Sicilia Nuova

 
 
BLITZ-Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 29. April 2021
  • |
  • 194 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95719-322-3 (ISBN)
 
Die Politik akzeptiert uns. Manche bezeichnen uns als Schattenstaat. Aber in schizophrener Weise geht ein guter Teil des neuen Glanzes in diesem Land von unserem Schatten aus. In Italien ist man dumm genug, die Gesellschaft zu bekämpfen. Man versucht, ihre Macht einzuschränken und ihre Gelder zu konfiszieren. Diese Idioten werden nie verstehen, dass sie sich damit vor allem selbst schaden. Der neue Osten ist anders. Er ist frei. Und für uns ist diese Freiheit am schönsten. Es ist eine neue Heimat. Ein neues Sizilien. Joseph Petri ist ein hochrangiges Mitglied der sizilianischen Mafia. Er hat maßgeblich dabei geholfen, deren Machtstrukturen nach der deutschen Wiedervereinigung auch auf die neuen Bundesländer auszudehnen. Doch nach dem Mord an Richter Giovanni Falcone bekommt er es wie viele Mafiosi mit der Angst zu tun und stellt sich eines Abends der Polizei. In einem kleinen Verhörzimmer erzählt er dem ehemaligen Volkspolizisten Frank Henschel seine Lebensgeschichte. Henschel, ohnehin geschockt von den neuen Formen der Kriminalität und Gewalt, die nach der Wende über den Osten hereingebrochen sind, hört ihm ungläubig zu. Vor ihm sitzt ein charismatischer Mann, ein liebender Familienvater, der ihm ganz selbstverständlich berichtet, wie die Mafia den Staat unterwandert, mit brutalen Mitteln die Konkurrenz aus dem Weg räumt und Kritiker zum Schweigen bringt. Die Printausgabe des Buches umfasst 282 Seiten Exklusive Sammler-Ausgabe als Taschenbuch nur bei www.blitz-verlag_de erhältlich!!!

Alex Mann lebt und arbeitet in Dresden. Als Kind wuchs er mit den Filmen von Kevin Costner auf, später entdeckte er auch den Italowestern und die Romane von Elmore Leonard für sich. Unter Pseudonym schreibt er Kurzkrimis. 2020 fand er im BLITZ-Verlag eine Heimat für seine bisher noch nicht veröffentlichten Western-Romane.
  • Deutsch
  • 1,65 MB
978-3-95719-322-3 (9783957193223)



Zwei


Kommissar Frank Henschel drückte seine Zigarette, von der er gerade einmal zwei schnelle Züge genommen hatte, in dem neben ihm bereitstehenden Plastikaschenbecher aus. Seine Linke massierte nervös die blasse Haut seiner Schläfe, und seine stahlgrauen Augen musterten das Gesicht seines Gegenübers.

Giovanni Petri, der sich ihnen nur als Joe der Fisch vorgestellt hatte, saß in seinem Stuhl und sah den Kommissar mit einem amüsierten Grinsen an. Joe war von kleiner, gedrungener Statur. Er hatte leicht abstehende Elfenohren, einen schmalen Mund mit sanftem Überbiss, einem goldenen Eckzahn und eine krumme Nase. Alles in allem war er kein sehr ansehnlicher Kerl. Was Henschel am meisten irritierte, waren seine in unterschiedlichen Farben schillernden Augen. Das rechte war von einem intensiven Braun, während das linke eine seltsame Mischung von Grün- und Blautönen aufwies.

"Eins müssen Sie mir mal erklären", brach Henschel das Schweigen und ließ die linke Hand auf die Tischplatte knallen. "Wollen Sie mich irgendwie verarschen? Haben Sie getrunken? Oder wollen Sie sich nur über die Polizei lustig machen? Wollen Sie mal schauen, ob man einen dummen Ossi an der Nase herumführen kann?"

Petri ließ ein Lächeln aufblitzen. Eigentlich war das einzige, was an seiner Kauleistenfront noch blinkte, der Goldzahn, der einen der Eckzähne ersetzen sollte. Er lachte. "Ich sagte doch, Sie glauben mir kein Wort. Zu doof, was? Aber für Sie wahrscheinlich das Beste."

Henschel schloss die Augen und schüttelte wild seine beiden Hände, um Petri davon abzuhalten, noch mehr wirre Verschwörungstheorien von sich zu geben. "Nur noch mal für mein Verständnis. Sie sind Mitglied einer ehrenwerten Gesellschaft", seine Hände deuteten Gänsefüßchen an, "und Sie stellen sich und wollen auspacken. Sie erzählen mir, dass diese Gesellschaft, diese . Mafia, unseren Staat unterwandert hat, Politiker und Richter gekauft hat und einen Staat im Staat errichtet hat?"

