Die große Sache

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Februar 2021
  • |
  • 372 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7526-0257-9 (ISBN)
 
Die große Laufbahn des Reichskanzlers Karl August Schattich vollzog sich in drei Abschnitten. Er kam aus mittleren Stellungen bei der Industrie. Eines Tages durfte er als Abgeordneter die Industrie in der Politik vertreten. Ja, dort gelangte er so schnell, als ob die Republik eigens für ihn errichtet wäre, auf den höchsten Posten. Unmöglich geworden, weil er seiner Auftraggeberin, der Industrie, als Reichskanzler zugewendet hatte aus öffentlichen Mitteln, was er irgend konnte, einmal gleich siebenhundert Millionen, kehrte er in ihre Mitte zurück.
Wir finden ihn in diesem dritten Abschnitt. Jetzt vertrat er umgekehrt bei der Industrie die Politik. Er wurde politischer Berater eines industriellen Konzerns. So konnte er ihm am besten nützen, ohne selbst dabei zu verlieren. Er gehörte sogar zu den vielfachsten Aufsichtsräten, sein jährliches Einkommen sank nie unter 400.000 Mark. Sein Feld waren die Beziehungen - nicht das Wissen um irgendeinen sachlichen Inhalt, nicht die Handhabung der Dinge, nicht, was Arbeit heißt, sondern die Beziehungen. Sein Feld waren Beratungssäle, Konferenztische und die Schlachtordnungen der Klubsessel. Er war ein Menschenbehandler, insoweit sie es zuließen. Sie ließen es aber aus Schlauheit zu, wie sie meinten. Denn so gut wie er hatten auch die anderen ihre Beziehungen, darunter ihn. Einer war immer des anderen Beziehung.
Reichskanzler a.D. Schattich blieb bei dem allen ein Führer, und niemand bezweifelte es. Sein so zeitgemäßer "Verein zur Rationalisierung Deutschlands" umfaßte alle, die, ohne die im Lande bestehenden Einrichtungen gewollt zu haben, jetzt wenigstens den Nutzen für sich beanspruchten. Reichskanzler a.D. Schattich, der Gründer des wichtigen und einflußreichen Vereins, erhielt ihn hauptsächlich dadurch aufrecht, daß er mit allem im ungewissen blieb. Er hatte gelernt, daß die Menschen nichts lieber und länger ertragen als das Unerfüllte, leere Hoffnung und das Wort ohne Sinn. Diese allgemeine Neigung kam seiner eigenen Natur entgegen. Angreifern erklärte er offen: "Ich bin entschlossen, mein Werk nicht dadurch zu gefährden, daß ich mich konkret ausdrücke" - was er auch gar nicht gekonnt hätte.
In Augenblicken, die nicht ohne innere Unsicherheit waren, half ihm eine Art wütender Kühnheit. Oft erhob er Anspruch auf etwas, das er seine überparteiliche Politik nannte - da sah man ihn wild entschlossen, keine Meinung zu haben. Sein Kopf war haarlos. In einem seiner seltenen Zeitungsartikel war er dafür eingetreten ...
Heinrich Mann lebte von 1871 bis 1950 und war ein deutscher Schriftsteller.

II

Die Brücke überspannte alles zwischen der Stadt und den Industriebauten, die eine neue Stadt waren. Die Brücke führte in 42 Meter Höhe über Fluß, Kanal und Schienennetz. Sie bot den umfassendsten Ausblick, wenn jemand inmitten der Arbeiter ihr noch unfertiges Gerüst bestieg. Oberingenieur Birk hatte an schlechten Tagen droben ausgehalten, er stand auch am schönsten Morgen des Mai 1929 auf seiner Brücke. Es war ein erster, später Frühlingstag. Er forderte die Augen heraus, in die Luft zu schweifen; denn die Umrisse aller Gebäude, der alten drüben, der neuen hier, zerflossen darin, sie wurden leicht, und dies erleichterte auch das Herz.

Oberingenieur Birk sah einen Augenblick zu lange in die Frühlingsluft. Die Arbeiter in seiner Nähe retteten sich sämtlich vor dem schwingenden Balken. Ein eiserner Tragbalken, der heraufgewunden wurde, kam ins Schleudern. Es war eine ungeheure Last; von ihr nur gestreift zu werden konnte einen Menschen dauernd arbeitsunfähig machen. Birk wurde gestreift. Er brach zusammen, die Schreckensrufe hörte er schon nicht mehr.

Die Leute, die ihn aufhoben, fanden ihn so bleich mit seinen geschlossenen Augen, daß sie glaubten, es sei mit ihm zu Ende. Unten angelangt, es war schwer gewesen, sah er sie aber an und verlangte, nicht nach Hause, sondern ins Krankenhaus gebracht zu werden. Er wollte zu seinem Sohn in das Krankenhaus links des Flusses, schon in der Industriestadt. Es war übrigens näher, und seine Arbeiter brachten ihn, ohne erst das Krankenauto zu erwarten, auf ihren Händen hin. Sie hätten es für keinen anderen getan. Der junge Arzt untersuchte seinen Vater, als sie allein waren. Er hatte sogar die Oberschwester hinausgeschickt in seiner Erregung, jetzt fand er aber nur Quetschungen. »Ich habe auch nichts weiter«, sagte der Vater.

