Der Sprengmeister

Roman
 
 
Zsolnay (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 23. Juli 2018
  • |
  • 192 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-552-05916-0 (ISBN)
 

Als junger Mann wird der Sprengmeister Oskar Johansson bei einer fehlgeleiteten Zündung schwer verletzt. Seine Freundin bricht ihm die Treue, und er heiratet ihre Schwester Elvira. Die beiden führen ein bescheidenes, entbehrungsreiches Leben, damit der knappe Lohn auch für drei Kinder reicht. Trotz seiner Verwundungen kehrt Oskar zurück in seinen Beruf. Er wird politisch aktiv und glaubt an eine Revolution, die nie kommt. Als sein Wohnblock abgerissen wird, kauft er auf einer Schäre ein Saunahäuschen, wo er im Sommer leben kann.

Henning Mankells erster Roman erzählt ein Arbeiterleben in der aufblühenden Industrie in Schweden und gibt den Benachteiligten eine unverwechselbare, eindrucksvolle Stimme.

  • Deutsch
  • Wien
  • |
  • Österreich
  • 1,36 MB
978-3-552-05916-0 (9783552059160)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Henning Mankell, geboren 1948 in Stockholm und aufgewachsen in Härjedalen, lebte als Theaterregisseur und Autor in Schweden und Maputo (Mosambik). Seine Romane um Kommissar Wallander sind internationale Bestseller. Zuletzt erschienen bei Zsolnay "Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein" (2015), die Neuausgabe von "Die italienischen Schuhe" (Roman, 2016), "Die schwedischen Gummistiefel" (Roman, 2016) und der frühe Afrika-Roman "Der Sandmaler" (2017). Im Herbst 2018 erscheint sein allererster Roman, "Der Sprengmeister".

Die Meldung

 

»Warum zum Teufel knallt es nicht?«

Norström stampfte wütend mit dem linken Fuß auf. Er hatte sich in dem Stahldrahtknäuel verheddert, das unbedacht zwischen die Sprengsteine geworfen worden war. Er stampfte mit dem linken Fuß auf, und der Stahldraht schnürte den groben Stiefel bis zum Bein ein. Leicht hätte er sich bücken und mit einem einzigen Ruck das Drahtknäuel vom Fuß reißen können. Doch Norström bückte sich nicht. Stattdessen fuhr er wütend fort, mit dem Fuß aufzustampfen. Er schwitzte. Das graue Flanellhemd, das bis zu seinem fetten Bauch aufgeknöpft war, saugte den Schweiß auf, der ätzend und nach schmutziger Haut roch.

Norström war der Chef der Sprengmeistertruppe. An diesem Samstagnachmittag Mitte Juni flirrte die Hitze, und die Sonne brannte auf den ungeschützten Arbeitsplatz. Unter Norströms Kommando sollten drei Tunnel für die Eisenbahn gesprengt werden, damit sie zweispurig verkehren konnte. Jetzt war man mit dem mittleren beschäftigt, der auch der längste und schwierigste war. Gerade hatten sie mit der Öffnung in der Felswand begonnen. Die scharfkantige Oberfläche des grauen Granits war bereits von der dünnen Erdschicht befreit und reflektierte das Sonnenlicht. Der Felsen ragte ungefähr dreißig Meter fast senkrecht in die Höhe. Dabei war es nur ein kleiner Felsen mit lediglich ein paar Hundert Metern Durchmesser, und direkt durch ihn hindurch sollten der Tunnel und die Eisenbahngleise führen.

Norström mochte Tunnelsprengungen nicht. »Entweder man sprengt den ganzen Felsen, oder man lässt es bleiben. Ein Loch mitten hindurch zu bohren ist Drecksarbeit. Früher oder später stürzt alles ein.« Das war seine Meinung. Bisher war es ihm in den knapp vierzig Jahren seines Berufslebens erspart geblieben, häufiger als etwa alle fünf Jahre einen Tunnel zu sprengen, aber nun waren es drei Stück auf einmal.

»Kann mich vielleicht mal einer von diesem Teufelszeug befreien?«

Wütend starrte Norström seine Arbeiter an, die sich auf ihre Brechstangen gestützt hatten, froh über die unerwartete Pause. Der Sprengsatz war nicht explodiert, und Norström hatte sich mit dem Fuß im Stahldraht verheddert. Sie lehnten an ihren Brechstangen, kehrten der Sonne den Rücken zu und warteten.

