Kirschen zu Mitternacht: Historischer Roman

 
 
Verlagshaus Hernals
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. Juni 2020
  • |
  • 500 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-902975-71-3 (ISBN)
 

Viktor Mautner Markhof versetzt seine LeserInnen zurück in das Jahr 1645: Der schwedische Feldmarschall Lennart Torstensson belagert mit seinen Truppen die Stadt Brünn. Die Wahrscheinlichkeit einer längeren Belagerung standhalten zu können, ohne Verstärkung durch zusätzliche Truppen, schätzten viele als ziemlich gering ein. Dennoch - klein beigeben kam nicht in Frage. … Alles drehte sich um die entscheidende Frage, wie viel Zeit Torstensson noch benötigte, um mit seinen unzähligen Dragonern, Musketieren und Geschützen vor Brünn aufzutauchen. Es entstand eine rege Diskussion über die Maßnahmen, die nun zu treffen waren. Immerhin konnte die Stadt auf rund achthundert gemusterte und bewaffnete Bürger sowie Handwerksburschen zurückgreifen. Weitere hundertzwanzig Musketiere waren im Laufe des Tages, nach der Aufhebung der Blockade von Olmütz von dort kommend auf der Festung Spielberg eingetroffen und einquartiert worden. Die Stadt verfügte überdies über einen Ring aus einer inneren und einer äußeren Stadtmauer mit zahlreichen Türmen, wenn auch nicht in bestem Zustand. Den meisten erschien dies gegen die anrückende Übermacht von rund fünfzehn- bis zwanzigtausend schwedischen Soldaten kaum ausreichend Schutz zu gewährleisten. … Mautner Markhofs detailgetreue Schilderung der Belagerung Brünns lässt den Leser in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges eintauchen.

1. Auflage
  • Deutsch
  • 5,68 MB
978-3-902975-71-3 (9783902975713)
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Aufbruch nach Brünn


(Mittwoch, 15. März 1645)


Der Himmel zeigte sich leicht bedeckt und die Sonne trat immer wieder hinter den Wolken hervor. An höher gelegenen Orten fegte ein kalter Wind über das sanfte Hügelland. Der Winter war in diesem Jahr ziemlich hart gewesen. Die seit Anfang März leicht ansteigenden Temperaturen hatten in den Niederungen Schnee und Eis stellenweise zum Schmelzen gebracht und die Straßen vielfach in morastige Kanäle verwandelt.

Wir schrieben Mittwoch, den 15. März des Jahres 1645. Ich war mit einer Truppe von ungefähr dreihundert Soldaten seit den frühen Morgenstunden unterwegs. Wir wurden durch einen Obristen mit dem ausgefallenen Namen Raduit De Souches angeführt. Der Generalstab hatte ihm die Verteidigung der Stadt Brünn als neues Kommando übertragen. Der seit zweieinhalb Jahren in den Diensten der kaiserlichen Armee stehende Franzose und Hugenotte aus La Rochelle zögerte erst, diese fast aussichtslose Aufgabe anzunehmen. Doch die Generäle, allen voran Graf Waldstein, leisteten die ihrem Rang entsprechende Überzeugungsarbeit. Eine offizielle schriftliche Ernennung durch den Kaiser stand zwar noch aus, galt aber nur noch als Formsache.

Als dem Obristen direkt unterstellter Leutnant hatte ich das Glück neben einigen anderen Offizieren und Unteroffizieren auf einem Pferd unterwegs zu sein. Die Mehrheit der Soldaten gehörte jedoch zu einer Infanterieeinheit. Sie marschierten seit Stunden in scharfem Tempo zu Fuß. Kurz nach Aufbruch überbrachte uns ein Bote die unerfreuliche Nachricht, dass die Stadt Iglau sich vor zwei Tagen ergeben hatte und Streifscharen der Schweden in weiten Teilen von Südmähren und dem nördlichen Niederösterreich umherzogen. Wir mussten uns beeilen, Brünn zu erreichen, bevor die schwedischen Truppen dort einlangten.

