Tot sein kann ich morgen noch

Meine Reise vom Kopf zurück ins Herz
 
 
Parlez Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Januar 2022
  • |
  • 260 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-86327-072-8 (ISBN)
 
Als bei Beate ein aggressiver Tumor in der Brust entdeckt wird, ist die rauschende Party zum fünfzigsten Geburtstag gerade vorbei. Sie ist immer müde, aber welche Frau mit Beruf, Kindern, Ehe, Haushalt und Sport ist das nicht?
Was auf die Diagnose folgt, ist ein Alptraum aus Operationen und Chemotherapie. Beate kämpft sich ins Leben und in den Alltag zurück, nimmt ihren Beruf wieder auf und sieht sich mit einem Luxusproblem der besonderen Art konfrontiert: 80 Tage Urlaub! Was damit anfangen? Sie erstellt die Bucket List ihres Lebens: Sprachreise in Venedig, Ayurvedakur in Indien und Pilgern auf dem portugiesischen Jakobsweg. Das Buch erzählt ihre ganz persönliche Heilungsgeschichte und zeigt, wie man Schicksalsschlägen mit Kraft, Mut und Humor begegnen kann.
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 0,34 MB
978-3-86327-072-8 (9783863270728)

Luxusproblem


 

Ich war ständig müde, doch ich war glücklich dabei, ich war zufrieden mit meinem Leben. Es war so, wie ich es wollte.

Wenn man fünfzig wird, flattert in Deutschland die Einladung zum Mammographie-Programm ins Haus. Sie kam drei Monate nach meinem Geburtstag.

Ich hatte einen vollen Terminkalender und warf die Einladung in den Müll. Brauch ich nicht, ich bin gesund, ich doch nicht. Krank waren doch die anderen.

Wir flogen in unseren Sommerurlaub und als wir zurückkamen, lag die nächste Einladung in der Post. Dieses Mammographie-Programm war ganz schön hartnäckig, und in der Entspannungsnachwirkung des Urlaubs meldete ich mich für einen Termin an.

Beim ersten Termin hatte ich meine Versichertenkarte vergessen. Ohne Karte keine Mammographie. Den zweiten Termin hatten die Helferinnen verbummelt und das Gerät war schon zum Feierabend ausgeschaltet. Ach, dann lassen wir das, dachte ich, es soll wohl nicht sein, dass ich diese Untersuchung mache. Die Helferinnen bestanden jedoch darauf, das Gerät wieder anzuschalten und die Untersuchung durchzuführen. So bekam ich endlich mein brustgequetschtes Bild.

Schon wenige Tage später bekam ich eine Einladung ins Mammographiezentrum. Es sei nur ein Verdacht, die Einladung würde nicht bedeuten, dass man krank sei, sicher löse sich alles in Wohlgefallen auf. Immer noch war ich der Meinung, dass ich kerngesund sei, schlief nachts gut und machte mir keine Sorgen. Als der Arzt jedoch während des Ultraschalls über mir mit dem Gesicht zuckte und eine Biopsie anordnete, dämmerte mir Unheil. Mein Unterbewusstsein war schnell, es hatte die Lage schon begriffen. Mein Bewusstsein war jedoch ein ganzes Wochenende damit beschäftigt, die Wahrheit nicht hochkommen zu lassen. Ich arbeitete wie wild im Garten, ging joggen, war sehr gereizt und stritt über belangloses Zeug mit meinem Mann, machte meinem Sohn Vorhaltungen bezüglich seiner Hausaufgaben und seinem Engagement in der Schule. Es nützte alles nichts, eigentlich wusste ich es schon.

Einige Tage später dann der Anruf: »Da ist ein Knoten in Ihrer Brust, sehr klein, man wird Sie operieren, eventuell bestrahlen und dann sind Sie wieder gesund. Machen Sie sich keine Sorgen.« Der Arzt war sehr einfühlsam, aber auch bestimmt: »Suchen Sie sich so schnell wie möglich ein Brustzentrum, um alles Weitere zu veranlassen.« Bis dahin wusste ich nicht einmal, dass es so etwas gibt. Er machte mir noch Vorschläge, wo ich hinkönnte, ich nahm alles wie durch einen Schleier wahr. Ich stolperte zurück in das Geschäft, wo ich vor dem Anruf des Arztes ein Geburtsgeschenk ausgesucht hatte, bezahlte und stand wieder an der frischen Luft. In ein paar Tagen wollten wir nach Berlin fahren und das neugeborene Baby unseres Patenkindes auf der Welt begrüßen.

