Das Haus

Roman
 
 
Suhrkamp Verlag AG
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Dezember 2011
  • |
  • 165 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-76760-3 (ISBN)
 
Am Beginn dieses Lebens ist Herbst, und Enten schwimmen auf dem Bad Nauheimer Teich. Der Erzähler erinnert sich an ein Paradies, ein Leben ganz ohne Menschen und Zwänge. Die ersten drei Jahre verlebt er bei seiner Urgroßmutter. Aber dann kommt der Einzug in das große, neue Haus der Familie, das dort gebaut worden ist, wo vormals die Apfelbäume standen. Das leere Haus wird zum Lebenszentrum des Kindes. Auf der Flucht vor dem grellen Küchenlicht des gemeinsamen Abendessens werden die unteren Regionen, die Kellerräume mit ihren Ölbrennern und Tankanlagen, zu seiner abgründigen Heimat. Das Kind spricht lange nicht, nimmt keinen Kontakt zu seiner Umwelt auf, wird zu Ärzten gebracht. Später fliegt der Keller als Raumschiff Enterprise in den Wetterauer Himmel, und der ältere Bruder ist der Kommandant. Während die Schwester, laut wie die Posaunen von Jericho, die Wände des Hauses zum Erzittern bringt. Mit "Das Haus" setzt Andreas Maier konsequent fort, was er mit seinem Erfolgsroman "Das Zimmer" begonnen hat. Ein Buch, ein Haus, ein Leben, nahe herangezoomt, dann wieder fast klinisch sezierend auf Abstand gebracht und immer erfüllt von der Seele des Kindes ? und von dem vielleicht, was wir lange schon vergessen haben, auch wenn es einmal unser aller Ursprung gewesen ist.
  • Deutsch
  • 1,75 MB
978-3-518-76760-3 (9783518767603)
3518767607 (3518767607)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Andreas Maier wurde 1967 im hessischen Bad Nauheim geboren. Er studierte Altphilologie, Germanistik und Philosophie in Frankfurt am Main und ist Doktor der Philosophie im Bereich Germanistik. Er lebte wechselweise in der Wetterau und in Südtirol. Andreas Maier lebt in Hamburg.

1 - Cover [Seite 1]
2 - Informationen zum Buch/Autor [Seite 2]
3 - Impressum [Seite 4]
4 - Das Haus [Seite 5]
4.1 - DRINNEN [Seite 6]
4.2 - DRAUSSEN [Seite 92]

Das Haus meiner Kindheit war groß und leer. Vorne ging es zur Stadt hin, zum Mühlweg, zu den anderen Häusern, nach hinten öffnete es sich auf die ganze Welt. Ich wuchs an einem großen Fenster auf, darunter war die Usa, unser Fluß, dahinter lag das Feld, und darüber war der Himmel. Lag ich im Bett, sah ich die Äste der großen Linden, die am jenseitigen Usa-Ufer standen. Im Sommer wehten ihre Blätter im Wind, im Herbst färbten sie mein ganzes Zimmer, im Winter starrten die Äste wie Skelette im Dunkeln, im Frühjahr bargen sie die Vögel und waren von Gesang erfüllt. Damals erkannte ich noch keine Vogelstimmen. Damals war ihr Gesang noch ungeschieden und einheitlich. Ich lernte die Stimmen erst, als das Zimmer, das Haus und die Welt, auf die hin es sich öffnete, verloren waren, wie auch das Geräusch der Usa, das mein Lebensgeräusch war. Dieses stetige Plätschern, das meinem Kopf von Anfang an einen bestimmten Rhythmus mitgegeben hat, gegen den ich mich nicht wehren konnte, vielleicht einer der Anfangsgründe meiner Krankheit.

Als ich ein kleines Kind war, brachten meine Eltern mich zum Arzt, denn ich sprach nicht, sagen sie, lange Zeit nicht, kein Wort, und ich bewegte mich absonderlich. Sie glaubten an einen schwerwiegenden Nervenschaden. Die Augenprobe bestand ich nur teilweise. Immer glitten meine Augen vom Gegenstand der Betrachtung. Am Anfang fixierte ich, dann glitt ich ab, sagen sie. Ich lag nachts im Bett und hustete mir alles aus dem Leib, auch das wurde mit den Nerven erklärt. Ich war ein erschöpftes Kind, das sich nachts in einen bellenden Hund verwandelte. Der Arzt habe mich begutachtet und gesagt, das Verhalten, das ich an den Tag lege, sei im allgemeinen Zeichen für eine Art von geistiger Behinderung, ich war aber offensichtlich nicht geistig behindert, sondern zeigte nur dementsprechende Verhaltensweisen. Ich war ein stummes Kind, das auf keinem Stuhl sitzen blieb, und wenn ich im Bett lag, schloß ich die Augen und öffnete sie wieder und wälzte stundenlang und die halbe Nacht langsam meinen Kopf auf dem Kissen hin und her, von links nach rechts und wieder von rechts nach links. Das machte meinen Eltern angst. Ich war verschlossen in meiner Welt, so sei es ihnen vorgekommen.

