Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter

Von Edel-Eltern und ihren Bestimmerkindern
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Oktober 2011
  • |
  • 238 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1062-4 (ISBN)
 
Was ist nur mit den Eltern los? Kaum haben sie ihr "Jetzt wird's aber Zeit"-Kind, wird es zum sinnstiftenden Projekt. Egal, ob bei der Wahl von Kita und Schule, beim Kauf von Kleidung oder der richtigen Wohnung - das Beste scheint gerade gut genug. Das Kind wird zum Statussymbol. Aber muss wirklich alle Welt Rücksicht nehmen, nur weil Eltern mit ihrer Fortpflanzung das Land vor der Vergreisung retten? Wächst eine Generation kleiner Egoisten heran?

Anja Maier hat Familien im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg beobachtet und feststellen müssen, dass aus dem Szeneviertel eine kuschelige Kleinstadt geworden ist. Ihre Geschichten sind vor allem eines: erschreckend wahr, manchmal tragisch - und vor allem urkomisch.
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • Deutschland
  • Breite: 125 mm
  • 1,57 MB
978-3-8387-1062-4 (9783838710624)
3838710622 (3838710622)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Wer bist du? oder Die Westlerin in meinem Kiez (S. 160-161)

Gut sieht sie aus. Weiße Hose, cremefarbene Bluse, das kastanienfarbene Haar leuchtet in der hereinbrechenden Vormittagssonne. »Wer bist du?« heißt ihre Galerie, ein langer schmaler Raum, in dem ihre Bilder hängen. Sie erzählt, wo sie fotografieren gelernt hat und dass ihr Studio nicht hier, sondern bei ihr zu Hause ist. Dort lassen sich die Bewohner des Prenzlauer Bergs von ihr porträtieren – diese Frau muss wissen, wie sich die Menschen hier fühlen. Sie schaut ihnen Tag für Tag ins Gesicht.

Ich würde nirgendwo anders leben als hier, das sage ich Ihnen ganz klar. Im Prenzlauer Berg gibt es vielleicht zehn Straßen, in denen ich wohnen möchte, zehn Straßen in einem ziemlich engen Radius – wenn ich hier nicht schon meine Wohnung hätte, müsste ich mir eine suchen. Als ich vor zwölf Jahren herkam und mir unser Dachgeschoss im Rohbau angeschaut habe, musste ich weinen vor Glück. Ich wusste: Jetzt bin ich angekommen. Und dieses gute Gefühl ist geblieben all die Jahre.

Es gibt so unsagbar blöde Klischees über den Prenzlauer Berg, die ärgern mich. Klar, man kann die bedienen, ich bediene sie ja scheinbar selbst. Ich bin aus dem Westen, ich habe eine Dachgeschosswohnung und bin Fotografin mit einer kleinen Galerie mitten im Touristenviertel. Da treffen alle Vorurteile über die neuen Reichen zu, nicht wahr? Aber so einfach ist es eben nicht. Die Bezeichnung »neue Reiche« erscheint mir im Zusammenhang mit meiner Familie einfach nur komisch. Ein Lehrer und eine Spätstudierende mit drei Kindern, die sich allen Warnungen zum Trotz mit dem Kauf einer Berliner Dachgeschosswohnung dem finanziellen Dauerstress verschrieben haben. Bis heute jammern meine Kinder, dass nie Geld da ist, dass andere von ihren Eltern unterstützt werden. Aber das sieht natürlich keiner, nach außen wirken wir wohlhabend.

Nach so vielen Jahren möchte ich mich nicht mehr dafür verteidigen müssen, dort zu wohnen, wo ich es möchte. Denn ich liebe den Prenzlauer Berg. Ich liebe den Osten. Ich wollte hier unbedingt hin und gehe auch nicht mehr weg. Wir sind damals aus der Pfalz hergekommen. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern Ende der Neunziger. Mein Mann ist Lehrer, der wollte erst gar nicht, er hätte genauso gut dort bleiben können. Und meine Töchter waren damals in der Pubertät, die haben gekämpft darum, nicht hierher zu müssen, heute sind sie gottfroh. Aber ich hatte das Gefühl: Ich muss.

Berlin ist die einzige Stadt für mich. Ich wäre auch allein gegangen, das weiß ich heute. Ich habe schon einmal als junge Frau hier gelebt, in Westberlin, ich war Krankenpflegerin. Durch den Mauerfall ist mir das alles wieder bewusst geworden: also meine Geschichte als Deutsche, der Zweite Weltkrieg war plötzlich wieder ein Thema, die Erzählungen meiner Großmutter von jenem verlorenen Land im Osten. Als ich zwölf war, ist meine Mutter einmal mit mir nach Ostberlin gefahren. Ich erinnere mich an die unglaublich breite windige Straße am Alexanderplatz, den Hackepeter, den ich essen musste, damit das Geld ausgegeben wird.

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