An Land gehen

Erzählungen
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. September 2013
  • |
  • 360 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81229-9 (ISBN)
 
"Schriftsteller-Guru Ben Marcus" (Süddeutsche Zeitung) legt nach seinem hoch gelobten Roman Flammenalphabet einen Band mit Stories vor, die es in sich haben: witzig und beunruhigend, faszinierend und verstörend. Bei Ben Marcus ist Sprache eine ebenso kreative wie subversive Macht, ein Instrument, das die Welt erschaffen oder zerstören kann. Flammenalphabet wurde von der Presse als "literarisches Ereignis" (New York Times) gefeiert, und auch in den Stories ist Marcus' Sprache die eigentliche Sensation, die alltägliche Gegenstände und Gefühle in Geheimnisse und Wunder verwandelt. Wenn die nächtliche Übung für den Katastropheneinsatz plötzlich bittere Realität wird, oder wenn ein Mann auf einem Familienfest von seiner Frau und dem Sohn erzählt, aber niemand glaubt, dass sie existieren - Ben Marcus führt uns direkt in die Untiefen menschlicher Existenz, wo Sprache und Kommunikation ebenso sinnstiftend wie zerstörerisch sind.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,91 MB
978-3-455-81229-9 (9783455812299)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Ben Marcus, geboren 1967, unterrichtet Creative Writing an der Columbia University in New York. Er hat zahlreiche Kurzgeschichten und Essays u. a. im New Yorker sowie drei Romane veröffentlicht. Auf Deutsch erschien von ihm 2012 der Roman Flammenalphabet..

Das Treueprotokoll


Beim Anruf hatte es geheißen, er solle alleine kommen, aber er konnte sie nicht einfach zurücklassen. Vielleicht waren sie auch angerufen worden und erinnerten sich nicht ans Prozedere, was nur Sinn machen würde. Sein Vater hatte es nicht so mit Instruktionen. Schlimmer noch, sein Vater war auf fatale Weise indifferent gegenüber dem, was andere Leute sagten. Die Leute redeten, und das Gesicht des Mannes verlor seinen Ausdruck, so als ob jede Stimme außer der eigenen in einer Fremdsprache spräche. Vielleicht hatte sein Vater das Telefon nicht gehört. Oder vielleicht hatte er die Nachricht fälschlicherweise für einen Streich gehalten und aufgelegt.

Später, mit seinen hilflosen Eltern im Schlepptau, könnte Edward den Fehler, wenn nötig, erklären. Zu diesem Zeitpunkt wäre es schon zu auffällig, sie alleine und aufgeschmissen auf der Straße zurückzulassen, während alle anderen die Stadt verließen.

Weil auf der Morris Avenue vermutlich eine Straßensperre war, parkte Edward an der Ecke Grove und Williams und wanderte durch schlammige Gärten zum Wohnblock. Er verfluchte sich selbst, denn er musste seine Eltern denselben Weg zurückführen, einen nassen Abhang hinunter bis zu seinem Wagen. In den vielen Variationen, die sie im Workshop durchgespielt hatten, hatte er dieses wesentliche Hindernis irgendwie nicht bedacht, sich nicht vorgestellt, seine Eltern durch die Dunkelheit einen steilen, nassen Abhang hinunter zu treiben.

Sein Vater war wach und hatte schon gepackt, streunte durch die Wohnung. Als Edward eintrat, zog sein Vater gerade seinen Mantel an.

»Wo ist Mutter?«

»Kommt wohl nicht mit«, sagte sein Vater.

»Papa.«

»Versuch du’s. Ich hab’s schon versucht. Versuch du’s, wenn du willst. Mich ekelt das an. Ich bin fertig und will gehen. Weißt du, wie oft ich das schon tun musste?«

»Haben sie dich angerufen?«, fragte Edward.

»Hat wer angerufen?« Fragte sein Vater, als müsse er sich verteidigen. Hatte er überhaupt geschlafen? War er die ganze Nacht einfach wach gewesen und hatte gewartet?

»Hat dein Telefon heute Abend geklingelt?«, fragte Edward und versuchte, dabei nicht ungeduldig zu klingen. Es gab Vorsichtsmaßnahmen für genau diese Fälle, die belanglosen Streitereien, die bei Reisen entstehen und die nur im Notfall eskalieren.

»Ich weiß nicht, Eddie. Unser Telefon geht nicht. Ich bin fertig und will gehen. Ich bin immer fertig. Wir sind fast jede Nacht da unten. Warum nicht heute Nacht?«

Edward hob das Telefon ab und hörte einen seltsamen Ton. Eher ein Notrufsignal als ein Freizeichen.