Erinnerungen an die erste Zeit im Haus habe ich nicht. Aber ich sehe immer ein Bild vor mir, nämlich wie ich im Kinderwagen im Foyer, unserem Hausflur, sitze. Vielleicht hat mich meine Urgroßmutter gerade von den Enten am Bad Nauheimer Teich nach Hause gebracht, und nun sitze ich dort im Kinderwagen und betrachte mit verschlossenem Mund die Welt und wiege den Kopf hin und her. Auch im Kinderwagen soll ich oft diese Bewegungen mit dem Kopf gemacht haben. Unten eine riesige, leere Fläche von Marmorfliesen, die eine große Kühle ausstrahlen. Dann nach rechts die lange Flucht des Ganges. Hinten im Gang ist es ganz lichtlos. Vorne, aber erst in einigem Abstand zu mir im Kinderwagen, die riesige freischwebende Treppe, mit denselben Marmorplatten belegt wie der Boden. Hinter mir, durch die offenstehende Tür, strömt Licht herein, und vom Obergeschoß kommt ebenfalls Licht herab, als sei dort oben eine Art Himmel, eine andere Sphäre. Das Foyer sieht in diesem Bild aus wie eine riesige Theaterbühne, ein Architekturstück in kühler, geometrischer Ordnung ohne Schauspieler, nur mit mir darin. So sehe ich meinen Wagen wie in einem universalen Raum, in dem sich jeder Augenblick bis an die Grenzen der fernen Wände und in die schwummrige Dunkelheit hinein dehnt. Das einzige Material, aus dem dieses Universum besteht, sind die fernen Tapeten der Wände und die zahllosen Fliesen auf dem weit sich verlierenden Boden. Vielleicht betäubt mich dieses Foyer mit seiner Stille und Riesenhaftigkeit, oder ich schaue es verwundert an und dämmere dabei hinweg.

Wenn man im Erdgeschoß die breite, offene Kellertreppe hinabblickte, die in der Mitte des Foyers lag, sah man wie in einen Schlund hinein. Es war eine dunkle, unheimliche Öffnung. In der Uhlandstraße hatte der Keller hinter einer Tür gelegen. Auch bei der Urgroßmutter mußte man erst einmal das Treppenhaus hinuntersteigen und dann eine gelblich mit Lack angestrichene Holztür öffnen, um in den Keller zu gelangen. Hier aber mußten sie mich davor bewahren, in diesen Kellerschlund hinabzustürzen. Ob mich dieses unbekannte Dunkle anzog, das da jeden Tag offen vor mir lag, ob es mich abstieß und mir Furcht einflößte? Manchmal muß ich gesehen haben, wie jemand hinabstieg, irgendeine Person, mein Vater, meine Mutter, mein Onkel J., ein Schemen, der gegen das Kellerlicht dünner wurde, als gehe er dort unten seinem Verschwinden entgegen. Wenn er um den Treppenknick verschwunden war, war er weg, nicht anders, als sei er endgültig dort unten verloren und ausgelöscht wie in einer Vernichtungsmaschine. Einige Minuten später tauchte wieder ein Schemen auf, wurde voluminöser, der Betreffende kam wieder zur Welt oder war auferstanden, jetzt vielleicht mit einem Bierkasten oder einer Weinflasche oder einem Wäschekorb in den Händen; die Lampe war oberhalb des Treppenabsatzes so angebracht, daß derjenige, der emporstieg, eine Aura um seinen Kopf bekam und auf einer bestimmten Stufe der Treppe einen Heiligenschein hatte. Dann war die Figur wieder im Foyer angekommen. Das letzte, was geschah, war, daß schlagartig das Licht wegfiel und der Kellerabgang, eben noch ausgeleuchtet bis in jeden Winkel, wieder in Dämmerung und weiter unten in Schwärze lag. Daß die Ursache dafür ein Lichtschalter war, den die betreffende Person betätigt hatte, dürfte ich damals kaum begriffen haben. Vermutlich kam mir alles wie eine Naturgesetzlichkeit vor, die ich anstaunte wie die Sagen und Märchen, die man mir erzählte.

