Die Insel des Mondes

Roman
 
 
Diana Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Juni 2013
  • |
  • 512 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10313-2 (ISBN)
 
Auf der geheimnisvollen Insel Madagaskar wartet ein schicksalhaftes Vermächtnis

Madagaskar 1880: Nach dem dramatischen Ende ihrer Ehe wagt die junge Paula auf der entlegenen Insel den Neubeginn. Auf der Vanilleplantage ihrer Großmutter Mathilde will sie deren Rezepte weiterentwickeln und den großen Traum vom einzigartigen Parfüm verwirklichen. Als Paula zusammen mit drei Männern den gefährlichen Weg durch den Dschungel antritt, ahnt sie noch nicht, wie sehr sich ihr Leben verändern wird. Und dann beschwört ihre Ankunft auf der verlassenen Plantage dunkle Geister der Vergangenheit herauf, die Paula in ein tödliches Spiel zwingen. Ein Spiel, das sie allein mit einem magischen Duft gewinnen kann, einem Duft, der nicht nur ihre Seele rettet, sondern auch ihr verwundetes Herz.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Diana
  • 1,81 MB
978-3-641-10313-2 (9783641103132)
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1

Angelica

Angelica Archangelica, Engelwurzel, das Öl der Wurzel ist von sehr würzigem Geruch, brennend erwärmendem Geschmack und dient besonders zur Liqueurfabrikation, das Öl der Samen ist wegen seines feinen, moschusartigen Geruchs für Parfümeriezwecke sehr geschätzt.

Es war schon öfter vorgekommen, dass Paula nicht wusste, wie es in ihrem Leben weitergehen sollte, aber nun war sie an einem Punkt angelangt, an dem sie einfach nicht mehr weiter konnte.

Ihre Beine zitterten immer noch, während sie auf das braune Schlammloch starrte, dem sie nur unter Aufbietung all ihrer Kräfte entkommen war. Abgelenkt von den üppigen weißen Orchideenblüten, die sich um einen toten Baumstamm wanden wie Würgeschlangen um ihr Opfer, war sie in den zähen Morast gestürzt, der sie beinahe verschlungen hätte.

Wenn ich das hier überstanden habe, werde ich stärker sein als zuvor, versuchte sie sich schwer atmend zu beruhigen. Ja, das wirst du sicher, flüsterte die Stimme in ihrem Kopf, die Paula immer dann mit Kommentaren belästigte, wenn sie sie am wenigsten gebrauchen konnte. Und wenn du es weiter so übertreibst, wisperte die Stimme unnachgiebig, dann wirst du nicht nur so stark wie ein Gorilla sein, sondern auch so behaart. Paula lächelte unwillkürlich und versuchte sich zusammenzunehmen. Deine Entscheidung, dein Leben, murmelte sie vor sich hin. Sie wischte ihre schlammigen Hände an den Seiten ihres langen Kakirocks ab, dessen Kauf sie ständig bereute. Sie musste sich Hosen nähen lassen, alles andere war in diesem Urwald nur hinderlich. Erschöpft lehnte sie sich gegen einen der von Termiten zerbröselten Baumstämme. Schweißtropfen hinterließen kleine saubere Rinnen auf dem Weg von der Stirn zu ihrem Kinn, und ihr Atem beruhigte sich langsam. Sie wandte den Blick nach vorn, aber von ihren Reisegefährten war keiner mehr zu sehen, gerade so, als ob der Regenwald sie verschlungen hätte. Ich könnte hier stehen bleiben, dachte sie, und ich würde mit der Zeit vermodern wie alles hier, würde eins werden mit der Natur. Und wenn du nicht bald weitergehst, dann wird auch genau das passieren, mahnte ihre innere Stimme. Doch Paula war müde, es hatte sie ihre letzte Kraft gekostet, sich aus dem Morast zu befreien. Leider war trotz aller Anstrengungen ihr linker Wanderschuh mitsamt dem dazugehörigen Strumpf in dem Morast versunken. Sie betrachtete ihren nackten Fuß, der im Zwielicht des Regenwaldes blass schimmerte und schon von Fliegen umkreist wurde. Ein Windstoß durchdrang ihre nass geschwitzte Leinenbluse und brachte sie zum Frösteln.

