Das Orakel von Stambul

Roman
 
 
Insel Verlag
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 24. August 2011
  • |
  • 366 Seiten
 
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978-3-458-76750-3 (ISBN)
 
Eine schillernde Stadt voller exotischer Gerüche und unbekannter Klänge. Ein Weltreich kurz vor dem Zerfall. Ein Herrscher, der keinen Ausweg mehr sieht. Und ein junges Mädchen, das die Menschen verzaubert und dazu berufen scheint, den Lauf der Weltgeschichte zu verändern.

Es ist der Spätsommer 1877. In Constanta am Schwarzen Meer schwebt ein Schwarm Wiedehopfe über dem Haus von Yakob Cohen und seiner Frau Leah. Er kündigt die Geburt eines besonderen Mädchens an, Eleonora. Noch ehe sie das achte Lebensjahr erreicht, lernt sie Lesen und kennt sieben Sprachen. Als ihr Vater geschäftlich nach Istanbul reisen muß, folgt ihm Eleonora als blinder Passagier.

Am Bosporus entdeckt sie eine neue Welt der Farbenpracht und geheimnisvollen Eleganz. Doch selbst hier bleiben ihre außergewöhnlichen Gaben nicht lange unentdeckt. Bald schon erfährt auch der Palast des Sultans vom Wunderkind. Abdülhamid II. ist sofort von Eleonora verzaubert und macht sie zu seiner persönlichen Beraterin. Unversehens liegen Wohl und Wehe des Osmanischen Reiches in den Händen einer Achtjährigen.
2. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 2,39 MB
978-3-458-76750-3 (9783458767503)
3458767509 (3458767509)
weitere Ausgaben werden ermittelt
<p>Michael David Lukas wurde 1979 in Berkeley/Kalifornien geboren, lebte längere Zeit in der Türkei, Israel und Tunesien. Seine Erzählungen und Reisereportagen erscheinen in <em>Slate</em>, <em>National Geographic</em> und anderen Magazinen.</p>

Kapitel Zwei


Der Sultan des Osmanischen Reiches, Diener der Heiligen Städte, Kalif des Islam, Herrscher der Gläubigen und Höchster Padischah mannigfacher Reiche, Seine Exzellenz Abdülhamid II., starrte nach oben auf ein Meer aus verschachtelten grünen und blauen Deckenfliesen, während der Palastbarbier ihm das Gesicht einseifte. Er hörte, dass in einem Nachbarraum eine Ud gezupft wurde und Konkubinen gelangweilt miteinander plauderten. Ein Bülbül sang in seinem Käfig, und die Vormittagssonne, die in Streifen durch das Gitterwerk fiel, sammelte sich zu seinen Füßen. Abdülhamid schloss die Augen, atmete den seifigen Jasminduft ein und lauschte, wie die Klinge sich seinen Hals emporarbeitete.

Seit dreißig Jahren, seit der erste männliche Flaum an seinem königlichen Kinn gesprossen war, wurde Abdülhamid jeden Morgen von demselben Mann rasiert. Davor hatte dieser sieben Jahre lang am Hof von Abdülhamids Vater gedient. Der Barbier war ein alter Mann, doch seine Hände waren so ruhig wie die eines Kalligraphen, und selbst nach so vielen Jahren der Übung führte er die allmorgendliche Rasur noch genauso durch, als wäre es die wichtigste Aufgabe seines Lebens. Abdülhamid wusste die Feierlichkeit, die der Mann an den Tag legte, überaus zu schätzen. Bei all den Ränken und Verschwörungen, mit denen er es im Palast zu tun hatte, musste er seinem Barbier voll und ganz vertrauen können. Schließlich hatte es am Hofe des Sultans schon Königsmorde gegeben. Genau genommen waren drei seiner Vorfahren – Murad II., Mustafa Dösme und Ibrahim I. – von angeblich treuen Höflingen gemeuchelt worden: Murad von seinem Koch, Mustafa von seiner Leibwache, Ibrahim von seinem Barbier.

Abdülhamid öffnete die Augen und sah zu, wie der Barbier sein Messer über einen Lederstreifen zog. Dann schloss er sie wieder und rutschte noch tiefer in seinen Sessel, ließ die leisen Klänge des Oud über sich hinwegspülen wie Meerwasser. In diesen Saiten schwang eine solche Traurigkeit, so viele Jahre des Leides. Wenn er sich recht entsann, hatte Al-Farabi die Geschichte von der Erfindung des Oud überliefert, dessen abgeknickter Hals angeblich von einem Skelett, das an einem Johannisbrotbaum hing, inspiriert war. Um wessen Skelett es sich handelte, wollte Abdülhamid nicht mehr einfallen – Lamech vielleicht oder einer von Noahs Söhnen. Jedenfalls war es ein uraltes Instrument, das in Trauer wurzelte.

