Wasser und Zeit

Eine Geschichte unserer Zukunft
 
 
Insel (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Mai 2020
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-458-76604-9 (ISBN)
 

In Island schmelzen die Gletscher, der Meeresspiegel steigt. Unsere Kinder werden, anders als Andri Snær Magnasons Großeltern, ihre Flitterwochen nicht mehr nutzen können, um über einen Gletscher zu wandern. 2180 sind die Zwillings-Urenkel des Autors 90 Jahre alt, stellt er sich vor. In was für einer Welt werden sie leben?

»In den nächsten hundert Jahren wird sich das Leben auf der Erde grundlegend ändern. Gletscher werden schmelzen, der Meeresspiegel wird steigen, und der Säuregrad der Ozeane wird stärker zunehmen als in den letzten 50 Millionen Jahren. Diese Veränderungen beeinflussen das gesamte Leben - aller Menschen, die wir kennen, und aller Menschen, die wir lieben. Sie sind komplizierter als die meisten Dinge, mit denen wir uns normalerweise beschäftigen, größer als unsere gesamte bisherige Erfahrung, größer als die Sprache. Welche Wörter können ein Thema von dieser Größenordnung fassen?«

Andri Snær Magnason hat die Wörter gefunden. Sein Buch ist eine philosophische, literarische, persönliche, wissenschaftlich fundierte Annäherung an die Klimawissenschaft - über uralte Mythen von heiligen Kühen, Geschichten von Vorfahren und Verwandten, Begegnungen und Gespräche mit dem Dalai Lama.

Es ist ein Appell, der das Persönliche mit dem Politischen verbindet. Er zeigt, dass wir handeln müssen.

1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
Mit ca. 50 Abbildungen
  • 5,72 MB
978-3-458-76604-9 (9783458766049)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Andri Snær Magnason, geboren 1973 in Reykjavík. Der Literaturwissenschaftler schrieb Kinderbücher, Theaterstücke, Lyrik, Romane und Sachbücher. Seine Bücher wurden in 30 Sprachen übersetzt. In Island hat er sich als Umweltschützer einen Namen gemacht. 2008 organisierte er mit Björk das Protestkonzert Náttura. 2014 verlor Island aufgrund der Erderwärmung seinen ersten Gletscher, Okjökull. Der »Brief an die Zukunft« auf der Gedenktafel stammt von ihm. In seinem Buch Traumland (dt. 2011) kritisiert er die in Island ansässige Aluminiumindustrie. 2016 kandidierte er bei der Präsidentschaftswahl in Island.

Tina Flecken, geboren 1968 in Köln, studierte Skandinavistik, Anglistik und Germanistik in Köln und Reykjavík. Mehrjährige Tätigkeit als Verlagslektorin, zahlreiche Übersetzungen von Lyrik und Prosa aus dem Isländischen, u. a. von Sjón, Kristin Marja Baldursdóttir, Andri Snær Magnason und Yrsa Sigurðardóttir.

Dias


2. Dezember 2015

Im Fernsehzimmer hat mein Großvater das Rollo heruntergelassen und den Diaprojektor auf einen alten Bügeltisch gestellt. Er geht zur Abstellkammer und holt ein paar Diamagazine, die dort beschriftet und aufgereiht stehen: Lónsöræfi 1965, Vatnajökull 1955, Kverkfjöll 1960. Auf den Dias sind Schneeraupen, Skihütten und Skiläufer.

Dann erscheint ein Bild von Männern beim Schneeschippen auf der Leinwand, eine mindestens sechs Meter hohe Schneewehe, aus der Bug und Propeller eines großen Flugzeugs herausragen. Opa kann sich an fast alles erinnern, auch wenn es lange her ist, besonders, wenn er ein Foto davon hat.

