Auf den Spuren des Wals

Geographien des Lebens im 19. Jahrhundert
 
 
Wallstein (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. April 2020
  • |
  • 279 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8353-4495-2 (ISBN)
 
Eine Medien- und Wissensgeschichte von Biologie und Ozeanographie im Kielwasser der Walfänger.

Immer wieder entzieht sich der Wal wissenschaftlicher Klassifikation und Darstellbarkeit. Wale sind buchstäblich nicht zu fassen - als sich die neuen biologischen Wissenschaften im 19. Jahrhundert daran machten, »das Leben« zu erklären, blieb das der Wale ein Problem. Doch Walfänger durchkreuzten auf ihren Spuren im 19. Jahrhundert die Meere der Welt. Kartographen erschlossen auf den Spuren dieser Walfänger die Nordwestpassage und den pazifischen Ozean, während Naturhistoriker und Zoologen sie in die Lebensräume der Wale begleiten.
Felix Lüttge erzählt die Geschichte der Walfänger, die den Walen, und der Wissenschaftler, die wiederum den Walfängern folgten.Es ist eine Medien- und Wissensgeschichte des Wals wie auch der Meere, die auf seinen Spuren durchfahren und vermessen wurden. Felix Lüttge beschreibt die komplexen Austauschprozesse, mit denen Walfänger und Wissenschaftler ökonomisches, ozeanographisches, zoologisches und geographisches Wissen hervorbrachten

»Die Wale, von denen diese Untersuchung handelt, sind auch, aber nicht zuerst Teile einer Natur, die es zu ordnen galt. Sie sind Rohstofflieferanten und Wissensobjekte, und sie mussten erst mithilfe bestimmter Praktiken und Medien hervorgebracht werden.«
Felix Lüttge
  • Deutsch
  • Göttingen
  • |
  • Deutschland
  • 18,62 MB
978-3-8353-4495-2 (9783835344952)
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I. Einleitung


»[.] the sea which will permit no records.«[1]

Über die Seekarten, die er Alexander von Humboldt schickte, verlor Matthew Fontaine Maury kaum ein Wort. Maury, Lieutenant der U. S. Navy, war seit 1842 Superintendent des United States Naval Observatory in Washington, D. C. und nun dabei, sich mit seinen thematischen Karten, in denen er Wind- und Strömungsbildungen auf den Weltmeeren verzeichnete, einen Namen zu machen. Dem Nestor der Verteilungsgeographie musste er sie nicht erklären: »The Baron's quick eye will perceive them at a glance«, schrieb er seinem Vorbild am 5. September 1849.[2] Umso gründlicher fiel seine Beschreibung einer Karte aus, die er Humboldt nicht schickte: Seine Whale Chart, die Walvorkommen in den Meeren der Welt verzeichnete und auf Angaben von Walfängern beruhte, wich nicht nur in der Darstellung von den üblichen Verteilungskarten des 19. Jahrhunderts ab, sondern sie verriet auch mehr über Wale als lediglich ihre geographische Verteilung (Abb. 1). »By this Chart it has been discovered that the Right whale of the South Pacific is a different animal from the Right whale of the North Pacific«, schrieb Maury nach Berlin. »The Equatorial regions are to these animals as a sea of fire, which neither has ever been known to cross or even to approach within many hundred miles.«[3]

Seine Karte konnte klassifizieren. Der Ozeanograph, der keinen Wal mit eigenen Augen gesehen haben musste, um den Nord- vom Südkaper zu unterscheiden, brachte mithilfe der Karte ein Argument vor, das in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts zu einem Gemeinplatz der Biogeographie wurde: Mit dem Ziehen einer Linie auf der Karte wurden nicht nur Beziehungen von Arten und Milieus aufgezeigt, sondern auch Lebensräume voneinander unterschieden.[4]

