Die Abdankung

Wie Deutschlands gekrönte Häupter aus der Geschichte fielen
 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. April 2016
  • |
  • 432 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-42948-1 (ISBN)
 

Ein besonderer Augenblick der deutschen Geschichte


Mit der Novemberrevolution 1918 endete das Deutsche Kaiserreich. Kaiser, Könige und Fürsten, jahrhundertealte Dynastien wie die Hohenzollern, die Wettiner oder die Wittelsbacher dankten sang- und klanglos ab und verließen die politische Bühne, ein in der Geschichte einzigartiges Phänomen. Neu aufgefundene Aufzeichnungen aus den Archiven der Fürstenhäuser zeigen die Ängste und Nöte der blaublütigen Protagonisten, aber auch ihre Naivität und Ignoranz gegenüber den gesellschaftlichen Umwälzungen nach dem Ende des Ersten Weltkrieges.
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Mit zahlreichen s/w-Abbildungen
  • 11,11 MB
978-3-423-42948-1 (9783423429481)
3423429488 (3423429488)
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Republikanische Vorrede


»Sie wurden hinweggefegt, ohne irgendetwas zurückzulassen, weil sie doch zu große Nullen waren.« (Ex-Großherzog Ernst Ludwig von Hessen über die Entthronung seiner bundesfürstlichen Kollegen)

Hätte der Großherzog von Hessen in dem eingangs zitierten Ausspruch »wir« statt »sie« gesagt, so hätte ein bemerkenswert selbstkritisches Zeugnis kollektiven Versagens diese Darstellung eröffnen können. Wenn aber der deutsche Herrscherstand bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eines nicht leiden konnte, dann das, was einer seiner Vertreter sich hier herausnahm: offen auszusprechen, was die Kronenträger ihrem menschlichen wie politischen Format nach tatsächlich wert waren. Sie wollten der Gesellschaft immer sehr viel mehr wert sein. Woher sie diesen Anspruch nahmen? Nun, in erster Linie aus dem Wähnen, von Hause aus beziehungsweise von Geblüt etwas weit Besseres zu sein als der Rest der Gesellschaft. Dann aber auch, weil sie glaubten, die politische Weltordnung mit einem heiligen Prinzip beglücken zu müssen, auf das sie allein volles Prägerecht besaßen, das monarchische. Bis 1918 figurierte dieses Prinzip als das gottgewollte Privileg, das einen engeren Kreis von Fürsten zu souveränen Trägern der Staatsgewalt bestimmte und einem ehernen Eigentumsrecht an königlicher Macht gleichkam. Mehr als zwanzig Herrscherhäuser waren im Deutschen Kaiserreich die Nutznießer. Als im Herbst 1918 der gewaltige Machtschutz um dieses Privileg brüchig zu werden begann, liefen die monarchischen Prinzipienreiter fast alle davon. Kein stolzes Opfer, keine Aufwallung von herrischem Blut - um die Topoi des zeitgenössischen Monarchismus zu bemühen. Zurück blieb das verwaiste Prinzip, das die politischen Konkursverwalter der Monarchie folgerichtig außer Kraft setzten. Deutschland war nun eine demokratische Republik.

Im Sommer 1919 schrieb der vormalige Großherzog Friedrich II. von Baden einen Brandbrief an König Georg V. von Großbritannien und Irland. Ernstlich und dringlich bat er den englischen Monarchen um eine persönliche Intervention. Sie sollte das »unerhörte Schauspiel einer Gerichtsverhandlung gegen Seine Majestät den deutschen Kaiser in London« verhindern. Nachdem die Siegermächte des Ersten Weltkriegs ihren Triumph über Deutschland eben erst im Friedensdiktat von Versailles perfekt gemacht hatten, wollten sie nämlich auch sogleich den vermeintlichen obersten Kriegsverbrecher, den deutschen Exkaiser Wilhelm II., in einem Schauprozess öffentlich zur Rechenschaft ziehen. Der war zwar schon vor Monaten nach Holland geflohen, wo ihm die königliche Regierung großherzig Asyl gewährte, aber über diesem Exil hing damals noch bedrohlich das Damoklesschwert eines Auslieferungsbegehrens seitens der Entente.