Es war meine Mittagspause und ich lief durch die Stadt zurück ins Büro. Die Tränen liefen und langsam drangen die Wörter in mich. Tumor, Knoten, Operation, Bestrahlung, Brustzentrum. Tumor, Knoten, Operation. Tumor.

Am Marktplatz setzte ich mich auf eine Bank und hielt inne. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Wie sollte ich diese Neuigkeit bloß meinem Mann beibringen oder meinem Sohn? Was tat ich ihnen damit nur an? Ich rief eine Freundin an. Sie wartete ohnehin auf das Ergebnis. Ich heulte ins Telefon, stammelte Unzusammenhängendes. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Was sollte ich jetzt bloß tun? Am liebsten wäre ich einfach für immer auf dieser Bank sitzen geblieben. Regungslos und fassungslos. Irgendwie schaffte ich es ins Büro, aber ich hatte das Gefühl, dass der Boden unter mir aufgehen würde und ich ganz tief fiele. Ich schlich mich nach drinnen, schaltete meinen Rechner ab und ging.

Zuhause angekommen rief ich meine Hausärztin an. Ich konnte sofort kommen. Sie half mir, mich zu sortieren und vereinbarte gleich einen Termin im Brustzentrum für mich. Es gab keine Wartezeiten wie sonst üblich, ich bekam sofort einen Termin. Bei dieser Diagnose geht das alles sehr schnell.

 

Im Brustzentrum sah die Welt dann ganz anders aus. Schnell operieren, Chemotherapie, das volle Programm. Aggressiver HER2-Rezeptor. Kalkablagerungen. Tumoreigenschaften. Maligner Tumor. Die Wörter waren unverständlich. Ich verstand nur: Krebs. Aggressiv. Bedrohlich. Da war es, das K-Wort.

Die Ärzte sagten mir, die Krankheit und Therapie würden mich ein Jahr lang beschäftigen. Ich glaubte ihnen nicht.

Es wurden vierzehn schlimme Monate. Die schreckliche Therapie brach über mich herein und ich bewältigte Tag um Tag, ließ mich nicht hängen und unterkriegen. Ich bot dem Krebs die Stirn und habe ihn aus meinem Körper vertrieben.

Ich trug eine schicke Perücke und wurde gefragt, zu welchem tollen Friseur ich ginge und ob es mir etwas ausmache, wenn sie meine Frisur nachschneiden lassen würden. Ich führte meine Glatze aus und man taufte mich Sinead O'Mäusle. Alle Haare verschwanden, Wimpern und Augenbrauen verabschiedeten sich. Mir fielen die Zehennägel aus. Am Ende der Therapie war ich so schwach, dass ich nur mit Mühe Treppen steigen konnte.

Ich kämpfte mich mit Sport, gesunder Ernährung und viel Schlaf zurück ins Leben. Bekämpfte die Angst. Begann wieder auf meinen Körper und meine Seele zu hören. Ich holte mir mein altes Leben zurück und machte ein besseres, neues Leben daraus. Der Krebs ist verschwunden, ich bin wieder gesund und versuche nach diesem Wirbelsturm, mein Leben wieder zu ordnen. Die Trümmer zu beseitigen und mich neu einzurichten. Vieles habe ich geändert, obwohl ich dachte, es gäbe nichts zu ändern. Nun muss meine Seele heilen. Dabei hilft mir mein Luxusproblem.

 

Nach mehr als einem Jahr bin ich an meinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Das erste Wochenende nach der ersten Arbeitswoche habe ich gefeiert. Ich war so glücklich, wieder ein Wochenende zu haben. Wieder Alltag. Vorbei waren die zähfließenden Tage, wo ich nur wartete, dass die Minuten vorbeigingen und die Schmerzen oder Übelkeit nachließen. Oft saß ich am Montagmorgen verloren am Küchentresen, mein Mann fuhr ins Büro und mein Sohn rannte zum Schulbus. Ausgespuckt, krank und wertlos saß ich daheim und wartete darauf, dass die Zeit verging. Oft war ich zu schwach für Aktivitäten, meist sollte ich wegen der Ansteckungsgefahr nicht unter Menschen gehen. Wie schön war es, als ich wieder einen Alltag hatte. Der Wert des Alltags wird dramatisch unterschätzt und wie wohltuend es ist, eine Aufgabe zu haben, Kollegen zu treffen und mit Freunden Mittagessen zu gehen.