In derartige Gedanken versunken, spürte der Sultan, dass jemand vor ihm stand.

»Euer Exzellenz?«

Es war der Großwesir Jamaluddin Pascha, mit vor Anstrengung gerötetem Gesicht und einem Schnurrbart, in dem etwas klebte, das ganz nach einem Speichelfaden aussah.

»Euer Exzellenz«, sagte er und wischte sich übers Gesicht. »Verzeihen Sie, dass ich Sie bei der Rasur störe, aber ich habe eine höchst bestürzende Nachricht.«

»Bitte«, sagte der Sultan und bedeutete dem Barbier, weiterzumachen. »Nachrichten aus meinem Reich sind keine Störung.«

»Euer Exzellenz, Plewen ist vor drei Tagen an die Russen gefallen. Osman Pascha hat sich mit dem Rest seiner Truppen nach Gabrowo zurückgezogen.«

Diese Nachricht war in der Tat höchst bestürzend, nicht besonders überraschend, aber gleichwohl beunruhigend. Der Sultan seufzte und sah am Rande seines Gesichtsfeldes den Barbier die Haare entlang seines Wangenknochens mit der Pinzette auszupfen. Plewen war die jüngste in einer langen Reihe militärischer Blamagen. Höchstwahrscheinlich bedeutete das das Ende des Krieges, dann eine weitere Konferenz der Großmächte, einen weiteren Vorwand, sein Reich zu zerstückeln. Nicht dass es ihm etwas ausmachte, Bulgarien oder Rumänien zu verlieren. Diese Länder konnten seinetwegen ruhig im Erdboden versinken, zusammen mit Griechenland und dem Balkan. Nicht der Gebietsverlust machte ihm zu schaffen, sondern die Schmach, die geifernden Lefzen der Großmächte, die sein Haus umkreisten wie Wölfe. Nichts scherte ihn weniger als Bulgarien und Rumänien, aber er wusste, dass es damit nicht aufhören würde. Die Russen wollten Kars, die Franzosen hatten seit Langem ein Auge auf die Levante geworfen, und die Griechen würden nicht eher ruhen, bis sie Stambul in ihre dreckigen Pfoten bekommen hatten.

»Osman Pascha hält es für das Beste, seine Männer nach Adrianopel zurückzuziehen, aber das wird er nicht ohne Ihre Zustimmung tun.«

Der Sultan betrachtete seinen Berater. Jamaluddin Pascha war ein untersetzter Mann mit einem tomatenroten Gesicht und einer kolossal großen Nase, neben der die Augen wirkten wie hastig mit Füllfederhalter hingekleckste Punkte und die von einem dünnen Schnurrbart unterstrichen wurde.

»Und was ist Ihre Ansicht?«

»Ich muss Osman Pascha in diesem Fall beipflichten. Adrianopel ist ein vorzüglicher Standort, um die Hauptstadt zu schützen, falls das erforderlich ist. Und ich fürchte, es könnte erforderlich sein.«

»Das ist Ihre Ansicht.«

»Das ist meine Ansicht, Euer Exzellenz. Eine andere habe ich nicht.«

Das war Jamaluddin Paschas großes Manko. Obschon er Abdülhamids vorherigem Großwesir bei Weitem überlegen war, was die Klugheit seiner Ratschläge und seine Loyalität anging, ließ er sich doch zu stark vom jeweiligen Fortgang der Ereignisse mitreißen, hatte zu sehr seinen eigenen Platz in der Geschichte vor Augen. Für ihn war jede Revolte der Anfang einer Revolution, jeder Spion ein Hinweis auf einen Putsch, jeder Krieg eine Verlagerung im Gleichgewicht der Kräfte. So intelligent er auch war, Jamaluddin Pascha fehlte der Weitblick, die Fähigkeit, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. In diesem besonderen Fall hatte er jedoch recht. Stambul musste um jeden Preis geschützt werden.