Die Whale Chart erzählte noch eine zweite Geschichte von weit größerer Bedeutung: Maury berichtete Humboldt vom Brauch der Walfänger, ihre Harpunen mit Datum und Schiffsnamen zu markieren: »The fishermen have their irons marked and numbered«.[5] Davon hatte auch der englische Walfänger und Entdecker William Scoresby unter Verweis auf eine entscheidende Beobachtung berichtet, auf die Maury sich einige Jahre später auch in The Physical Geography of the Sea berufen wird, jenem Buch, das heute als Gründungsdokument der Ozeanographie gilt: Wale, die vor der grönländischen Atlantikküste harpuniert, aber nicht getötet worden waren, waren schließlich im Pazifik erlegt worden.[6]

Die Kombination seiner Erkenntnisse mit denjenigen Scoresbys, die verschiedentlich von Walfängern bestätigt worden waren, veranlasste Maury zu einer zweiten kartographischen Beweisführung: Wenn einzelne Glattwale auf beiden Seiten Amerikas anzutreffen waren, aber nicht durch das »Feuermeer«[7] der Tropen schwammen, konnte ihr Weg vom Atlantik in den Pazifik weder um Kap Hoorn, noch um das Kap der Guten Hoffnung geführt haben. Es müsste also einen Seeweg nördlich des amerikanischen Kontinents geben. Maury schließt seinen Brief an Humboldt mit einem Verdacht: Es musste eine Nordwestpassage geben.

Während John Franklin im Nordpolarmeer vereiste und die Suchexpeditionen weder ihn, noch die von ihm gesuchte Nordwestpassage fanden, hatte Maury, dem die Vermutung schnell zur Gewissheit wurde, kartenzeichnend bewiesen, was Scoresby nur geahnt hatte: »[.] we are entitled to infer that there is, at times at least, an open water communication between these straits and bay - in other words, that there is a north-west passage«.[8] Maury nannte diese deduktiv am Kartentisch erworbene Erkenntnis einen Indizienbeweis (»circumstantial evidence«) und wusste sie prompt in den Dienst der Suche nach John Franklin zu stellen: Dem Leiter der neusten Suchexpedition hatte er empfohlen, sich von Walen zum verschollenen Polarforscher führen zu lassen.[9] Doch wie folgt man Walen durch arktische Gewässer? »[D]as Meer«, hat Hans Blumenberg geschrieben, »kennt keine Spuren von Gewesenem.«[10]

 

Abb. 1: Whale Chart of the World. Matthew Fontaine Maury, 1852.

1. Auf den Spuren des Wals


Der zitierte William Scoresby befuhr die Walfanggebiete vor der grönländischen Küste schon als Elfjähriger an Bord der Schiffe seines Vaters und ab 1811 als Kapitän seines eigenen Schiffes. Er nutzte seine Fahrten für naturhistorische Studien, die er unter anderem in seinem Account of the Arctic Regions (1820) veröffentlichte. Für den wissenschaftlich interessierten Walfänger Scoresby waren Wale die wichtigsten aus einer ganzen Reihe von Indizien, die für die Existenz einer Nordwestpassage sprachen. Hinweise auf eine Verbindung zwischen atlantischem und pazifischem Ozean lieferte dem aufmerksamen Beobachter auch Treibholz: Ein Mahagonitisch und ein Blauholzbaum, die an die grönländische Küste gespült worden waren, oder der Stamm eines Mahagonibaumes, den ein dänischer Kapitän ebenfalls bei Grönland 1786 aus dem Wasser gefischt hatte, waren von Würmern zerfressen gewesen. Scoresby war davon überzeugt, dass das zentralamerikanische Holz seinen Weg ins Polarmeer nur mit nördlicher Strömung durch die Beringstraße finden konnte - »or across the Northern Pole.« Unabhängig von der Strömung sprachen auch die Löcher im Holz eine deutliche Sprache: Ob sie vom Nagekäfer oder von der Bohrmuschel stammten, konnte er zwar nicht bestimmen, da aber nicht bekannt war, dass eines dieser Tiere sein Werk in der Arktis verrichtete, war anzunehmen, »that the worm-eaten drift wood is derived from a trans-polar region.«[11]

