Fabelhafte Wesen

Dracula, Alice, Superman und andere literarische Freunde
 
 
Diogenes (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 28. September 2022
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-257-61308-7 (ISBN)
 
Ob Sindbad der Seefahrer, Superman, Don Juan oder Alice im Wunderland: Literarische Heldinnen und Helden haben zahlreiche Abenteuer zu bestehen, die sie klug und welterfahren machen. Sie werden damit zu inspirierenden Begleiter:innen, die uns immer wieder neue Antworten geben auf die großen Fragen des Lebens. Dank Alberto Manguel entdecken wir die Weltliteratur neu.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 2,40 MB
978-3-257-61308-7 (9783257613087)
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Alberto Manguel, 1948 in Buenos Aires geboren, wuchs in Israel und Argentinien auf und ist kanadischer Staatsbürger. Als polyglotter Kosmopolit hat er als Kritiker, Lektor und Übersetzer gearbeitet. Er ist Schriftsteller und leidenschaftlicher Büchersammler und -leser. Sein in alle Weltsprachen übersetztes Buch >Eine Geschichte des Lesens< wurde 1998 mit dem Prix Médicis ausgezeichnet. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen erhielt Alberto Manguel 2008 den Mainzer Gutenberg-Preis. In Lissabon wird in einem Palast in der Altstadt seine legendäre Bibliothek zugänglich sowie ein Studienzentrum für die Geschichte des Lesens eingerichtet.

»Was ist - denn - das?«, sagte das Einhorn schließlich.

»Ein Kind!,« erwiderte Hasa eifrig und trat dabei vor Alice hin, um sie vorzuführen, wobei er beide Hände in einer germanischen Urstellung gegen sie ausstreckte. »Erst heute gefunden! In natürlicher Größe, und zweimal so echt!«

»Ich dachte immer, das seien Fabelwesen!«, sagte das Einhorn. »Lebt es noch?«

»Es kann noch sprechen«, sagte Hasa ernst.

Das Einhorn sah Alice träumerisch an und sagte: »Sprich, Kind!«

Da musste Alice nun doch unwillkürlich lächeln, und sie sagte: »Also weißt du, ich dachte immer, Einhörner seien Fabelwesen! Ich habe noch nie eins lebendig gesehen.«

»Na, jedenfalls haben wir uns jetzt gesehen«, sagte das Einhorn, »und wenn du an mich glaubst, glaube ich auch an dich. Einverstanden?«

Lewis Carroll, Alice hinter den Spiegeln

Touristenführer bieten Touren auf den Spuren von Odysseus und Don Quijote an. Von so manchen zerfallenem Gemäuer heißt es, es habe dereinst Desdemonas Schlafzimmer oder Julias Balkon beherbergt. Ein kolumbianisches Dorf behauptet, es sei höchstpersönlich das Macondo des Aureliano Buendía aus Hundert Jahre Einsamkeit, und das kleine Eiland Juan Fernández rühmt sich gar, dereinst jenen ungewöhnlichen Kolonisator namens Robinson Crusoe aufgenommen zu haben. Die Britische Post hatte Jahr um Jahr mit Wagenladungen von Briefen zu kämpfen, die an einen gewissen Sherlock Holmes, Esq., in 221B Baker Street verschickt wurden, während gleichzeitig ein gewisser Charles Dickens einen nicht enden wollenden Strom an Beschwerdebriefen zugestellt bekam, in denen sich seine Leser bitterlich über den Tod der kleinen Nelly in Der Raritätenladen beklagten. Die Wissenschaft erklärt uns, dass wir von Geschöpfen aus Fleisch und Blut abstammen, doch insgeheim wissen wir, dass wir Söhne und Töchter von Phantasmen aus Papier und Tinte sind. Vor langer Zeit schrieb der spanische Dichter Luis de Góngora:

