Restaurant Dalmatia

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. September 2013
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81221-3 (ISBN)
 
In diesem vielstimmigen Roman erzählt Jagoda Marinic poetisch und sensibel von Heimat und Identität als Voraussetzung für ein erfülltes Leben und die Freiheit, seinen Ort in der Welt zu finden. Mia ist am Ziel ihrer Wünsche: Sie erreicht in Kanada endlich den Durchbruch als Fotografin. Aber mit der ersten großen Auszeichnung, die sie ins Herz der Künstlerszene katapultiert, stellt sich nicht das große Glück ein, sondern die Blockade. Rafael, ihre große Liebe, überredet sie zu einer Reise nach Berlin, der Stadt, in der sie aufgewachsen ist. Als junges Mädchen war sie vor allem an einem Ort glücklich: Im Restaurant Dalmatia ihrer Tante Zora im Wedding. Dorthin kehrt sie zurück und diese Rückkehr wird eine Reise ins Gestern, ins Westberlin der Wendezeit und nach Kroatien, das Land ihrer Eltern.
Eine Suche nach Mias Jugend beginnt und es entsteht das Porträt charakterstarker Menschen wie Zora und deren Sohn Ivo, Mias Großmutter und Mutter, und wie nebenbei erzählt sich die Geschichte zweier Länder Europas, mit denen ihre Leben verwoben sind. Denn all diese Geschichten sind auch Mias Geschichte .

»Jagoda Marinic ist eine großartige Schriftstellerin, ganz nach meinem Herzen.«
Michael Krüger
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,67 MB
978-3-455-81221-3 (9783455812213)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jagoda Marinic ist gebürtige Kroatin und deutsche Autorin und Kolumnistin. Ihr Erstling Eigentlich ein Heiratsantrag (2001) war ein großer Erfolg bei Kritik und Publikum. Für den Erzählband Russische Bücher (2005) erhielt sie den Grimmelshausen-Förderpreis, ihr Roman Die Namenlose wurde vom Spiegel zu den wichtigsten Neuerscheinungen des Jahres 2007 gezählt. Nach Aufenthalten in Zagreb, Split, New York und Berlin lebt Jagoda Marinic derzeit in Heidelberg, wo sie das Kulturprogramm des bundesweit ersten International Welcome Center leitet. 2013 erschien ihr Roman Restaurant Dalmatia, der jetzt als Atlantik Taschenbuch herauskommt.

MIA MARKOVICH


Berlin, 15. Januar 2013

Sie will durch die Straßen von damals gehen, es können nicht viele sein. Zu einer Kindheit gehören vier oder fünf Straßen, zu einer Jugend vielleicht das ganze Viertel oder auch zwei. Es ist nur ein Block, den sie ablaufen müsste, um alles, was sie sehen wollte, zu sehen, einen halben Tag bräuchte es, einen halben Morgen, nicht mehr. Mit ihrer Nikon um den Hals macht sie sich auf den Weg. Von der Bernauer in die Brunnenstraße, vorbei an der jüdischen Synagoge und ihren Wächtern in die Anklamer, dort entlang der kleinen Buchhandlung zum Arkonaplatz, wo sie sich an die Straßenecke stellt, als würde sie gleich von jemandem abgeholt. Doch niemand kommt, nicht einmal ein Fremder biegt um die Ecke und gibt ihr das Gefühl, hier zu sein. Links von ihr ein Café namens Weltempfänger, leer. Sie geht in Richtung Zionskirchplatz, der ihr gefällt, weil eine Kurzgeschichte, die sie im Flugzeug gelesen hat, in einem Zimmer mit Blick auf die Zionskirche spielt. Zur Kastanienallee. Sie macht ein Bild von jedem Straßenschild, an dem sie vorbeiläuft. Es sind schöne Straßennamen. Auch die Schilder sind verziert. Am U-Bahn-Eingang Rosenthaler Platz das letzte Motiv für heute:

DIESES HAUS

STAND FRÜHER

IN EINEM ANDEREN LAND

Kein Punkt. Darüber, in viel kleinerer Schrift:

MENSCHLICHER WILLE KANN ALLES VERSETZEN.