Sie nahm einen Schluck aus der Wasserflasche, die sie neben ihrer Ledertasche über der Schulter trug. Ich muss zu den anderen aufschließen, ich muss weiter.

Seufzend schnallte sie den Tropenhelm fester, der sich bei ihrem Sturz gelockert hatte, dann bückte sie sich, um die Mücken mit der Hand wegzuwedeln. Selbst dieses bisschen Bewegung fiel ihr unsäglich schwer, als ob der Schlamm ihr das Mark aus den Knochen gesaugt hätte. Ein schwarzer Schleier aus Selbstmitleid legte sich über ihr Gemüt. Unwillkürlich schüttelte sie sich. Dieses Gefühl wollte sie hinter sich lassen, sie hatte sich entschieden, sie hatte einen Plan. Paula stand auf und schleppte sich vorwärts. In diesem Augenblick spürte sie an ihrem feuchten Rücken eine flüchtige Berührung, nur einen Hauch. Neugierig drehte sie sich um.

Eine Wolke von Schmetterlingen, groß wie Kolibris, umflatterte sie vollkommen geräuschlos. Blau leuchteten die Flügel im Halbdunkel des Dschungels, taubenblau wie der Himmel an einem Sommertag in den Alpen, lilablau wie Lavendelfelder, und einige waren genauso blau wie die Flakons, die sie von ihrer Großmutter Mathilde geerbt hatte. Lapislazuliblau. Die seidigen Flügel wirbelten um sie herum, fächelten ihr Luft zu, die plötzlich nicht mehr nur nach Moder und Verwesung roch, sondern auch noch mit einer anderen Nuance gewürzt zu sein schien. Die blaue Wolke formierte sich ständig neu, changierte hin und her und schwebte dann langsam davon. Paula versuchte zu ergründen, was für ein Duft das war, den die blauen Schmetterlinge verströmt hatten, dann schlich sich ein Lächeln auf ihr Gesicht, es war Mut, dachte sie. So roch Mut.

Sie richtete sich auf, unterdrückte ein Stöhnen und setzte sich in Bewegung. Ihr unterer Rücken und das rechte Knie schmerzten von dem Sturz in das Schlammloch. Das vergeht wieder, sagte sie sich, das vergeht, dieser Schmerz ist bedeutungslos gegen das, was du hinter dir gelassen hast, das hier ist nur körperlicher Schmerz. Das hier ist ehrlich. Der Regenwald gibt nicht vor, etwas zu sein, das er nicht ist. Hier erwarten dich Nässe, Verwesung und Insekten, aber auch pure Schönheit.

Ihr nackter Fuß versank im Schlamm, was sich unerwartet weich anfühlte. Irgendetwas kitzelte sie nur für einen Moment, und fast gleichzeitig spürte sie einen Schmerz wie von einem Wespenstich, und bevor sie ihren Fuß herausziehen konnte, gleich noch einen und einen weiteren.

Es waren Blutegel, Noria hatte sie gewarnt, in diesem Teil von Madagaskar lauerten sie überall in den tiefen schlammigen Pfützen und Tümpeln, und Noria hatte ihnen gesagt, dass man die Egel nicht abreißen durfte, sondern warten musste, bis sie von selbst abfielen.

Paula suchte nach einem Baumstamm, der stabil genug war, ihren schmalen Körper zu tragen, humpelte dorthin, setzte sich und versuchte dann doch einen Blutegel abzuziehen. Aber sie waren gierig und hatten sich schon so festgesaugt, dass Paula es in ihrem geschwächten Zustand nicht schaffte. Resigniert beschloss sie zu warten, bis die Blutegel satt waren. Allerdings konnte das eine Weile dauern, und sie begann zu hoffen, dass ihre Reisegefährten ihr Verschwinden bald bemerken und umkehren würden.