»Das war 1951 auf Bárðarbunga. Da graben wir gerade die Dakota-Maschine aus, ein Schneeflugzeug vom US-Militär. Das sollte die Besatzung der Geysir retten, das isländische Flugzeug, das auf dem Gletscher notgelandet war. Aber weil die Dakota nicht wieder starten konnte, wurde sie zurückgelassen und im Winter unter einer dicken Schneeschicht begraben. Ein paar Flieger nahmen Kontakt zum Militär auf, kauften die Maschine für sieben Cent das Pfund und planten eine Expedition, um sie zu holen. Damals waren wir auch gerade mit der Gründung der Flugrettungswacht beschäftigt«, erzählt Opa. »Wir fanden die Maschine, sie sah aus wie ein kleiner Hügel auf der Eisfläche, und gruben sie aus. Eine ganz schöne Schufterei, sie lag nämlich in einer sieben Meter hohen Schneewehe. Wir zogen sie runter auf die vorbereitete Startbahn, und sie sprang direkt beim ersten Versuch an. Sie wurde dann nach Reykjavík geflogen. Das war ein richtiges Abenteuer«, sagt Opa versonnen.

Das Wrack der Geysir lag nicht weit entfernt von der Stelle, und sie konnten einen Teil der Fracht retten, die in dem Flugzeug zurückgelassen worden war.

Da mischt sich Oma in unser Gespräch ein.

»Guðbjörgs Taufkleid wurde aus einem Stoff genäht, der einen ganzen Winter oben auf dem Gletscher im Wrack der Geysir gelegen hatte.«

Opa zeigt mir Fotos von dem Wrack, auf denen ich das Bugrad und den Namen des Flugzeugs erkennen kann. Die Geysir kam vom Kurs ab und musste mitten auf dem Vatnajökull notlanden. Zunächst ging man davon aus, die Besatzung sei tot, und stellte die Suche ein. Eine Gedenkfeier wurde vorbereitet, und es herrschte nationale Trauer. Doch plötzlich empfing ein Küstenwachschiff vor Langanes zufällig den Notruf: ».CIER«. Erst wusste keiner, was das bedeuten sollte, aber dann kam man darauf, dass es sich um die letzte Silbe des Worts GLACIER handelte - Gletscher. Nach ausgiebiger Suche fand man das Wrack. Ein Rettungsflugzeug der US-Armee flog zu der Stelle und landete auf dem Gletscher, kam aber nicht wieder hoch, weil die Schienen am Eis festfroren. Zum Glück traf dann eine Rettungsmannschaft aus Akureyri ein, mit deren Hilfe alle zu Fuß oder auf Skiern vom Gletscher herunterkamen. Bestimmt wird irgendwann einmal ein Film über dieses Unglück gedreht.

Opa hat mehrere Alben mit alten Rolleiflex-Fotos, und in einer Kiste liegen 8- und 16-mm-Filme von seiner Bolex-Kamera. Tausende Dias und Filme, die fast sein gesamtes Leben dokumentieren, wobei er selbst fast nie im Bild ist, weil er meistens hinter der Kamera stand. Da ist Mama, oder meine Mamas, wie ich sie spaßeshalber nenne: Kristín und Guðrún, die elfjährigen Zwillinge in Latzhosen mit den aufgenähten Initialen KB und GB zur Unterscheidung.

Unschätzbare zeithistorische Quellen, einige Bilder sind sogar richtige Kunstwerke. Opa hatte definitiv ein gutes Auge für Motive. Als er achtzig wurde, kaufte er sich einen Scanner und einen Computer, was die meisten unsinnig fanden oder sogar meinten, er sei auf einen skrupellosen Verkäufer hereingefallen. Doch in den nächsten Jahren saß er tagelang in seiner kleinen Kammer und scannte alte Fotos ein. Am Anfang druckte er sie noch aus, aber als er neunzig wurde, stellte er sie direkt auf Facebook. Dort liegt der Stoff für Romane, Fotobände und Dokumentarfilme. So viele Geschichten, die man erzählen könnte.

Mein Sohn hat neuerdings auch einen Fotofimmel. Mein Großvater hat ihm seine alte Rolleiflex von 1960 geschenkt, und er konnte schon Filme dafür ausfindig machen. Typisch - jetzt, wo er endlich ein Handy mit richtig guter Kamera hat, entdeckt er eine sündhaft teure Methode zum Fotografieren. Er ist gerade draußen in der Garage und sucht den alten Vergrößerer, damit er sich zu Hause eine Dunkelkammer einrichten kann. Er kommt mit einem verstaubten Bilderrahmen zurück, Arinbjörn Hersir steht unter dem Foto von einem alten Trawler. Opa mustert es seufzend.