»Du glaubst mir nicht?«, fragte sein Vater. »Ich sag dir, das Telefon geht nicht, und du vertraust mir nicht?«

»Ich vertraue dir. Lass uns Mama holen und losgehen.«

Seine Mutter lag im Bett, die Decke übers Gesicht gezogen. Es fühlte sich falsch an, auf dem Bett seiner Eltern zu sitzen, seine Mutter zu berühren, während sie dalag. Im Stehen konnte er seine Mutter mit dem gewöhnlichen Maß an Unbeholfenheit umarmen und küssen, aber sobald sie lag, schien es unziemlich, wie wenn man eine Leiche berühren würde. Er rüttelte sie dennoch wach.

»Komm, Mama, lass uns gehen. Zieh dich an.«

Sie antwortete unter der Bettdecke, mit einer Stimme, die völlig wach klang. Wach und genervt.

»Ich bin zu müde. Ich komme nicht mit.«

Es war ihnen gesagt worden, dass alte Leute zu Zeiten wie diesen gerne auf stur schalten. Keine andere Bevölkerungsgruppe weigert sich so häufig zu gehen. Sie verstecken sich in ihren Häusern, warten in der Dunkelheit ihrer Gärten, während ihre Häuser durchsucht werden. Oft bitten sie um ihren Tod. Manche bitten nicht darum. Sie nehmen die Sache selbst in die Hand. Aber es gab ein paar kleine Kniffe, die man anwenden konnte, um sie zu überzeugen, und Edward hatte einige davon im Workshop gelernt.

»Mama, du weißt nicht, was du sagst. Hier willst du wirklich nicht bleiben, das versichere ich dir.«

»Hab ich’s dir nicht gesagt?«, fragte sein Vater aus dem Flur heraus.

»Sag ihm, er soll still sein«, sagte seine Mutter.

»Sei du still«, bellte sein Vater. »Sag du mir nicht, wann ich still sein soll.«

»Sei still«, sagte sie leise.

Sie warteten im Schlafzimmer seiner Eltern, wohin er als Kind gerne gekommen war, um mit ihnen zu kuscheln, tausend Jahre her, und er konnte nicht anders, als auf der Seite seiner Mutter zu stehen. Es wäre jetzt so schön, wieder einzuschlafen. Wenn man nur dürfte.

»Mama, wenn du jetzt nicht mit uns mitkommst, werden sie herkommen, und wer weiß, wo du dann schlafen wirst. Oder du wirst gar nicht schlafen. Dann hast du sie am Hals, und ich bin mir sicher, dass du das nicht mögen wirst. Es wird nämlich fürchterlich sein. Willst du, dass ich dir sage, was passieren wird?«

Er konnte seine Mutter unter der Decke atmen hören. Sie schien zuzuhören. Er machte eine längere Pause, um die Spannung zu steigern.

»Ich könnte es dir von A bis Z erzählen. Willst du das? Ich würde es lieber bleiben lassen.«

Etwas Unartikuliertes, das als Kapitulation durchgehen konnte, war zu hören. Edward verließ das Zimmer, um ihr Zeit zu geben, und es dauerte nicht lange, bis sie mit finsterem Blick im Flur zu ihnen stieß. Sie hatte sich einen Mantel über ihr Schlafkleid geworfen und trug eine kleine Tasche.

»Okay?«, sagte Edward.

Sie antworteten nicht, folgten ihm nur nach draußen, wo die Straßen wie leergefegt waren.

»Wo ist dein Wagen?«, grummelte seine Mutter.

Er erklärte, was sie zu tun hatten, und sie sahen ihn an, als sei er verrückt.

»Seht ihr irgendwelche anderen Wagen hier?«, flüsterte er. »Und wisst ihr, warum nicht?«

»Tu nicht so, als wüsstest du, was hier vor sich geht«, flüsterte sein Vater, während sie losstapften. »Du tappst genauso im Dunkeln wie wir. Du hast keine Ahnung, was wirklich passiert. Gar keine Ahnung. Verdammter Schlaumeier. Nenn mir eine Tatsache. Los, trau dich.«

Als sie den Hügel erreichten und den Abstieg nehmen mussten, stürzte seine Mutter immer wieder. Sie fiel hin und schrie dann so laut auf, als hätte sie sich ernsthaft verletzt, landete auf ihrem Hintern im Gras, rutsche dann ein wenig hinab wie auf einem Schlitten. Aber konnte der Schmerz wirklich so groß sein? Er hatte sie vorher nie vor Schmerzen schreien hören, und es war fürchterlich. Sein Vater ging neben ihr her und hielt sie am Arm fest, aber sie war der größere Elternteil, und wenn sie stolperte, zog das seinen Vater mit hinunter, und er konnte sie nicht halten. Er verlor die Nerven und schrie sie ständig an, und schließlich sagte sie leise, sie würde ihr Bestes geben. Das tat sie wirklich.