Schwerer noch wogen die Funde von Walfängern: Scoresby berichtet von einem im pazifischen Tatarensund gefangenen Wal, in dessen Fleisch eine mit den Buchstaben »W. B.« markierte Harpune steckte, die dem Niederländer William Bastiaanz zugeordnet werden konnte, der Wale vor der atlantischen Küste Grönlands jagte. Auch von russischen Entdeckungsreisenden war die Rede, die an der Pazifikküste Kamtschatkas überwinterten und dort auf einen gestrandeten Wal gestoßen waren, in dessen Fleisch Harpunen europäischer Herstellung steckten, die mit lateinischer Schrift markiert waren. Und im Japanischen Meer wurden jedes Jahr Wale gefangen, in deren Fleisch Harpunen gefunden wurden, die darauf schließen ließen, dass sie Walfängern in der Arktis entkommen waren.[12]

Auf Scoresbys Sammlung dieser Fälle konnte sich berufen, wer feststellte, dass »der Polarwal die >Nordwestpassage< [kannte], bevor sie vom Menschen entdeckt wurde«.[13] Trotz aller Indizien konnte Scoresby nicht hinter den Walen durch die noch immer nicht gefundene Nordwestpassage segeln. Dass er sie auf den Spuren des Wals zwar nicht durchfahren, aber doch auf ihrer Existenz als Forschungsgegenstand insistieren konnte, der die Anstrengung des Wissens lohnen würde, war zunächst das Ergebnis seiner Erörterungen von Einzelfällen; einer Kasuistik von gefundenem Treibholz und in Walfleisch entdeckten Harpunen. Treibholz und Harpunenspitzen wurden unter Scoresbys Auswertung der Indizien zu Spuren im Meer, das keine Spuren zu hinterlassen erlaubt.

Sie funktionierten damit wie die Flaschenpost, die der britische Admiral Beechey auf einer Reise in die Arktis zur selben Zeit als Instrument ins Meer warf, um Strömungsrichtungen in der Arktis zu erfassen. Er hatte Order erhalten,

»that you do frequently, after you shall have passed the latitude of 75° north, and once every day, when you shall be in an ascertained current, throw overboard a bottle, closely sealed, and containing a paper stating the date and position at which it is launched [.] and, for this purpose, we have caused each ship to be supplied with papers on which is printed, in several languages, a request that whoever may find it should take measures for transmitting it to this office.«[14]

Einerseits wurde das Meer selbst damit zum Teil einer quasi-experimentellen Versuchsanordnung, zu der Schiffe, militärische Kommandostrukturen und die über Bord geworfenen Flaschen gehörten, andererseits jedoch blieb die Kommunikation mit dem »Manuskript in der Flasche« (E. A. Poe), das erst einmal gefunden und in der Folge einem hydrographischen Büro zugestellt werden musste, im Rauschen des Meeres höchst unwahrscheinlich.[15] Wenn sie zugestellt wurde, konnte die Flaschenpost, die Datum und geographische Position ihres Einwurfs selbst transportierte, mit anderen übermittelten Flaschenbotschaften maritime Strömungskontingenzen in Tabellen und Karten lesbar machen. In Marshall McLuhans »The medium is the message« wurde sie eineinhalb Jahrhunderte später Medientheorie.[16]

In Tabellen (Abb. 2) wurden die über die Flaschenpost bekannten Informationen - Tag und Position des Einwurfs, Zeit und Ort des Fundes und der Zeitraum zwischen Sendung und Empfang - gespeichert. Der unbekannte Verlauf der Route einer Flaschenpost wurde 1843 vom Londoner Nautical Magazine in einer Bottle Chart (Abb. 3) durch eine gerade Strecke zwischen zwei Punkten, dem »relative course«, ersetzt: Die Linien auf der Karte, erklärte der Herausgeber des Magazins, »must not be taken as the actual tracks of the bottles, [.] but, are merely intended to connect the point of departure with that of the arrival of the bottle«. Wie die Flaschenpost das Ende ihrer Reise erreichte,...

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