Keine Bange vor der Schlange

Liebeserklärung an ein unpopuläres Tier
 
 
Hanser, Carl (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. März 2016
  • |
  • 296 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
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978-3-446-44710-3 (ISBN)
 
Glitschig, eklig, bösartig . Wie kaum eine andere Tiergruppe sind Schlangen mit negativen Vorurteilen behaftet, die auf blühender Phantasie oder schlicht Unkenntnis beruhen. Sebastian Lotzkat, Herpetologe in Panama und Science-Slammer, widerlegt das schlechte Image der Schlangen - indem er an die Stelle der Mythen die viel spannendere Realität der Biologie setzt. Dazu beleuchtet er die wechselhafte Rolle der Schlange in menschlicher Weltanschauung und Kultur: von Adam und Eva über die Gorgonen bis zu Indiana Jones. Kurzweilig und fundiert zeigt er uns, was Schlangen wirklich sind: liebenswerte Tiere voller Schönheit, Kraft und Eleganz, mit einer schier unerschöpflichen Palette raffinierter Überlebenstricks.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 7,54 MB
978-3-446-44710-3 (9783446447103)
3446447105 (3446447105)
http://dx.doi.org/10.3139/9783446447103
weitere Ausgaben werden ermittelt
Sebastian Lotzkat, geboren 1981, führten Rucksackreisen schon früh quer durch Europa und Lateinamerika, bevor er in Frankfurt Biologie studierte. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Senckenberg Forschungsinstitut, Autor, Science Slammer sowie freier Mitarbeiter des Senckenbergmuseums und des Palmengartens in Frankfurt. Im Rahmen seiner Promotion verbrachte er rund 12 Monate in den Regenwäldern Panamas, um die Vielfalt der dortigen Reptilien zu dokumentieren und dabei auch einige neue Arten von Echsen und Schlangen zu entdecken.

Von Göttern und Dämonen: Schlangen aus Menschensicht


Was macht Schlangen so bemerkenswert, unheimlich, faszinierend? Es sind wohl diejenigen ihrer Eigenschaften, in denen sie so vollkommen anders sind als wir und die wir uns in späteren Kapiteln noch genauer anschauen werden. Schnelle und elegante Fortbewegung ohne Beine ist für uns Zweibeiner schwer vorstellbar, Lautlosigkeit liegt den meisten Menschen ebenfalls eher fern, und der uns unmögliche »starre Blick« ohne zu blinzeln wirkt immer wach und besonders durchdringend. Die beinlosen, lautlosen, eleganten Jäger umgibt etwas Fremdartiges, Geheimnisvolles, ja etwas Magisches. Gleichzeitig waren die fast überall auf der Welt vorkommenden Schlangen ein fester Teil der Lebenswelt früher menschlicher Gesellschaften. Für deren Mitglieder waren sie mindestens genauso spannend wie für uns heute: Ihr Verschwinden im Untergrund war ein deutliches Zeichen für Verbindungen zur Unterwelt, während ihre Erdverbundenheit die Nähe zu Mutter Erde bezeugte. Ihr plötzliches Auftauchen aus dem Nichts und Verschwinden ebenda konnten nur mit Zauberei erklärbar sein. Daraus, dass sie nie blinzeln müssen und deshalb immer zu sehen scheinen, schloss man auf Allwissenheit und Weisheit. Ihr Wiederauftauchen im Frühling stand genauso für Verjüngung, Erneuerung und Wiedergeburt wie das Ablegen ihrer alten Haut, und ihre Körperform machte sie zu perfekten Phallussymbolen und brachte sie so mit Sexualität und Fruchtbarkeit in Verbindung. Vielerorts und zu allen Zeiten hat das »Faszinosum Schlange« dementsprechend Einzug in die menschliche Kultur gehalten und spielte in manchen Kulturkreisen gar eine überragende Rolle. Wenn sie Pech haben, stehen Schlangen noch heute für Tod und Teufel, Gefahr und Verderben, Dunkelheit und Chaos. Viel öfter aber repräsentieren sie positive Mächte, von Vorfahren bis hin zu Gottheiten und Mutter Erde selbst, oder sie fungieren als Symbole für Weisheit oder Allwissenheit, Fruchtbarkeit, Wohlstand, Heilung, Erneuerung, den Kreislauf der Natur oder des Lebens, bis hin zur Unendlichkeit.

