Covid-19: Was in der Krise zählt. Über Philosophie in Echtzeit

[Was bedeutet das alles?]
 
 
Reclam (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 6. Mai 2020
  • |
  • 120 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-15-961717-6 (ISBN)
 

Was tun, wenn existenzielle Entscheidungen ohne sichere Datengrundlage und in größter Eile zu treffen sind? Auch Experten sind vor Denkfehlern nicht gefeit. Hier kann 'Philosophie in Echtzeit' helfen. Denn Erkenntnistheorie, Risikoethik und Entscheidungstheorie können beim Ausloten des Ungewissen Klarheit und Orientierung bieten. Am Fall der Corona-Pandemie zeigen die Autoren mit einem Ausblick auf Klima- und KI-Risiken: Was können wir vor, während und nach der Katastrophe wissen - und wie können wir strategisch handeln.

  • Deutsch
  • 0,66 MB
978-3-15-961717-6 (9783159617176)
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Nikil Mukerji ist Philosoph und Ökonom sowie Geschäftsführer des Studiengangs "Philosophie Politik Wirtschaft" an der Universität München. Er ist außerdem Mitglied einer interdisziplinären Forschungsgruppe, die Strategien zum Umgang mit der Covid-19-Pandemie und anderen Katastrophenrisiken entwickelt.

Adriano Mannino ist Philosoph und Sozialunternehmer. Er leitet das Solon Center for Policy Innovation der Parmenides Stiftung in München-Pullach. Er ist außerdem Mitglied einer interdisziplinären Forschungsgruppe, die Strategien zum Umgang mit der Covid-19-Pandemie und anderen Katastrophenrisiken entwickelt.

I Zur Philosophie der Katastrophe


1 Wuhan und wir


China


Wir schreiben den 31. Dezember 2019. China benachrichtigt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) über eine mysteriöse Lungenkrankheit, die in der Provinz Hubei aufgetreten war. Wenig später ist die Ursache erkannt: ein neues Coronavirus, SARS-CoV-2. Als Hauptsymptome der vom Virus verursachten Krankheit - Covid-19 - werden Fieber, trockener Husten und Atemnot ausgemacht. Offenbar ist in vielen Fällen infolge der akuten Atemnot eine Hospitalisierung notwendig. Aufgrund der vermutlich fehlenden Herdenimmunität ist absehbar, dass es zu einer exponentiellen Ausbreitung des Virus kommen kann: Jeder Erkrankte wird mehrere Menschen anstecken, die ihrerseits mehrere Menschen anstecken werden, und so weiter - eine explosionsartige Dynamik. 

Nach anfänglichem Zaudern - und Zensieren - schreiten die chinesischen Behörden bei wenigen hundert bekannten Infektionsfällen mit drakonischen Mitteln ein. Die Millionenstadt Wuhan, das Epizentrum der Epidemie, und die umliegenden Gebiete der Provinz Hubei werden militärisch abgeriegelt und unter Quarantäne gestellt. Die strikte Ausgangssperre wird mit Barrikaden auf Straßen, vor Quartieren und um Wohnblöcke durchgesetzt, mitunter auch mit dem Schweißgerät an der Haustür. Trotz dieser Maßnahmen steigt die Zahl der dokumentierten Fälle und Todesopfer rasant an. Anfang Februar werden etwa 20 000 Fälle und 500 Tote gemeldet.

Doch was geht uns Wuhan an? Uns, eine Gesellschaft in Mitteleuropa, und uns, die Autoren dieses Essays? Die Risikoethik gehört zu unseren Forschungs- und persönlichen Interessengebieten. Wie uns das Katastrophenrisiko fasziniert, irritiert uns die oft nonchalante Risikopolitik unserer Gesellschaft. Im Brennpunkt unseres Interesses, mit dem wir täglich auf die ungebrochene Exponentialkurve in Wuhan blicken, steht damals die Frage: Wie hoch ist angesichts des globalen Vernetzungsgrads die Wahrscheinlichkeit, dass sich dieses Virus auf China beschränken lässt? 

