Die Wilden - Familientreffen

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Februar 2019
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-20771-7 (ISBN)
 
Was darf der Staat in Zeiten des Terrors?

Frankreich ist in Aufruhr. Noch immer ist es den Anti-Terror-Einheiten nicht gelungen, Nazir Nerrouche dingfest zu machen. Überdies zeigen die Ermittlungen, dass seine Verbindungen bis in die höchsten Regierungskreise reichen. Unterdessen wird der Druck auf die Familie Nerrouche erhöht und Nazirs Bruder Fouad, bislang Liebling der Pariser Gesellschaft, zum Prügelknaben der Nation. Um die Öffentlichkeit zu besänftigen, verschärft Präsident Chaouch die Sicherheitsmaßnahmen, was von den liberalen Kreisen argwöhnisch beäugt wird. Als schließlich Hinweise auf ein erneutes Attentat auftauchen, steht die Republik vor einem Kollaps

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,92 MB
978-3-641-20771-7 (9783641207717)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Sabri Louatah, 1983 in Saint-Étienne als Sohn eines Holzfällers und einer Hausfrau geboren, lebt heute mit seiner Frau in den USA. Die Unruhen in der Pariser Banlieu Anfang der 2000er Jahre inspirierten ihn zu seinem Roman-Zyklus »Die Wilden«, der in Frankreich von Publikum und Kritik gefeiert wurde. Zurzeit arbeitet Louatah an der TV-Adaption der Serie.

Zweiter Teil

Blutige Banner

1.

Im Abgeordnetencafé des Parlaments hatten alle die Umfrage von Ipsos-Le Monde gelesen, die die Linke von Chaouch bei den Wahlabsichten in einem Großteil der Wahlkreise vorn sah. Der Regen überschwemmte die Rasenflächen, von denen aus man das Quai d'Orsay und den Pont de la Concorde sehen konnte. Ein paar Raucher hatten sich unter dem Vordach der Restaurantterrasse zusammengedrängt. Einer der führenden Köpfe der Rechten philosophierte vor den jungen Parlamentariern seiner politischen Familie, wobei er seinen morgendlichen Zeitungsstapel schwenkte, den er eingerollt hatte, um ihm die Form eines Knüppels zu geben.

»Man sollte jetzt nicht so tun, als wäre man erstaunt, das wird immer schlimmer werden: Chaouch hat erst einmal Rückenwind dank seines gelungenen G-8-Gipfels, das sollten wir zugeben, aber auch so habe ich von Anfang an gesagt, dass unter den gegebenen Umständen und mit Blick auf den Zustand, in dem sich das Land befindet, die Leute beruhigt und gehätschelt werden mussten. Die ADN hatte nie eine Chance, dessen war ich mir immer sicher. Es war ein zu wildes Gebräu! Aber na ja, was wollen Sie, es scheint so, als hätte fast die Gesamtheit der Funktionäre unserer geschätzten Partei den Verstand verloren, wenn sie ihn nicht sogar absichtlich ausgeschaltet haben, nicht wahr, um diesem kurzbehosten Autokraten hinterherlaufen zu können, ohne sich zu viele Fragen stellen zu müssen .«

Er redete von Montesquiou, dessen extreme Jugend - er war kaum dreißig - mehr noch als die Brutalität seiner Vorgehensweise denjenigen quer im Hals steckte, die er um eine Nasenlänge geschlagen hatte. Nach dem Rücktritt des abgewählten Präsidenten waren diejenigen zahlreich gewesen, die nun endlich ihre Stunde gekommen sahen. Sie sahen dabei nicht einen Augenblick lang kommen, dass ein seit Monaten vorbereiteter Coup, während sie noch ihre Truppen zusammenzogen, um ihre Kandidatur um den Vorsitz der Partei zu erklären, all ihre Bemühungen im Keim ersticken und sie dazu zwingen würde, mitzumarschieren, und zwar unter dem Banner eines heiligen Bundes der Patrioten, der nach Putsch und Geheimdienstmethoden roch.