Schon in prähistorischer Zeit ritzte und malte der Mensch auf Felsen und Gebrauchsgegenstände Bilder von Schlangen. Die müssen eine besondere Bedeutung für ihn gehabt haben, denn schließlich verschwendeten steinzeitliche Künstler nach allem, was wir wissen, keine Zeit für die Darstellung unwichtiger Nebensächlichkeiten. Ganz im Gegenteil: Alle dargestellten Tiere waren von elementarer Bedeutung für die damaligen Gesellschaften - sei es als Jagdbeute oder gefürchtetes Raubtier. Leider lässt sich bei vielen wirklich alten Kunstwerken mangels aussagekräftiger Details nicht sicher sagen, ob wirklich eine Schlange abgebildet wurde oder nicht vielleicht ein Aal oder auch etwas ganz anderes wie zum Beispiel Wasser. Denn wenn man möchte, lassen sich auch so weit verbreitete Motive wie Wellenlinien und Spiralen als Schlangen deuten. Hin und wieder taten uns prähistorische Künstler allerdings auch den Gefallen, längliche Tiere mit definitiven Schlangenmerkmalen zu hinterlassen. Eine rund 24 000 Jahre alte Elfenbeinplatte aus der Rideaux-Höhle zeigt ganz klar eingeritzte Schlangen, die mit ihren dreieckig abgesetzten Köpfen sehr an Vipern erinnern. Eine der ältesten Darstellungen, die durch ihre gespaltene Zunge recht eindeutig als Schlange zu erkennen ist, findet sich als rund drei Meter langes Bild in der Höhle von La Baume-Latrone und entstand vor rund 32 000 Jahren. Das vielleicht älteste Abbild einer Schlange schufen die Vorfahren der Buschmänner in Botswana, indem sie vor rund 70 000 Jahren einem länglichen Fels, der natürlicherweise schon Vertiefungen ähnlich einer Mundspalte und einer Augenhöhle aufwies, eine Art Schuppenmuster eingravierten. Ihre Nachfahren malten dann gleich reihenweise große und gut als solche zu erkennende Schlangen auf Felsen.

Mit Ausnahme der für Schlangen wie Menschen doch etwas zu kalten Antarktis waren Schlangen auf allen Kontinenten nicht bloß in Erzählungen und darstellender Kunst zuhause, sondern hatten einen festen und oft wichtigen Platz in der Weltanschauung und der Religion vieler Völker. In verschiedenen afrikanischen, hinduistischen, griechischen, lateinamerikanischen, ozeanischen und chinesischen Schöpfungsmythen beispielsweise waren Schlangen sogar maßgeblich an der Entstehung der Welt oder alternativ des Menschen beteiligt. Das vielleicht prominenteste Beispiel ist die Regenbogenschlange der australischen Aboriginies. Laut deren Schöpfungsmythologie war sie es, die die Landschaft formte, den Regen brachte, die Flussbetten grub und die Menschen diverse wichtige Dinge lehrte. Der Richtigkeit halber wäre es allerdings besser, von den Regenbogenschlangen zu sprechen, denn jeder Aboriginie-Stamm hat seine eigenen Schlangenmythen. Neben den üblichen Verbindungen zu Landschaft, Wasser und Fruchtbarkeit finden sich auch leicht erzürnbare, Menschen für Fehlverhalten strafende oder anderweitig garstig werdende Schlangen. Einige von ihnen bewachen heute noch Wasserlöcher oder ruhen unter bestimmten Hügeln.

Auch im alten Ägypten waren Schlangen allgegenwärtig (mancher Ägyptologe sieht in ihnen sogar das wichtigste und am vielseitigsten dargestellte Tier überhaupt) und verkörperten das Gute genauso wie das Böse: Der altägyptische Schlangengott Apophis stand für die Unterwelt, Chaos und Dunkelheit. Er agierte als Gegenspieler des Sonnengottes Ra, dessen Sonnenbarke er jede Nacht mit seinem riesigen Körper und hypnotischen Fähigkeiten angriff, und färbte nach verlorenem Kampf den Himmel bei Sonnenaufgang rot mit seinem Blut. Gleichzeitig verkörperte die Uräusschlange in verschiedenen Varianten diverse gute Gottheiten. Als Feuer speiender Feindvernichter fungierte sie als Schutzgottheit für den Pharao, ganz Unterägypten mit seinem Nildelta und sogar die Sonnenscheibe selbst. Letztlich wurde sie zum Symbol der pharaonischen Macht schlechthin, bekannt etwa durch die Darstellung auf der Totenmaske des Tutanchamun. Die dort abgebildete, in Nordafrika heimische Kobra, die der Wissenschaft heute als Naja haje bekannt ist, sorgte der Legende nach auch für den wohl bekanntesten Todesfall nach Schlangenbiss: Mit Hilfe ihres Giftes soll die schöne Kleopatra in den Freitod gegangen sein, was allerdings von zeitgenössischen Historikern stark bezweifelt wird.