Wieder einmal überquerten wir eine der zahlreichen Anhöhen der böhmisch-mährischen Hügellandschaft und endlich ließ sich in der Ferne die mächtige Festung Spielberg erkennen. Sie lag auf einer Erhebung unmittelbar neben der Stadt Brünn. Auch die Türme einiger Kirchen sowie jenen des Rathauses konnten wir ausmachen. Selbst die Reste des Turmes und des Daches der Domkirche St. Peter, die seit dem Brand während der letzten Belagerung nicht mehr aufgebaut worden waren, bildeten wegen ihrer erhöhten Lage auf dem Petersberg einen markanten, weithin sichtbaren Orientierungspunkt. Meiner Schätzung nach benötigten wir für die letzte Meile bis zu den Stadttoren noch ein bis zwei Stunden.

Wenig später durchquerten wir ein kleines Dorf. Es bestand aus einigen Gehöften und einer kleinen Kapelle. Kommandant De Souches ordnete eine kurze Rast an und saß schwungvoll ab. Ein Soldat übernahm das Pferd und schlug die Zügel um den obersten Balken eines Holzzaunes, der einen Obstgarten umgab. Die anderen Reiter und ich selbst folgten seinem Beispiel. Während sich die Offiziere in der Mitte der Häuser versammelten, traten die Bauern sowie manche ihrer Frauen, begleitet von neugierigen Kindern und einigen Knechten, verunsichert auf die Straße. Sie starrten wortlos auf die große Anzahl an Soldaten, die sich erschöpft rechts und links ins feuchte Gras des Straßenrandes fallen ließen. De Souches ordnete an, die kleine Gruppe von Bauern, die es ohnedies nicht wagte, sich allzu sehr zu nähern, von den Offizieren fernzuhalten. Da sie nicht wussten, wen genau sie vor sich hatten, entfernten sich manche von ihnen mit ehrfurchtsvollen Verbeugungen, die anderen traten nur einige Schritte zurück und beobachteten weiter. De Souches nützte die Gelegenheit, um sich einen Überblick über den Zustand seiner Truppe zu verschaffen. Wie ich bereits mehrfach feststellen konnte, legte er großen Wert auf eine gute körperliche Verfassung seiner Soldaten.

Kurz darauf verlangte er Wasser und ordnete an, Obst, Gemüse oder andere Nahrungsmittel herbeizuschaffen. Die verschreckten Bauern rückten erst nach einigem Zögern mit einem Teil ihrer Vorräte heraus, obwohl sie sich nur zu gut im Klaren darüber waren, dass es keinen Sinn hatte, sich zu wehren. In den letzten Jahren zogen immer wieder Truppen durch ihren kleinen Ort. Die Versorgung der Armeen mit Lebensmitteln aus der Region, in der sie sich gerade befanden, gehörte spätestens seit Wallenstein zum großen Leid der Landbevölkerung. Was die Bauern nicht freiwillig herausrückten, holten sich die Soldaten mit Gewalt. Dabei spielte es meist keine Rolle, ob es sich um feindliche Truppen oder die eigenen kaiserlichen handelte. Nach dem Winter traf dies viele Bauern besonders hart, da ein Großteil der Vorräte bereits aufgebraucht war. Noch verheerender wirkten sich in der Nähe aufgeschlagene Winterlager von erschöpften und ausgehungerten Truppen aus, für deren Verpflegung ebenfalls die Lagerbestände der umliegenden Höfe herangezogen wurden. Das Wenige im Frühjahr noch Vorhandene musste reichen, bis sich in den warmen Monaten die nächste Ernte einbringen ließ. Eine Bezahlung oder Entschädigung konnten sie sich meist nicht erwarten. Wenigstens sorgte De Souches dafür, dass sich seine Soldaten gegenüber der eigenen Bevölkerung anständig verhielten.

Der Anblick dieser in schmutzüberzogenen, zerlumpten und stinkenden Kleidern vor uns stehenden Bauern war zwar nichts Außergewöhnliches, aber dennoch niederschmetternd. Ich empfand Mitleid mit ihnen und fühlte mich verpflichtet, diese armen Leute zu warnen. In wenigen Tagen würden sie durch die herannahenden schwedischen Truppen brutal überfallen und vollständig ausgeraubt werden, erklärte ich ihnen. Die ohnedies schon verängstigten Frauen und Männer schlugen entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen. Furcht überzog ihre, von der schweren Arbeit gezeichneten Gesichter. Der Schock über diese Nachricht saß tiefer, als ich vermutet hätte. Einige Frauen knieten nieder und begannen zu beten. Ein alter Bauer namens Jakob berichtete uns, dass die schwedischen Söldner bereits zweimal, erst vor drei und zuletzt vor zwei Jahren, ihre gesamten Vorräte geplündert, ihr Hab und Gut in Brand gesetzt und zerstört, Frauen vergewaltigt und jene Männer, die ihre Frauen schützen wollten, getötet hatten. Unter großen Anstrengungen und Entbehrungen gelang es ihnen seitdem, zumindest einen Teil ihrer Häuser, die Ställe für das Vieh und die Scheunen für das Futter wieder aufzubauen. Nun drohte alles umsonst gewesen zu sein und sie mussten neuerlich um ihr Leben bangen.