Anders war es, wenn jemand in den ersten Stock emporstieg. Dann stieg er in jenes diffuse Licht, das von oben kam und immer heller wurde. Das war der Aufstieg in den Himmel, dort oben im ersten Stock wurde man von einer Lichtatmosphäre aufgenommen wie bei einer Verklärung. Diese Verklärung lag übrigens allein daran, daß dort oben der Treppe gegenüber ein großes Fenster eingelassen war und die danebenliegenden Türen, die auf ein großes Zimmer nach Süden gingen, meist geöffnet waren. Unten im Foyer gab es nur eine dunkle Milchglasscheibe, auch waren die Türen der anderen Räume immer verschlossen, den ganzen Flur entlang. Wenn jemand hinaufging, hatte ich keine Angst um ihn, auch wenn er, etwa wie unsere Nähfrau Däschinger, dann stundenlang nicht mehr herunterkam. (Frau Däschinger saß ganze Nachmittage dort oben und nähte vor sich hin in einem großen, hellen Balkonzimmer.) So war das Foyer ein manichäischer Apparat, der die Welt in Licht und Dunkel teilte, mit allen Konnotationen wie erhaben einerseits, unheimlich andererseits, vielleicht auch gut und böse et cetera. Auf diese Weise schuf mir das neue Haus seine ganz eigene Sagenwelt. Noch heute sind Besucher regelmäßig erstaunt, wenn sie unser Foyer zum ersten Mal betreten und den Kellerabgang vor sich sehen. Um wieviel mehr muß es mich, das Kleinkind, erstaunt haben.

Vor dem Umzug hatte ich in einer anderen Welt gelebt. Da war der Kurpark in Bad Nauheim, in dem ich sehr oft gewesen sein soll, das Haus meiner Großmutter in der Uhlandstraße, wo wir vor dem Umzug in einer kleinen Dachzimmerwohnung gelebt hatten, die alte Wohnung meiner Urgroßmutter, in der ich mich meistens aufgehalten haben soll. Diese Welt, meine erste, war die Welt meiner Großeltern und Urgroßeltern. Noch mit fünf, mit sieben Jahren war ich immer lieber im Haus der Großmutter oder bei der Urgroßmutter. Vielleicht fällt mir deshalb immer zuerst, wenn ich an unser Haus denke, dieses Bild mit dem Foyer ein, weil es den Übergang markiert, den ich damals erlebte, den Übergang zwischen der alten Welt und der neuen. Ich sitze im Vorraum, kann noch nicht sprechen, vielleicht ist meine Urgroßmutter nur kurz in die Küche oder an die hintere Garderobe gegangen, das sind keine acht Meter, aber in dem Augenblick, da ich dort sitze (wenn es Herbst ist, kommen die kalte Luft und das Oktober- oder Novemberlicht durch die offene Tür hinter mir mit hinein), schließt sich der Raum um mich und hebt mich in seinen geometrischen, weiten, leeren Kosmos. Ich stelle es mir wie ein Bild von Paul Delvaux vor. Daß meine Urgroßmutter nur um die Ecke gegangen ist und in wenigen Sekunden wieder erscheinen wird, weiß ich nicht, dieser Gedanke, diese Ahnung kommt in dem Bild nicht vor.

Das Haus war damals neu gebaut worden auf dem Grundstück unseres ehemaligen Apfelgartens. Innen war es noch kaum eingerichtet, ich vermute, das einzige, was in der langen Flucht des Foyers vorhanden war, war die vordere Garderobe, ein Gestell aus schwarzgestrichenem Metall mit ausladenden Haken daran, die für mich in den folgenden Jahren stets etwas Furchterregendes hatten, denn sie erinnerten mich an die Haken bei unserem Fleischer, dem Metzger Blum. Die Dachwohnung im Haus meiner Großmutter, in der wir vorher gewohnt hatten, war dagegen geradezu winzig und sehr verwinkelt gewesen. Dort waren die Wände und die Türen nah, man sah nie weiter als vielleicht drei oder vier Meter, und überall waren Gegenstände, Einrichtungen, Tische, Kommoden, Spiegel, Stühle, Teppiche, Vasen, Blumen et cetera. Die Urgroßmutter lebte in einem noch älteren Haus als meine Großmutter. Sie hatte eine Wohnung im zweiten Stock, zu der sie mich stets hochtrug. Ich hielt mich dort meist in der Küche auf, dort war alles voller Schüsseln, alter Kannen, Einmachgläser, Dosen, Vitrinen, in der Mitte des Raumes ein großer Tisch, teils stammte die Einrichtung noch von den Eltern der Urgroßmutter aus den zwanziger Jahren. Das war die andere Welt, eine Welt voller Gerüche, Geräusche, knarrender Holzstufen, ob...

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