Ali und Ramazan

Roman
 
 
Suhrkamp Verlag AG
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. November 2011
  • |
  • 192 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-75520-4 (ISBN)
 
Ali und Ramazan wachsen zusammen in einem Waisenhaus in Istanbul auf. Aus der spontanen Zuneigung entwickelt sich eine Liebe ebenso zärtlich wie grausam. Als sie mit 18 Jahren in eine ungewisse Zukunft entlassen werden, gibt ihnen nur diese Liebe Kraft. Doch der Traum vom Glück zu zweit währt nicht lang. Ramazan, der für beider Unterhalt sorgt, gleitet ab in die Welt der Stricher, während Ali seine Eifersucht mit Drogen und dem Schnüffeln von Lösungsmitteln betäubt. Eine Katastrophe bahnt sich an ... Der neue Roman der türkischen Bestseller-Autorin: eine dramatische schwule Liebesgeschichte aus dem modernen Istanbul, beruhend auf einer wahren Begebenheit. Erschütternd, ergreifend und packend.

Perihan Magden, geboren 1960 in Istanbul, Ehrenmitglied des englischen PEN, ist eine der wichtigsten Schriftstellerinnen in der jüngeren türkischen Literatur. Durch ihre kontrovers diskutierten Kolumnen in der Zeitung Radikal wurde sie einem breiten Publikum bekannt. Als freie Autorin lebt sie zusammen mit ihrer Tochter in Istanbul.

Deutsche Erstausgabe
  • Deutsch
  • 1,33 MB
978-3-518-75520-4 (9783518755204)
351875520X (351875520X)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Perihan Magden, geboren 1960 in Istanbul, Ehrenmitglied des englischen PEN, ist eine der wichtigsten Schriftstellerinnen in der jüngeren türkischen Literatur. Durch ihre kontrovers diskutierten Kolumnen in der Zeitung Radikal wurde sie einem breiten Publikum bekannt. Als freie Autorin lebt sie zusammen mit ihrer Tochter in Istanbul.

Ramazan


Ramazan ist ein richtiger türkischer Filmjunge.

Bei jeder Gelegenheit sagt er das von sich selbst: »Meine Geschichte is so was von unglaublich, Reifenschlauch! Ich bin wirklich der typischste türkische Filmjunge auf der ganzen Welt. Der Imam hat mich im Moscheehof gefunden, als er kam, um zum Morgengebet zu rufen – gut, was?«

Er kichert, als wäre das, was er da gerade erzählt hat, eine ganz besonders lustige Einleitung. Eigentlich grinst er und schnurrt dabei wie eine Katze.

Ramazan hat ein echtes Lachen, eins, das aus dem Bauch kommt und sich von da aus über seinen ganzen Körper fortpflanzt, und verschiedene Arten zu grinsen – nur so zu tun, als lache er.

Ali kennt das Lachen, das Ramazan einsetzt, wenn er von jemandem etwas möchte, wenn er die Menschen dazu bringen will, die unwahrscheinlichsten Dinge zu tun, genauso auswendig wie dieses katzenartige Grinsen. Und auch seine anderen Arten zu lachen oder so zu tun. Er hat sie sich alle eingeprägt, sie alle fein säuberlich abgespeichert.

Denn Ramazan ist sich seit seiner frühesten Kindheit bewusst, was für ein schöner, prachtvoller Kerl er ist. Und auch, wie gut es ihm steht, zu lachen.

Er ist sich auch der fast magischen Wirkung bewusst, die er erzeugt, wenn er sich ganz leicht nach rechts dreht. Denn das ist seine Schokoladenseite. Dann geben sie ihm, was auch immer er will, dann können sie nicht widerstehen. Das weiß er.

Seit Ramazan im Moscheehof gefunden und zur Polizeiwache gebracht worden war, noch als in Windeln gewickeltes Baby, hat er begonnen, sich sein tägliches Brot hart zu erarbeiten. Will heißen: sich seiner Schönheit und seiner Ausstrahlung zu bedienen.

Kaum hat der Imam seinen Gebetsruf beendet, liefern er und seine Frau das in Windeln liegende Baby bei der Polizeiwache ab. Weil sie selbst keine Kinder haben, fürchtet der Imam, dass seine Frau ihm vorschlagen könnte, den Kleinen doch zu behalten.

Die Polizisten auf der Wache sind entzückt von dem in schneeweiße Windeln gewickelten, fröhlich glucksenden, rosigen Baby. Wie diese Wonneproppen auf Postern!