»Ach ja, das Foto. Damit fing alles an«, sagt er. »Mein Vater war auf diesem Schiff.«

Auf der Rückseite des Fotos entdecken wir einen vergilbten Zeitungsausschnitt aus Vísir vom 10. März 1933:

Kurz nachdem die Arinbjörn Hersir gestern Morgen zum Fischen ausgefahren war, ging ein Matrose über Bord und ertrank. Zunächst bemerkte man sein Verschwinden nicht. Als man schließlich feststellte, dass Kjartan Vigfússon fehlte, kehrte das Schiff um. Der Kapitän meldete den Vorfall bei der Polizei und fuhr anschließend wieder zum Fischen aus. Kjartan Vigfússon war verheiratet, 37 Jahre alt und Vater von vier Kindern.5

Kjartan war der Vater meines Großvaters Árni. Die lapidare Formulierung ». und fuhr anschließend wieder zum Fischen aus« zeigt, dass man keinen Anlass sah, sich länger damit zu beschäftigen, dass ein Mann über Bord gegangen war. In den ersten drei Monaten des Jahres 1933 starben 34 isländische Seemänner und drei ausländische Trawler sanken mit insgesamt vierzig Mann.

Mein Opa war 1933 elf Jahre alt. Sein Vater Kjartan arbeitete als Heizer auf Fischtrawlern, ein gefährlicher, harter Job. Warum und wie er über Bord gegangen war, weiß niemand. Ich frage Opa, ob er sich daran erinnert. Er schließt die Augen, und dieser Tag vor über achtzig Jahren ist immer noch präsent:

»Ich wollte eine Abkürzung über den zugefrorenen Stadtteich nehmen. Ich war schon zur Hälfte drüber, als ich merkte, dass das Eis immer dünner wurde und das Wasser unter mir schwappte. Also spurtete ich los, und bei jedem Schritt knackte das Eis. Ich schaffte es ans Ufer, blieb aber erst stehen, als ich zu Hause in der Óðinsgata angekommen war.«

Und dann kam der Schock. Zu Hause empfing ihn der Pfarrer mit der Nachricht, sein Vater sei am Morgen ertrunken.

»Ich kannte meinen Vater kaum«, erzählt Opa. »Er war meistens auf See, und wenn er Landgang hatte, war er immer betrunken. Eigentlich kann ich mich gar nicht an ihn erinnern.«

Damals kamen die ersten großen sozialen Visionen auf, vermutlich rettete das der Familie das Leben. Über den Witwenfonds der Seemänner bekamen sie eine neue Wohnung im Arbeiterviertel in der Ásvallagata. Diese Wohnungen waren modern, von dem damals erst 23-jährigen Architekten Gunnlaugur Halldórsson im Stil des Funktionalismus entworfen. Er war gerade erst mit den neuesten europäischen Trends im Handgepäck nach Island zurückgekehrt und gilt heute als der erste isländische Architekt der Moderne. Die Wohnungen hatten fließend Wasser, Toiletten, Duschen und Elektroherde und befanden sich in einem neuen Viertel, für dessen Bau sich der Politiker und Gewerkschaftsvorsitzende Héðinn Valdimarsson eingesetzt hatte. Der Ehrgeiz war groß, so wirkte im Hinblick auf Lichtverhältnisse und Luftqualität auch der junge Arzt Guðmundur Hannesson an der Umsetzung des Bauprojekts mit. Mein Großvater profitierte davon, dass man 1933 allmählich begriff, dass »der Arme« ebenso viel wert war wie »der Begüterte«. Opa erzählte oft von den Arbeiterwohnungen in der Ásvallagata und wie dankbar er war, eine solche Wohnung bekommen zu haben. Er hatte sich oft gefragt, was aus ihm geworden wäre, wenn man die Familie auseinandergerissen hätte, oder wie ihr Leben in einem feuchten, ungesunden Kellerloch ausgesehen hätte.

Trotz der Wohnung musste Opa mit elf Jahren von der Schule abgehen und als Botenjunge und Schlachtergehilfe arbeiten, weil seine Mutter gerade seine jüngste Schwester auf die Welt gebracht hatte und kränkelte. Einige seiner Schulkameraden aus der...

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