Gesang der Dämmerung

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Juli 2013
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-08891-0 (ISBN)
 
England, im 19. Jahrhundert: Die zarte Marian besitzt eine Gabe, von der sie nichts weiß. Mit ihrer Stimme kann sie die Quelle des ewigen Lebens, die einst von den Lichtelben gehütet wurde und nun versiegt ist, wiedererwecken. Doch ihre besondere Befähigung stellt gleichzeitig eine tödliche Gefahr für sie dar, denn die Mächte der Finsternis sind schon auf sie aufmerksam geworden. Wird der zwielichtige Schattenkrieger Darion, der nicht mehr von ihrer Seite weicht, sie retten?









  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Heyne
  • 0,72 MB
978-3-641-08891-0 (9783641088910)
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Kapitel 1

War sie aufgewacht oder träumte sie noch? Marian war sich nicht sicher. Falls es sich hier um einen Traum handelte, war er erstaunlich nah an der Wirklichkeit, denn sie lag in ihrem wackligen Eisenbett im Schlafsaal des Mädchenpensionats. Falls sie aber wach sein sollte - weshalb hatte sie dann dieses seltsam schwebende Gefühl? Es war eine Empfindung, als weilte sie in einer fremden Dimension, in einer sanften und doch beunruhigenden Welt, in der alles möglich war: das Wunderbare, das Beglückende, aber auch das Schreckliche. Eben wie in einer Traumwelt.

Es war die Zeit zwischen Nacht und Morgengrauen. Der Schlafsaal lag noch in tiefer Dämmerung, die Laterne, die nachts immer neben der Eingangstür auf einem hölzernen Schemel stand, war jedoch schon erloschen. Durch die Vorhänge an den hoch angesetzten Fenstern des Saals drang kaum merklich ein erstes fahles Morgenlicht. Nein, sie musste wach sein, sonst hätte sie doch die Schlafgeräusche der Mädchen nicht so deutlich vernommen: Lisas leises Schnarchen und Blasen, Kates beständiges Husten, das Knarren und Quietschen der Metallbetten, wenn eine der Schlafenden sich auf die andere Seite drehte.

Der Saal bestand aus einem schmucklosen, lang gezogenen Raum, in der Mitte von sechs Säulen aus Eichenholz gestützt, rechts und links davon waren die Betten der Mädchen aufgereiht. Es gab für jede der zweiundvierzig Pensionatszöglinge einen Nachttisch - ein ziemlich verschrammtes Möbelstück, das eine Schublade und ein Fach mit zwei Einlegeböden besaß. Dort war Platz für Schachteln, Büchlein, kleine Heimlichkeiten, die nicht für die Augen und Finger der anderen Mädchen bestimmt waren. Abschließen konnte man das Fach nicht. Außer dem Nachttisch und dem Bett stand jedem Mädchen ein schmaler Spind für seine Kleider zur Verfügung - das war alles, was man für sich allein hatte. Auch Bett, Nachttisch und Spind stellten im Grunde nichts Eigenes, sondern Allgemeingut dar. Die Möbel kennzeichneten Kratzer und Scharten zahlloser Vorgängerinnen und ohne Zweifel würden sie, von Marians Gebrauchsspuren ergänzt, später einem anderen Mädchen zugewiesen werden.

Der Morgen graute. Marian konnte inzwischen die ersten beiden Säulen erkennen. Auch einige Betten, die sich in ihrer Nähe befanden, traten aus der Dämmerung hervor. Der Schemel mit dem erloschenen Nachtlicht war jedoch zu weit entfernt. Er verschmolz mit der Wand, genau wie die Eingangstür des Saals und das große schon etwas schadhafte Gemälde, auf dem eine herbstliche Landschaft mit einer Jagdgesellschaft abgebildet war. Das alles war ihr wohlvertraut, es gehörte seit fast zwei Jahren zu ihrem täglichen Leben, ebenso wie der schmale Waschraum nebenan mit den vielen Porzellanbecken und das Speisezimmer mit den zerkratzten Tischen und Stühlen. Und doch hatte Marian jetzt wieder das Gefühl, sich in einem Traum zu befinden. Standen einige der Fenster offen? Es musste wohl so sein, sonst hätten sich doch die Vorhänge nicht gebauscht. Konnte das schwache Morgenlicht bewegliche Schatten im Saal erzeugen?

Etwas Graues strich an der schwarzen Form einer Säule vorüber, ähnlich einem Nebelstreifen oder einem Wesen, das ein weites schleierartiges Gewand trug.

Das wird Miss Woolcraft sein, überlegte Marian. Sie ist im Nachtgewand und geht auf Zehenspitzen zwischen den Betten umher, damit keine von uns aufwacht. Weshalb tut sie das wohl? Ob Emily wieder einmal einen verbotenen Liebesroman von zu Hause mitgebracht hat?

Ein wenig spürte Marian jetzt ihr Herz klopfen, nicht besonders heftig, aber doch lauter und rascher als zuvor. Ihre Vermutung erwies sich als falsch. Die seltsame Erscheinung hatte sich einem der Fenster genähert, war im fahlen Morgenlicht durchsichtig geworden und schließlich zerfallen. Es konnte also auf keinen Fall die füllige und überaus erdenschwere Miss Woolcraft gewesen sein, die den Mädchen Unterricht in Schönschrift, Handarbeit und englischer Literatur erteilte. Und doch war Marian sicher, dass zwischen den Betten der schlafenden Mädchen ein Wesen umhergegangen war, das ihre Gesichter und Körper musterte, als suchte es etwas, das ihm verloren gegangen war.

Marian verspürte bei dieser Erkenntnis keine Angst. Was sie wahrnahm, war ja eine Traumerscheinung, und der Traum hatte nichts Erschreckendes an sich, er war nur seltsam und machte sie neugierig. Wenn dieses Wesen sich in der Nähe der Fenster auflöste, dann vertrug es wohl das Morgenlicht nicht. Doch sobald es sich der Mitte des Raums nähert - dort, wo die Säulen noch als schwarze Schatten in grauer Dämmerung standen -, würde es möglich sein, seine Konturen zu erkennen. Es gab Träume, die man mit seinem Willen beeinflussen konnte, und dieser schien ein solcher zu sein, denn dieses Mal stimmte ihre Vermutung.

Da war sie wieder, die seltsame Gestalt, sie schien sich aus den wehenden Grautönen der Dämmerung zusammenzufügen, war jetzt sogar deutlicher als zuvor, die Umrisse härter, das Wesen fast Materie. Das war kein Nebelstreifen, was da an den Säulen vorüberglitt, um nun auf der anderen Seite des Saals zwischen den Eisenbetten der Schlafenden umherzuschleichen. Es glich auch nicht mehr Miss Woolcrafts üppiger wabernder Form - kein Schleier, kein wehendes Gewand.

Dort stand ein fester Körper, ein Mensch, der sich jetzt ein wenig vornüberbeugte, um ein schlafendes Mädchen zu betrachten. Marian konnte den langen Gehrock erkennen, über dessen Kragen sich ein Schal oder ein Tuch bauschte, das Kinn und Mundpartie des Wesens verbarg. Sicher war nur, dass es sich um einen Mann handelte. Ob alt oder jung, bärtig oder glatt rasiert war nicht auszumachen. Aber vermutlich war er jung, denn sein Haar war rabenschwarz.

Sie träumte, daran konnte nicht gezweifelt werden. Wäre Marian wach gewesen, hätte sie jetzt laut um Hilfe schreien müssen. Ein fremdes männliches Wesen, noch dazu im langen Gehrock, das im Schlafsaal der Mädchen umherstieg und die nur mit ihren Nachthemden bekleideten Zöglinge mit frechem Blick anstarrte - großer Gott! Ein solches Vorkommnis konnte dazu führen, dass das Pensionat in Verruf geriet, schlimmstenfalls sogar seine Pforten schließen musste. Auch der gute Ruf der ahnungslosen Mädchen würde in diesem Fall Schaden nehmen, zumal man befürchten musste, dass der Eindringling es nicht dabei bewenden ließ, die schlafenden Zöglinge nur anzustarren. Nein, Marian hätte spätestens jetzt mit lauter Stimme nach Mrs. Potter, der Institutsleiterin, und Mr. Crincle, dem Hausmeister, rufen müssen. Was sich dann hier im Schlafsaal ereignet hätte, war unschwer zu erraten, denn ihr Geschrei hätte auch die Mädchen aus dem Schlaf gerissen .

Aber da es sich ja nur um einen Traum handelte, tat sie nichts dergleichen. Stattdessen verfolgte sie das Tun des Fremden mit gelassener Neugier, spürte das immer rascher werdende Klopfen ihres Herzens und empfand es als angenehm. Was auch immer dieser Traum mit ihr vorhatte, er war schön und aufregend, denn ihm haftete die süße Verlockung des Verbotenen an.

Die Erwartung schärfte Marians Sinne - oder war es ihr Vorstellungsvermögen? Obgleich der Fremde sich ihrem Bett nur wenig näherte, konnte sie jetzt weitere Details erkennen. Wenn er sich gerade aufrichtete, erschien er ihr sehr groß. Der graue Gehrock saß nur an den Schultern fest an seinem Körper, ansonsten war das Kleidungsstück zu weit und ganz sicher für einen anderen Träger geschneidert. Während die Schlafgeräusche der Mädchen ungehindert an ihre Ohren drangen, verursachte der seltsame Besucher keinen einzigen Laut, nicht einmal seine ledernen Stiefel hörte man knarren, von Fußtritten auf dem steinernen Boden ganz zu schweigen. Er bewegte sich gemächlich, als befände er sich in vollkommener Sicherheit, während doch in jedem Augenblick eine der Schlafenden erwachen und in panisches Geschrei ausbrechen konnte. Auch diese Tatsache bewies, dass das Ganze nur ein Traum war.

Der Mann schien bisher nicht fündig geworden zu sein - oder suchte er vielleicht gar nichts, sondern hatte eigenartigerweise nur Gefallen daran, schlafende Mädchen zu betrachten? Jetzt erschien er wieder in der Mitte des Raumes, blieb dort einen Moment lang zögernd stehen, und während er den Saal abschätzend musterte, konnte Marian endlich sein Gesicht sehen. Er war bartlos, seine Haut von einer fahlen Blässe, die an Mondlicht erinnerte, die Züge ebenmäßig, Kinn und Nase kräftig, die Lippen schmal, doch schön geformt. Seltsam waren seine Augen, die Marian sehr tief und dunkel erschienen und die von Schatten umgeben waren.

Er näherte sich, ging mit lautlosen Schritten auf ihr Lager zu. Sein Körper hatte etwas Schwebendes, als wöge er nichts, doch sie fühlte - konnte man in einem Traum überhaupt fühlen? - einen sachten Luftzug wie einen leisen Hauch, nicht kühl, sondern warm wie der Atem eines Lebenden. Unwillkürlich begann ihr Körper zu zittern, zuerst nur die Hände und Finger, dann floss die Unruhe durch ihre Arme zu ihrem Herzen, verstärkte sein hastiges Schlagen und breitete sich über Bauch und Schenkel bis hinunter zu den Füßen aus. Er schritt direkt auf sie zu, sah weder nach rechts noch nach links, sondern hatte den Blick bereits fest auf sie geheftet, und die plötzliche Beschleunigung seiner Schritte zeigte ihr an, dass er nun ganz offensichtlich fündig geworden war.

Ich bin es, nach der er gesucht hat, dachte Marian, und obgleich sie immer noch keine Angst verspürte, war sie doch erschrocken. Für einen Augenblick war sie versucht, sich die Bettdecke bis an den Hals hochzuziehen, um sich vor diesen dunklen, umschatteten Augen zu verstecken. Dann aber wurde ihr klar,...

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