Der Ruf des Sturmvogels

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Juli 2013
  • |
  • 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10284-5 (ISBN)
 
Intrigen, Schmerz und große Gefühle im Patagonien des 19. Jahrhunderts

1859. Nach dem Tod ihres Vaters stehen die Schwestern Stella und Claire völlig mittellos da. Ihr Onkel Longacre arrangiert für Claire eine Ehe mit dem wohlhabenden Schafzüchter Shawn Fergusson im weit entfernten Chile. Doch die fromme Claire wehrt sich innerlich gegen die Ehe, während Stella sich nichts sehnlicher wünscht, als zu heiraten. Als die Schwestern auf der entlegenen Farm ankommen, fühlt Stella sich wie magisch von Shawn angezogen. Doch das Leben in dem fremden Land ist hart, und Stella hat ihrer Schwester versprochen, ihr zur Seite zu stehen. Sie muss sich entscheiden zwischen ihrer Pflicht und der Liebe ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,10 MB
978-3-641-10284-5 (9783641102845)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Kapitel 2

Im Hafen von Punta Arenas

Die Witwe hatte sich mit guten Wünschen verabschiedet, ihren Koffer genommen und war den Kai hinuntergeeilt, während die anderen Passagiere von Verwandten in Empfang genommen wurden, und bald waren alle fort.

Niemand beachtete die Schwestern.

Sobald auch die Matrosen abgelegt hatten und gegen die heranrollenden Wellen zurückruderten, brach Claire in Tränen aus.

»Komm, setz dich hier auf den Koffer, Claire. Onkel Longacre kommt sicher bald.« Stella reichte ihr ein weiteres Taschentuch.

»Glaubst du, er hat uns vergessen, oder weiß gar nicht, dass wir hier sind?«

»Er hat sich sicher nur verspätet. Vielleicht halten ihn dringende Geschäfte auf.«

Während sich Claire fasste und Zuflucht in einem Gebet suchte, hielt Stella Ausschau nach ihrem Verwandten. Es war wenig hilfreich, dass sie nicht wussten, wie er aussah.

Als Bruder ihres Vaters würde er ihm wahrscheinlich ähnlich sehen, oder? Weit und breit sah sie nur Hafenarbeiter, Männer, die Fässer umherrollten, beladene Karren schoben oder nur herumsaßen und scheinbar auf Arbeit warteten. Ihr raues, mitunter grimmiges Äußeres machte ihr Angst, die sie auf keinen Fall zeigen wollte. Schon früh hatte ihr Vater ihr eingebläut, falls sie durch ein Unglück plötzlich auf sich allein gestellt sei, sich ihre Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. Zwielichtige Gestalten wussten genau, wann eine Frau Angst hatte, und fühlten sich magisch davon angezogen. Stella beherzigte seinen Rat und richtete sich auf. Es war helllichter Tag und es gab keinen Grund, sich zu fürchten.

Stella versuchte, keinen der Arbeiter direkt anzusehen und sie doch zugleich einzuschätzen. Eigentlich hatte sie ein gutes Gespür für Menschen. Denn sie brauchten wohl Hilfe, und diesmal würde nicht Claire mit ihren perfekten Umgangsformen sie retten.

Schließlich, als das Ruderboot mit den nächsten Passagieren schon die halbe Strecke vom Klipper zurückgelegt hatte, nahm Stella ihren ganzen Mut zusammen und sprach einen älteren Fischer an. Sein Gesicht war vom Leben auf See furchig wie verwitterter Stein, aber er hatte warme Augen.

»Entschuldigen Sie, wir warten auf unseren Onkel, Bernard Longacre, er soll in Punta Arenas ein Kontor unterhalten. Wissen Sie, wie wir ihn finden können?«

Der Alte grinste verschmitzt und fuhr sich durch den struppigen Bart.

»Longacre? Der dicke Longacre? Den kennt jeder hier.«

Der Alte stieß einen schrillen Pfiff aus, und Stella roch seinen fauligen Atem.

Ein dumpfes Rumpeln erklang, als ein Mann mit einem Karren über einen Bohlenweg eilte und auf den Pier einbog.

»Mein Sohn, Peter«, erklärte der Fischer.

Der junge Mann sah seinem Vater sehr ähnlich. Sein blondes Haar war von Salz und Sonne ausgeblichen. Die Ärmel des verschlissenen Wollpullovers hatte er sich bis über die Ellenbogen seiner sehnigen Arme geschoben. Fröhlich tippte er an die Kappe, während der Alte ihm sagte, nach wem die Schwestern suchten.

»Keine Sorge, wir werden Sie zu Ihrem Onkel bringen, Señoritas, es ist nicht weit.«

»Vielen Dank.« Das Lächeln, das Stella dem Alten und seinem Sohn schenkte, kam aus tiefstem Herzen und auch Claire fasste wieder Mut und trocknete unauffällig ihre Tränen.

Bald war das Gepäck auf den Holzkarren geladen und die Schwestern folgten den Männern über den Pier in den Ort. Vor der Kulisse der Berge, die weich durch das milchige Licht schimmerten, wirkten die Häuser winzig, wie willkürlich verstreutes Spielzeug eines Riesen.

Die Bezeichnung Stadt hatte Punta Arenas wahrhaftig nicht verdient. Die breiten Straßen waren schlammig und aufgeweicht, und nur hier und da erleichterten Bohlenwege vor den Gebäuden den Fußgängern das Vorankommen. Es schien, als gehöre der Raum zwischen den Gebäuden vor allem dem Vieh und seinen Hütern. Auch jetzt ritten Gauchos in kleinen Gruppen umher und in einiger Entfernung machte Stella mehrere Rinder aus, die zum Hafen getrieben wurden. Es roch durchdringend nach Kot und Unrat. Nach der langen Zeit auf See und der klaren, sauberen Luft war der Gestank beinahe unerträglich, und Stella kämpfte kurz gegen Übelkeit an.

