Die zwölfte Nacht

Ein Tudor-Roman
 
 
hockebooks (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. Dezember 2018
  • |
  • 665 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95751-286-4 (ISBN)
 
Die mitreißende Geschichte der letzten Gemahlin Heinrich des Achten. England im 16. Jahrhundert, in den Wirren der Reformation. Catherine Parr hegt zwei Herzenswünsche: Eines Tages will sie ein Buch schreiben - für eine Frau unvorstellbar. Und sie will Tom Seymour heiraten. Schon seit ihrer Kindheit wissen die beiden, dass sie füreinander bestimmt sind. Die stürmische Epoche aber hat etwas anderes im Sinn mit Catherine und Tom: Am Hofe König Henry des Achten geraten sie in den Strudel der Reformation. Dem draufgängerischen Tom droht das Fallbeil, und von Catherine wird ein übermenschliches Opfer verlangt. Während England sich für immer verändern soll, kämpft die mutige Frau darum, sich ihre beiden größten Wünsche doch noch zu erfüllen.
Überarbeitete Neuausgabe
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 5,24 MB
978-3-95751-286-4 (9783957512864)
Charlotte Lyne wurde 1965 in Berlin geboren, studierte Germanistik, Latein und Italienische Literatur in Neapel und Berlin sowie Anglistik in Berlin und London. Als Übersetzerin, Lektorin und Autorin lebt sie mit ihrem britischen Mann und ihren drei Kindern in London. Sie hat unter ihrem Namen und Pseudonymen zahlreiche Bücher unter anderem bei Droemer Knaur und Lübbe veröffentlicht, ihr Roman »Als wir unsterblich waren« stand wochenlang auf der Bestseller-Liste.

Die dritte Nacht


Gott und die Welt
1531

In der dritten Nacht des Christfestes
schenkte mir mein Liebster
drei französische Hennen.

Palast von Greenwich, am 18. Dezember 1531.

Liebste Catherine,

bitte sei mir nicht böse, dass ich nicht früher schrieb. Ich wollte ja schreiben, aber ich bin seit Mutters Tod so traurig gewesen, dass nichts mit mir anzufangen war. Nicht, weil wir Mutter verloren haben, sondern weil wir sie im Leben so wenig kannten. Manchmal frage ich mich: Waren wir je eine Familie? Der einzige Ort, an dem wir Geschwister, Du, Will und ich, je nach Elternart umsorgt waren, scheint mir Wulf Hall gewesen zu sein. Glichen wir seither nicht eher kleinem Getier, das gezwungen ist, sich allein durchzubeißen?

Mit diesem Brief übersende ich Dir Mutters Medaillon. Sie hat verfügt, dass Du es bekommst. Nur gut, dass wir beide versorgt sind, ich bei Hof und Du im Haus Deines Edwyn, denn Geld für uns ist keines da. Es geht alles an Will, der es dringend braucht. Unser Honigküchlein von Schwägerin, die pralle Annie, gibt mehr aus, als sie eingebracht hat: Brokat aus Flandern muss sie haben, venezianische Spitzen, Pariser Perlenhäubchen, und das alles durchaus nicht, um Will zu gefallen. Für die Klatschküche des Hofes entwickelt die Dame sich nachgerade zur zweiten Kate Fillol. Armer Will.

Hast Du davon eigentlich gehört? Das Fillol-Früchtchen ist in ein Kloster verbannt und hat zum Kosen nur noch fromme Schwestern. Kein Mensch hat ja verstanden, warum Ned so lange an ihr festhielt. Ein anderer hätte dem Luder jeden Galan einzeln aufs allerliebste Hinterteil gezählt. Ned aber brächte derlei nicht übers Herz. Nun, jetzt ist er wieder zu haben und gilt zudem als lohnende Partie. Der König mag ihn. Und dieses Rehkitz von Priester, das er ihm angeschleppt hat, mag er noch lieber. Stell Dir vor, er hat diesen Cranmer beauftragt, ein Plädoyer für die Auflösung der Ehe abzufassen. Der König gibt also nicht auf, auch wenn Papst Clemens ihm untersagt hat, an eine zweite Heirat nur zu denken. Ich könnte Dir viel dazu schreiben, aber tue es nicht, denn es ist ketzerisch, und seit Kurzem werden ständig Ketzer verbrannt.