Petri wog den Kopf hin und her. "So ähnlich. Ich sehe, Sie versuchen wenigstens zu begreifen."

"Aber wenn diese ehrenwerte Gesellschaft so ­mächtig ist - und wenn ich Sie richtig verstanden habe, steht Macht bei ihr ja höher im Kurs als Geld, richtig?"

"Ja. Macht und Geld sind auch keine Synonyme."

"Jaja. Jedenfalls besaßen Sie dies alles als Teil dieser Gesellschaft. Und Sie sind überzeugt, dass diese Gesellschaft ein wichtiger Motor unserer am Boden liegenden Wirtschaft sei. Warum pinkeln Sie dann Ihren Freunden an die Haustür?"

Petri kicherte. "Sehr gut, sehr gut, Herr Kommissar. Ihre Sprache gefällt mir. Hihihi. An die Haustür pinkeln. Der war gut."

Henschel fand seine eigenen Worte kaum lustig. "Beantworten Sie die verfluchte Frage!"

Petri tat, als würde er sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischen und wurde sofort wieder ernst. "Die ­hätten das mit Falcone nicht tun sollen."

Henschel stützte seinen Kopf auf beide Hände. "Sie machen es mir wirklich schwer, Sie überhaupt ernst nehmen zu können. Wollen Sie behaupten, der Mord an Giovanni Falcone wurde von hier aus organisiert?"

"Ach, Dottore, erzählen Sie doch nicht so einen Schwachsinn. Falcone wurde direkt von den scheiß ­Corleonesis umgelegt. Das Problem ist, ich bin Sizilianer. Ich komme aus Racalmuto. Meine ganze Familie lebt noch da, meine Frau, meine Kinder. Ich arbeite zwar hier, aber ich würde gerne nach Hause. Jetzt, wo dieser Idiot Riina den Richter hat umlegen lassen, läuft einen Haufen Mafiosi zur Polizei über und lässt sich als Kronzeugen registrieren ."

"Wer ist Riina?"

Petri machte eine weitere wegwerfende Handbewegung. "Ich sehe schon, Dottore, Sie wissen gar nichts über die Gesellschaft. Salvatore Totò Riina ist der capo dei capi, der Boss der Bosse. Wenn sie die Gesellschaft als Schattenstaat ansehen, dann wäre er sozusagen der Präsident. Nicht jeder ist mit der Politik des Präsidenten einverstanden. Anscheinend hat Riinas Schattenstaat vor wenigen Monaten dem echten Staat Italien den Krieg erklärt. Und weil viele unserer Mitglieder um ihr Leben und ihre Familien fürchten - ich glaube, es wäre besser, Riina einen Diktator zu nennen, denn er wendet seine Macht eben auch gegen die eigene Familie - ähm", Petri holte einmal Luft und versuchte kurz, seinen eben verlorenen Gesprächsfaden wieder zu finden. "Ähm, jedenfalls haben wir momentan so viele Pentitos wie noch nie."

"Was ist ein Pentito?"

"Ein Überläufer, ein Verräter, einer, der die Omertà - das ist unser Schweigegebot - bricht und sich an die Bullen verkauft."

"Also sind Sie ein Pentito?"

Es war erstaunlich, was dieses Wort bei Petri bewirkte. Zum ersten Mal konnte Henschel seinen Redefluss stoppen. Das Gesicht des kleinen Italieners verfinsterte sich, und er presste seine Lippen fest aufeinander. Sein Blick senkte sich auf die Finger seiner rechten Hand, die nervös auf der Tischplatte zu trommeln begannen. Dann richteten sich die bunt schillernden Augen für den Bruchteil einer Sekunde auf den Kommissar, und der Kopf zuckte in einer Art, die wohl ein Nicken darstellen sollte.

"Daher noch einmal meine ursprüngliche Frage. Warum tun Sie das?"

"Ich wollte es Ihnen gerade erklären, Herr Kommissar. Ich bin ein Teil dieser Gesellschaft, deren Macht sich überwiegend darauf stützt, dass die Menschen sie unterstützen oder ignorieren, aber vor allem darauf, dass die, die sie bekämpfen wollen, nichts über sie erfahren. Das ist ja das Prinzip einer Schattengesellschaft. Dieses Prinzip des Schweigens und Nichtwissens - also der Omertà - garantiert den Schutz eines jeden einzelnen Mitgliedes. Jetzt, wo hunderte unserer Mitglieder zu den Carabinieri gehen, müssen die, die der Gesellschaft die Treue halten, sich fragen, wann ein Spezialkommando ihnen die Tür eintritt. Ich bin oft daheim, aber die meiste Zeit meines Lebens verbringe ich hier. Die Dinge in Sizilien verändern sich gerade rasend schnell. Ich muss jedes Mal damit rechnen, dass sie mich auf dem Flughafen hochnehmen. Und wenn die rausbekommen, wer ich bin, dann gehe ich für den Rest meines Lebens in den Knast, wenn Riina das zulässt."

