Der Mongole - Tod eines Nomaden

Kriminalroman
 
 
Blanvalet (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. November 2021
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-26363-8 (ISBN)
 
Weit draußen in der Steppe ist es einsam und friedlich. Doch das Böse findet dich überall ... Abgebrüht, hochintelligent und vom Leben gezeichnet: Wer Wallander, Reacher und Adamsberg mag, wird Yeruldelgger lieben!Yeruldelgger hat genug. Erschöpft vom aufreibenden, oft sinnlosen Kampf gegen das Verbrechen lässt er die Polizei in Ulaanbaatar hinter sich und zieht sich mit seiner Jurte in die Weiten der Steppe zurück. Hier will er wieder einen Zugang finden zu den Traditionen seiner Vorfahren. Doch Yeruldelggers Ruhestand ist nur von kurzer Dauer. Er stößt auf eine Reihe von Morden, die alle alten nomadischen Ritualen zu folgen scheinen. Und er muss erkennen, dass er selbst hier, weit weg von der Hauptstadt, nicht vor Korruption und Verderben flüchten kann. Denn die Schätze der Steppe sind längst zum Spielball internationaler Spekulanten geworden, für die das Leben der Nomaden nichts wert ist. Yeruldelgger muss noch einmal alles aufs Spiel setzen, um die zu schützen, die es nicht selbst können - und um endlich seine eigene dunkle Vergangenheit zu überwinden. Die unabhängig voneinander lesbaren Romane um Kommissar Yeruldelgger: Der Mongole. Das Grab in der Steppe Der Mongole. Kälter als der Tod Der Mongole. Tod eines Nomaden
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Blanvalet
  • 1,58 MB
978-3-641-26363-8 (9783641263638)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Ian Manook arbeitete als Journalist und leitete eine Kommunikationsagentur, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Sein Debütroman »Der Mongole. Das Grab in der Steppe« ist mehrfach preisgekrönt, unter anderem wurde er mit dem renommierten Krimipreis Quais du Polar ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Ian Manook lebt in Paris.

1

. Jamukha

In prekärem Gleichgewicht kroch der kleine blaue russische Allradbus zur Kammlinie hinauf. Während seine marode, schlampig gestrichene Karosserie gefährlich schwankte, fuhr er mit den weichen Reifen über warme Steine, die im Wegspritzen gegen das Fahrwerk knallten. Der steile Hang und die Erschütterungen beeinflussten sein Vorankommen sehr viel mehr als die Bemühungen des Fahrers, dessen riesige Pranken das dünne elfenbeinfarbene Bakelit-Lenkrad umklammerten.

»Wir kippen noch um und krachen ins Tal, wenn du so weitermachst. Und ich sitze auf dem gefährlichen Beifahrersitz.«

Bei jedem Knarzen der gebeutelten Federung verschüttete Al lauwarmen Chinggis-Wodka auf sein Yes We Khan-T-Shirt.

»Wenn wir uns überschlagen, dann sterben wir alle, nicht nur du«, erwiderte Zorig philosophisch. Er hatte seinen riesigen Körper zusammengekrümmt, damit er ins Auto passte, die Knie am Lenkrad, den Kopf an der Windschutzscheibe. »Aber das wird nicht passieren. Diese Karren sind wie Zecken. Die saugen sich an der Straße fest und lassen nicht mehr los.«

»Bis auf damals, als wir mit dir am Steuer im Süden von Chjargas in den Airag-See gekippt sind«, erinnerte ihn Naaran. Er krallte sich am Kunstleder der Rückbank fest, während sein Kopf immer wieder gegen das unverkleidete Metall knallte.

»An dem Tag waren die Bremsen schuld.«

»Und was ist mit der Schlucht im Khangai Nuruu?«, hakte Erwan nach, der vom Geholper des russischen Kleinbusses hin und her geworfen wurde. »Waren es da vielleicht auch die Bremsen?«

»An dem Tag waren es die Reifen!«, knurrte Zorig.

»Und als wir auf der Fahrt nach Tschor von der Straße abgekommen sind? Erinnerst du dich an diese lange, gerade Strecke, was war es da?«

Keine Antwort.

»Lag es da vielleicht rein zufällig an den Elefanten?«

Alle prusteten los, bis auf Zorig, der mit dem schlingernden Fahrzeug kämpfte.