Was aber der Papst auch sagen mag und was der Kaiser sagen mag, der König hat Catalina des Hofes verwiesen und lebt nun mit Anne Boleyn. Wir sind ein denkwürdiger Haushalt, ein Schwarm von Bienen und Drohnen ohne Königin. Kein Mensch weiß, was zu Weihnachten geschieht, ob der König seine Mätresse neben sich auf den Ehrenplatz zu setzen wagt oder ob überhaupt keine Feier stattfindet. Gerade erging aber doch Befehl, sich zur Übersiedlung nach Hampton Court bereitzuhalten. Weißt du das, Cathie? Wann immer es nach Hampton Court geht, wünschte ich, Du könntest zu Zwölfnacht dort aus dem Nichts erscheinen, so wie einst.

Du würdest übrigens Hampton Court nicht wiedererkennen. Seit Wolseys Tod hat der König dort jeden Holzscheit, der an den Kardinal erinnerte, herausreißen lassen, und nun wird alles vergrößert und noch prächtiger gestaltet. Ich bin gern dort. Die Stimmung, sobald wir einziehen, wird so leicht, und alles Schwere fällt ab.

Aber ich plappere Dir von meinem Leben und möchte doch lieber von Deinem hören. Wirst du uns nicht bald eine große Freude bereiten, uns einen kleinen Knaben oder ein Mädchen schenken und eine Tante aus mir machen? Wie schön wäre das, wenn von dem Parr-Blut noch ein Tropfen übrig bliebe. Von Will und seinem Speckhennchen ist kein Kindlein zu erwarten, und für mich hat Gott wohl keine Ehe vorgesehen. Wenn ich mich je einem Manne gäbe, so müsste es einer wie Tom Rotschopf sein, mit dem das Leben lustig ist. Aber Tom heiratet nicht, denn das bräche allen Jungfern das Herz. Zudem lebt er von der Hand in seinen hübschen Mund.

Da ich von Tom spreche, fällt mir ein, von wem ich Dir Grüße auszurichten habe: von Janie, der leisen Janie Seymour, weißt du noch? Sie ist schon zwei Jahre bei Hof, aber vergeht noch immer vor Heimweh. Solange Catalina da war, ging es an, aber vor der schwarzen Annie graut ihr, und ihr Herz quillt über vor Mitleid mit der verstoßenen Königin.

Liebste Catherine, Du fehlst mir. Soll unser Leben verstreichen, und wir zwei Schwestern hätten nie Gelegenheit, einander kennen zu lernen, so wie wir Mutter nie kannten? Alles, was uns bleibt, ist Briefe schreiben. Ich hoffe, es fängt nicht schon an zu schneien, auf dass noch ein Bote es zu Dir nach oben schafft. Gesegnete Weihnacht, für Dich, Deinen Edwyn und Dein ganzes Haus. Deine Dich liebende Schwester Nan Parr.

Solange der Winter das Land in rauen Händen wrang, verließen sie kaum je das Haus. Die Führung des Haushalts oblag der Schwiegermutter, während der Schwiegervater und Edwyns älterer Bruder sich um die Verwaltung des Gutes kümmerten. Für Edwyn und Catherine blieb nichts zu tun. Auf die Jagd ging Edwyn nicht, da er dazu neigte, sich zu verkühlen. Er legte sich früh ins Bett und schlief bis tief in den Morgen, das verkürzte die Tage. Mit seinem Vater und Bruder spielte er zuweilen Karten, doch für Catherine fand er diesen Zeitvertreib nicht schicklich. Auf einem Tisch in der Wohnhalle stand ein Virginal. »Ich bin nicht musikalisch«, hatte Catherine erklärt, was Edwyn nicht kümmerte. Das Virginal fing Staub. Es gab kaum Musik im Haus, weil niemand gern tanzte.

Er war alles andere als ein übler Gatte. Darauf, dass sie nähte, bestand er nicht. Als sie bat, ein Pult benutzen zu dürfen, um ihrer Schwester zu schreiben, ließ er ihr eines in den Wohnraum stellen. Er selbst schrieb nicht gern. Im Wohnraum saß, während Catherine sich zu schreiben mühte, die Schwiegermutter bei Näharbeiten, und oft gesellten sich Edwyn, sein Vater und Bruder zum Kartenspiel dazu. Ein Buch zur Hand zu nehmen, war unerwünscht. Edwyn fand, das zieme sich für seine Gattin nicht, da er selbst nicht gern las.

Wenn sie Langeweile habe, solle sie sich Beschäftigung suchen.