Sie muss ein paar Schritte zurückgehen, um das Haus mit dem Satz ganz aufs Bild zu bekommen. Wenig später hat sie ihr Foto, sitzt hinter Fensterglas und blättert durch die Straßen, Häuser von heute. So, wie sie jetzt in diesem Café sitzt, erinnert sie an ein Edward-Hopper-Motiv, ein bestimmtes. A Woman in the Morning Sun. Das, obwohl sie nicht in einem morgenlichtdurchfluteten Schlafzimmer steht, schon gar nicht nackt, obwohl sie keine Zigarette raucht und auch kein Bett zu sehen ist, unter dem sich schwarze oder rote Pumps vor der Helligkeit des Tages verstecken. Eine zurückhaltende Kellnerin stellt endlich die Tasse Kaffee auf den Tisch. Aus der Vase, die sie zurechtrückt, verströmt eine Amaryllis aussichtslos Frühling.

Die Häuser waren nicht so grau früher. Wenn sie überhaupt grau waren. Von hier zur Gedenkstätte Berliner Mauer wären es nur wenige Minuten zu Fuß. Sie hatte sich fest vorgenommen, sich das anzusehen. So wie das Holocaustmahnmal. So wie unzählige andere Denkmäler. Als wäre sie Touristin hier. Als hätte sie nicht ihre eigene Karte, ihre ganz eigene Topographie der Erinnerungen. In Toronto hörte und las man viel über Berlin. Der englischsprachige Lonely Planet im Rucksack hatte ihr Distanz versprochen, aus dieser Distanz heraus hatte sie sich viel vorgenommen, Distanz schafft Raum. Einen Raum, den sie jetzt, da sie hier ist, nicht füllen kann. Es geht nicht. Manchen Menschen ist das Können ein mühseliger Gegenspieler des Wollens. Statt aufzustehen oder Zweikämpfe mit sich selbst zu führen, malt sie, wie im Halbschlaf, wieder und wieder ihren Namen auf die weiße Serviette: Mija Markovi?. Mia Markovi?. Markovich. Sie streicht die Namen alle nacheinander dick durch und blättert zurück in ihrem Display: DIESES HAUS STAND FRÜHER IN EINEM ANDEREN LAND. Menschlicher Wille kann alles versetzen. Und was ist mit dem Rest?

 

Neben ihrer Profi-Nikon trägt sie die alte Polaroid ihrer Eltern im Rucksack. Als Kind hatte sie diese Polaroid heimlich aus dem Schlafzimmer ihrer Eltern gestohlen. Zu wertvoll war sie damals für Kinderhände und doch gedankenlos verborgen im Nachttisch auf der Bettseite ihrer Mutter, in der zweiten Schublade von oben. Oder war es die oberste? Je wertvoller die Dinge in ihrer Familie waren, desto weniger wurden sie verwendet. Selbst wenn es reine Nutzgegenstände waren, zur Zierde nicht tauglich. Mit Teurem wurde umgegangen wie mit Accessoires. Und weil Kinder selbst mit Accessoires gerne umgehen wie mit Nutzgegenständen, hatte Mija sich mit kindlicher Obsession diese schlecht gehütete und mit Verboten versehene Polaroid ihrer Eltern gewünscht; sobald sie alleine in der Wohnung blieb, stahl sie sich ins Schlafzimmer ihrer Eltern und nahm die Polaroid aus der Schublade, oft nur, um sie in den Händen hin und her zu drehen. Du darfst keine Bilder machen, die Filme sind teuer, hieß es. Schnell rechnete sie sich jedoch aus, dass sie ein bis zwei Bilder pro Film unbemerkt verschwinden lassen konnte, probierte es aus, bis sie sicher war. Und ging eines Tages los.

