Einer von uns

Roman
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. September 2017
  • |
  • 172 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-406-71184-8 (ISBN)
 
Ein fesselnder, erschütternder Roman über zwei junge Brüder und ihren zugleich liebevollen und übergriffigen Vater - Daniel Magariels Buch ist das verblüffende Debüt eines neuen, großen Talents. Die drei - ein zwölfjähriger Junge, sein älterer Bruder und ihr Vater - haben den "Krieg" gewonnen: So nennt der Vater seine bittere Scheidung und den Kampf ums Sorgerecht. Sie verlassen Kansas und fahren nach Albuquerque, um noch einmal neu zu beginnen. Die Jungen gehen zur Schule, spielen Basketball, finden Freunde. Ihr Vater arbeitet von Zuhause aus. Bald aber wachsen sich kleine Fehltritte des Vaters zu einer finsteren Irritation aus, müssen die Jungen erkennen, dass sich ihr Vater verändert, unberechenbar wird, mitunter brutal. Vor der kargerhabenen Kulisse der Landschaft New Mexicos erzählt Magariel mit bestechender Klarheit, wie die Jungen verzweifelt versuchen, die Familie zusammenzuhalten, sich gegenseitig schützen und helfen, und schließlich ums eigene Überleben kämpfen. "Einer von uns" ist eine kurze Geschichte mit gewaltiger emotionaler Wucht.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 2,59 MB
978-3-406-71184-8 (9783406711848)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Daniel Magariel stammt aus Kansas City. Er hat einen B.A. von der Columbia University und einen M.F.A. von der Syracuse University, wo er Cornelia Carhart Fellow war. Er hat in Kansas, Missouri, New Mexico, Florida, Colorado, und Hawaii gelebt. Derzeit lebt er zusammen mit seiner Frau in New York. "Einer von uns" ist sein erster Roman.
  • Intro
  • Zum Buch
  • Über den Autor
  • Über den Übersetzer
  • Inhalt
  • Widmung
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • Epilog
  • Danksagung
  • Impressum

1


Mein Vater überholte einen Wagen nach dem anderen, trat aufs Gas, hupte. Ich ließ den Kopf gegen den Sicherheitsgurt sinken, versuchte, nicht darauf zu achten, wie schnell er fuhr, unsicher, ob er dem Unwetter davonfahren wollte oder einfach nur sauer auf mich war. Ich hatte mich mit meiner Mutter gestritten, und sie hatte ihn angerufen, er solle mich abholen. Er wollte nichts mit ihr zu tun haben. Es war Frühling, Mittag. Ein Schatten hatte sich über die Felder gelegt. Krähen saßen auf den Oberleitungen, sahen aus wie Knoten in einem Seil. Die Sturmsirenen heulten.

«Lass dich mal ansehen», sagte er. Er zupfte mich am Ohrläppchen. «Und?»

Ich warf einen Blick durch die Windschutzscheibe, um ihn daran zu erinnern, dass er fuhr.

«Was hat sie dir erzählt?», fragte ich.

«Du beantwortest eine Frage mit einer Gegenfrage? Sie hat gesagt, du wärst kaum zu bändigen gewesen.»

«Sonst nichts?»

«Wieso bist du so rot im Gesicht?», sagte er.

Ich schwieg verlegen, gab keine Antwort. Er wusste, dass ich geweint hatte. Als wir in die Einfahrt einbogen, öffnete ich die Tür. Er sagte, ich solle sie wieder schließen. Ich schlug sie ein bisschen zu fest zu.

«Ich wollte ins Kino», sagte ich. «Das war fest geplant.»

«Vor der Sturmwarnung?»

Ich nickte.

Er wiederholte die Frage.

«Ja, davor.»

«Und weiter?»

«Ich wollte los, aber sie hat mir den Weg versperrt. Und dann habe ich mir das Telefon geschnappt und bin in mein Zimmer gerannt.»

«Ach so! Heute fällt ihr plötzlich ein, dass sie deine Mutter ist.» Er lachte schallend. «Ist sie handgreiflich geworden?» Das war eher eine Feststellung als eine Frage. «Hat sie dir wehgetan?»