Ihren in grünen Samt geschlagenen Band Malory, den sie zwischen den Unterkleidern ihrer Aussteuer bewahrte, nahm er einmal zur Hand und blätterte darin. »Seht her«, rief er, »jemand hat in Eurem Buch eine Zeile angestrichen.«

Catherine hatte die angestrichene Zeile nicht bemerkt, denn sie hatte das Buch nie aufgeschlagen. Leicht pikiert las Edwyn vor: »Einst bei des Königs Geburt, da strahlten alle Sterne, aber jetzt fällt Regen auf das Land. Was für ein Zeug. Woher habt Ihr es?«

»Es war ein Hochzeitsgeschenk.«

»Und wer hat es geschickt?«

»Edward Seymour von Wulf Hall. Ein Freund meiner Familie.«

»Reichlich sparsam, Euer Freund«, sagte Edwyn. »Einen Satz Fingerschalen hätte ihm unsere Trauung wohl wert sein sollen.«

Sie hätte heimlich lesen können, doch es gab keinen Raum, sich tagsüber zurückzuziehen, und in der Nacht, fand Edwyn, gehörten Mann und Weib zusammen in ein Bett. Seine Eltern teilten die Bettstatt noch nach all den Jahren. Ein übler Gatte war er nicht. In den meisten Nächten war er zu erkältet, um mit ihr zu schlafen.

Winters ging Edwyn nicht aus, aber sobald der Frühling sich zeigte, fuhr er jeden Dienstag auf den Stoffmarkt nach Lincoln und nahm Catherine mit. Er war kein armer Mann, mit etwas Erbe von der mütterlichen Seite ausgestattet, und oft füllte er ihr Geld in einen Beutel, damit sie sich ein Zierband oder einen Honigkuchen kaufen konnte. Hätte Catherine wirklich etwas kaufen wollen, so wäre es ihr schwergefallen: Edwyn bestand darauf, dass sie ob der überall lauernden Gefahren an seiner Seite blieb. Er selbst aber ging um keines Handels willen auf den Markt, sondern um seiner einzigen Leidenschaft zu frönen: Der harmlose Edwyn ergötzte sich mit kindlicher Freude an Gewalt.

An manchen Dienstagen musste er mit einem Hahnenkampf, einer Bärenhatz oder der Auspeitschung eines Vagabunden vorliebnehmen und fuhr dann mürrisch nach Hause. An anderen war das Glück ihm holder: Am Pranger hing ein Mehldieb oder Pfefferfälscher, und säckeweise wurden faule Äpfel feilgeboten, um sie im Wettstreit auf den Übeltäter zu verfeuern. Ein Lästerweib ward auf den Tauchstuhl gebunden, ein ungehorsamer Lehrling durch das Ohr gebrannt. Bei alledem stand Edwyn stumm, mit glühenden Pustelwangen, und rieb sich seine Hände schwitzig. Hinterher war er müde wie ein ausgetobter Knabe, verlangte nichts als den raschesten Liebesakt und fiel in ohnmachtsgleichen Schlaf.

Zum ersten Marktgang des Jahres, einem Tag Anfang März, stand noch weit größere Erregung bevor. »Zieht Euer gutes Kleid an«, sagte Edwyn zu Catherine. »Das Violette, in dem ich Euch so schätze. In Lincoln wird ein Ketzer gerichtet.«

Sie stellten den Wagen bei einem Schankwirt ein und schoben sich zu Fuß durchs Gedränge. »Wegtreten, Leute, macht Platz für den Herrn!« Berittene Wachen trieben einen Keil in den Ring aus Menschenleibern. Platz genug für Edwyn, Catherine und die Schwiegermutter, die bei solchem Spektakel nicht fehlen mochte. Mit Pflöcken und Seilen war ein Kreisrund abgesperrt. In der Mitte aufgeschüttet, wartete der Scheiterhaufen, ein Hügel aus gebündeltem Reisig, aus dem ein Pfahl aufragte. Daran gefesselt, mit Stricken um die nackte Brust, stand ein Mann. Stolz, als sei er der Veranstalter, wies Edwyn auf die Absperrung. »Nicht weiter, süße Gemahlin, sonst könnten Funken Euch treffen.«

Der Mann war mager, noch nicht alt. Seine Rippen hinunter schnitten sich blutige Striemen. Er trug keinen Hut, sein ingwergelber Schopf war zerzaust. »Sie haben gute Sicht, my lady?«, erkundigte sich ein Wachmann bei der Schwiegermutter. »Thomas Hitton, ein Ausbund des Bösen, von höchster Stelle überführt. Erzbischof Warham...

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