Sie nimmt die alte Kamera in die rechte Hand, klappt den Sucher auf und erinnert sich, wie sie eines Nachmittags um jeden Preis auf die Straße wollte. Schnee fotografieren. Oder sonst etwas. Beim Gehen hatte sie die Augen weit aufgerissen, als könnte sie so ihre Schritte besser überwachen, ihr Gleichgewicht genauer ausrichten, gewappnet sein gegen das Eis auf den Straßen und die unsägliche Aussicht, zu fallen – mit der neuen Polaroid in der Hand. Nur zwei Bilder wollte sie machen, nur zwei, ganz gleich, wie schön der Schnee war, sie wusste, ihre Mutter bemerkte fast alles, außer eben den kleinsten Abweichungen, die nicht. Das erste Polaroid pustete sie schon trocken, da hatte sie das Haus kaum verlassen, sie hielt es am weißen Rand fest, um keine Fettabdrücke zu hinterlassen, war unzufrieden mit dem Ergebnis. Die zweite Chance wollte sie besser nutzen und lief von einer Straße in die andere auf der Suche nach einem Motiv, dem Motiv, das allen möglichen Ärger und vielleicht eine Ohrfeige wert wäre, oder gar mehr als eine Ohrfeige. Sie dachte damals nur an ein Bild, das sie machen könnte, sie dachte nicht an Straßen und ihre Namen, nur an Plätze, Ecken, Läden, die ihr im Kopf waren. Auf der Karte, die jetzt vor ihr auf dem Cafétisch liegt, fährt sie die Straßen ab, fragt sich, von welcher Straße in welche sie damals wohl abgebogen ist. Sie kann nur schwer rekonstruieren, ob sie aus der Volta- in die Wattstraße bog und dann von der Strelitzer in die Bernauer kam, oder ob sie anders gelaufen ist. Sie weiß beim besten Willen nicht mehr, ob sie an der Mauer entlang oder auf sie zuging, als es geschah. Wenn sie auf die Mauer zuging, dann war sie entweder über die Usedomer oder Stralsunder gekommen und in die Hussitenstraße gebogen. Eines jedoch kommt ihr jetzt, an diesem Tisch, mit großer Sicherheit: Das Erste, was ihr damals auf der Bernauer ins Auge stach, war ein Pulk Menschen von hinten. Rücken. Kaum ein Mensch im Profil. Alle standen sie mit dem Rücken zu ihr. An eine Kamera erinnert sie sich noch, eine große Videokamera stand da, glaubt sie, nachdem sie als Mädchen in die Hussitenstraße gebogen war. Ja, so war es, flüstert sie, fährt dabei die Straßen mit dem Zeigefinger nach: von der Usedomer Straße in die Stralsunder in die Hussitenstraße. Noch bevor sie um die letzte Ecke gebogen war, hatte sie ein lautes Horn gehört. Seinem einfarbigen Tönen folgte ein überwältigender Knall. Sie bewegte sich langsamer, wie in Zeitlupe, vergaß das Motiv, nach dem sie Ausschau gehalten hatte, ein paar Schritte lang ging das gut, ihr Blick klebte an der Stelle, an der der Kirchturm eben, vor ihren Augen, gen Osten gefallen war, in einem Stück war er gefallen, wie ein Klotz. Sie rutschte aus, fiel hin, die Kamera fest gegen den Bauch gedrückt, den Blick auf den gefallenen Turm gerichtet, an dessen Stelle nun eine gefräßige Staubwolke wuchs; zwei kahle Bäume waren das Letzte, was an dieser Stelle noch über die Mauer ragte. Sie sah auf die beiden Straßenschilder, Bernauer Straße und Hussitenstraße, und zu den winterkahlen Bäumen zurück. Ja, so war es, denkt sie, genau so war es, flüstert sie, blickt noch einmal auf die Karte, die vor ihr liegt und dann zurück zu dem Mädchen, das sie an jenem Tag war, sieht, wie es aufsteht und plötzlich, ohne nachzudenken, ein Bild von den beiden Straßenschildern im rechten Winkel schießt: Bernauer Straße und Hussitenstraße. Der Turm der Versöhnungskirche ist an jenem Nachmittag im Januar in den Osten gefallen, das Kreuz auf der Turmspitze, das hat sie erst viele Jahre später auf Bildern gesehen, zeigte dabei in den Westen.