Ich versuchte, mich zu erinnern. Sie hatte mich aufs Bett gestoßen. Dann hatte ich auf dem Bauch gelegen, und sie hatte mir die Hand verdreht und das Telefon entwunden. Ich hatte mich zu befreien versucht, und in dem Moment hatte sie mich mit dem Telefon am Kopf erwischt. Ich fuhr mit den Fingern über die wunde Stelle, drückte fester zu, sehnte den Schmerz herbei und wünschte, ich hätte eine sichtbare Beule gehabt.

«Weiß nicht», sagte ich. «Nein.»

«Hat sie dich geschlagen?»

«Nicht absichtlich, glaube ich.»

Er zog mich eng an sich und klopfte mir im Rhythmus der Scheibenwischer auf den Rücken. Es war eine hilflose Geste; so umarmte man einen trauernden Fremden. «Das wird schon, mein Junge», sagte er. «Das wird schon.» Er ließ mich wieder los. Mein älterer Bruder stand vor dem Jeep, hielt die Handflächen gen Himmel und zuckte mit den Schultern, während der Regen immer stärker wurde. «Lass uns reingehen.»

***

Für meinen Vater war Privatsphäre gleichbedeutend mit Respekt. Selbst wenn unsere Zimmertüren offen standen, klopfte er erst an. Zu jenem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, warum er manchmal nicht reagierte, wenn wir an seiner Tür klopften. Seit unsere Mutter ausgezogen war, hatte jeder von uns sein eigenes Bad. Seins - das frühere gemeinsame Bad unserer Eltern - befand sich oben, das Bad meines Bruders auf unserer Etage. Um zu entscheiden, wer es bekommen sollte, hatte mein Vater die Entfernung mit Schritten abgemessen - die Zimmertür meines Bruders lag näher als meine. Und so befand sich mein Badezimmer zwei Etagen tiefer, im Keller. Nur wenn mein Vater mitten in der Nacht - das Ende seiner Zigarre glühte im Dunkel - aus meinem Fenster starrte und mich mit den Worten Sei meine Augen wachflüsterte, war es mir erlaubt, das Bad auf unserem Stockwerk zu benutzen, und auch nur deshalb, weil er mein Zimmer ohne Anklopfen betreten hatte.

Während wir nun in meinem Bad standen, drang der Wetterbericht aus dem Fernseher im Wohnzimmer zu uns herüber. Mein Bruder blickte auf die Polaroids, die sich auf dem Waschbeckenrand entwickelten, die geisterhaften Umrisse meiner selbst, die allmählich Gestalt annahmen, meine gesenkten Lider, mein ohnehin schon zerzaustes Haar, das ich noch ein wenig mehr verstrubbelt hatte, der Hemdkragen geweitet, um noch ein bisschen mitgenommener auszusehen. Mein Vater war aber offensichtlich nicht zufrieden.

«Du siehst zu gut aus», sagte er. «Als ich dich abgeholt habe, warst du in einem viel schlimmeren Zustand, nicht wahr?»

Die Frage stellte er einzig und allein, um meinen Bruder auf seine Seite zu ziehen.

«Stimmt», erwiderte ich.

«Mehr Licht vielleicht?», sagte mein Bruder.

Er holte eine Lampe, stöpselte sie sein und kippte sie, sodass der Schein direkt auf mich gerichtet war.

«Und jetzt versuch, so auszusehen, wie du dich gefühlt hast, als sie zugeschlagen hat.»

Mein Vater drückte auf den Auslöser, und die Kamera spuckte ein Foto aus. Mein Bruder legte es auf den Waschbeckenrand. Wir warteten.

«Ist es so besser?», fragte mein Vater.

Mein Bruder schüttelte den Kopf.

«Scheiße», sagte mein Vater.

Ich hielt den Atem an, biss mir auf die Lippe, bis Blut kam, und biss dann noch fester zu.

Zwei weitere Fotos.

«Was meinst du?», fragte mein Vater meinen Bruder. «Was könnten wir noch machen?»