»Also schön«, sagte Abdülhamid. »Osman Pascha steht es frei, seine Truppen nach Adrianopel oder zu irgendeinem anderen Stützpunkt seiner Wahl zurückzuziehen. Aber lassen Sie hören, Jamaluddin Pascha, was gibt es sonst noch für Neuigkeiten?«

Der Großwesir rückte seinen Turban zurecht, holte das kleine schwarze Notizbuch hervor, das er immer in der Brusttasche trug, und las daraus vor, was sich in den letzten Tagen ereignet hatte.

»Wir setzen unsere Untersuchung der Offiziersrevolte fort. Der neue Rektor des Robert’s College ist vor zwei Tagen in Stambul eingetroffen. Zwischen den Gemeinden im Sandschak Novi Pazar soll es zu Unruhen gekommen sein.«

Abdülhamid spürte das Kitzeln der Klinge unter der Nase und blinzelte, um ein Niesen zu unterdrücken.

»Erzählen Sie mir mehr über diesen neuen Rektor.«

»Auf Ihren Wunsch hin, Euer Exzellenz, haben wir uns bemüht, ihm weder Unannehmlichkeiten zu bereiten noch Argwohn zu erregen. Daher hat sich unsere Untersuchung nicht so gründlich gestaltet, wie es sonst der Fall gewesen wäre. Wir kennen allerdings die wesentlichen Fakten, und die sind wie folgt: Er wurde in einem US-Staat namens Connecticut geboren, wo er auch zur Schule gegangen ist und studiert hat, die letzten sieben Jahre hat er an der American University in Beirut gearbeitet, zuletzt als Studiendekan.«

Der Großwesir stockte, um sein Notizbuch zu konsultieren.

»Es kursieren Gerüchte«, fuhr er fort. »Sie sind jedoch noch unbewiesen. Einige unserer Kontakte haben angedeutet, dass er ein amerikanischer Spion, andere, dass er homosexuell ist.«

»Das eine schließt das andere nicht aus.«

»Nein, Euer Exzellenz, allerdings nicht.«

»Aber beides passt nicht ganz zu seiner beruflichen Tätigkeit.«

»Fürwahr, Euer Exzellenz. Zudem schwört Madame Corvel, eine unserer Kontaktpersonen im amerikanischen Konsulat, dass sie ihm schon einmal begegnet ist, als sie in New York lebte, und dass er damals völlig anders hieß. Sie kann sich jedoch weder daran erinnern, wie er sich nannte, noch an die Umstände ihrer Begegnung.«

»Lassen Sie ihn weiterhin überwachen«, sagte der Sultan. »Und benachrichtigen Sie mich, wenn Sie etwas Interessantes herausfinden.«

»Das werde ich, Euer Exzellenz.«

Während der Barbier eine frische Schüssel Rasierschaum anrührte, lehnte Abdülhamid sich zurück und schlug die Beine übereinander. Dabei fiel ihm auf, dass er noch immer seine Hausschuhe trug. Es war ein leichter Verstoß gegen die Etikette, in diesem Teil des Palastes Hausschuhe zu tragen, doch falls der Großwesir das bemerkt hatte, so ließ er sich jedenfalls nichts anmerken.

»Bevor ich mich zurückziehe, Euer Exzellenz. Da wäre noch eine weitere Angelegenheit, die von Interesse sein könnte.«

»Bitte.«

»Es gibt Berichte, dass Moncef Bey unlängst einen neuen Geheimbund gegründet hat. Es handelt sich um denselben Moncef Bey, der sich, wie Sie bestimmt noch in Erinnerung haben, aktiv für die Verfassungsreformen stark machte, die Ihr Vorgänger in die Wege geleitet hat.«

»Moncef Bey«, sagte der Sultan nachdenklich. »Ja, ich erinnere mich an den Namen. Ich dachte, wir hätten ihm irgendeinen Posten in Diyarbakir übertragen.«

»Das ist richtig, Euer Exzellenz. Sie erinnern sich vielleicht auch, dass er im letzten Moment nach Constan?a versetzt wurde.«

»Das inzwischen von den Russen gehalten wird.«

»Genau. Doch Moncef Beys Amtszeit endete leider im letzten Jahr, und er ist nach Stambul zurückgekehrt.«

Abdülhamid, der beobachtete, wie das Licht einen gelb-roten Bilderteppich auf seine Augenlider webte, nickte unbestimmt und atmete aus.

»Wissen wir, womit wir es bei dieser neuen Gruppe zu tun haben? Ist sie gefährlich? Oder bloß ein...

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