»An dem Tag hast du uns doch tatsächlich eine Böschung hinuntergejagt, um einem Elefanten auszuweichen, war es nicht so?«

»Und wenn schon, ich habe mich getäuscht, so was kann doch mal vorkommen, oder? Ich weiß doch, dass es in der Steppe keine Elefanten gibt. So bescheuert bin ich auch wieder nicht. Das muss was anderes gewesen sein, ein Yak oder ein Kamel oder was weiß ich. Ich war müde.«

»Müde? Hackedicht warst du! Sturzbetrunken, voll wie eine Schale Blaubeeren und so prall wie eine Yak-Blase! Du solltest besser mich fahren lassen«, meinte Naaran besorgt.

»Nie im Leben. Das ist mein Auto. Ich fahre.«

»Zorig, wenn die andere Seite des Hügels nicht befahrbar ist, dann können wir nie im Leben umkehren, dann geht noch nicht mal mehr rückwärtsfahren.«

»Klar können wir. Der kommt überall durch. Außerdem kommen nach den Dingen immer andere Dinge.«

Das war einer von Zorigs Sprüchen. Eine unumstößliche Feststellung, welche die Zukunft manchmal tatsächlich bestätigte. Al, Naaran und Erwan suchten aus Prinzip nach einer Erwiderung, doch sie hatten den Kamm des Hügels erreicht, und das, was sie vor sich hatten, machte sie sprachlos. Zorig brachte das Fahrzeug mit einem Satz, der es fast in die Schlucht hinunterbefördert hätte, zum Stehen und presste sein Riesengesicht an die von Steinschlägen übersäte Windschutzscheibe.

»Großartig«, bemerkte er anerkennend.

»Makaber vielleicht«, murmelte Al.

»Morbide«, korrigierte Naaran von der Rückbank.

»Was macht das für einen Unterschied?«, wollte Erwan wissen und quetschte den Kopf zwischen die Schultern von Zorig und Al, um besser zu sehen.

»Makaber lässt einen Tod unter tragischen Umständen vermuten, morbide hingegen hat nichts mit dem Tod zu tun. Das ist einfach nur was Perverses und Abnormales«, erklärte Al.

»Na, dann ist es aber eher morbikaber«, befand Zorig.

»Und schön.«

»Morbikaber und schön«, stimmten die beiden anderen zu und stiegen aus.

Auf einem Felsen vor ihnen lag ein nackter Mann lang ausgestreckt auf dem Rücken, als wäre er um den Stein gewickelt. Der gnadenlos überstreckte Körper schmiegte sich perfekt an den nahezu runden Felsen, einschließlich der an den Schultern ausgekugelten Arme, die von einem schweren, an den Handgelenken des Mannes festgebundenen Stein über den im Nacken liegenden Kopf nach hinten gezogen wurden. Unten auf der einen Seite des großen Felsens waren seine Füße befestigt, auf der anderen schwebte der Block reglos über dem Abgrund.

»Ist er tot?«, fragte Erwan, wagte aber nicht, näher heranzugehen.

»Wer hat das gemacht?«, knurrte Zorig.

»Ich hab keine Ahnung. Vielleicht eine Art Ritualmord .«

»Ich rede doch nicht von dem Typen, ich rede von meinen Zeichnungen!«

Erwan drehte sich um und stellte fest, dass seine drei Begleiter damit beschäftigt waren, die Sachen aus dem Bus zu räumen. Staffeleien, Canson-Papier, Aquarellfarben, Kohle und Bleistifte. Nur Zorig blickte nach hinten, weit hinter den alten UAZ, dessen Türen in Ermangelung einer Klimaanlage mit Holzkeilen aufgehalten wurden.

»Meine ganzen Skizzen, vom Winde verweht. Verdammt, ihr hättet wenigstens ein bisschen darauf aufpassen können!«

»Was habt ihr denn vor?«, fragte Erwan verwundert.

»Wir zeichnen ihn natürlich, was für eine Frage, ein solches Modell!«, antwortete Al.

»Aber er ist tot!«, warf Erwan ein.