Mit seinen Traumgestalten

auf seiner luft'gen Bühne

zeigt der Traum

Schatten von schönem Wuchs

Der Ausdruck »Fiktion« stammt, etymologischen Wörterbüchern zufolge, von lateinisch »fingere« ab, was so viel wie »kneten« oder »aus Ton formen« bedeutet. Die Fiktion ist so etwas wie ein aus Worten statt aus Staub nach unserem Abbild geformter Adam, dem sein Schöpfer Leben einhaucht. Ja, erfundene Figuren sind oft sogar - wenn sie nur gut genug erträumt sind - wandelbarer als unsere Freunde aus Fleisch und Blut. Anstatt sich brav an den Ablauf der Handlung zu halten, ändern sie bei jeder neuen Lektüre ein wenig ihre Gestalt, lassen bestimmte Szenen heller erstrahlen und andere in den Hintergrund treten. Plötzlich kommt eine überraschende Episode zutage, die wir mysteriöserweise völlig vergessen hatten, oder ein neues Detail tritt hervor, das wir bislang überlesen hatten. Heraklits berühmter Ausspruch bewahrheitet sich einmal mehr: Man kann nicht zweimal in dasselbe Buch steigen. Wir Leser aber sind es gewohnt, dass sich uns die Welt auf Buchseiten offenbart.

Als Alice in Hinter den Spiegeln den gefährlich auf einer Mauer balancierenden Humpty Dumpty (auf Deutsch Goggelmoggel genannt) trifft, fragte sie ihn besorgt, ob er nicht meine, er sei sicherer unten auf dem Boden.

»Natürlich meine ich das nicht. Denn wenn ich wirklich herunterfiele - davon kann freilich keine Rede sein - aber angenommen -«, und nun schürzte er die Lippen und sah so feierlich und gewichtig drein, dass Alice sich kaum mehr das Lachen verbeißen konnte, »- angenommen, ich fiele herunter«, fuhr er fort, »so hat der König versprochen - ganz recht, du kannst ruhig erbleichen! Darauf warst du nicht gefasst, wie? Der König hat mir versprochen - in eigener Person - er will mir - will mir -«

»All seine Reiter senden«, fiel Alice ihm etwas vorwitzig ins Wort.

»Da hört sich doch alles auf«, rief Goggelmoggel mit plötzlichem Zorn. »Du hast spioniert und gelauscht - hinter Türen - unterm Gebüsch - und im Schlot - sonst hättest du das nicht gewusst!«

»Aber nicht doch!«, sagte Alice mit großer Sanftmut. »Das kommt in einem Buch vor.«

Kein passionierter Leser findet die Erklärung von Alice befremdlich.

Shakespeare und Cervantes werden auf der ganzen Welt verehrt - wir wissen dank Porträts auch in etwa, wie sie ausgesehen haben -, und doch sind sie uns viel weniger vertraut als ihre unsterblichen Figuren. König Lear, Lady Macbeth, Don Quijote und Dulcinea sind feste Größen, selbst für jene, die die Bücher nie gelesen haben. Wir wissen mehr über das komplizierte Seelenleben von Dido und Don Juan als über das Privatleben eines Vergil oder Molière, und das wenige abermals durch Werke, die andere Autoren über sie geschrieben haben, wie zum Beispiel Hermann Broch und Michail Bulgakow. Wir Leser wissen, dass Träume der Stoff sind, aus dem die Welt gemacht ist.

Auch Dante war sich darüber im Klaren. Im vierten Gesang des Infernos - nachdem sie das schreckliche Höllentor mit der Warnung, alle Hoffnung fahren zu lassen, durchschritten haben - führt Vergil Dante zu jenem herrschaftlichen Schloss, in dem die rechtschaffenen, aber vor der Ankunft Christi geborenen Seelen ausharren. Unter den Männern und Frauen mit ruhigen und ernsten Augen bemerkt Dante auch den von Vergil besungenen Helden Aeneas, bedenkt ihn aber nur mit zwei Worten: ed Enea. Da er Vergil zu einer seiner drei Hauptpersonen erkoren hat, darf dessen eigene Erfindung (Aeneas) sich nicht zu sehr in den Vordergrund drängen. Aeneas ist in der Göttlichen Komödie nur so etwas wie ein flüchtiger Schatten, damit sich stattdessen die aus Dantes Feder stammende Figur des Vergil in der Vorstellungskraft der Leser festsetzt. Vergil ist nicht mehr nur der bloße Autor der Aeneis, sondern wird zum treuen Begleiter Dantes auf dessen Weg durch die Hölle.