 

Ich begann langsam mit meiner Wiedereingliederung und nahm schnell Fahrt auf. Die erste Woche arbeitete ich nur zwei Stunden, meine Ärztin bestand darauf. Ich wollte natürlich gleich wieder halbtags anfangen, aber sie hatte Recht. Zwei Stunden genügten am Anfang. Es war sehr schwer, wieder in einen Arbeitsrhythmus zu kommen. Nach einem Monat arbeite ich schon wieder Vollzeit. Vom Personalbereich bekam ich die Aufforderung, mir Gedanken über meinen angesammelten Urlaub zu machen. Einen Abbauplan? Und jetzt kommt's: in meiner Krankheit hatten sich 80 Tage Urlaub angesammelt. Vier Monate. Wow.

Erst dachte ich: Na ja, den bekomme ich schon irgendwie weg. Als dann eine Kollegin bemerkte, da könne man ja eine Weltreise machen, begann es in mir zu arbeiten. Sollte ich längere Zeit am Stück Urlaub nehmen oder lieber in kleinen Häppchen? Konnte ich nach dieser langen Krankheit schon wieder so lange fehlen? Ich überlegte, wie ich mit meinem Luxusproblem von vier Monaten Urlaub umgehen wollte. Was wollte ich mit der vielen, freien Zeit anfangen? In 80 Tagen um die Welt?

 

Man wollte mir den Urlaub auszahlen. Ging glücklicherweise aus Budgetgründen dann doch nicht. Das war mir sehr recht, ich wollte lieber die freien Tage. Dann schlug man mir vor, doch eine Vier-Tage-Woche einzuführen und so meinen Urlaub abzubauen. Schon klar. Vier Tage arbeiten, die Arbeit von fünf erledigen. An meinem freien Tag wäre ich Schultaxi, Köchin und Hausfrau. Das Einzige, was dabei herausspringen würde, wäre ein Mittagsschlaf.

Das war nicht, was ich wollte. Nach dieser schweren Krankheit sollte ich wieder brav in der Spur laufen? Nach so einer schlimmen Zeit sollte ich es wieder allen recht machen? Und wo blieb ich? Ich kam sehr ins Grübeln. Ich setzte mich hin und überlegte, was ich schon immer in meinem Leben machen wollte. So entstand meine persönliche Bucket List.

 

Was ich schon immer einmal machen wollte:

  • Wasserski fahren lernen
  • einen Sprachkurs in einer tollen Stadt machen
  • den Sommer als Sennerin auf einer Alm verbringen und Käse herstellen
  • eine Yogareise, muss nicht Indien sein
  • eine Ayurveda-Kur in Indien oder Sri Lanka
  • den portugiesischen Jakobsweg pilgern
  • eine Meditationsreise, am besten in ein buddhistisches Land
  • mit Delphinen schwimmen (peinlich, steht auf jeder Bucket List)
  • eine Eisdiele mit meinen leckeren Eiskreationen eröffnen
  • auf Safari gehen und den Elefanten in freier Natur »Hallo« sagen
  • Pinguine in freier Wildbahn sehen
  • auf eine Nordseeinsel fahren
  • nach Mailand fahren und Leonardo da Vincis Abendmahl anschauen

Während meiner Krankheit und Chemotherapie habe ich viel über den Sinn solcher Bucket Lists nachgedacht. Im Internet kann man tagelang Listen lesen, die Menschen erstellt haben. So berichten sie von den verrücktesten Dingen, die sie vor runden Geburtstagen oder vor dem eigenen Tod erledigt haben wollten. Das Leben erledigen?

 

Wenn man eine Krebsdiagnose bekommt, hat man von diesem Augenblick an keine Zukunft mehr. Krebs bedeutet in den Köpfen der Menschen immer noch...

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