In China kommt es - trotz der drakonischen Maßnahmen - schnell zu zehntausenden dokumentierten Fällen und tausenden Toten. Nicht auszuschließen ist zudem, dass die Staatspropaganda die Zahlen massiv schönt. Was wird also geschehen, wenn dieses Virus westliche Staaten erreicht, die gewiss nicht annähernd so drastisch einschreiten werden wie die chinesische Regierung? Wir befürchten - mit einiger Wahrscheinlichkeit - Schlimmes. 

Europa


Wuhans Krankenhäuser sind heillos überfordert, das medizinische Personal ruft auch Kollegen aus dem Westen um Hilfe. Unsere Gesellschaften bleiben gelassen. Die Gesundheitsminister verkünden allenthalben, man habe das weltbeste Gesundheitssystem und sei hervorragend vorbereitet. Viele wissenschaftliche Experten vergleichen das neue Coronavirus mit einer Grippe. Der Bonner Virologe Hendrik Streeck sagt sogar, es sei »bei weitem nicht gefährlicher als die Grippe«. Noch Ende Februar lässt der Charité-Chefvirologe Christian Drosten verlauten, er würde natürlich weiterhin nach Italien reisen. Auch der Lausanner Epidemiologe Marcel Salathé meint, er sehe seiner geplanten Italienreise »relaxed« entgegen. Wenige Tage später brechen in lombardischen Krankenhäusern kriegsähnliche Zustände aus, und Italien vollzieht den Shutdown. 

Italienische Expats und Journalisten versuchen verzweifelt, die europäischen Gesellschaften wachzurütteln. Auch wir engagieren uns mit kritischen Texten - zehn Tage lang erfolglos. Die Zeitungen im deutschen Sprachraum erteilen uns Absage um Absage. Unsere Prognose, die intensivmedizinischen Kapazitäten würden ohne Shutdown womöglich um ein Vielfaches überlastet, sei »zu alarmistisch«. Erst ab dem 10. März gelingt es uns, einige Artikel zu publizieren.

Der 10. März ist auch der Tag, an dem deutsche Medien - mit mehreren Tagen Verzögerung - erstmals die Berichte norditalienischer Intensivmediziner abdrucken. In Norditalien ist das Recht auf Gesundheit gefallen, die Menschenwürde tangiert. Es besteht keine Garantie mehr, dass Herzinfarkte oder Schlaganfälle behandelt werden können. Italienische Ärztinnen und Ärzte berichten verzweifelt, es werde »triagiert wie im Krieg«.

Die Kommunikation zwischen den europäischen Öffentlichkeiten erweist sich als erschreckend schwerfällig. Ein geeintes Europa muss all seinen Teilen und Teilnehmern in Echtzeit zuhören und antworten können. Auch das ist eine (epistemische, also die Erkenntnisfähigkeit betreffende) Vorsorge- und Solidaritätspflicht, gerade im Kontext drohender, und noch mehr: im Angesicht bereits laufender Katastrophen.

Inzwischen ist die Botschaft aus Italien angekommen. In den Worten der Schriftstellerin Francesca Melandri: 

Ich schreibe euch aus Italien, also aus eurer Zukunft. Wir sind jetzt dort, wo ihr in wenigen Tagen sein werdet. Die Grafiken der Pandemie zeigen, dass wir in einem parallelen Tanz miteinander verbunden sind, in dem wir euch zeitlich einige Tage voraus sind, so wie Wuhan uns einige Wochen voraus war. Wir sehen, dass ihr euch genauso verhaltet, wie wir uns verhalten haben. Ihr führt die gleichen Diskussionen wie wir bis vor kurzem, in denen die einen sagen, »Das ganze Theater ist doch nur eine etwas heftigere Grippe«, und die anderen bereits verstanden haben.

Wir werden darauf zurückkommen, wie wichtig es ist, wechselseitig von unseren Erfahrungen und Fehlern zu lernen, gerade und besonders im Kontext globaler Katastrophenrisiken. Denn wer nur aus den eigenen Fehlern lernt, lernt wenig - zu wenig.