»Na eben, so reglos, wie er da liegt, ist er doch perfekt dafür. Ihm läuft die Zeit nicht mehr davon, und uns damit auch nicht.«

Erwan wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Dabei kannte er sie doch. Seit zehn Jahren reiste er aus Frankreich quer durch die Mongolei zu ihnen für diese nomadischen, urtümlichen Sessions. Aus der heimischen Bretagne, um genau zu sein. Zwei oder drei Monate im Jahr, um draußen in der Natur zu malen, ohne Zwang, ohne Programm, ohne feste Route. Frei und ungebunden. Vor zehn Jahren hatte er sie in einem Künstlerloft kennengelernt, mitten im Winter. Sie hatten einen verlassenen Flügel des Gewerkschaftsgebäudes besetzt, genau gegenüber dem Regierungspalast. Relikte einer sowjetischen Vorliebe für proletarische Künstler, kombiniert mit der Fähigkeit der Nomadenseele, sich leer stehende Räume anzueignen. Natürlich hatte die Gier der Investoren nach Leerflächen im Herzen der Stadt sie inzwischen von dort vertrieben, damals jedoch hatte Zorig ihn dort aufgenommen und über seine Zeichnungen von den Küsten der Bretagne und der Normandie gestaunt. Er hatte ihn den anderen vorgestellt, und zehn Tage lang hatten sie wie Wahnsinnige getrunken und gemalt. Als neugieriger Tourist hatte Erwan die Idee zu ihrem ersten Ausflug in die Wildnis gehabt. Er hatte alle in seinen gemieteten Landcruiser gepackt und war mit ihnen in die weitläufige verschneite Steppe gefahren. Auf Anraten von Zorig, den dieses Projekt begeisterte, fuhren sie über Nalaich nach Osten, bogen dann nach Süden ab und wandten sich schließlich gen Westen nach Dsuunmod, wo sie, ebenso inspiriert wie betrunken, ihre Zelte vor dem Bergmassiv des Bogd Khan aufschlugen. Ganze Tage malten sie, wie besessen von den sie liebenden Musen. Verteilt über die Steppe standen sie mit ihren Staffeleien, eingepackt wie Polarforscher aus einem anderen Zeitalter, vor dem heiligen Berg, der in der flachen, kalten Sonne aus dem Süden in ganzer Pracht erstrahlte. Dort hatte Zorig zum ersten Mal Wodka ins Malwasser für seine Aquarelle geschüttet, damit es nicht gefror. Und am Abend hatten sie in ihrem notdürftig errichteten Biwak die neue Freundschaft besiegelt, indem sie die farbige Brühe rituell miteinander teilten, um in ihren dünnen Schlafsäcken der Kälte standzuhalten.

Erwan versuchte, sie zur Vernunft zu bringen. »Wir müssen den Notarzt rufen«, sagte er.

»Welchen Notarzt, der ist doch tot!«

»Dann wenigstens die Polizei.«

»Du kennst doch die Regel, wir fahren immer ohne Handy los.«

»Tja, dann bin ich aber froh, dass ich geschummelt habe«, gab der Franzose zu und zog sein Handy aus der Hosentasche.

»Ich glaub's einfach nicht!«, knurrte Zorig, entriss ihm das Handy und zerschmetterte es an einem Felsen. »Erwan, das ist unsere Regel: Wir ziehen los und malen, sonst nichts. Abgeschnitten von der übrigen Welt. Das ist die nomadische Kunst, verdammte Scheiße!«

»Was, die nomadische Kunst, welche nomadische Kunst denn?«, fragte Erwan genervt, der stinkwütend vor seinem zerschmetterten iPhone 6 stand. »Jeder verflixte Reiter hat ein Smartphone in der Tasche seines Deel und eine Parabolantenne an der Tür seiner Jurte. Es fehlt nur noch, dass sie einen GPS-Empfänger am Sattel hängen haben. Also was soll das Gelaber von wegen nomadische Kunst?«

»Das ist die Kraft unseres Projekts, du kleiner, beschissener Bretone«, antwortete Zorig. »Die Rückkehr zur Steppe. Die Reinheit des Strichs für die Reinheit des Ursprungs. Die Grundfarbe. Das Licht von einst, das die Nachrichten, die Trauer und die Hochzeiten, die Schmerzen und das Lachen, die Schreie und das Weinen durch Raum und Zeit trug, noch bevor es Handys gab!«

»Hey, wohin ist Naaran denn verschwunden?«, unterbrach Al den Streit. Er hatte seine Staffelei unter dem Arm und seine sämtlichen Pinsel in der Hand.

»Ich bin hier!«

Die drei beugten sich über den Abgrund, aus dem die Stimme heraufschallte. Ihr Freund hatte sich auf dem steinigen Hang eingerichtet, direkt vor dem Felsen, an dem die Leiche mit dem Stein befestigt war. Schweigend kamen sie überein, dass die...

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