Es kommt wie vom Imam befürchtet: Seine Frau heult Rotz und Wasser, als sie das Baby übergibt.

Weil es nur noch zwei Tage bis zum Beginn des Fastenmonats sind, aber auch unter dem Druck der Imamgattin, taufen die Polizisten ihn Ramazan.

»Wenn se mich am 30. August gefunden hätten, hieße ich jetz wahrscheinlich Zafer.«?[1] Ramazan lacht sein Katzenlachen.

Er versucht, die Geschichte seiner Namensgebung ins Komische zu ziehen. Dabei ist er Vollwaise. Keiner weiß, wo er herkommt. Man wird nie herausbekommen, wer seine Eltern sind. Ramazan ist der Einsamste unter den Einsamen.

Die Polizisten bringen das schöne Baby, dessen Namenspatenschaft sie auf Betreiben der Imamgattin übernommen haben, in die nahe der Wache gelegene Kinderkrippe der öffentlichen Pflegeanstalt und nehmen sich vor, regelmäßig nach ihm zu schauen.

Weil die meisten Babys, um die man sich in der Pflegeanstalt kümmert, behindert sind und potentielle Adoptiveltern lieber sterben würden, als ein behindertes Baby zu nehmen, verbauen sie ihm damit jegliche Chance auf eine Adoption. Seit dem Säuglingsalter sind Ramazans Schönheit und Ausstrahlung ihm Segen und Fluch zugleich.

Als Nächstes kommt natürlich der Herr Direktor ins Spiel. Der Herr Direktor ist damals noch nicht Direktor, sondern ein einfacher Beamter. Als Ramazan fünf wird und nicht mehr in der Babykrippe der Pflegeanstalt betreut werden kann, schickt man ihn ins Erziehungsheim von Maltepe.

Dorthin wird auch der Herr Direktor berufen, vorerst noch in stellvertretender Position. Seit jenem Tag geht es für Ramazan stets dorthin, wo der Herr Direktor ist.

Noch bevor er sich um eine Unterkunft für seine Familie, eine Schule für seine Tochter und alles andere, was noch zu regeln ist, kümmert, sorgt der Herr Direktor dafür, dass Ramazan in das Waisenhaus kommt, in dem er selbst eine Anstellung gefunden hat.

Der Herr Direktor liebt Ramazan wie sein eigen Fleisch und Blut. Ohne Ramazan an ein neues Waisenhaus zu gehen, das könnte er sich im Leben nicht vorstellen. Allein der Gedanke daran ist ihm unerträglich.

Weil er deshalb eine Berufung nach Anatolien abgelehnt hat, tritt er seit Jahren auf der Stelle, wo er doch in der Hierarchie viel weiter hätte aufsteigen, es mit seiner charismatischen und schillernden Persönlichkeit viel weiter hätte bringen können. So lautet im Großen und Ganzen die Geschichte, die er seinen Saufbrüdern ständig erzählt.

Ja, er hätte in Ankara in viel höhere Ämter kommen können, aber dem Herrn Direktor war es wichtiger, Istanbul und Ramazan nicht den Rücken kehren zu müssen. Lebenswichtig sogar.

Weil seine Windeln ganz weiß und sauber gewesen seien, weil er im Morgengrauen in einem Moscheehof eines der besseren Stadtteile ausgesetzt worden sei, weil er ein gesundes und putzmunteres Kerlchen gewesen sei (das alles hat der Herr Direktor ihm in aller Ausführlichkeit erzählt, mit Tränen in den Augen, wohl Dutzende Male), stellt Ramazan sich oft vor, dass er der uneheliche Sohn einer reichen Frau ist.

Er stellt sich vor, dass seine Mutter ihn ihrer Familie wegen ausgesetzt hat und dass eines Tages, genau wie in türkischen Filmen, eine riesige Luxuskarosse vor dem Waisenhaus vorfahren würde, dass der Chauffeur den Schlag öffnen und Türkan ?oray aussteigen würde, dass sie auf ihn zueilen, »Orçun, mein Junge!« (oder irgendeinen anderen für türkische Filme typischen Reichennamen) ausrufen und ihn an ihr Herz drücken würde, und dass sie ihn so zu guter Letzt aus dem Waisenhaus befreien, ihn vor Armut, Kälte, Einsamkeit und dem Herrn Direktor retten würde.

Im Grunde genommen freut es ihn, dass er ein türkischer Filmjunge ist. Es macht ihn stolz.