«Hmm . Make-up?», schlug mein Bruder vor.

«Hast du welches?», fragte mein Vater.

«Oben», erwiderte ich. «Bei seinen Puppen und den Tampons.»

«Ich könnte ihm vielleicht eine reinhauen?» Mein Bruder grinste. «Das würde vielleicht funktionieren.»

Mein Vater wandte sich zu mir. «Was hältst du davon?»

Mein Bruder wollte etwas sagen, es war schließlich nur ein Witz gewesen, doch mein Vater brachte ihn mit einer Geste zum Verstummen. Ich hatte zu lange gezögert.

«Ich dachte, du willst mit uns kommen.»

«Will ich doch auch.»

«Ich dachte, du wärst auf unserer Seite.»

«Bin ich doch.»

«Schwör's.»

«Habe ich schon.»

Mein Vater ließ die Kamera sinken.

«Wieso muss er nie irgendwas schwören?» Ich richtete den Zeigefinger auf meinen Bruder.

«Weil du derjenige bist, der seiner Mutter immer alles brühwarm erzählt», gab mein Vater zurück.

«Bitte, mach's einfach», sagte mein Bruder. «Schwör!»

«Du kannst auch hier in Kansas bleiben», sagte mein Vater und wandte sich ab, schon halb auf dem Weg zur Tür. «Dann fahren dein Bruder und ich eben ohne dich.»

«Nein, Dad», sagte mein Bruder.

«Na schön», sagte ich. «Ich schwöre. Zum x-ten Mal.»

Mein Vater kam zurück und nahm die Kamera wieder zur Hand. Er legte mir die Hände auf die Schultern und drehte mich direkt zu sich.

«Mach die Augen zu», sagte er.

Ich schloss die Augen.

«So, und jetzt hör mir gut zu. Bei deiner Geburt, ich meine, direkt danach, wollte dich deine Mutter nicht in den Armen halten, ebenso wenig wie deinen Bruder. Sie hat euch sofort an mich weitergegeben, sobald der Arzt euch zur Welt gebracht hat. Unglaublich. Mal im Ernst, was für eine Art von Mutter will ihr Baby nicht in den Armen halten? Dass sie eine miserable Partnerin war, geschenkt. Aber dass sie euch so eine schreckliche Mutter war, das verfolgt mich jetzt schon seit Jahren. Erinnert ihr euch nicht an die Zeit, als ihr noch klein wart? Ehe der Krieg anfing?» Krieg war sein Wort für Scheidung. «Ihr habt das Kind in mir geweckt. Wir haben immer zusammen gespielt. Wir drei, wisst ihr noch?» Ja, dachte ich. Mein Bruder und ich sitzen auf dem Teppich und sehen fern, als plötzlich ein leises Knurren an unsere Ohren dringt. Wir blicken uns an. Flucht ist sinnlos. Das Herz schlägt mir von einer Sekunde auf die andere bis zum Hals, und dann kommt unser Vater auf Händen und Knien ins Wohnzimmer, stößt ein kehliges Brüllen aus, und dann sind wir auch schon über ihm, versuchen mit vereinten Kräften, die Bestie zu besiegen. «Erinnerst du dich, mein Kleiner?»

«Ja.»

Er drückte meine Schultern.

«Sind wir hier erst weg, ist auch der Krieg zu Ende», sagte er. «Kein Sorgerechtsstreit mehr, kein Hickhack um Unterhalt. Dann sind wir frei, können noch mal ganz von vorn anfangen. Ihr werdet schon sehen. In New Mexico wird es wieder wie früher. Als wir alle noch Kinder waren. Na, wäre das nicht schön? Das wollt ihr doch auch, oder?»

Ich nickte.

Ich hörte, wie mein Vater die Kamera lud.

Ich spürte, wie mein Bruder auf mich zu trat.

Die Augen nach wie vor geschlossen, verschränkte ich die Hände hinter dem Rücken. Das Ungeheuer ist besiegt, streckt alle viere von sich. Mein Bruder und ich liegen auf seinem Bauch, sehen uns an. Mein Bruder hat...

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