»Señoritas, setzen Sie sich bitte auf den Karren«, sagte der junge Hafenarbeiter.

»Vielen Dank.« Das ließ Claire sich nicht zwei Mal sagen. Sie wartete, bis Peter einige Koffer zurechtgerückt hatte, und zwängte sich in die Lücke. Skeptisch betrachtete Stella den überladenen Karren und die dürren Arme des alten Mannes, der seinem Sohn ohnehin schon kräftig beim Schieben helfen musste. Seine Sehnen traten wie geflochtene Seile hervor, doch Stella hatte eher den Eindruck, als würden sie bei zu großer Anstrengung reißen. Als Peter auch ihr Platz schaffen wollte, wiegelte sie ab.

»Vielen Dank, aber nach der langen Zeit auf dem Schiff vertrete ich mir lieber ein wenig die Beine.«

»Aber Señorita!«

»Nein, nicht nötig.«

»Wenn Sie wünschen. Aber seien Sie vorsichtig, wo Sie hintreten.«

»Ich werde achtgeben, danke.«

Stella ignorierte Claires tadelnden Blick, raffte ihre Röcke und stiefelte durch den Morast. Neugierig musterte sie die Holzfassaden der schlichten Gebäude der Krämer, Schmiede, Seiler und Schlachter. In Tonnen fingen die Menschen Regenwasser auf, das von moosbewachsenen Dächern herablief. Alles war nass. Was für ein Unterschied zu den glühenden Sommern von Buenos Aires. Statt staubiger Straßen Schlamm, Moos und moderndes Holz. Stella hatte das heiße Wetter nie gut vertragen, hier herrschte genau das andere Extrem vor. Zwischen den Häusern entdeckte sie immer wieder Pferche, oft randvoll mit Schafen. Die Tiere, die von den Engländern nach Tierra del Fuego eingeführt worden waren, schienen der wahre Reichtum der Region zu sein.

»Hat denn hier jeder Schafe?«, fragte Stella ungläubig und erntete von Peter ein Lachen, das in ein Keuchen überging. »Ja, da würde ich drauf wetten. Seitdem die chilenische Regierung die Besiedlung Tierra del Fuegos so energisch vorantreibt und Schafzüchter mit allerlei Vergünstigungen herlockt, lohnt es sich. Punta Arenas ist der Hauptumschlagplatz. Wer nicht davon lebt, arbeitet im Walfang oder im Fernhandel. Seitdem in Kalifornien Gold entdeckt wurde, nehmen auch immer mehr Passagierschiffe diesen Weg.«

»Und erstreckt sich Punta Arenas noch weit?«

»Nicht sehr. Wer es sich, wie Ihr Onkel, leisten kann, wohnt etwas weiter außerhalb, dort stinkt es nicht so, wenn der Wind auf Südwest dreht.«

»Es stinkt mehr als jetzt?«

»Ja, aus den Walfangbuchten, an guten Tagen bringen sie Dutzende Tiere an Land.«

»Peter, ich glaube nicht, dass sich die Damen ausgerechnet für die unangenehmsten Geschichten über ihre neue Heimat interessieren«, ermahnte der Vater ihn.

»Doch, mich interessiert alles!«, platzte Stella heraus. Sie hob ihre Röcke ein wenig mehr und sprang über eine Fahrrinne, in der sich eine tiefe Pfütze gebildet hatte. Das Manöver gelang ihr nicht ganz. Kaltes Schlammwasser spritzte auf ihre Waden und sie musste sich zusammenreißen, um nicht zu schreien.

Peter sah es und schmunzelte. Mit Schweißperlen auf der Stirn nahm er eine kleine Steigung in Angriff.

»Dort vorn ist es«, keuchte der Alte, der seinem Sohn auf den letzten Metern half, den Handkarren durch den Morast zu bugsieren. Das Haus, auf das er wies, hatte zwei Etagen und ließ auf einen gewissen Wohlstand schließen. Claires Miene hellte sich merklich auf. Das obere Geschoss stand auf mehreren verzierten Säulen, die Fenster waren zum Teil aus buntem Glas und neben der Eingangstür bewegten sich zwei glänzende Messinglaternen im Wind hin und her. Ein großes Schild ließ keinen Zweifel daran, wer das Sagen hatte: »B. Longacre Kontor« stand darauf in goldenen Lettern.

Claire schaffte es, vom Karren auf den gefegten Bohlenweg zu klettern, und sah weit mehr wie eine Dame aus als Stella, der Wasser und Schlamm in die Stiefel gedrungen und deren Rockschöße durchnässt waren.

»Warten Sie bitte hier, Señores. Mein Onkel wird Sie für Ihre Hilfe entlohnen und Ihnen sagen, was mit dem Gepäck geschehen soll«, wies sie die Männer an, klopfte energisch an die Tür und trat ein.

Stella verabschiedete sich von den Hafenarbeitern und folgte ihrer Schwester staunend und ein wenig beschämt ins Kontor. Nun übernahm Claire wieder die Führung. Stella fiel es bei Leuten der besseren Gesellschaft schwer, die richtigen Worte zu finden. Entweder redete sie zu wenig oder zu viel, und es wurde ihr als Respektlosigkeit ausgelegt, wenn sie neugierige Fragen stellte.

Dass es sich bei Bernard Longacre um einen nahen Verwandten handelte, machte für Stella keinen Unterschied. Er war dennoch ein Fremder, der wahrscheinlich hohe Erwartungen an seine Nichten stellte. Sie wollte ihn nicht enttäuschen, immerhin hatte er...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

9,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen