Blutaxt

Die Eingeschworenen 5 - Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. November 2013
  • |
  • 496 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11756-6 (ISBN)
 
Hieb für Hieb, Mann für Mann

Irland, Insel Mann, A. D. 979. Ein Mann liegt im Sterben, mit brechender Stimme flüstert er letzte geheimnisvolle Worte. Seine Botschaft ist bestimmt für den norwegischen Prinzen Olaf Tryggvason, auch bekannt als Krähenfuß, der im Bund mit den Eingeschworenen steht: Er soll die Krone von Norwegen erlangen. Für die Wikinger beginnt eine gefahrvolle Reise. Im Kampf gegen mächtige Feinde bahnen sie sich ihren blutigen Weg. Als sie jedoch auf die unheimliche Gunnhild treffen, die Mutter der Hexen, scheint ihr Schicksal besiegelt ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,15 MB
978-3-641-11756-6 (9783641117566)
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Kapitel 1

Insel Man, A. D. 979

Die drei hatten in der nach Fisch stinkenden Keeill Schutz gesucht. Es war eng und die Kälte drang ihnen ins Mark – aber einen von ihnen kümmerte das nicht mehr, denn er lag im Sterben. Aber vielleicht, dachte Drostan, als er das gerötete Rattengesicht des Glaubensbruders ansah, der hier lebte, vielleicht kümmert es den Priester noch weniger als den Sterbenden.

»Ich bin erledigt, Bruder«, sagte Sueno. Seine Stimme war nur ein heiseres Flüstern, und sein Gesicht im trüben Licht der Tranlampe glänzte vor Schweiß.

»Unsinn«, log Drostan. »Wenn der Sturm morgen nachlässt, gehen wir zur Kirche von Holmtun und bitten dort um Hilfe.«

»Er schafft es nicht mehr«, sagte der rattengesichtige Priester mit verächtlicher Stimme, und Drostan drehte sich wütend um.

»Schweig!«, zischte er ihm zu. »Das sollte das Mindeste sein, was dir die christliche Nächstenliebe gebietet.«

Ein gurgelndes Geräusch, das ein Lachen oder ein Fluchen sein konnte, und plötzlich hatte er das Rattengesicht so dicht vor sich, dass er den Kopf zurückbiegen musste. Es war kein tröstendes Gesicht. Es war von strähnigem eisengrauen Haar umrahmt, und die Haut war so ausgetrocknet, dass sie an einen aufgerissenen, dürren Ackerboden erinnerte. Die wenigen Zähne standen ihm im Maul wie schwarze Runensteine.

»Die Nächstenliebe ist mir abhandengekommen«, nuschelte er, dann wurde sein Blick glasig, und er stand auf und kümmerte sich um das Feuer. Er ging gebeugt und humpelte stark. »Ich habe sie verloren«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Draußen, im weißen Nichts. Dort liegt sie, eine Beute für Wölfe und Füchse und heidnische Trolle in Fellen … Aber nein, Gott wird sie schon beschützen. Ich werde sie wiederfinden. Gott wird sie beschützen.«

Erschrocken versuchte Drostan, seine Gedanken zu ordnen. Er kannte diesen Priester nur vom Hörensagen, und was er gehört hatte, war nicht sehr vertrauenerweckend gewesen. Leicht verrückt, hatte es geheißen. Ein Pfahlsitzer, der von seinem Pfahl gefallen war, hatten böse Zungen behauptet. Ein Fremdling, nicht von hier. Letzteres hatte Drostan bereits selbst erkannt, denn seine krächzende Sprache klang in der Tat merkwürdig.

»Gebe Gott, dass du sie bald wiederfindest, und deinen Frieden dazu, Bruder«, sagte Drostan und versuchte, trotz seiner zusammengebissenen Zähne so fromm wie möglich zu klingen.

Das Rattengesicht sah ihn an. »Ich bin nicht dein Bruder, Kuldeer«, sagte er höhnisch. »Ich bin aus Hammaburg. Ich bin ein wahrer Anhänger der wahren Kirche. Ich bin sowohl Priester als auch Mönch.«

»Ich bin lediglich ein einfacher Eremit der Cele Dei, genau wie diese arme Seele hier. Und doch sind wir alle hier vereint«, erwiderte Drostan gereizt. »Bruder.«

Der Regen fiel auf die Mauern, und die feuchte Luft von draußen brachte den Geruch nach Seetang mit, der sich mit dem Gestank der Tranlampe vermischte. Der Priester aus Hammaburg sah nach links, nach rechts und dann nach oben, als suche er Gott unter dem niedrigen Dach, dann grinste er sein schwarzes, zahnlückiges Grinsen.

»Dies ist keine große Halle«, gab er zu, »aber im Moment reicht es mir.«

»Wenn du keiner von uns bist«, hielt Drostan am Thema fest, während er versuchte, Sueno wärmer zuzudecken, »warum bist du dann hier?« Er lehnte sich zurück und wies mit einer Handbewegung in den Raum: ein Viereck, so lang und breit wie zweieinhalb große Männer, mit einem Dach, unter dem man kaum aufrecht stehen konnte. Es war das, was im Hochland von Man als Kapelle galt und wie sie Drostan und Sueno ebenfalls bewohnten. Sie brachten Gottes Wort der Cele Dei – der Kuldeer dieser Insel – zu allen, die sich einfanden, um es zu hören. Sie waren Cenobiten, Angehörige eines Mönchsordens, die in die Welt hinausgegangen waren und als Einsiedler lebten.

Dieser Mönch jedoch war ein richtiger Priester aus Hammaburg, ein geweihter Mann, der predigen, die Sakramente spenden und andere unterrichten durfte, gleichzeitig aber auch ein gottgefälliges Leben führte, denn er hatte die Gelübde abgelegt und lebte in der betrachtenden Anbetung Gottes. Doch es ärgerte Drostan, dass dieser merkwürdige Gottesmann behauptete, den einzig wahren Glauben zu vertreten – obwohl er den Glauben der Cele Dei nicht teilte und auch keine christliche Nächstenliebe zu kennen schien.

Drostan schluckte seinen Ärger herunter, denn er musste zugeben, dass der Priester recht hatte und Sueno tatsächlich im Sterben lag, und im Stillen bat er Gott um Verzeihung für seinen Hochmut.

»Ich warte auf ein Zeichen«, sagte der Priester aus Hammaburg schließlich. »Ich habe Gott beleidigt, und doch weiß ich, dass er noch nicht mit mir fertig ist. Ich warte auf ein Zeichen.«

Er setzte sich etwas bequemer hin, und Drostans Blick fiel auf seinen Fuß, an dem er weder Schuh noch Sandale trug, aber für diesen Fuß hätte man auch nicht leicht einen passenden Schuh gefunden. Die Hälfte fehlte, er hatte keine Zehen, und der Spann war eine einzige große Narbe. Es musste schmerzhaft sein, ohne Stock oder Krücke damit zu gehen, und Drostan überlegte, dass dies wohl ein Teil der Buße war, die dieser merkwürdige Priester sich auferlegt hatte, während er auf ein Zeichen wartete.

»Womit hast du Gott beleidigt?«, fragte er, mehr um das Gespräch in Gang zu halten als aus ehrlichem Interesse.

Einen Augenblick war es still, dann schien der Priester aus einem Traum zu erwachen.

»Ich habe sie verloren«, sagte er mit tonloser Stimme. »Sie war mir anvertraut worden, und ich habe sie verloren.«

»Die christliche Nächstenliebe?«, fragte Drostan, ohne ihn anzusehen, sodass er das zornige Glitzern in den Augen des Priesters nicht sah, die sich gleich darauf wieder trübten wie eine klare Wasserfläche, über der sich eine Wolke ausbreitet.