Für die alten Hasen, die der ADN Treue hatten geloben müssen, war nun das Endstadium eines Republikzerfalls erreicht, der mit Chaouchs Sieg bei den Vorwahlen der Sozialisten begonnen hatte. Die Medien hatten für den arabischen Kandidaten geschwärmt, einen ebenso charmanten wie unerfahrenen Betrüger. Die kollektive Wahnvorstellung hatte anlässlich des Attentats am 6. Mai ein jähes Ende genommen. Die Volksvertreter waren damals aufgewacht, benommen und im ersten Moment vollkommen sprachlos. Selbst diejenigen, die ihm nicht positiv gegenüberstanden, mussten anerkennen, dass Montesquiou der Einzige war, der sich traute, über Strategie, Chancen und Wiedereroberung zu sprechen, während den Parteigrößen noch die Knie zitterten und sie sich, ohne mit der Wimper zu zucken, dem Prinzip eines »heiligen Bundes« mit und unter Chaouch beugten.

Montesquious alte, geheime Ränke trugen endlich Früchte; die außerordentliche Versammlung war ein Erfolg und ein Meisterstück gewesen; und als sich dann Stimmen erhoben, um dem betreffenden Meister vorzuwerfen, niemals gewählt worden zu sein, nahm sie der furchtlose Eliteschüler beim Wort und wagte sich in die Höhle des Löwen, warf sich mitten in die Glut, ging nach Grogny - in Chaouchs Stadt.

Das Ziel war schön, und der Schütze stand mitten im Scheinwerferlicht; es waren jedoch seine Kritiker, die sich die Hände rieben: Die Wähler des 13. Wahlkreises von Seine-Saint-Denis würden diesen adligen Vogel, der gekleidet war wie ein Investmentbanker und sicherlich nicht einmal wusste, welche Farbe ein RER-Ticket hat, mit Haut und Haaren verschlingen.

Doch etwas lag in diesen Frühlingswochen in der Luft. Forscher untersuchten die Zusammensetzung des Blütenstaubs, der zu dieser Zeit in großen Mengen auf Frankreich niederging: Die Wahlabsichten waren drei Wochen vor den Parlamentswahlen ganz zweifellos enttäuschend für die ADN, doch nicht für den, der sich zu ihrem unbestrittenen Star gemausert hatte. Man sagte ihm den Sieg im ersten Wahlgang voraus. Für die intimsten Kenner der Wahllandschaft war das ziemlich unerklärlich, doch nicht für den führenden Kopf mit der Zigarre, der seit dem Attentat wie der Evangelist Johannes im Exil auf Patmos in jedem Ereignis den Vorboten eines Weltendes las, das zwar unbestreitbar auf sich warten ließ, aber letztlich durch nichts mehr verhindert werden konnte.

»Es ist dieselbe Wahnvorstellung, derselbe Medienzauber«, orakelte er, während er sich die Zigarre in die Anzugtasche steckte. »Chaouch, Montesquiou. Unbekannte tauchen auf, für sie spricht nichts als diese telegene Anziehungskraft, die das gemeine Volk für Charisma hält. Ah, wir sind in eine gefährliche Phase eingetreten, diejenige, die sich direkt an die Panik und die Furcht anschließt. Die Leute wollen wieder wegnicken, sie wollen, dass wir sie führen, aber sie wollen dabei nicht bei Bewusstsein sein. Freunde, die Zeit der Sandmännchen ist gekommen. Und wenn wir alle zu richtigen Schlafwandlern geworden sind, werden in dunkler Nacht die Mörder auftauchen, und dann sind wir verloren!«

Zu dieser Zeit hörte man diese Art von Äußerung häufig auf den Korridoren der Macht. Gewissenlose Politiker dichteten. Man konnte altgediente Funktionäre dabei überraschen, wie sie auf den roten Bänken fläzten, die Daumen auf die Schläfen gepresst, verstört und ratlos, und sich dabei esoterischen Vorahnungen hingaben.

An diesem Tag der Regierungsbefragung war das Parlament zum Bersten gefüllt. Die Parlamentarier hatten sich für die überregionalen Medien herbegeben. Am Abend würden sie wieder tief in ihre Lehen abreisen, die sich in desolatem Zustand befanden. Die Abstumpfung spiegelte die allgemeine Instabilität wider. Im für Kontakte mit der Presse vorgesehenen Viersäulensaal gaben sich alte Recken, ehemalige Überflieger und ewige »bald Vierzigjährige« die Klinke in die Hand, die vor den Kameras, vor die sie sich selbst gedrängt hatten und die sie dennoch nur jedes zweite Mal ins Bild nahmen, den Fall der Institutionen verkündeten.

