Das schlechte Gewissen - Quälgeist oder Ressource?

Neurobiologische Grundlagen und praktische Abhilfe
 
 
Hogrefe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. Juli 2021
  • |
  • 136 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-456-76134-3 (ISBN)
 
Das schlechte Gewissen kann eine echte Plage sein. Es gibt einfach keine Ruhe und man kann es auch durch Verstandeseinsicht einfach nicht abstellen. Psychologisch, in der Psychotherapie, der Beratung und im Coaching gehört das schlechte Gewissen zu den hartnäckigsten Symptomen, die nur äußerst zäh in den Griff zu kriegen sind.
Maja Storch und Gerhard Roth stellen sich der Frage, woher eigentlich die lange Überlebensdauer eines schlechten Gewissens kommt und wie man damit umgehen kann. Gerhard Roth erklärt, aus welchen Komponenten des menschlichen Gehirns sich so eine komplexe Funktion wie das schlechte Gewissen im Laufe der Entwicklung aufbaut. Maja Storch stellt anhand von drei gut nachvollziehbaren Praxisbeispielen eine alltagstaugliche Systematik vor, mit der man den Quellen des eigenen schlechten Gewissens auf die Schliche kommt und einen Plan entwickeln kann, wie man damit umgeht.
Ein Buch, das für viele Menschen als Erlösung dienen kann!
1. Auflage 2021
  • Deutsch
  • Bern
  • |
  • Deutschland
  • Breites Publikum, Therapeut_innen, Coaches
  • 7,70 MB
978-3-456-76134-3 (9783456761343)
10.1024/86134-000
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Zweite Option: SG mildern

Die zweite Option, bei der es darum geht, das SG nicht komplett zum Schweigen zu bringen, sondern einfach nur etwas abzumildern, habe ich selber am eigenen Leib erlebt und mich drei Tage aufs Schwerste damit herumgeschlagen. Mein Mann wollte schon ins Dachgeschoss ausziehen, weil ihn meine ständigen Tiraden wegen meines SG grausam genervt haben. Die Lösung für diesen SG-Typ bestand tatsächlich darin, dass mir nach vielen Stunden des Grübelns klar geworden ist, dass ich dieses SG nicht einfach ausrotten kann, sondern einen Weg finden muss, es so weit zu mildern, dass ich damit halbwegs angenehm leben kann. Ziel ist also in diesem Fall nicht das Verschwinden des SG, sondern eher eine Linderung der damit verbundenen psychischen Belastungen. Was war geschehen?

Mein schlechtes Gewissen, das mir letztendlich zu dieser Einsicht verholfen hat, die ich jetzt in einem Buch niederschreiben kann, hatte als Quelle die Corona-Situation an Weihnachten 2020. Ich bin in unserer Kirchengemeinde als Organistin tätig. Organisten sind Mangelware bei uns in der Gegend. Ich glaube, das ist nicht nur bei uns der Fall, sondern in zahlreichen Gegenden in Deutschland, der Schweiz und in Österreich. Woran liegt das? Immer weniger Nachwuchs wird von den Kirchengemeinden gezielt mit der Orgel vertraut gemacht. Was da oben auf der Empore geschieht, weiß niemand von der Gemeinde unten. Irgendwie kommen da halt Töne her, das ist man so gewohnt. Was für ein mechanisches Wunderwerk so eine Orgel darstellt, wie viele Orgelpfeifen so ein Instrument beherbergt und wie man diesem Pfeifenmeer Töne und Melodien entlockt, das ist weitgehend unbekannt. Hinzu kommt, dass Organistinnen für ihre Dienste zu Zeiten bereitstehen müssen, in denen andere Urlaub machen oder es an Feiertagen genießen, ausschlafen zu können. Die Ausbildung zur nebenamtlichen C-Organistin ist extrem anspruchsvoll und frisst vier Lebensjahre. Später wird das nicht viel anders, man muss ja üben, jeder Gottesdienst ist ein kleines Livekonzert. Man probt mit dem Kirchenchor und mit diversen Solisten, alles in der Freizeit. Die Bezahlung für den Dauereinsatz haut wahrhaftig niemanden vom Hocker, lediglich die Schweiz bildet hier eine löbliche Ausnahme. Kurz zusammengefasst: Orgelspielen ist viel Aufwand, die Belohnung dafür bezieht man aus der schönen Musik, die man macht, aus dem Dank und der Freude der Gemeinde und aus der Gewissheit, zum Erleben von Spiritualität beizutragen.

