommen sollten.

»Es sieht alles nach einem Herzinfarkt aus«, erklärte der Mediziner. »Natürlich wird eine Obduktion folgen, aber meiner Meinung nach wird es keine andere Diagnose geben.«

»Mehr nicht?«, fragte Sven überrascht. »Was ist mit diesem Nebel?«

»Ich kann Ihnen nur sagen, was ich sehe. Ich bin Mediziner und kein Biologe.«

Hauptkommissar Spohr atmete tief durch und sah sich um. »Nun, dann bleibt mir nicht mehr viel zu tun, als den Toten abtransportieren zu lassen. Immerhin decken sich Ihre Aussagen alle dahingehend, dass Szimon Hübscher einfach plötzlich zusammengebrochen ist. Was diesen Nebel angeht, sollten Sie das Haus vielleicht einmal auf giftige Substanzen untersuchen. Früher wurde bei solchen Gebäuden beispielsweise oft Asbest verwendet.«

»Asbest tritt doch nicht als Nebel aus Wänden aus«, warf Pawel Locarz ein. »Was soll ich denn jetzt seiner Frau erzählen?«

»Keine Sorge, meine Kollegen und ich werden uns darum kümmern.«

Sven sah dem Handwerker nach, wie er kopfschüttelnd den Raum verließ. Auch er wusste nicht so recht, was er sagen sollte, und Jasmina erging es da wohl ähnlich. In ihrem Haus war ein Mann gestorben, der jetzt von zwei uniformierten Beamten in einen Plastiksarg gelegt und abtransportiert wurde. Hauptkommissar Spohr gab ihnen zum Abschied noch einmal die Hand, bevor er mit seinen Kollegen die Treppe hinabstieg.

Erst als er hörte, wie im Vorgarten die Motoren ansprangen und die Einsatzkräfte endgültig das Grundstück verließen, fand er langsam wieder zu sich selbst. »Ich weiß, was ich gesehen habe«, murmelte er. »Das waren keine giftigen Gase. Da ist irgendein Nebel aus der Wand gedrungen und an dem Handwerker hochgekrochen.«

»Und du bist sicher, dass es keine Staubwolke war?«, fragte Jasmina.

»Ganz sicher.«

»Und was hast du jetzt vor?«

Sven seufzte. »Wir sollten uns zumindest mal überlegen, fürs Erste woanders zu schlafen.«

»Kommt gar nicht infrage. Wir haben so sehr darum gekämpft, dieses Haus zu einem Ort zu machen, an dem wir - und unsere Familie - uns wohlfühlen werden. Es ist furchtbar, dass dieser Mann gestorben ist, aber wir dürfen nicht so einfach aufgeben. Andererseits will ich auch, dass so etwas nie wieder passiert. Ich muss wissen, was hinter dieser Wand ist.«

»Nichts . oder?«

Jasminas Hände fuhren über die Wand. »Hat dieser Pawel Locarz nicht etwas davon gesagt, dass die Wand nicht wie die anderen aus Ziegelsteinen gefertigt ist? Du hast mir doch vorhin davon erzählt. Die Bohrmaschine hat sogar ein großes Loch in sie gerissen. Vielleicht ist hinter ihr ein Hohlraum.«

»Jasmina .«

»Komm schon, ich will wissen, warum das passiert ist. Du doch auch, oder nicht?«

»Schon.«

Wieder trat Jasmina an die Wand und schlug mehrmals mit der Faust gegen die Tapete. Sie erzitterte nicht nur unter den Schlägen, ihr Klang wies auch darauf hin, dass sich hinter ihr tatsächlich ein Hohlraum befand. Womöglich sogar ein geheimes Zimmer, das bei früheren Umbauarbeiten versteckt worden war.

Sven wusste, dass es nur einen Weg gab, die Wahrheit herauszufinden. Schneller, als er es eigentlich wollte, lief er die Treppe herunter und eilte zu einer Abstellkammer, in der er allerlei handwerkliche Geräte aufbewahrte. Dazu gehörte auch ein eiserner Vorschlaghammer, dem die Wand - sollte sie wirklich so dünn sein - nichts entgegenzusetzen haben würde.

Er griff sich den Hammer und lief zurück in den ersten Stock, wo sich Jasmina nicht von der Stelle gerührt hatte. Sie sah ihn mit einer Mischung aus Anspannung und Furcht an, schien aber auch nicht von ihrem Vorhaben abweichen zu wollen.

Sven war jetzt vollkommen davon überzeugt, das einzig Richtige zu tun. Ohne...

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