Auf die wortlosen Fragen seines Sohnes antwortete er: »Ich bin vom bloßem Schrecken ohnmächtig geworden. Es war nicht einmal mein eigener Schrecken - nein, ich dachte, als der Balken auf mich losfuhr, an deine Mutter. Deine Mutter ist tot. Aber wie wäre sie erschrocken! Als ich damals plötzlich operiert werden mußte, rief sie: >Jetzt geht die Welt unter!< Daran dachte ich, wie der Balken kam, und verlor dann auch pünktlich das Bewußtsein - ihr Bewußtsein, sozusagen.«

»Du bist in acht Tagen wieder auf den Beinen«, versicherte der Sohn. »So lange behalte ich dich hier.«

»Nett von dir, Rolf. Übrigens kommt es mir nicht ungelegen, daß ich einmal ausruhen kann.«

»Ich verstehe«, sagte Rolf. Auch er selbst hatte schon verlernt, auszuruhen.

Birk sagte noch: »Der Unglücksfall gibt mir wenigstens Gelegenheit, meine Gedanken zu ordnen. Manche kleinen Pläne kämen sonst nie zur Ausführung. Es gibt im Leben doch noch andere Pläne, als was man zeichnet und ausrechnet.«

Er machte eine Pause, dann bat er den Sohn, zu telefonieren - an die hiesige Leitung des Konzerns natürlich, dann aber auch an die anderen Kinder. Mehrere von ihnen waren in den Büros des Konzerns erreichbar, die älteste Tochter Ella in ihrer Wohnung, die beiden Jüngsten vielleicht in ihren Fortbildungsschulen. Als Rolf schon gehen wollte, äußerte sein Vater einen etwas auffallenden Wunsch.

»Lasse sie nicht glauben, es wäre überhaupt nichts von Bedeutung. Du verstehst .«

Der junge Arzt verstand nicht im geringsten.

»Es wäre doch nicht rühmlich für mich.« Birk schien sich dies erst zurechtzulegen.

»Dreißig Jahre lang hat man sozusagen darauf gewartet, und dann macht man sich lächerlich mit einer Quetschung. Sprich wenigstens von Komplikationen, die du nicht vorhersehen kannst!«

Der Sohn nahm an, daß sein Vater von der Übertreibung materielle Vorteile erwartete. Er kannte ihn noch nicht so, wußte aber schon, wie man jetzt wird.

Es war ein Sonnabend, die Kinder konnten bald kommen. Birk lag die noch übrige Zeit in Gedanken, auch in dem Gedanken an Ella. Sie hieß nach ihrer Mutter, sie war die älteste Tochter, und sie war ihm bös. Er hatte sich als Vater nicht bewährt, wie sie und ihr Gatte meinten. Er hatte die ihr versprochene Mitgift zu nichts werden lassen, denn als sie heirateten, wütete die Inflation. Der Mann wollte es nicht verzeihen, daher auch Ella nicht. Birk hoffte, daß sie es bedauerte; ihn selbst quälte der Gedanke, sooft er für ihn Zeit hatte.

Jetzt fragte er sich, zwischen anderen Sorgen, immer wieder: wird Ella kommen? Er war gewiß, daß Inge und Margo, die mittleren, kamen. War irgend jemand noch pünktlicher, dann sicher Emanuel, der junge Gatte Margos. Birk hatte viele Kinder, die ihn liebten; die eine Ella aber beschäftigte ihn in seiner Lage mehr, als ihr zukam. Daran merkte er, daß es schwer gewesen wäre, plötzlich Abschied zu nehmen.

Er hatte schon einmal sich ohne jede Vorbereitung trennen müssen - von der Kleinen. Sie war lange Zeit die Jüngste gewesen und hieß immer noch die Kleine. Die Eltern hatten das Kind in einem Augenblick, als die Armut unausweichlich schien, in die Lehre gegeben. Es war ein Blumengeschäft, die Kleine trug Kränze aus. An dem Morgen, als sie sterben sollte, war der Kranz besonders schwer; sie kam nicht schnell genug über den Fahrdamm, so erfaßte sie das Lastauto. Der Kranz wurde beschädigt, daher konnte er später ohne Mehrkosten auf ihrem eigenen Sarge liegen.

Birk hatte augenscheinlich Fieber. Gewesenes nahm zu genaue Formen an; das tote Kind trat leibhaftig zu den sechs Lebenden, deren eins ihm auch schon starb. Um so mehr bemühte er sich, zu klären, was er gerade jetzt zum Besten derer, die noch sein waren, vorhatte und sich ausdachte. Er war überzeugt, daß sie eine handgreifliche Lehre brauchten, um ein für alle Male das Leben richtig zu erfassen. Die von ihm geplante konnte schlimm ausgehen, er hatte gezögert, solange er ganz gesund war. Sein jetziger Zustand ließ ihn die Dinge weniger gefährlich sehen.