Ich bin eine von diesem Club. Orgeldienste trägt man frühzeitig in einen Plan ein, weil die Personen, die für die Organisation zuständig sind, wissen müssen, ob es bei jedem Gottesdienst auch Organisten gibt. Besonders in der Advents- und Weihnachtszeit sind alle ausgebucht, die Orgel spielen können, denn jetzt ist Dauereinsatz angesagt. Advent und Weihnachten sind - neben Ostern und Pfingsten - sozusagen Hauptsaison für das Orgelspiel. Wenn jetzt jemand ausfällt, gibt es keinen Ersatz, denn jeder, der eine Taste drücken kann, hat in dieser Zeit den Terminkalender randvoll.

Eigentlich ist das gar nicht weiter schlimm, man kennt das ja und stellt sich drauf ein. Doch dann kam Corona, erste Welle und zweite Welle. Jeden Abend erzählte ein sorgenvoller Herr vom Robert Koch-Institut von ständig steigenden Infektionszahlen. Die deutsche Politik reagierte angesichts der zweiten Welle im Herbst mit dem sogenannten Wellenbrecher-Lockdown, der jedoch nicht zum gewünschten Erfolg führte. Danach kam der große Lockdown. Die Frage war: Wie geht die Kirche mit den Gottesdiensten um? Gebetsmühlenartig appellierten Expertinnen und Experten der verschiedensten Wissenschaftsbereiche an die Vernunft der Menschen und machten klar, dass die einzige wirklich wirkungsvolle Maßnahme darin besteht, einfach keine Kontakte zu haben. Die Kirchen hatten mit ihren Gottesdiensten schon vor geraumer Zeit angemessen auf Corona reagiert. Jede Kirche musste ein Hygienekonzept erstellen, Ordnerdienste mussten eingeteilt und Plätze im Mindestabstand gekennzeichnet werden. Hände mussten beim Eintreten desinfiziert werden, während des Gottesdienstes war Gemeindegesang nicht erlaubt, Mundschutz für alle war Pflicht.

An den Hygienekonzepten während der Gottesdienste war wirklich nichts auszusetzen, die waren wasserdicht. Die Problemzone war auch nicht im Gottesdienst selbst zu finden, sondern in der Zeit danach. Während beim Eintreten alle noch rasch auf ihre vom Ordnungsdienst angezeigten Plätze eilten, war beim Verlassen der Kirche ein anderes Verhalten zu beobachten. Man stand dann halt doch beisammen, hie und da wurde auch die Maske abgezogen (Wir sind ja schließlich im Freien!), Mindestabstände wurden nicht mehr eingehalten. Das Bedürfnis, sich nicht nur geistig, sondern auch real nahe zu sein, ist völlig menschlich und verständlich, oft entsteht es auch unbewusst, einfach als ein Effekt von körperlichen Synchronisierungsprozessen. Trost spenden, sich als Teil einer Gruppe fühlen, Wiedersehensfreude ausdrücken - all dies sind durch und durch körperlich vollzogene Interaktionen. Bei einem Trauerfall sein Beileid auszudrücken, ohne die Hand zu greifen, ohne die Schultern zu berühren, das entspricht einfach nicht der menschlichen Natur. Kurzum: Die Zeit nach dem Gottesdienst war das Problem, hier konnte Corona sich austoben.