Sie musste sich in Geduld üben. »Mora-Mora.« Seufzend wiederholte sie Norias Lieblingsausspruch: Mora-Mora, langsam, langsam. Aber Geduld war nicht ihre Stärke, war es noch nie gewesen. Immer wieder hatte sie ihre Mutter und später ihren Ehemann deshalb gegen sich aufgebracht. »Einer jungen Dame steht Ungeduld so gut zu Gesicht wie Lippenrot oder Flüche«, war eine der unzähligen Weisheiten, die ihre Mutter nicht müde wurde, ihrer Tochter zu predigen. »Eine junge Dame wartet, bis sie gefragt wird, bis sie aufgefordert wird, bis man geruht, sie zur Kenntnis zu nehmen.«

Und dieses Prinzip hatte besonders für Paulas Geburtstage gegolten, nicht aber für die Geburtstage ihrer Brüder. Nur bei ihr wurde zunächst so getan, als hätte man ihn vergessen. Erst dann, wenn es Paula gelungen war, sich zu beherrschen und nicht den mindesten Unmut zu zeigen, gab es ein Geschenk, das leider oft auch nur eine Enttäuschung war, die sie ebenfalls verbergen musste. Spitzentaschentücher statt des heiß ersehnten Romans Der Graf von Monte Christo oder weiße Glacéhandschuhe statt der gewünschten Reitstunden.

Nur einmal war alles ganz anders gewesen, und zwar an dem Tag, an dem sie die blauen Flakons zum ersten Mal gesehen hatte. Schon beim allerersten Betrachten der Flakons hatte Paula an Lapislazuli gedacht, denn ihre Mutter besaß ein Collier aus diesen Steinen, das ihr der Vater von einer Geschäftsreise an den Baikalsee mitgebracht hatte. Doch ihre Mutter trug die Kette nie, weil sie Granat- und Jettschmuck im Stil der von ihr bewunderten Königin Victoria bevorzugte.

Paula aber liebte das Blau dieser Steine und legte sich die Kette immer heimlich um, wenn sie mit ihrem älteren Bruder Johannes-Karl die Liebesgeschichte von Kaiser Wilhelm I. und der Fürstin Elisa Radziwill nachspielte.

Der Tag, den Paula später nur noch ihren Lapislazuli-Tag nannte, hatte damit begonnen, dass Paulas störrisches dunkles Haar gescheitelt, zu langen Zöpfen geflochten und zum ersten Mal am Hinterkopf aufgesteckt worden war. Ihre Mutter hatte das Ankleiden an diesem Tag persönlich überwacht und sich vergewissert, dass der Körper ihrer Tochter korrekt in ihr erstes mit Fischbein versteiftes Leibchen gezwängt wurde. Dazu bekam Paula einen hellgrünen Rock mit eingewebten dunkelgrünen Rosenknospen, er war aus dem gleichen Stoff wie der Rock ihrer Mutter, der aber noch mit unzähligen beigen Spitzenvolants und schwarzen Samtschleifen geschmückt war. Und natürlich wurde er über eine Turnüre drapiert. Beide trugen dazu enge Baumwollbatistblusen mit hohem Stehkragen, die ihrer Mutter war allerdings an den Handgelenken offen und mit zahlreichen Bordüren verziert. Neben den sehr weiblichen Formen ihrer Mutter war sich die magere Paula wie ein hässlicher Blaustrumpf vorgekommen, und daran hatte sich nie mehr etwas geändert, nicht einmal nach ihrer Hochzeit. Aber an diesem Morgen war sie noch drei Jahre von einer Eheschließung entfernt gewesen und hatte nicht die leiseste Ahnung gehabt, wie bald sich ihr Leben ändern sollte.

Es war der 6. Juni 1872, ihr vierzehnter Geburtstag. Ihr Vater hatte sie feucht, aber liebevoll auf die Wangen geküsst, sie dabei mit seinem Kaiser-Wilhelm-Bart gekitzelt und ihr gratuliert.

Damals hatten sie noch in der großen Villa in Schwabing gelebt, wo Paulas Geschenk im Speisezimmer auf dem Buffet aus dunkler Eiche aufgebaut worden war. Drei leere blaue Glasflakons mit silbernen Verschlüssen standen da und wirkten auf Paula geheimnisvoll und gleichzeitig seltsam...

"Ein perfektes Sommerbuch, weil es in eine exotische und aufregende Welt entführt."

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