»Die habe ich schon vor langer Zeit verloren. Die haben mir die Dänen abgenommen. Ich hatte sie, und ich verlor sie.«

Drostan vergaß Sueno und sah überrascht den Gottesmann an.

»Die Dänen?«, sagte er und bekreuzigte sich. »Gesegnet sei dieses Wetter, Bruder, denn das hält uns die Dänen aus Dyfflin vom Hals.«

Der Priester aus Hammaburg machte sich plötzlich eifrig am Feuer zu schaffen, sodass es kurz aufflackerte, ehe das feuchte Holz die Oberhand gewann und es wieder nur qualmte.

»Ich hatte sie, draußen im Osten, in der Steppe des Gardarike«, fuhr er fort, als spreche er mit der Dunkelheit. »Ich habe sie verloren. Sie liegt dort und wartet. Und ich warte auf ein Zeichen von Gott, das mir sagt, ich hätte nun für meine Verfehlungen lange genug Buße getan und sei würdig, sie zurückzuholen. Erstens das – und dann müsste ich aber auch wissen, wo sie ist.«

Drostan war sprachlos. Er hatte zwar vom Gardarike gehört, dem Gebiet der Rus-Slawen, aber es war immer nur ein vager Ausdruck gewesen für etwas, das unvorstellbar weit entfernt liegt, so weit, dass es eigentlich ins Reich der Legende gehört – und hier war jemand, der dort gewesen war. Oder zumindest behauptete er es. Schließlich hatte Drostan gehört, dass dieser Einsiedler, dieser Mönch, nicht ganz richtig im Kopf sei.

Er beschloss, dem Priester gegenüber lieber schweigsam zu sein. Er würde ihm nicht erzählen, wie er Sueno bis hierher fast getragen hatte, nachdem er ihn besucht und krank vorgefunden hatte. Er wollte ihn eigentlich ins Tal zur Kirche bringen, wo er eine bessere Pflege hätte. Und Drostan würde ihm auch nicht erzählen, wie Gott sie hierhergeführt hatte, nachdem sie vom Gewitter überrascht worden waren. Denn da hatte Gott ihnen das Licht gezeigt, das sie hierher geführt hatte, an diesen Ort, der so von dem heiligen Mysterium durchdrungen war, dass man kaum atmen konnte.

Allerdings meldete sich in Drostan auch eine spöttische Stimme, die ihm zuflüsterte, dass es wohl eher der Holzrauch und die Tranlampe waren, die das Atmen so mühsam machten. Er musste unwillkürlich grinsen, denn die spöttischen Gedanken passten besser zu Sueno als zu ihm. Es hatte eine Weile gedauert, bis Sueno und er festgestellt hatten, dass lediglich ein paar Meilen Ginster zwischen ihnen lagen. Bis dahin hatte jeder für sich sein abgeschiedenes Einsiedlerleben geführt, und Drostan hatte seinen eigenen Glauben nie infrage gestellt.

Die Zweifel und die Fragen waren erst gekommen, als sie angefangen hatten, sich zu besuchen und Streitgespräche zu führen, denn das schien dem älteren Sueno ein Anliegen zu sein. Und obwohl Drostan sich fragte, warum Sueno die Lebensweise der Kuldeer hier oben auf den einsamen, windigen Hügeln gewählt hatte, hatte er doch nie bedauert, ihn kennengelernt zu haben.

Es war still, nur der Regen prasselte, und der Wind pfiff und heulte durch die dürftig abgedichteten Mauern. Er wusste, der Priester aus Hammaburg hatte recht und Sueno, dieser aufmüpfige alte Mönch, war im Begriff, vor Gott zu treten, um gerichtet zu werden. Leise betete er um Gnade für seinen Freund.

Der Priester aus Hammaburg saß da und brütete vor sich hin, er wusste, dass er schon zu viel gesagt hatte,...

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