Die erste, die ankam, war Inge. Er hätte es vorauswissen sollen: Inge, die Leichteste, die Schnellste. Sie rief gleich bei der Tür: »Pappi! Was machst du für Dummheiten!«

So und nicht anders hätte er es sich von ihr gewünscht.

»Inge, mein Liebling«, sagte er leise, ob aus körperlicher Schwäche oder nur infolge seiner Nachdenklichkeit. »Es wurde langweilig, findest du nicht? Etwas mußte geschehen.«

»Dann doch lieber mir!« rief sie bereitwillig.

»Aber Inge, du hast mit deiner vorigen Liebe so schwere Erfahrungen gemacht.«

»Das ist wahr, Pappi. Der Junge war fromm. Stell dir das vor, mal hat er mich ausgesperrt, weil er meinetwegen in die Hölle kommt. Aber er hatte wieder seine bestechende Seite, er konnte so schön pfeifen.«

Sie sprach wunderhübsch, Inge hatte eine Stimme voll Kraft und Klang. Ihr bürgerlicher Vater wußte genau, daß sie in Wahrheit nichts schwernahm; sagte er das Gegenteil, war es ironisch gemeint. Ihm selbst gingen ihre Erlebnisse länger nach als ihr. Er empfand sich als ungehörig, wenn er offen mit ihr über ihre Abenteuer sprach, daher seine Ironie. Indessen war ihm klar genug, daß ein Mädchen, das arbeitete, auch ihrer Natur folgen konnte. Die Natur Inges war, mutig und leicht zu sein.

Margo und ihr Mann trafen gleichzeitig ein. Emanuel Rapp, ein Zeitgenosse, der dem Leben alles mögliche zutraute, schien durch seinen Unglücksfall ergriffen wie nie. Birk neigte sonst zum Zweifel; aber erstens, warum sollte der arme Junge sich anstrengen, um eine zitternde Stimme nachzuahmen, und absichtlich seine Glieder aus der Gewalt verlieren. Außerdem erinnerte sich sein Schwiegervater, daß Emanuel, falls er selbst verschwand, fürchten mußte, abgebaut zu werden. Die ehrlichste Zuneigung war nicht genug, damit wir aneinander hingen. Hinzukommen mußte das Interesse, bei uns Armen! So bedachte Birk, und die Folge war, daß er kränker und verfallener aussah.

Er lächelte aber seiner Tochter Margo zu. Sie überließ ihm die Hand, nach der er verlangte. Ihre forschenden dunklen Augen blieben völlig ernst. Genauso würde ihre Mutter ihn betrachtet haben im Augenblick der Katastrophe, die sie so lange erwartet hatte! »Ich mache euch die Sorgen nicht gern«, versicherte der Kranke zu seiner Entschuldigung. »Sollte es tatsächlich mit mir aus sein, will ich euch folgendes sagen.«

Hier trat Rolf ein. Der Arzt blieb vor Staunen starr: seine drei Geschwister stehend versammelt um den Vater, der Abschiedsworte sprach - alles wegen einer Quetschung! Andererseits war er überzeugt von der Urteilskraft seines Vaters, kannte auch seine Art, mit Kunstgriffen zu erziehen. Diese Komödie mußte einen Zweck haben - dachte Rolf, da erhielt er auch schon den schnellen Blick, der ihn ermahnte, ruhig zu bleiben.

»Ich will euch sagen«, wiederholte Birk, »daß ihr in der Hauptsache auf euch selbst gestellt sein werdet. Ihr verzieht keine Miene, ihr habt es euch schon gedacht. Mein Schutz, lieber Em, würde dich auch nicht davor bewahrt haben, aus deiner Stellung zu fliegen, wenn du nicht ein Junge wärest, der sich richtig legt.«

»Das walte Gott. Schon mehr als zwanzigmal habe ich mich in allerlei Berufen richtig gelegt.«

»Nun siehst du. Und auch die beiden Mädchen nimmst du leicht noch mit. Außerdem haben sie selbst gerade genug Sinn für die Wirklichkeit.«

»Sei völlig beruhigt!« bat Inge. Ihr glaubte er es.

Margo schwieg. Aber er bemerkte, daß ihre forschenden Augen bereit waren, feucht zu werden. Da fühlte er erst selbst, was es geheißen hätte, diese armen und schönen jungen Leute allein zu lassen. Sie schienen ihm ungewöhnlich schön: blond und vollendet gewachsen die eine, die andere, dunkle, von einer ihm unbekannten Ausgeglichenheit des Leibes und der Seele, Ihnen gesellte sich ein junger Mensch .

Er hörte Margo schluchzen und...

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