»Ich kann dich halt nicht tragen!«, schrie er.

»Dann lass es«, antwortete sie und stand auf und versuchte, alleine zu gehen, aber sie fiel wieder hin, mit einem furchtbaren Schrei, und schlitterte durch den Matsch.

Im Auto weinte sie, und Edward schämte sich. Das war angeblich erst der leichte Teil.

 

Die Turnhalle war überfüllt. Ein Motor dröhnte, der wohl der Generator sein musste, denn sonst hätte man zu diesem Zeitpunkt schon längst keinen Strom mehr gehabt. Sie meldeten sich an, suchten dann ihre Siedlung, aufgeteilt in einzelne Viertel. Das war die Übung. Edward hatte eine andere Siedlung als seine Eltern, was sie diskutierten und was er ihnen unermüdlich zu erklären versuchte, aber sein Vater hatte Probleme mit der Terminologie.

»Das ist keine Siedlung«, sagte er.

»Okay, das meine ich auch, aber so nennen sie es halt.«

»Das ist doch lächerlich. Wir werden da wie lange, ein paar Stunden vielleicht, bleiben, noch nicht mal, und sie nennen das eine Siedlung? Eine Siedlung ist ein Ort, wo Leute anhalten und sich niederlassen. Weißt du, man wohnt in einer Siedlung.«

»Papa, ich glaube nicht, dass das jetzt wichtig ist. Was wichtig ist, ist dass du das Gebiet findest, wo du sein sollst, und dass du dann dahin gehst.«

»Aber das ist nicht das Gebiet, wo du sein wirst, richtig?«

»Richtig. Aber ich bin in der Nähe. Ich kann nach dir und Mama schauen.«

»Das weißt du doch gar nicht, Eddie. Wie sollst du das wissen können?«

 

Als Edward seine Eltern zu ihrer Siedlung brachte, wollte man sie nicht aufnehmen. Eine junge Frau, von der er wusste, dass sie Hannah hieß, hatte das Klemmbrett in der Hand. Nachdem sie die Seiten durchgegangen war, schüttelte sie mit dem Kopf.

»Sie sind nicht auf meiner Liste.«

»Sie wohnen in diesem Viertel, in der Sheldon Street 429, Apartment 4C.«

In der Menge, die schon registriert worden war, befanden sie mehrere Nachbarn seiner Eltern und kauerten an der Wand. Da waren auch Rentner aus dem Gebäude, in dem seine Eltern wohnten. Nachbarn, die seine Eltern kannten. Hier waren sie richtig. Er winkte, aber die, die ihn sahen, blickten weg.

Hannah starrte sie hinter ihrem Klemmbrett an. Er fühlte förmlich, wie das Protokoll ihren Geist überflutete. Eine Adresse, einfach so vorgetragen, bot keinerlei Beweis. Jeder könnte eine solche Information liefern. Edward war nur ein Mann, der redete.

»Wollen Sie ihre Personalausweise sehen?«, fragte er ein wenig zu barsch. Nicht, dass er sie dabeigehabt hätte.

»Nein. Ich will ihre Namen auf dieser Liste sehen, und weil ich das nicht tue, kann ich sie nicht aufnehmen. Ich habe hier den striktesten Job der Welt. Wenn Sie ein Problem haben, sollten Sie das mit Frederick bereden, aber ich glaube, ich weiß, was er sagen wird.«

Unter ihrem Schal sagte seine Mutter: »Eddie, es ist in Ordnung, wir gehen mit dir zu deiner Siedlung.« Sie klang erleichtert. Das wäre die Lösung...

»Ein Schriftsteller mit unfassbar reichen sprachlichen Möglichkeiten. Das hat Wut, Wucht und Klarheit. An Land gehen strahlt eine im Wortsinn unheimliche Kraft aus.«
 
»Aus den einfachsten
Konstellationen schlägt er irritierende Funken und lässt alle expliziten
ästhetischen Programme hinter sich.«
 
»Marcus schlägt aus den
einfachsten Konstellationen maliziöse Funken und glänzt auch durch
Selbstironie.«
 
»Er [.] gilt als Protagonist
einer ungebrochen postmodernen Literatur, die dystopische, ja apokalyptische und
postapokalyptische Züge trägt.«
 
»Es schürt die
Einbildungskraft, erschüttert die Lesegewohnheiten, wirbelt stereotype
Denkmuster durcheinander. Man nimmt das durch die Alltäglichkeit Übersehene
plötzlich wieder wahr: weil man es in einer überraschenden Konstellation
erblickt.«
 
»Die Storys von Ben Marcus sind
faszinierend und beunruhigend zugleich.«

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