Ein kleiner Junge mit schwarzem Wuschelkopf - ich schätzte sein Alter auf etwa zehn oder elf Jahre - schmiegte sich an den alten Bauern und fixierte mich mit seinen großen, braunen Kulleraugen. Der Bauer legte seine Hände schützend auf die Schultern des Jungen. Ich betrachtete ihn.

"Das ist mein Enkel", erklärte der Alte stolz.

Ich selbst wuchs mit sieben Geschwistern auf dem Gut meines Vaters auf. Mein Bruder war der Erstgeborene und sollte das Gut übernehmen. Als Zweitgeborenem wurde für mich die militärische Karriere bestimmt, mein kleiner Bruder sollte die geistliche Laufbahn einschlagen. Vier meiner Geschwister waren jünger als ich und es machte mir immer großen Spaß mit ihnen zu spielen. Durch die Ländereien meines Vaters hatte ich viel mit Bauern und der Landbevölkerung zu tun. Ihr Stand zählte zu den am wenigsten angesehenen, doch im Gegensatz zu zahlreichen anderen Gutsbesitzern legte mein Vater immer großen Wert darauf, mit ihnen respektvoll umzugehen. Ich folgte bereitwillig diesem Vorbild und beugte mich daher langsam zu dem schüchtern auf mich blickenden Jungen hinunter.

"Wie ist Dein Name?", fragte ich vorsichtig.

Er befreite sich aus der Umklammerung seines Großvaters und kam mir einen Schritt entgegen. Dann forderte er mich durch ein Zeichen seiner Hand auf, meinen Kopf noch ein Stück weiter zu senken und flüsterte mir "Christoph!" ins Ohr. Im Anschluss daran drückte er seinen Zeigefinger auf die Lippen, um mir zu deuten, dass ich es nicht weitererzählen sollte. Als Antwort und Zeugnis meiner großen Verschwiegenheit legte ich den linken Zeigefinger ebenfalls auf meine Lippen und hob mit ernstem Gesichtsausdruck die rechte Hand. Ein Aufleuchten in seinen Augen zeigte mir, dass er verstanden hatte. Ich wandte mich wieder an Jakob.

"Wo sind seine Eltern?"

Jakob schluckte, bevor er antwortete.

"Als die Schweden uns vor zwei Jahren überfielen, rettete ich dem Jungen und mir nur durch einen Zufall im letzten Augenblick das Leben. Wir kamen gerade vom Pilze suchen aus dem Wald. Das Brandschatzen und Morden der schwedischen Söldner hatte schon begonnen. Hufschläge galoppierender Pferde und laute Schreie drangen bis zu uns am Waldrand vor. Ich ahnte sofort, was in unserem kleinen Ort vor sich ging, packte Christoph blitzschnell am Arm und rannte mit ihm tief in den Wald zurück. Dort versteckten wir uns in einer kleinen Höhle bis zum nächsten Tag. Als wir zurückkehrten, bot sich uns ein grausamer Anblick." Er hielt einen Moment inne und rang um seine Fassung. "Ich möchte das in Anwesenheit des Jungen jetzt nicht näher schildern. Seine Mutter war meine Tochter!"

Es standen ihm die Tränen in den Augen und es versagte ihm die Stimme. Vater und Mutter des Jungen überlebten den Überfall offenbar nicht. Diese traurige Geschichte erinnerte mich an jenes menschenunwürdige Massaker durch die kaiserlichen Truppen unter Tilly und Pappenheim in Magdeburg vor einigen Jahren. Rund zwanzigtausend Bürger, darunter viele Frauen und Kinder wurden auf grausamste Art ausgeraubt, vergewaltigt und ermordet. Ich war damals selbst noch ein Kind und kannte diese fürchterliche Geschichte nur aus Erzählungen meiner Eltern. Aber trotz des Schocks bei den Verantwortlichen über das Geschehene, hatte sich in diesem Krieg seitdem nicht viel geändert. Es trat eine...

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