Die Tochter des Kriegers

Roman
 
Ari Marmell (Autor)
 
Random House ebook (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 15. November 2011 | 544 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06535-5 (ISBN)
 
Um eine gerechtere Ordnung in Imphallion durchzusetzen, überzog Corvis Rebaine einst das Land mit einem blutigen Krieg - und versagte. Nun will er den einfachen Leuten ein besseres Leben ermöglichen, indem er die mächtigen Gilden von innen heraus zerstört. Doch Corvis' Vergangenheit ist weder vergessen noch vergeben, und seine alten Feinde haben ihn aufgespürt. An ihrer Seite ist eine junge Frau, deren Hass auf Corvis größer ist als der jedes anderen - seine eigene Tochter!


Ari Marmell, Jahrgang 1974, studierte Creative Writing an der University of Houston. Bereits während dieser Zeit verfasste er seinen ersten Roman. Er ging mehreren Jobs nach, die er alle hasste und die er letztendlich alle aufgab, um sich seiner Tätigkeit als Autor und seiner Leidenschaft für Rollenspiele zuzuwenden. Ari Marmell lebt mit seiner Frau George (nein, keine Abkürzung für einen gängigen Frauennamen!) und zwei Katzen in Austin und arbeitet als Romanautor und freier Mitarbeiter vor allem für Wizards of the Coast.
Wolfgang Thon
Deutsch
0,83 MB
978-3-641-06535-5 (9783641065355)
3641065356 (3641065356)
weitere Ausgaben werden ermittelt
16 (S. 262-263)

Sie ging durch die Straßen am Rande der Stadt, ohne auf das Murmeln und die Witze der Männer zu achten, die in lockerer Formation hinter ihr liefen. Sie konnte darauf zählen, dass sie ihr den Rücken freihielten, wenn es Ärger gab, mehr verlangte sie nicht. Ansonsten interessierte es sie ebenso wenig, was andere über sie sagten, wie die Frage, was andere für sie taten. Niemand, der diese Frau schon einmal getroffen oder auch nur von ihr gehört hatte, würde sie mit jemandem verwechseln. Sie sah heute noch genauso aus wie vor einem Jahrzehnt, als sie unendlich viel an Gewalt und Metzelei erlebt hatte. Ihr blondes Haar war vielleicht etwas länger als früher und zu Zöpfen geflochten, die ihr bis auf die Schulterblätter fielen, aber der Pony bestand immer noch aus ungleichmäßigen Fransen. Sie war nach wie vor hager, fast schon abgemagert, und dennoch stark genug, um selbst einen Feind zu bezwingen, der doppelt so schwer war wie sie.

An ihrer Taille hingen zwei kurze Faustäxte, und über ihrem Kettenpanzer trug sie nicht den Wappenrock eines echten cephiranischen Soldaten, sondern eine einfache rote Schärpe, die von ihrer linken Schulter quer über ihre Brust verlief. Sie wurde mit einem billigen Greif aus Zinn zusammengehalten und war die Standarduniform aller nicht cephiranischen Söldner, die den Eindringlingen dienten. Die Uniform war das Mal der Verräter an Imphallion, würden einige sagen, und etliche hatten ihr genau das schon ins Gesicht gesagt. Aber sie ließ sich nie anmerken, ob sie das bekümmerte. Was hatte Imphallion letzten Endes denn für sie getan? Emdimir hatte sich in wenigen Wochen stärker verändert als sie selbst in mehreren Jahren.

Die Straßen, die noch vor kurzem derart von Flüchtlingen überfüllt gewesen waren, dass der Schmutz unter den unzähligen Füßen quasi zu Stein verdichtet wurde, waren jetzt fast menschenleer. Nirgendwo im von Cephira besetzten Imphallion genoss die Bevölkerung solche Freiheiten, wie die Eindringlinge sie in den zu Beginn ihres Siegeszuges eroberten Gebieten gewährt hatten, wie zum Beispiel in Rahariem. Die Bürger konnten nicht mehr ungestört ihren Geschäften nachgehen, und es waren auch nicht mehr Einwohner auf den Straßen zu sehen als Besatzer. Sie konnten ihren Alltag nicht länger so leben, als wäre nichts Besonderes geschehen, und auch die Gildenmeister und Adeligen der Regionen konnten nicht weiterhin ungestört regieren, sondern erhielten regelmäßig von den cephiranischen Offizieren Anweisungen.

Nein, die Vernichtung von Rahariems Westtoren und die darauf folgende, wenn auch sofort niedergeschlagene Rebellion hatten den Besatzern gezeigt, dass Gnade und Freundlichkeit ein Irrweg waren. Jetzt kontrollierten Bewaffnete, sowohl königliche Soldaten des Schwarzen Greifs als auch Söldner verschiedener Nationalitäten, ohne Skrupel die Menschen in den Städten in nahezu allen Straßen. Die Bürger von Imphallion durften sich allerhöchstens noch zu fünft versammeln, und bei jedem Verstoß gegen diese Vorschrift wurden die Beteiligten sofort in eines der ständig wachsenden Arbeitslager deportiert.

Und zwar ganz gleich, ob sie vom Alter oder von ihrer Gesundheit her schwerer körperlicher Arbeit gewachsen waren. Allein die Geschäfte, die Grundnahrungsmittel und Dienste anboten, durften ohne Änderungen geöffnet bleiben. Allerdings hielten es die meisten Händler wegen des Ausgeh- und Versammlungsverbotes und weil die cephiranischen Soldaten dazu neigten, sich einfach zu nehmen, was sie brauchten, oft sogar ohne dafür zu bezahlen, für kostengünstiger, die Türen geschlossen zu halten. Sie hatte Gerüchte gehört, dass sich in Rahariem ein paar besonders hartnäckige Widerstandsnester gehalten hätten, aber das waren zumeist nur vereinzelte Gruppen von wütenden Jugendlichen, die mit Abfällen warfen und trotzige Sprüche auf Hauswände malten.

Diese Narren scheinen nicht zu verstehen, dachte die Söldnerin, dass sie den Eindringlingen bloß Anlässe und Vorwände bieten, noch härter durchzugreifen. Ganz sicher inspirierten sie jedenfall niemanden damit, sich ebenfalls zu erheben, oder bewirkten sonst etwas Nützliches. Die Leute von Emdimir und anderen, erst kürzlich eroberten Siedlungen, waren gefügiger. Trotzdem wurden sie in ihrer Bewegungsfreiheit beschnitten, und die Ausgangssperre wurde gewaltsam kontrolliert. Ihre Patrouillen führten die Frau durch die verarmten und halb zerstörten Viertel in der Nähe der äußeren Mauer, die dem Feind so gut wie keinen Widerstand geboten hatte.

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