 

Jahre später, schon in Toronto, konzipiert dieses Mädchen als junge Frau eine Ausstellung. Ihre erste eigene. Zu Hause in den Kisten stößt sie auch auf das Polaroid von jenem Tag. Dieses Bild mit den Straßenschildern und ein paar Metern Mauer. Eine weiße Trompete war auf die Mauer gesprüht, die ihr als Kind nicht weiter aufgefallen war. So wie eines der vielen »Die Mauer muss fallen« im gleichen Weiß darunter. Sie hatte dieses Bild, kurz nachdem sie es geschossen hatte, in ihr Tagebuch geklebt, ein Tagebuch, das sie, wie alle ihre Tagebücher, nie wieder gelesen, aber doch mit nach Kanada genommen hat. Von diesem Moment war ihr nur geblieben, wie sie das Bild geschossen hatte, mit diesem Herzrasen, mit dem Kinder Verbotenes tun. Nun sitzt sie mit Rafael im Wohnzimmer, sie wühlen sich durch ihre Vergangenheit in Kisten, bis ihm dieses Bild in die Hände fällt. Es macht ihn neugierig. Rafael fragt, als hätte sie sich viel bei diesem Bild gedacht. Sie antwortet, wie sie fast immer antwortet, lückenhaft und unbefriedigend. Er ärgert sich, will mehr wissen. Das hatte sich angekündigt. Seine Neugier steht seit Wochen im Raum. Fordernd, ungeduldig, rücksichtslos. Statt zu erzählen, wirft sie ihm sein Verhalten vor. Was es ihn angehe, fragt sie. Er steht auf, geht ins Schlafzimmer, zieht sich aus und schmeißt seine Hosen gegen die Wand. Überzogen. Völlig überzogen. Als sie immer noch meint, es gehe ihn nichts an, ihre Vergangenheit gehe ihn nichts an, bricht es aus ihm heraus. Er wolle so nicht mehr. Er habe ein Recht auf eine normale...

»Jagoda Marinic' Roman
'Restaurant Dalmatia' funkelt vor Erzähltalent. Was die 320 Seiten zum Funkeln
bringt, ist die klare, poetische Sprache. «
 
»Feine Poesie aus einer defekten
Welt!«
 
»Jagoda Marinic liebt das
pralle, farbige Leben und schreibt über pralle Charaktere. Das kann man in ihren
neuen Familienroman Restaurant Dalmatia spüren.«
 
»Ihr Roman klingt wie ein feingeschliffenes Kammerspiel: so wirklichkeitsgetreu wie dem Alltag abgelauscht, gleichzeitig so prägnant und verdichtet. Es bedarf großer Kunst, um Unmittelbarkeit zu erzielen!«
 
»Marinic ist mit diesem
episodisch konstruierten Roman, der nostalgisch schwebt und irisiert, eine
eindrucksvolle Suche nach verlorener Zeit gelungen. «
 
»Marinic gibt in ihrem eindringlichen Roman einen lebensechten Einblick in das Leben und Selbstverständnis der unzähligen Einwandererfamilien.«
 
»Ihr neuer Roman setzt den sogenannten Gastarbeitern [ ] ein
Denkmal.«
 
»Jagoda Marinic aber kann
angenehm leicht von einem schwierigen Prozess erzählen.«
 
»Marinic verflicht geschickt das
Persönliche mit dem Politischen.«
 
»Ein sensibler Roman über die
Suche nach den eigenen Wurzeln.«

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