»Los, hilf du ihm.«

Oskar Johansson tippte den Jüngsten in der Sprengmannschaft mit der Zehenspitze an. Es war ein kleiner, magerer Junge von vierzehn Jahren. Der reagierte sofort und lief über den Sandplatz zu Norström, bückte sich und begann, an dem Stahldraht zu zerren.

»Sei vorsichtig, Junge, zieh nicht so fest daran.«

Norström wurde immer wütender. Er blinzelte in die Sonne, drehte dann den Kopf zur Felswand hin, warf einen Blick zu dem Jungen hinunter, der jetzt behutsam an dem Stahldrahtknäuel herumnestelte, und starrte danach die Sprengmeister an, die weiterhin unbewegt dastanden.

»Warum knallt es nicht?«

Jetzt brüllte Norström. Oskar Johansson richtete sich auf.

»Ich werde nachsehen.«

In dem Moment löste sich der Stahldraht an Norströms Fuß. Die Pause war zu Ende, jetzt musste die missglückte Sprengung untersucht werden. Und dies war Oskar Johanssons Aufgabe, weil er die Ladung angebracht hatte. Jede Sprengung hatte einen persönlichen Bezug. Das Dynamit war stets dasselbe, unberechenbar und tückisch, aber für jede Sprengung gab es einen Zuständigen, einen Verantwortlichen.

 

Die zunehmende Industrialisierung verlangte nach einer verbesserten Infrastruktur, daher sollte die Eisenbahn ausgebaut werden. Das Gleisnetz wuchs, es fuhren immer mehr Züge, und die Sprengungen hallten durch das Land.

 

Die sommerliche Hitze, die seit Ende Mai herrschte, verbrannte das Gras und trocknete den Boden aus. Es knisterte unter den Füßen der Sprengmeister, wenn sie in den Schatten der Birken gingen, um kurz Pause zu machen.

Oskar Johansson wischte sich die Stirn ab und betrachtete seinen Handrücken. Der war blank von Schweiß, und er wischte die Hand an der Hose ab. Mit seinen dreiundzwanzig Jahren war Oskar der Jüngste in der Sprengmannschaft, da der Handlanger nicht zählte. Mittlerweile arbeitete er schon seit sieben Jahren in der Sprengmannschaft, und es gefiel ihm. Oskar war groß, gut gebaut und von der frühen Sommersonne gebräunt. Das helle, gekräuselte Haar fiel ihm in die Stirn, und auf seinem runden, offenen Gesicht lag meist ein Lächeln. Er trug ein grauweißes Hemd, dunkelblaue Baumwollhosen und war barfuß.

Mit seinen klarblauen Augen blinzelte er zur Felswand hinüber.

 

»Willst du nachsehen?«

Norström hatte die Hände in die Hüften gestemmt und blickte Oskar auffordernd an. Der Chef mochte keine misslungenen Sprengungen, weil sie unberechenbar waren und die Arbeit verzögerten. Schließlich trug Norström die Verantwortung dafür, dass der Zeitplan eingehalten wurde, und dieser Tunnel würde ohnehin schwierig werden, das wusste er. Außerdem war er verkatert. Am Tag zuvor war er fünfundfünfzig geworden und hatte gefeiert. Er hatte Branntwein getrunken, bis er gegen zwei Uhr nachts ins Bett gefallen war. Und er hatte sich lange und ausgiebig erbrochen, als er zwei Stunden später aufstand, um zur Arbeit zu fahren. Beinahe bereute er es, dass er sich nicht gestattet hatte, für seinen Geburtstag einen Tag freizunehmen. Das wäre ihm erlaubt gewesen, da er seit 1881 regelmäßig beim Bau der Eisenbahn tätig gewesen war. Außerdem war er bekannt für seine Pünktlichkeit und seinen Arbeitseifer. Daher hatte er auch von seinen Sprengmeistern den Spitznamen »Ehre der Arbeit« erhalten. Sie benutzten ihn nie, wenn Norström in der Nähe war, aber wenn die Sprengmeister abends zu Hause oder in den Pausen über ihn sprachen, nannten sie ihn so. Als Norström doch von dem Spitznamen erfahren hatte, war er wütend geworden, hatte ihn dann aber als Hinweis darauf genommen, dass die Arbeiter ihn fürchteten, was ihm gefiel.