Der Dichter zog seinen Zigarrenstumpen wieder hervor und wollte ihn wieder anzünden, er fühlte sich beschwingt, doch die jungen Leute, die ihm mit zerstreuter Ehrerbietung lauschten, hatten sich dem Tresen des Cafés zugewandt, wo gerade Unruhe entstand und sich ein Stimmengewirr erhob.

Ein Gehstock wirbelte durch die Luft über die Welle aus Köpfen und Anzügen hinweg, was diejenigen aufhorchen ließ, die Montesquiou »umschwänzelt« hatten, bevor er noch seine Bombe auf der großen Bühne der Parlamentswahlen hatte platzen lassen. Sie hatten ihn als erzkonservativen und dämonischen Dandy kennengelernt, als lebendiges Idol einer Sekte von jungen hohen Funktionären, die ihm mit einer Feder im Hintern und zur Primetime den Siegelring geküsst hätten, wenn er ihnen eine entsprechende Anweisung gegeben hätte.

Zu Montesquiou gehörten die hinterhältigen Angriffe, die Drecksarbeit, das Lächeln eines Beutegreifers, der einen auf dem Flur in die Enge trieb, um einen zu erpressen. Doch zu Montesquiou gehörte zuallererst eben auch ein Gang auf drei Beinen, eine hoch aufgeschossene, aber humpelnde Gestalt, die beim Setzen das Gesicht verzog und dabei das rechte Knie nicht beugte. Wie war er zu diesem gewandten Fechter geworden, der den einzigen Menschen im Raum in Schach hielt, dessen Hautfarbe zufällig schwarz war?

Der Skandal wurde von den Journalisten vor Ort live begleitet. Einige Stunden lang rauschten die verrücktesten Gerüchte über diesen Zwischenfall im Abgeordnetencafé durch den erweiterten Pariser Blätterwald. Niemand oder fast niemand wusste, was wirklich passiert war, bevor der Anführer der ADN Anschuldigungen gegen diesen schwarzen Abgeordneten erhob. Montesquiou habe ihm etwas ins Ohr flüstern wollen, behauptete hingegen der Besitzer dieses Ohrs, in das jener dann gebissen habe. »Bis aufs Blut«, so stand es in dem anklagenden Tweet, den @jbdiop am späten Nachmittag absetzte, garniert mit Fotos, auf denen man, um ehrlich zu sein, Schwierigkeiten hatte, die im Text erwähnten Kerben zu erkennen.

Die Kommentatoren waren wie entfesselt durch den Vorfall, bei dem mit dem parlamentarischen Verhaltenskodex gebrochen worden war, gemäß dem im Plenarsaal Beleidigungen umherfliegen durften, Streitigkeiten am Ende aber im Parlamentscafé bei einem überparteilichen Glas Rotwein beigelegt werden mussten. Sollte es denn wirklich einen Biss gegeben haben, erhielt diese Angelegenheit wiederum eine politische Dimension und deutete auf einen beunruhigenden Grad an Nervosität bei unseren Eliten hin.

Doch dann folgte etwas, was die Twitter-Annalen verschweigen sollten: Nach dem veranstalteten Eklat begab sich Montesquiou mit ungefähr vierzig seiner Anhänger im Schlepptau in den großen Ballsaal neben dem Parlamentscafé, das in Aufruhr war. Die Leuchter klirrten, die Wandbehänge erzitterten; Gemälde fielen von der Wand. Die Amtsdiener bekamen eine so große Gruppe nicht in den Griff, genauso wenig gelang es ihnen, ihren aufgewühlten Anstifter zur Raison zu bringen.

Die republikanische Garde wurde zur Verstärkung gerufen. Es folgten Diskussionen und Drohungen. Langsam kristallisierte sich heraus, dass sich der Parlamentspräsident ein wenig früher am Morgen geweigert hatte, Montesquiou zu empfangen. Montesquiou hatte die Aktion nämlich nur zu dem einen Zweck angezettelt, das Büro des Präsidenten Lamborghini zu belagern, der zum selben politischen Lager wie er selbst gehörte und dem er es übel nahm, ihn als einen von »hochriskanten Gefühlswallungen«...

»Die Wilden ist ein rasanter Politthriller und zugleich soziales Fresko.«

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