Dank eines etwas schrulligen Lehrers kam ich schon während meiner Schulzeit mit den Schriften von Edmund Husserl in Berührung, die unsere jugendlich-idealistischen Geister elektrisierten. Während ein Großteil der Erwachsenenwelt darauf bestand, dass nur Handfestes Beachtung verdiente, betonte Husserl, dass auch zu vermeintlich nicht existenten Dingen eine tiefe Bindung bestehen kann. Soweit wir wissen, existieren Meerjungfrauen und Einhörner nicht als normale Lebewesen - obwohl mittelalterliche chinesische Bestiarien sagen, sie seien einfach nur sehr scheu, darum bekomme man sie nicht zu Gesicht. Und doch entwickeln wir, indem wir uns mit ihnen beschäftigen, auch zu imaginären Wesen ein Verhältnis, etwas, das Husserl höchst unpoetisch als »dyadische Beziehung« beschreibt. Über die Jahre bin ich Hunderte von solchen Beziehungen eingegangen.

Nicht jede Figur wird ein enger Freund, nur die heiß geliebten begleiten uns über viele Jahre hinweg. Ich für meinen Teil kann der zweifellos herzergreifenden Geschichte von Renzo und Lucia in den Promessi Sposi oder von Mathilde de la Mole und Julien Sorel in Rot und Schwarz ebenso wenig abgewinnen wie der Geschichte der statusbewussten Familie Bennet aus Stolz und Vorurteil. Ich fühle mich dem rächenden Zorn eines Grafen von Monte Christo näher, dem unerschütterlichen Selbstvertrauen einer Jane Eyre und der Melancholie des klugen Monsieur Teste von Valéry. Meine engen Freunde sind Legion: Chestertons Der Mann, der Donnerstag war hilft mir, mit den Absurditäten des Alltags klarzukommen. Priamus lehrt mich, den Tod jüngerer Freunde zu betrauern, und Achill, die geliebten Alten zu beweinen. Rotkäppchen und Dante geleiten mich durch die dunklen Wälder auf meinem Lebensweg. Sanchos Nachbar Ricote, den man vertrieben hat, bringt mir etwas über die niederträchtige Natur von Vorurteilen bei. Und es gibt noch so viele mehr!

Das vielleicht größte Faszinosum an literarischen Figuren ist ihr Facettenreichtum. Kaum je bleiben sie zwischen den Deckeln eines Buchs eingesperrt, egal wie breit oder schmal der ihnen dort zugedachte Platz ausfällt. Hamlet ward unter den Blendarkaden von Schloss Helsingör als ein kleiner Erwachsener geboren und starb, immer noch jung, inmitten von Leichen in dessen Speisesaal. Und doch blieb folgenden Generationen die freudianische Konstellation in seiner Kindheit nah, die sich zwischen den Zeilen erahnen lässt, und machte er postum politisch Karriere. Während des Dritten Reichs wurde Hamlet gar zur populärsten Figur auf deutschen Bühnen. Auch andere Figuren gingen mit der Zeit. Der Däumling ist zu fast normaler Größe herangewachsen, Helena ist mittlerweile eine runzlige Alte, Balzacs Rastignac arbeitet für den IWF, Odysseus wird als Schiffsbrüchiger an die Küste Lampedusas angespült, Kim vom britischen Außenministerium angeheuert, Pinocchio schmachtet mit anderen Kindern in einem Auffanglager an der texanischen Grenze, und die Prinzessin von Kleve gelangt in ein Marseiller Problemviertel. Anders als ihre Leser, die altern und nie wieder jung sein werden, sind literarische Figuren gleichzeitig jung und alt, bleiben so, wie wir sie beim ersten Lesen kennengelernt haben, und sind gleichzeitig das, wozu sie durch unser späteres Wiederlesen geworden sind. Damit ähneln sie allesamt der Meeresgottheit Proteus, dem Poseidon die Fähigkeit verliehen hatte, sich in jede beliebige Gestalt zu...

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