Es stellt sich auch die Frage, warum die tragische Fallstudie Norditaliens nötig war, die europäischen Gesellschaften wachzurütteln. Wuhan hätte eigentlich genügen müssen. Die 11-Millionen-Stadt erwirtschaftet ein Pro-Kopf-BIP von 18 000 Dollar, hat ein passables Gesundheitssystem und wurde bei nur wenigen hundert dokumentierten Fällen unter militärisch überwachte Quarantäne gestellt. Dennoch kollabierten die Krankenhäuser sofort. Auf dieser Grundlage allein hätte sich das Urteil aufdrängen müssen, dass auch uns mit einiger Wahrscheinlichkeit Gefahr droht und schnelle Vorbereitungsmaßnahmen angezeigt sind. - Was aber, wenn man die Wahrscheinlichkeit, dass uns die Epidemie erreichen würde, für sehr gering gehalten hätte? Wäre es in diesem Fall nicht gerechtfertigt gewesen, gelassen zu bleiben?

Das Prinzip der Risikoabsicherung 


Keineswegs. Man hätte sich vernünftigerweise trotzdem vorbereiten müssen. Nicht nur praktisch, sondern zunächst auch epistemisch - es lohnt sich, auf Vorrat zu denken. Wann immer man nicht an ein Worst-Case- bzw. Bad-Case-Szenario glaubt, legt die eigene Fehlbarkeit sogleich die Fragen nahe:

  1. Was, wenn ich falsch liege? Oder was, wenn ich mit meiner Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, dass der schlimme Fall (Bad Case) eintritt, zwar richtig liege, dieser unwahrscheinliche schlimme Fall aber dennoch eintritt? Wie schlimm wäre dieses Szenario, welches Schadensausmaß wäre mit ihm verbunden? 

  2. Welche Maßnahmen könnte ich ergreifen, um mich gegen das Bad-Case-Szenario abzusichern, sollte es eintreten? 

  3. Welche Kosten wären mit diesen Maßnahmen verbunden und in welchem Verhältnis stehen sie zum Schadensausmaß des Bad-Case-Szenarios? 

Wenn die erwarteten Kosten der Maßnahmen im Vergleich zum Schadensausmaß des Szenarios hinreichend gering sind, dann sollten die Maßnahmen ergriffen werden. Diesem Prinzip des Hedging bzw. der Risikoabsicherung folgen wir zum Beispiel dann, wenn wir im Auto einen Sicherheitsgurt tragen: Es ist extrem unwahrscheinlich, dass wir in einen schweren Unfall verwickelt sein werden, und trotzdem sichern wir uns ab.

Das Prinzip lässt sich genauer qualifizieren und theoretisch-formal fassen. Eine wichtige Qualifizierung betrifft die Frage nach den Opportunitätskosten der ergriffenen Maßnahmen: Gegen welche anderen Risiken könnte man sich mit denselben Ressourcen ebenfalls absichern? Angenommen, andere Risiken sind mit einem bedeutend höheren Schadensausmaß verbunden. Dann kann es rational sein, die knappen Ressourcen entsprechend zu verschieben und die Absicherung gegenüber dem geringeren Risiko zu unterlassen. Der Philosoph Julian Nida-Rümelin spricht in diesem Zusammenhang von einer kohärenten Risikopraxis.

Mit Bezug auf die theoretisch-formale Bestimmung des Hedging-Prinzips wurden in der Entscheidungstheorie und Risikoethik verschiedene Vorschläge gemacht. Dazu gehören unter anderem die Kosten-Nutzen-Analyse bzw. die Maximierung eines Erwartungsnutzens (das heißt des mathematischen Produkts aus Wahrscheinlichkeit und Ausmaß des verhinderten Schadens) sowie Modelle, die sich der Sozialwahltheorie oder der Theorie der Verhandlungsspiele bedienen. Alle plausiblen formalen Modelle schließen das Hedging-Prinzip in der einen oder anderen Abwandlung ein. Da es uns im vorliegenden Essay um die groben Linien geht, bleiben wir auf der informellen Ebene.

Man hätte sich die genannten drei Hedging-Fragen also spätestens nach dem epidemischen Ausbruch in Wuhan stellen müssen. Angesichts des möglichen Schadensausmaßes wäre es (1.) angezeigt gewesen, sich mit relativ kostengünstigen, aber im Falle einer Pandemie potentiell hocheffektiven Maßnahmen abzusichern (2. und 3.). Dazu hätten der Ankauf und die Eigenproduktion von Masken, der Ausbau von Testkapazitäten und die...

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