Als große Frage stand darum im Raum: Was macht man mit den Gottesdiensten in der Weihnachtszeit? Letztendlich ging es um zwei Möglichkeiten: Man könnte alle Präsenzgottesdienste in der Weihnachtszeit einfach nicht stattfinden lassen, um die Gemeinde gar nicht erst in "Versuchung zu führen". Etliche Kirchen haben das auch so gemacht und komplett auf digitale Weihnachten umgeschaltet, teilweise mit herrlich kreativen Lösungen. Der andere Standpunkt bestand darin, dass Kirche gerade in der Weihnachtszeit Präsenz zeigen muss und es ermöglichen muss, Gottesdienste zu besuchen. Denn in der Not für die Menschen da zu sein, genau das ist die Aufgabe von Kirche.

Von der Kirchenleitung aus wurde es den einzelnen Gemeinden überlassen, für sich selbst einen gangbaren Weg zu suchen. Diese Entscheidung war in meinen Augen angemessen, denn die Strukturen der einzelnen Kirchgemeinden unterscheiden sich gewaltig, so dass eine zentrale Anweisung "von oben" dieser Vielfalt nicht gerecht geworden wäre. Die Schwierigkeit für uns war, dass wir jetzt einen eigenen Standpunkt definieren mussten. Entsprechend kam bald eine E-Mail mit der Aufforderung, für eine Option zu votieren. Da ich persönlich das Verhalten der Gemeindemitglieder nach der Kirche seit vielen Wochen im Blick hatte - weil Organistinnen nun mal oft in der Kirche sind - votierte ich dafür, Präsenzgottesdienste ausfallen zu lassen und auf andere Kommunikationskanäle zu setzen.

Ich votierte für diese Option nicht nur aus Gründen der allgemeinen Vernunft, sondern auch zum Selbstschutz. Mir war einfach schrecklich unwohl bei dem Gedanken, mehr Kontakte als unbedingt nötig zu haben. Ich war sämtlichen Familienfeiern und Geburtstagen ferngeblieben, und ich hatte keine Restaurants besucht. Mir erscheint nach wie vor die Regel, einfach keine Kontakte zu haben, als sehr plausibel. An Weihnachten kommen bei uns viele Menschen in die Kirche, und es würde im Fall eines Präsenzgottesdienstes garantiert ein Herdengefühl entstehen, das sehr virenträchtig werden würde.

Die Mehrheit unserer Stimmberechtigten entschied sich jedoch für die Option, Präsenzgottesdienste durchzuführen und als Kirche für die Menschen da zu sein. Ich konnte mit dieser Entscheidung gut leben, weil sie auch in meinen Augen eine völlig stimmige Möglichkeit darstellte und ich alle Argumente für Präsenzgottesdienste höchst plausibel fand.

Mein Problem bestand darin, dass ich selber als Individuum die Kontaktvermeidung sehr ernst nahm. Die Vorstellung, sich für die Weihnachtsmessen mit Bläserensembles treffen zu müssen, bereitete mir Sorgen. Auch das soziale Kuscheln, das normalerweise an Weihnachtsmessen üblich ist, war in Zeiten der Pandemie nicht mein Fall. Was also sollte ich tun?

"Sag doch deinen Orgeldienst einfach ab", rieten mir einige Freundinnen und Freunde. "Man kann niemanden zwingen, in diesen Zeiten sich ohne Not Risiken auszusetzen."

"Aber ich kann die Gemeinde jetzt nicht einfach hängen lassen", lautete meine Erwiderung. Mir war völlig klar, dass die Gemeinde ohne Orgelspiel feiern müsste, wenn ich jetzt so kurz vor dem Fest einen Rückzieher machen würde. Ersatz war auf keinen Fall zu finden.

Ich war hin und her gerissen. Hätte ich abgesagt, hätte sich mein schlechtes Gewissen auf Eiffelturmhöhe aufgebaut - mindestens.

"Wer schreibt denn gerade ein Buch über schlechtes Gewissen?", machte sich mein Mann über mich lustig. "Wende doch deine eigenen Verfahren einfach auf dich selber...

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