Zur Rettung vor dieser Gefahr wollte Friedrich seine warnende Stimme erheben, und zwar nicht als Privatperson, sondern im Namen aller ehemaligen deutschen Bundesfürsten, um »dem durch Jahrhunderte geheiligten, von uns mit Bewusstsein seines Wertes verfochtenen monarchischen Gedanken« einen Dienst zu erweisen. Zur Begründung hieß es: »Die demokratische und sozialistische Flut steigt höher und höher, es gilt das jetzt so schwer bedrohte monarchische Prinzip in bessere Zeiten hinein zu retten.« Sonst werde sich diese Flut widerstandslos »über alle Reste von Tradition und Herrscherrechten ergießen. Wir bitten deshalb einmütig Eure Majestät als den letzten Hort und berufenen Führer des monarchischen Gedankens, dahin zu wirken, dass von der angedrohten gerichtlichen Verfolgung des deutschen Kaisers Abstand genommen werde.«1

Nimmt man diese Zeilen ernst, so muss man aus ihnen folgern, dass die politische Umwälzung, die das Deutsche Reich seit nunmehr einem Jahr erfasst und bereits grundlegend verändert hatte, die früheren Herrscher in ihrer monarchischen Grundüberzeugung nicht erschüttern konnte. Diese angebliche Unerschütterlichkeit hatte jedoch einen Pferdefuß - die eigene widerstandslose Kapitulation vor dem, was jetzt als demokratische und sozialistische Flut verabscheut wurde.

Jahrzehntelang hatten die deutschen Fürsten in der Tat den monarchischen Gedanken über alles andere gestellt und immer wieder öffentlich beglaubigt. Doch als sie ihren Royalismus erstmals durch entschiedene Verteidigungsbereitschaft, ja Kampf bekennen mussten, zogen sie es vor zu resignieren. Sobald soziale Unruhe ausbrach, flohen die meisten aus ihren Residenzen, dankten larmoyant ab, waren zutiefst beleidigt. »So, so - na da macht euern Drägg alleene!«, soll der sächsische König seinen republikanischen Widersachern hinterher gerufen haben.

Auch hatte niemand von ihnen jemals ernstlich daran gedacht, sich schützend vor den Thron ihres Primus, Kaiser Wilhelm II., zu stellen. Im Gegenteil, die meisten seiner hohen Bundesgenossen weinten ihm keine Träne nach; gar mancher wäre ihn am liebsten schon einige Wochen vor seiner Flucht losgeworden. Was aus diesem jammervollen Szenario folgte, war eine fast lautlose Implosion des gesamten monarchischen Systems, die Deutschland nicht nur ein abgedanktes Kaiserhaus, sondern einen wahren Dynastienfriedhof hinterließ. Wer ihn betrat, hätte sich allerdings nicht retten können vor Grabinschriften voll postumer Selbstverklärung.

Dabei waren die deutschen Monarchen eines ganz gewiss nicht: militante Monarchisten. Natürlich widerstrebte ihnen die demokratische Republik zutiefst. Aber diese Aversion allein reichte nicht aus, um beherzt für die eigenen Herrscherrechte einzutreten. Dabei war das Bedrohungspotenzial im Herbst 1918 nicht einmal besonders Furcht erregend. Kein Bundesfürst lief damals Gefahr, durch politische Präsenz Leben oder Würde aufs Spiel zu setzen. Und selbst auf demokratischer und sozialistischer Seite blieb der politische Wille zur Republik zunächst recht schwach ausgeprägt. Dennoch blies nicht ein einziger Souverän zum Kampf für den Fortbestand der Monarchie. Von Behauptungswillen keine Spur, sodass sich unwillkürlich die Frage aufdrängt, warum das so war. Was stürzte die Monarchen in Deutschland derart ins Verderben, dass sie sich am Ende vor allem ihrer selbst nicht mehr sicher waren? Wie gerieten sie in jenen Zustand der Demoralisierung, der es ihnen unmöglich machte, auch nur den geringsten politischen Behauptungswillen zu mobilisieren?

Dies ist keineswegs eine nostalgische Fragestellung. Denn wie wir heute wissen, ließ der nahezu geräuschlose Einsturz der Monarchie in Deutschland heftige Phantomschmerzen zurück; und zwar bei all jenen, die sich durch die - fast möchte man sagen - Selbstentkrönung der deutschen Fürsten einer großen Illusion, eines Mythos beraubt fühlten. Des Wunschdenkens, dass ihre hochadeligen Herrscher tatsächlich das wären, was sie zu sein vorgaben, so wie sie es ihnen jahrelang eingeredet hatten: eine von Gott eingesetzte und persönlich geleitete Macht von höchstem geistigen und charakterlichen Format, der man sich getrost anvertrauen könne. Dieser Schmerz saß nach dem unrühmlichen Ende des Kaiserreichs bei vielen Menschen sehr tief, machte sie (therapie)bedürftig und trug schließlich zum unglaublichen Aufstieg eines Mannes namens Hitler bei, dem es binnen kurzem gelang, zu einem ganz neuen Typus von politischem Hoffnungsträger zu werden - nicht zuletzt als Regisseur von schönem Schein und Talmiglanz. Mit der kaum zu beschönigenden Tatsache ihres Nichtstuns in der schwersten Krise des Reiches lieferten die Entthronten Hitlers Alleinanspruch auf die Führung des Volkes eines der stärksten politischen Argumente. Und sie bestärkten die Massen seiner Bewegung in ihrer zum Teil fanatischen Ablehnung der monarchischen Vergangenheit. In den Worten eines Grafen, der genau deshalb schon beizeiten zum Nationalsozialismus fand: »Sie hatten mit eigenen Augen nichts geschaut, was ihnen Liebe und Ehrfurcht eingegeben hätte, sie sahen nur selbst den Zusammenbruch eines Systems, das nicht einmal im Tod Größe aufbrachte, nicht einmal über die Kraft verfügte, heroisch zu sterben, sondern das innerlich zerbrochen und entnervt beim ersten Pistolenschuss die Posten verließ, die sie von Gottes Gnaden erhalten zu haben vorgegeben hatten.«2 Es ist gewiss auch kein Zufall, dass die personale Treuebindung an den Monarchen, die bis 1918 der sogenannte Staatsbürgereid festgeschrieben hatte, ausgerechnet in Gestalt des Führereides in die politische Kultur zurückkehrte. Die Folgen sind bekannt.

Außerdem ist hier eine überaus spannende Geschichte zu erzählen. Eine weitgehend unbekannte zumal. Zwar floss beim Einsturz des Deutschen Kaiserreichs im Gegensatz zum Untergang des zaristischen Russland nicht ein Tropfen »Tyrannen«-Blut, doch an Dramatik und persönlicher Tragik mangelte es auch diesem politischen Umbruch nicht - am wenigsten freilich an Tragikomik. Immerhin ging es um die Existenz von insgesamt fast dreihundert hohen Aristokraten beiderlei Geschlechts, die bis dato die 22 (19) Herrscherhäuser3 protegiert hatten. Macht, Einfluss und Reputation standen auf dem Spiel sowie nicht zuletzt Besitztitel von wahrhaft fürstlichen Dimensionen. Diese Katastrophe verschonte keinen. Sie ist in manchen Fürstenhäusern bis heute noch nicht bewältigt. Während sich die historische Forschung mit den (Pyrrhus-)Siegern der deutschen Novemberrevolution intensiv auseinandergesetzt hat, sind die damals widerstandslos Besiegten fast vollständig im Dunkeln verblieben. Überhaupt hat die moderne Geschichtswissenschaft von einer systematischen Betrachtung des deutschen Hochadels (Fürstenadels) als einer auch von der Masse der sonstigen Aristokraten durchaus abgesonderten Sozialformation bislang nicht viel wissen wollen.4 Auch das dynastische...

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