Bei Ramazan sind sein Heimatdorf, seine Herkunft und seine Geschichte unbekannt. Sie sind nicht schon von vornherein festgelegt. Nicht so wie bei Ali.

Dessen Mutter schlug im Wahn um sich, bevor sie starb, und sein Vater wurde in zwei Teile gespalten! Jetzt will ihn weder die Familie seiner Mutter, weil er seine Mutter nicht gerettet hat, noch die Familie seines Vaters, weil er seinen Vater nicht gerettet hat.

Er ist nur ein armer Bauernjunge aus einem armen Dorf. Welchen Verlauf kann Alis Geschichte von da aus schon nehmen? Als ob er sich unter diesen Umständen aus der Sackgasse Waisenhaus befreien und doch noch ein Happy End erleben könnte …

Ramazans Vater dagegen ist ja vielleicht ein steinreicher Mann. Seine Mutter hat ihm womöglich gar nichts von Ramazan erzählt – aus Stolz. Eines Tages jedoch wird sie es nicht mehr aushalten. »Vergib mir, Orçun«, wird sie flehen, »aber wir haben einen Sohn, den ich dir bis heute verheimlicht habe.«

Sein Vater (er heißt ebenfalls Orçun) wird seiner Mutter eine schallende Ohrfeige geben. Er wird sich aufregen und fürchterlich wütend werden. Schließlich wird er noch den letzten Rest an Beherrschung verlieren, sie bei den Haaren packen und zu Boden reißen. Dann wird er auf sie eintreten. Weil sie ihr gemeinsames Kind ausgesetzt hat, weil sie ihm in all den Jahren nichts von seinem Sohn erzählt hat, wird er ihr mitten ins Gesicht treten.

Seine Mutter wird aus Mund und Nase bluten. Ihre Zähne werden über den Fußboden kullern.

Recht geschieht es ihr! Schließlich hat sie ihr Baby im Moscheehof ausgesetzt. Ohne seinem Vater auch nur ein Sterbenswörtchen davon zu sagen. Zum Waisenknaben hat sie Ramazan gemacht. Es geschieht ihr ganz recht!

Dann wird sein Vater in seinem Mercedes mit quietschenden Reifen vor dem Waisenhaus vorfahren. Er wird das Auto mitten auf der Straße stehenlassen und hineinstürmen. Als Erstes wird er ins Büro des Herrn Direktors platzen. So viel steht fest.

Er wird ihm einen Kinnhaken versetzen. Und dann gleich noch einen hinterher. Er wird ihn am Kopf packen und durch die Fensterscheibe nach draußen befördern. Das splitternde Glas wird das Gesicht des Herrn Direktors zerfetzen. Eine besonders scharfe Scherbe wird ihn an der Kehle erwischen, wie ein Messer.

Wenn er mit dem Herrn Direktor fertig ist, wird er in den Garten rennen und, kaum dass er Ramazan erblickt, sofort laut »Mein Sohn!« rufen. Sie sehen einander ja so ähnlich, Orçun und sein Vater. Da ist es doch ganz natürlich, dass er seinen leiblichen Sohn auf Anhieb erkennt.

»Mein Sohn! Mein Orçun! Ich schwöre dir, ich wusste nicht, dass es dich überhaupt gibt. Sie hat mir nichts gesagt, die Frau, die sich deine Mutter nennt! Aber jetzt wird mir klar, dass ich mein ganzes Leben lang nur auf diesen Moment gewartet habe. Auf dich, auf mein Kind, meinen Sohn, mein ganzes Leben lang!«

»Ich auch, Vater«, wird Ramazan erwidern. Also Orçun. »Ich auch, Papa. Ich auch, Papa. Ich auch. Ich habe das alles nur ertragen, weil ich immer auf dich gewartet habe. Nur deshalb habe ich nie aufgegeben. Ich habe immer durchgehalten. Immer, Papa! Papa!«

»He, Ramazan, großer Bruder! Alles in Ordnung mit dir? Bist du müde? Letzte Nacht warste schon wieder nich in deinem Bett.«

Sie sitzen im Studierzimmer und machen ihre Aufgaben – mehr oder weniger jedenfalls. Ali stupst seinen großen Bruder Ramazan vorsichtig an. Er macht sich Sorgen. Ramazan ist doch sonst nicht so.

»Klar, alles okay, mir könnts nich besser gehn. Geht alles glatt. Da biste platt, was, Reifenschlauch?« Ramazan bricht in fröhliches Gelächter aus....

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