Mittlerweile kam es oft vor, dass er diesen Namen selbst benutzte, wenn er seinen Freunden seine Arbeit erklärte. Erst gestern hatte er lang und breit darüber gesprochen, wie gefürchtet er bei seinen Arbeitern sei. Bei seiner Geburtstagsfeier hatte er neben seinem Schwager gesessen und ihm ausführlich von seiner Arbeit berichtet.

Es war kurz vor drei, und um sechs würde die Arbeitswoche beendet sein. Dann käme der freie Tag, und Norström würde im Bett liegen bleiben, die Fliegen erschlagen, den Kindern sagen, sie sollten still sein, und dann allmählich die Arbeit der kommenden Woche planen. Gemäß den Berechnungen, die er letzten Sonntag angestellt hatte, hätten sie in dieser Woche weiter kommen müssen, als es der Fall war. Und es gab nichts, was ihn mehr störte, als wenn seine Planung nicht aufging. Das verdarb ihm den Sonntag. Er würde nicht ruhen, sondern sich grämen.

»Habt ihr das Zündkabel herausgezogen?«

Von dem einen oder anderen Sprengmeister kam ein schwach gemurmeltes »Nein«.

»Seid ihr verrückt? Warum nicht?«

Erstaunt nahm Norström zur Kenntnis, dass diese Selbstverständlichkeit nicht erledigt worden war. Er hatte kein Verständnis dafür, dass die Arbeiter in der Hitze eine kurze Pause eingelegt hatten.

»Dann heb jetzt deinen Hintern und zieh das Kabel ab!«

Der Handlanger bekam einen Tritt von Norström. Hastig lief der Junge zu dem kleinen Holzkasten, der ein Stück weit von ihnen entfernt stand, und riss ein Kabel heraus, das mit einer Stahlklemme an der Rückseite befestigt war.

Oskar lehnte das Brecheisen an einen großen Sprengstein und ging auf die Felswand zu. Er bewegte sich so langsam, als wollte er das Dynamit nicht aufwecken. Dabei verzog er in der Hitze das Gesicht und wischte sich salzigen Schweiß aus den Augen.

Wenn eine Sprengladung nicht explodierte, verbreitete sich Missmut in der ganzen Mannschaft. Das Dynamit war gefährlich. Man wusste nie, was es anstellen würde. Aber bei jeder Fehlzündung musste jemand den Sprengsatz kontrollieren, und es gab keinen anderen Schutz als Vorsicht.

Oskar blieb drei Meter von der Felswand entfernt stehen, biss sich auf die Unterlippe und musterte das Loch im Felsen, in das sich das Zündkabel hineinschlängelte. Dann drehte er sich um und fragte die anderen mit leiser Stimme: »Ist das Zündkabel gezogen?«

Entgegen seiner Gewohnheit stiefelte Norström nun selbst zu dem Holzkasten, warf einen Blick darauf und rief dann laut: »Es ist gezogen. Du kannst ruhig hingehen.«

Oskar nickte, mehr für sich selbst als zu Norström hinüber. Er nickte für sich selbst, um sich davon zu überzeugen, dass alles in Ordnung war.

 

Dann dreht er sich um, blinzelt zu dem Bohrloch und beginnt langsam, mit kurzen, schleichenden Schritten darauf zuzugehen. Dabei lässt er das Loch nicht aus den Augen. Er beißt sich auf die Lippe, der Schweiß läuft ihm vom Haaransatz über das Gesicht, und er blinzelt, um besser zu sehen. Als er nur noch einen halben Meter von dem Felsen entfernt ist, bleibt er stehen und beugt sich vorsichtig vor. Konzentriert und angespannt streckt er langsam den rechten Arm vor, bis die Hand genau über dem Loch schwebt. Dann holt er tief Luft und beginnt vorsichtig, das Sprengkabel aus dem Loch zu ziehen. Hinter sich hört er das schwache Klirren einer Brechstange, die an einen Stein gelehnt wird. Seine Fingerspitzen halten das Sprengkabel umfasst.

 

Im nächsten Moment explodiert der Fels. Norström wird noch viele Jahre erzählen, dass bei der Arbeit an dem mittleren der drei Eisenbahntunnel das Unglaubliche geschah und einer seiner Sprengmeister eine Detonation in nächster Nähe überlebte. Der Sprengmeister hieß Oskar Johansson, und der Handlanger, ein Junge von nur vierzehn Jahren, fiel in Ohnmacht, als sie Oskars...

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