Rote Schuhe

Eine deutsche Geschichte
 
 
neobooks Self-Publishing
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Januar 2018
  • |
  • 152 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7427-5587-2 (ISBN)
 
Die Handlung könnte an vielen beliebigen Orten stattgefunden haben, jedoch wäre jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen rein zufällig. Um die Verstrickungen der Protagonistin deutlich zu machen, beginnt die Geschichte weit vor der Geburt des Mädchens. Die Familie lebte seit über fünfhundert Jahren auf einem großen Hof in Schleswig-Holstein. Das Mädchen - als Enkelin des Bauern auf dem Hof großgeworden - erlebt den Wandel des einstigen Dorfes hin zu einem großstädtischen neuen Stadtteil. Es ist dem Kind beinahe, als ob ein mächtiger Drache über das Land flöge, alles mitnimmt und verschluckt, was ihrer Kindheit Vertrauen gab: Der sicher geglaubte Familienverband und das wunderbare weite Land, das sie durchstreifen konnte. Bei all den Veränderungen steht sie ohnmächtig daneben. Nach der Wandlung des Dorfes beginnt eine neue Zeit für das heranwachsende Mädchen, das nach und nach erfährt, wie die Familie mit der deutschen Vergangenheit umgegangen ist. Schwankend zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, macht sie sich auf die Suche nach der eigenen Identität.

Nomi Manta ist seit vielen Jahren aktiv als Musikerin, Lehrerin, Malerin. Zur Musik, der Bewegung und der Malerei kommt nun auch die Sprache als künstlerisches Element dazu. Kunst wird von Nomi als ein in Form gegossener Ausdruck verstanden, der - von innen nach außen gebracht - Freiheit verschafft und immer wieder neuer Aufbruch ist. Nomi Manta lebt und arbeitet als freie Künstlerin in Reinbek bei Hamburg.
  • Deutsch
  • 0,67 MB
978-3-7427-5587-2 (9783742755872)

Prolog



Wieder hat sie den Weg aus dem Süden in ihre kleine Heimatstadt Langenbruch gefunden. Mit ihrer alten Freundin Nözi hatte sie vor ein paar Jahren freundschaftlich vereinbart, sich einmal im Jahr zu treffen, um ihre Verbindung und die alten fröhlichen Zeiten am Leben zu halten. Jedes Jahr wechselten sie dabei den Ort: Einmal kam Nözi nach zu ihr in den Süden, im anderen Jahr trafen sie sich in der gemeinsamen Heimat Langenbruch, der Nözi Zeit ihres Lebens treu geblieben war.


In diesem Jahr - 2017 - war sie auf Besuch in ihrer alten Heimat. Während sie heute Nachmittag im betagten Cafe Möller mit den historischen Polsterbänken, den verschnörkelten Spiegeln und den Tischen mit den marmornen Platten, dem immer noch belebten Treffpunkt der damaligen Schulfreundinnen, auf Nözi wartet, um ausgiebig von den Erlebnissen des letzten Jahres zu erzählen und allmählich zu den schon so oft wiederholten lustigen Geschichten wie immer voller Vorfreude überzugehen, rollt, schiebt und schnauft doch plötzlich und leibhaftig die dicke Inge herein! Immer, wenn sie nach Langenbruch kommt, erscheinen da auch die Erinnerungen an die alte Familiengeschichte vor ihrem inneren Auge, an denen sie sich das eine Mal freut und die vielen Erinnerungen an das schöne Land und die freien Kindertage genießt, die Gedanken daran aber das andere Mal um so bitterer von sich zurückweisen will. Und nun - mit dem plötzlich leibhaftigen Auftauchen der dicken Inge, die - weit über die achtzig hinaus, trotzdem kaum verändert und ganz "Grande Dame" - flankiert von einigen "Hofdamen", tatsächlich im Cafe Möller erscheint, wird sie von ihren Gefühlen buchstäblich überrollt.


Bei Inges Anblick - nur aus den Augenwinkeln ist da, wie ihr scheint, nach schier unendlich langer Zeit trotzdem ein schlagartiges Erkennen wegen der besonderen seit Jahrzehnten bekannten Körperhaltung: vornübergebeugt sich mit den Unterarmen auf ein Gefährt stützend, mit dem ewig herrischen Gesichtsausdruck, der jedem entgegen schreit: Schaut her! Ich bin es! - setzt bei ihr akut der Fluchtreflex ein, sozusagen Säbelzahntiger. Adrenalin schießt ihr in den Solarplexus oder sonst wohin und der ganze Körper schreit: Flucht!