"Wie meinen Sie das, wenn Riina das zulässt?"

"Etliche Pentitos, oder solche, von denen Riina befürchtete, dass sie es werden könnten, haben nicht einmal die U-Haft überlebt."

Henschel zuckte mitleidlos mit den Schultern. "Ich schätze, dass das ein normales Risiko für das Mitglied einer Schattengesellschaft darstellt."

"Ich habe Familie, Dottore. Und auch wenn das für einen Deutschen, besonders einen deutschen Polizisten, schwer zu verstehen ist, ich liebe meine Frau, und ich liebe meine Kinder. In Italien werde ich über kurz oder lang festgenommen, da es nur wenige Wege ins Land gibt. Die Bosse dort können sich leicht in den Bergen verstecken, aber ich muss über einen Flughafen oder Hafen ins Land. Ich habe also die Wahl zwischen Knast oder Verrat. Werde ich in Italien zum Verräter, kann mich niemand schützen. Glauben Sie mir, ich stehe zwar nicht an der Spitze der Gesellschaft, aber hoch genug, damit Riina alles unternehmen würde, um mich aus dem Weg zu räumen. Hier ist das was anderes. Wir haben zwar in der Bundesrepublik, gerade im Osten, gut Fuß fassen können, aber hier gibt es noch Möglichkeiten für die Polizei, mir Schutz zu gewähren. Deswegen komme ich zu Ihnen."

"Sie wollen also in ein Zeugenschutzprogramm, um gegen diese ehrenwerte Gesellschaft auszusagen?"

"Richtig."

"Solche Zusagen kann ich Ihnen gar nicht geben. Dazu müssen wir einen Staatsanwalt heran- ziehen."

"Vergessen Sie das ganz schnell. Alle bedeutenden Staatsanwälte würden mich sofort an Don Tonino verraten."

"Wer ist denn jetzt Don Tonino?"

Petri warf zwei verschwörerische Blicke nach links und rechts, musterte für einen Moment den Wachtmeister, der in seiner sackähnlichen Uniform vor der Wand stand, in Wahrheit lehnte er sanft dagegen, und vergewisserte sich, dass sein Blick ehrliches Desinteresse ausdrückte. "Don Tonino ist der Capo hier vor Ort. Der Boss der Familie, die die Stadt in der Hand hat."

"Aha", sagte Henschel mit einer Stimme, die immer noch deutlich machte, dass er der gesamten Geschichte des Pentito misstraute. "Nun, egal, wie sie das sehen. Ich muss mich an bestimmte Protokollfragen halten. Ich weiß noch nicht, ob sie mir die Wahrheit erzählen oder einen gewaltigen Bären aufbinden wollen. Aber wenn ich Ihnen den Schutz des Staates versprechen soll, dann will ich ehrlich sein und muss das von einem Staatsanwalt genehmigen lassen."

Petri rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her. "Kann ich eine rauchen?"

Henschel griff unter sein blaues Jackett und holte eine Schachtel Zigaretten hervor, aber Petri grinste schief und wedelte abwehrend mit der rechten Hand. "Danke für das Angebot, Herr Kommissar, aber ich habe meine eigenen. Diese Ostblockstengel kann ich nicht rauchen."

Er holte eine Packung Pall Mall hervor, zündete sich eine an und blies blauen Rauch an die im Dunkel liegende Decke. "Ich denke, ich kann Ihnen trauen, Herr Kommissar. Aber ich traue deswegen noch niemandem, dem Sie trauen. Sie wussten bis eben nichts von der Gesellschaft, und Sie wissen definitiv nicht, wer von Ihren Vorgesetzten und den Kollegen in der Justiz von uns gekauft wurde. Nein, nein, da könnte ich mir gleich ein Säurebad einlassen."

Henschel legte seine Schachtel auf den Tisch, zog sich auch sorgsam eine Zigarette...

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: ohne DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "glatten" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Ein Kopierschutz bzw. Digital Rights Management wird bei diesem E-Book nicht eingesetzt.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

4,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB ohne DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen