Die Pflege und die Coronapandemie in Deutschland

Folgen für Profession und Versorgung
 
 
Kohlhammer (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. Juni 2021
  • |
  • 125 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-17-040498-4 (ISBN)
 

Im Angesicht der COVID-19-Pandemie hat die Pflege viel Aufmerksamkeit erfahren. Als systemrelevante Berufsgruppe war und ist die Versorgung von COVID-19-Patienten wesentlich von dieser abhängig. Berufspolitische Erfolge, welche die Pflege in den letzten Jahren errungen hatte, die nicht nur den Berufsstand, sondern auch die Versorgung der Bevölkerung verbessern sollten, wurden per Notstandsgesetze bzw. Pandemieverordnungen vorübergehend ausgesetzt. Personalmangel und Versorgungslücken bestanden im Pflegebereich schon lange vor Einsetzen der Pandemie. Diese hat die Position der Pflege jedoch ins Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt.

Die Beiträge in diesem Buch verdeutlichen den Standpunkt der Pflege im Angesicht der Pandemie und machen auf Maßnahmen aufmerksam, die für eine Stärkung der beruflichen Pflege und damit auch der pflegerischen Versorgung notwendig sind.

1. Auflage 2021
  • Deutsch
  • Stuttgart
  • |
  • Deutschland
  • Pflegende aller Bereiche, Pflegemanagement, Krankenhausmangement, Leitungen von Pflegeheimen, Pflegewissenschaft, Pflegepolitik und -organisationen, alle an der Pflegeversorgung Interessierte.
  • 3,01 MB
978-3-17-040498-4 (9783170404984)
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Dr. Markus Mai, Präsident der Pflegekammer Rheinland-Pfalz, Mitglied des Präsidiums der Bundespflegekammer.

Licht- und Schattenseiten der stationären Altenpflege während der Coronapandemie: Implikationen für Politik und Gesellschaft
Anja Bieber, Gabriele Meyer & Steffen Fleischer
Einleitung

Die Situation in deutschen Pflegeheimen, die sich als Konsequenz aus der Coronapandemie ergab, ist beispiellos. Die Herausforderungen und Zumutungen für die Bewohner*innen, die Angehörigen und das Personal ergaben sich dabei mittel- und unmittelbar aus der Pandemie und den Strategien zu ihrer Eindämmung.

Um zu verstehen, wie sich die Situation in den Pflegeheimen durch die zusätzlichen Belastungen in der Pandemiebekämpfung verschärfte, ist die Ausgangslage zu vergegenwärtigen: Die Arbeits- und Versorgungssituation in der stationären Langzeitpflege Deutschlands war schon vor dem ersten Lockdown infolge Coronapandemie im Frühjahr 2020 geprägt durch eine nicht ausreichende personelle Ausstattung und eine daraus resultierende Arbeitsdichte. In einer Erhebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes berichten etwa 40 % der befragten 598 Pflegenden im Bereich Altenpflege, die tägliche Pflege sei oft nur zu schaffen, wenn sie Abstriche in der Qualität der Arbeit machten, also implizit rationieren würden (DGB 2019, S.16). Innovation im Sinne einer Qualitätsverbesserung unter diesen Bedingungen umzusetzen, z. B. bei der Einführung eines Person-zentrierten Ansatzes, ist kaum mehr möglich (Richter et al. 2019).

Die Coronapandemie und die damit assoziierten zum Teil schnell wechselnden Vorgaben trafen also auf einen nicht unerheblichen Anteil von Pflegeheimen, die ohnehin schon damit zu kämpfen hatten, ihrem alltäglichen Versorgungsauftrag nachzukommen. Nun kamen noch umfassende Maßnahmen des Infektionsschutzes und ständige Anpassungen der pflegerischen Organisations- und Ablaufstrukturen hinzu. Beinahe 80 % von 1 552 Befragten, die in der Altenhilfe und Altenpflege tätig sind, berichten in einer Untersuchung der Diakonie, dass sich ihre Arbeit im Vergleich zur der Zeit vor Corona weiter verdichtet hat; in etwa 70 % der stationären Einrichtungen wurde Mehrarbeit notwendig und knapp 60 % nahmen eine verstärkte Personalknappheit wahr (Hörsch 2020, S. 36f). Insgesamt stieg der Personalbedarf (Stolle et al. 2020).

Wissenschaftliche Daten über die Situation in Pflegeheimen liegen vor allem aus Befragungen von Leitungs- und Pflegekräften vor (Hörsch 2020; Hower et al. 2020, Rothgang et al. 2020; Stolle et al. 2020), eingeschränkt auch im Rahmen des Infektionssurveillancesystems, das durch die Gesundheitsämter und das Robert Koch-Institut umgesetzt wird, z. B. durch die Erfassung von Ausbruchsereignissen (Buda et al. 2020). Direkte Datenerhebungen im Forschungsfeld, insbesondere auch mit Bewohnerinnen und Bewohnern, konnten durch den Lockdown zu dieser Zeit nicht durchgeführt werden und waren auch in der Phase zwischen dem ersten und dem zweiten Lockdown kaum möglich. Ein offener Zugang in das Setting bestand nicht; für Dritte5 waren die Einrichtungen weiterhin geschlossen. Vereinzelt wurden auch journalistische Investigationen publiziert, wie z. B. durch Kampf & Stadler (2020). Insofern liegen nur indirekte Aussagen über die Situation der Pflegeheimbewohner*innen vor.

Frühzeitig wurde antizipiert, dass die Besuchseinschränkungen und Quarantänevorgaben im ersten Lockdown ein erhebliches Risiko für die soziale Teilhabe und Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner in der stationären Altenhilfe darstellen (DGP 2020). Die Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft erarbeitete daher eine S1-Leitlinie zu diesem Thema, die im August 2020 durch die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften angenommen wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Einrichtungen allein auf die Vorgaben der Gesundheitsämter, des Robert Koch-Institutes sowie ihrer Verbände bzw. Trägerorganisationen angewiesen. Dabei entstanden gerade zu Beginn der Pandemie in Pflegeheimen Unsicherheiten und Fragen, die sich auf verschiedenste Aspekte erstreckten, wie beispielhaft eine Analyse einer WhatsApp®-Diskussionsgruppe in Großbritannien zeigte (Spilsbury et al. 2020). Diese Unsicherheiten und Fragen der Pflegepraxis zu Beginn der Coronapandemie galt es auch für deutsche Pflegeheime zu beschreiben und zu analysieren.

Als Leitfrage dieser Untersuchung lässt sich somit festhalten: Welche Veränderungen aufgrund der Belastungen und Herausforderungen während der ersten Phase der Coronapandemie ergaben sich in deut schen Pflegeheimen und wie wurden diese Veränderungen von den Leitungspersonen wahrgenommen und befördert?

Methode

Im Frühjahr 2020 hat sich zügig nach Einsetzen der Pandemie eine Gruppe von Pflegewissenschaftler*innen zusammengefunden, die aus der Kooperation in einem Projekt zur Gewaltprävention in Pflegeheimen6 und weiteren bestehenden Kooperationen hervorgegangen ist. Die Gruppe fertigte ein Studienprotokoll an für die »HEICO«-Studie, in der Leitungspersonen stationärer Pflegeeinrichtungen zu ihren Erfahrungen und ihrem Umgang mit den Herausforderungen der Coronapandemie befragt werden sollten. Die Interviews erfolgten im Juni und Juli 2020 nach dem ersten Lockdown des Frühjahrs. Insgesamt beteiligten sich zehn Studienzentren und 43 stationäre Pflegeeinrichtungen aus zehn Bundesländern an der Studie. Es wurden 40 Einrichtungs- oder Pflegedienstleitungen und 38 Wohnbereichsleitungen anhand semi-strukturierter Interviewleitfäden telefonisch interviewt. Die Interviews wurden aufgezeichnet, verschriftlicht und in einem standardisierten Analyseverfahren ausgewertet. Das methodische Vorgehen der Studie wird in Kürze in einer Originalarbeit detailliert veröffentlicht. Die Zustimmung der Ethikkommission der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg wurde eingeholt (25.05.2020).

Ergebnisse
Veränderungen aufgrund der Vorgaben

Häufige, vielfältige und sich mitunter widersprechende Corona-Regelungen und Vorgaben unterschiedlicher Institutionen führten zu einer Flut an Veränderungen, mit denen sich stationäre Pflegeeinrichtungen ab etwa Mitte März 2020 auseinandersetzen mussten. Während ein Teil der Einrichtungen behördlichen Aktivitäten zuvorkam und bereits ab Anfang des Jahres Vorkehrungen für einen intensivierten Infektionsschutz traf, wurden andere Einrichtungsleitungen erst mit dem Erlass von Anordnungen aktiv. Vorerfahrungen im Umgang mit Infektionen wurden als Ressource für den Umgang mit der Coronapandemie angesehen, ebenso wie Vorerfahrungen aus DDR-Zeiten im Umgang mit behördlichen Anweisungen. Eine aus den ostdeutschen Bundesländern stammende Wohnbereichsleiterin einer Einrichtung in den westdeutschen Bundesländern berichtete von dem von ihr wahrgenommenen Unterschied in der Akzeptanz behördlicher Vorgaben zwischen Mitarbeiter*innen mit ost- bzw. westdeutscher Sozialisation.

In allen Einrichtungen wurden Pandemiepläne entwickelt, die u. a. den Personaleinsatz im Infektions- bzw. Verdachtsfall, räumliche und bauliche Veränderungen, Sicherheitsmaßnahmen und Besuche von Angehörigen oder externen Partnern regelten. Vorhandene Hygienepläne dienten als Grundlage für die Pandemiepläne; zum Teil wirkten Mitarbeiter*innen an der Erstellung mit. Vielfach wurden Krisenstäbe unter der Beteiligung der verschiedenen Arbeitsbereiche eingerichtet, wie Hygiene- und Sicherheitsbeauftragte, Qualitätsmanagementbeauftragte und Personen unterschiedlicher Leitungsebenen. Größere Träger mit mehreren stationären Pflegeeinrichtungen initiierten mitunter einrichtungsübergreifende Krisenstäbe, deren Arbeit von den Leitungspersonen der Einrichtungen unterschiedlich bewertet wurden. Eine einschneidende Veränderung im Alltag der Pflegeeinrichtungen war das generelle Zutrittsverbot für externe Personen und Institutionen, so dass Angehörigenbesuche entfielen, aber auch medizinische und therapeutische Leistungen nicht erbracht werden konnten. Ärztliche Visiten waren auf Notfälle beschränkt; die therapeutische Versorgung zunächst komplett ausgesetzt, jedoch nach einigen Wochen wieder ermöglicht. Krankenhauseinweisungen wurden sorgfältiger als in normalen Zeiten abgewogen. Technikbasierte ärztliche Konsultation wurde kaum genutzt; meist fehlten dazu die technischen Voraussetzungen. Einzelbeispiele gelungener digitaler Visite sprechen jedoch für das Potential telemedizinscher Versorgung in Pandemiezeiten. Insgesamt wird für die Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen eine schlechtere medizinische und therapeutische Versorgungssituation von den befragten Leitungspersonen eingeschätzt. Besonders deutlich wird das in der Aussage: »In normalen Zeiten würde man sagen, das ist unterlassene Hilfeleistung.« (Wohnbereichsleitung, Hessen).

Mit den Zutrittsverboten kehrte in den Wohnbereichen mehr Ruhe ein und Mitarbeiter*innen konnten sich stärker als sonst auf...

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