Während die dicke Inge sich platzheischend frontal und vornübergebeugt - diesmal auf einen Rollator gestützt - direkt auf sie zu bewegt, doch ohne ihre Verwandte zu registrieren, da mit Bestplatzsuche beschäftigt, ergreift sie reflexartig ihre Tasse mit dem Milchkaffee, fasst Tasche und Mantel - und ab. Wohin? Ab in die Tiefen des Cafés, wo die dunklen Sessel etwas abseits den Blicken der anderen Gäste entrückt stehen. Hinein sinken, aufseufzen, Atem holen, Erleichterung, bis der Herzschlag sich beruhigt.


Sie will nicht dazu gezählt werden. Wozu denn? Nein, schreit alles in ihr. Was ist das? Was ist los? Was für eine Reaktion! Warum bloß Tiger Säbelzahn?


Die dicke Inge war einmal ihre Patentante, eigentlich und noch dazu Kusine, 17 Jahre älter. Da die Täuflingseltern über ein Jahr brauchten, um ihrem Kind einen Namen zu geben, d.h. sie stritten sich ein Jahr lang darum, wem die Namensgeberhoheit zustände, war die dicke Inge bei der Taufe immerhin schon 18 und selbst alt genug, um durch Mutterschaft geadelt zu werden, wie Inges Mutter und deren Kusine, die Täuflingsmutter, befanden. Inge sollte durch diese Ehrung im Familienkreis einerseits auf den Geschmack von Mutterschaft kommen, andererseits eine Aufwertung erfahren und einmal in den Familienblickpunkt gerückt werden. Die beiden Mutterkusinen wollten ihr an diesem Tag einen etwas herausgehobenen Platz zuweisen und sie dabei - zwei Fliegen mit einer Klappe schlagend, wie sie meinten, - auf ihre zukünftige Rolle einstimmen.


Die Taufe war insofern mehrdeutig, als das kirchliche Fest in diesem Kreis vor allem eher unchristlich, natürlich unausgesprochen, dazu diente, sich selbst in festliches und wegen des niedlichen Täuflings eitles Licht zu rücken und die große Verwandtschaft dabei zuschauen zu lassen. Die Mutterkusinen wollten Inge, damals noch schlank, ein wenig an diesem Glanz teilhaben lassen. Immerhin.


Die dicke Inge also - eine brave, in jungen Jahren sehr hübsche, sportlich-schlanke und sachorientiert lernfähige junge Dame - nahm das Mandat - familienverstrickt geschmeichelt - an. Das war's dann aber auch mit der Patenschaft. Das Taufkind hat heute bis auf das herzige Foto, auf dem sie von der damals schlanken Inge auf ihrem Schoß sitzend geküsst wird, keine Erinnerung an irgendeine patenschaftliche Begegnungen. Geschenkt.


Für Inges Mutter, eine arme Kriegerwitwe, war es wichtig, die verwandtschaftlichen Bande mit der wohlhabenden und angesehenen Familie zu festigen. Da kam doch so eine feine Patenschaft eben recht. Es ist ja nicht von Schaden, mit reichen Leuten verwandt zu sein. Ingeborg, was ihr wahrer Name war, und ihre beiden Brüder zogen eine im Volksmund sogenannte "Arschkarte", was eine Schicksalswendung meint, die auch anders, auf jeden Fall glücklicher, hätte ausgehen können. Hier: Der Vater der drei Geschwister - Landgerichtsrat a.D. - verlor sein Leben als begeisterter Soldat schon 1941 im Krieg, als die drei Kinder noch klein waren. Verunglückt. Köpper ins Flache. Gleich tot. "Nicht mal richtig gefallen", bemerkte der Täuflingsvater - SS-Oberstleutnant in lebenslanger Wartestellung - gern abfällig und süffisant, wenn er sich mit Ingeborgs Brüdern, die beide Soldaten in der neuen bundesdeutschen Friedensarmee geworden waren, gönnerhaft über das Kriegshandwerk im Besonderen und Allgemeinen austauschte. Die Inge-Brüder liebten diese Unterhaltungen und besuchten den alten SS-Mann nur zu gern in ihren schmucken Uniformen, um mit ihm im "Herrenzimmer" zu verschwinden und zu fachsimpeln. Man gehörte eben - trotz allem - zum ewigen deutschen Adel und das sollte auch - einmal geschworen - auf ewig so bleiben!


Ingeborg und ihre Brüder waren also, als sie heranwuchsen, arm und brauchten jeden Pfennig. Die anerkannte kleinberentete Kriegerwitwe mit ihren drei Kindern, was die Mutter trotz des doch allzu übermütigen aber als Kriegsschaden anerkannten Köppers des Landgerichtsrats war, konnte ihren Nachkommen nicht allzu viel bieten. Tja, so können die Karten des Lebens gemischt werden!


Nach einem glänzenden Abitur, das damals noch nicht allzu viele Mädchen erreichen durften, war Inge der Wunsch nach einem Jura-Studium wegen Geldmangels verstellt. Die Mutter hatte wiedergeheiratet und der neue Ehemann sah sich in keinster Verantwortung seinen Stiefkindern gegenüber. An außerfamiliäre Studiumsfinanzierung wurde selbstverständlich kein Gedanke verschwendet. Das gebot schon der Familienstolz. Es reichte aus den genannten Gründen für Inge insofern nur zu einer Ausbildung zur Gerichtsschreiberin, wobei man in den Lehrjahren schon ein kleines Gehalt bekam. Inge wollte ja partout einen Beruf haben. So war sie, noch im schlankem Zustand, immerhin bei Gericht angekommen und ihrem Vater, dem Landgerichtrat a.D. selig, nah. Später - schon als Patentante - erwischte sie bei Gericht den Einser-Juristen Wolfgang und wurde, wenn auch nicht die Frau eines Landgerichtsrates, so doch zumindest die eines Staatsanwaltes. Verheiratet und zwei Söhne später, von denen der eine spielsüchtig wurde und seine Familie in den finanziellen Abgrund trieb - brachen bei ihr alle Dämme und Fugen. Ihr vormals schlanker und sportlicher Körper ging aus dem Leim und ihr Mund mit den vollen ererbten Lippen des geköppten Landgerichtsrates nahm eine ständig beleidigte Form an. Ihre Lippen stülpten sich in ewig eingeschnapptem Vorwurf in die Landschaft. Das einst hübsche Mädchen war nicht mehr zu finden, war eben dem Lebensstrudel begegnet und hatte sich dabei allmählich in die dicke Inge verwandelt.


Inge wurde so dick wie selten gesehen und beugte sich seit jener Zeit bei jedweder Bewegung über einen Schiebewagen, sei es ein Einkaufswagen, der sie auch durch Straßen und über Plätze trug, sei es ein Kinderwagen in ihren Anfangsjahren oder später ein Rentnerrollator, den sie sich schon sehr früh zulegte, um ihre Massen durch die Gegend zu schaukeln. Ihre Hybris steigerte sich mit jedem Pfund, das sie zulegte. Mit ihrem dreiviertellangen Seehundsmantel - zu mehr Länge hatte das Geld des Einser-Juristen Wolfgang damals nicht gereicht - erzählte, als ob sie es genau wüsste, die Täuflingsmutter - schob sie sich jahrein - jahraus gebückt auf ihre Unterarme auf Gefährte jeglicher Couleur durch die Gegend, wo sie nach und nach ein prägender und geschwätzig-tratschender Teil ihrer Lebensumwelt wurde. Aber immer mit Haltung, bitte schön!


Dem Patenkind ist bei der Begegnung heute im Cafe Möller so unendlich elend und schwach zumute und so überaus stark ist der körperlich kräftige Fluchtreflex. Sie sieht schmerzlich berührt in die Abgründe ihrer Familiengeschichte. Dabei hatte der räumliche und zeitliche Abstand zu der unseligen Geschichte doch zu ruhigeren Gefühlen der Vergangenheit gegenüber geführt, und ihr Raum und Kraft für ein eigenes tatkräftiges und freies Leben gegeben.


Aber nun heute im Cafe! Wie stark ist alles auf einmal wieder da! Die dicke Inge! Diese plötzliche Sicht auf die unförmige, dabei trotz allem noch mit dem gleichen überheblichen Blick ausgestattete Person bringt in ihr die alten Schockzustände zum Schäumen, die sie lange für überwunden gehalten hatte.


Für die Besucherin erscheint Inge wie ein Symbol für die einst große, heute so schändlich zerteilte und verzerrte Familie. Inges Bruder...

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