Letztlich ist es fast egal, welche historische Kultur auf welchem Kontinent man betrachtet: Schlangen begegnen einem dabei so gut wie überall. Seien es westafrikanische Python-Kulte, die in der Karibik zu Voodoo-Praktiken umfrisiert wurden, die überragende Bedeutung der Klapperschlangen in mittel- und nordamerikanischen Kulturen, oder im indischen Raum die Nagas, große Schlangenwesen oder -gottheiten, von denen eine sogar die ganze Welt trägt. Dabei kann ein schlangenförmiges Wesen gerne auch Beine haben: In vielen Kulturen sind die Übergänge zwischen Schlangen (ohne Beine) und Drachen (mit Beinen und gerne auch Flügeln) fließend, wie bei den typischen chinesischen Drachen. Weniger bekannte »Schlangendrachen« wären zum Beispiel Nidhöggr, der in der nordischen Mythologie an den Wurzeln des Weltenbaumes Yggdrasil nagt, oder der Gott Quetzalcoatl, der als gefiederte Schlange in verschiedenen mittelamerikanischen Hochkulturen verehrt wurde. Auch die griechische Hydra (alias Lernäische Schlange), der für jeden abgeschlagenen Schlangenkopf zwei neue nachwuchsen, wurde hier und da mit Beinen dargestellt. Gleiches gilt für den legendären Python, der das Orakel von Delphi bewachte.

Mit den beiden letztgenannten Monstern wären wir auch wieder bei Beispielen angelangt, in denen Schlangen das Böse verkörpern, das nur von den strahlendsten Helden (in diesen Fällen Herakles und Apollon) besiegt werden kann. Ein weiteres klassisches Beispiel wäre die Haartracht aus giftigen Schlangen, die Medusa und ihre Gorgonenschwestern erst so richtig gruselig machte. Solche zerstörerischen und todbringenden Schlangenmonster finden sich in den Mythen vieler Kulturen absolut gleichberechtigt mit den lebensspendenden und erneuernden, gutgesinnten Schlangengottheiten. Darin zeigt sich wieder einmal die Ambivalenz der menschlichen Sicht auf die Schlange. Es ist einfach alles dabei: Schöpfung und Vernichtung, Leben und Tod, Liebe und Hass, Gut und Böse.

Ein wunderbar zu dieser alles vereinenden Schlangenmystik passendes Symbol, das sich in vielen Kulturen findet, ist die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. Für diesen Ouroboros oder Uroboros (vom griechischen oura oder ura = Schwanz und boros = verschlingend) kann alternativ natürlich auch mal ein Drache herhalten, und wie in Michael Endes »Unendlicher Geschichte« darf es auch eine erweiterte Version aus zwei Schlangen sein, die den Schwanz der jeweils anderen im Maul halten. Da geht das Ende fließend in den Anfang über, der Kreis schließt sich zur Unendlichkeit, zur Ewigkeit. So sahen das unter anderem die alten Griechen und Ägypter. Gerüchten über wirkliche Schlangen, die mit dem Schwanz im Maul quasi als Hoola-Hoop-Reifen davonrollen, sollte man allerdings keinen Glauben schenken.

Der wohl größte Ouroboros und eine der riesigsten Schlangen in der Geschichte der Geschichten überhaupt ist die Midgardschlange der nordischen Mythologie. Jenes Monster namens Jörmungandr, einer der unterweltlichen Gegenpole zu den Göttern in Walhalla, umspannte irgendwann die ganze Welt (!) und löste mit seinem Riesenkörper Stürme und Fluten aus. Erst während des Weltenbrandes gelang es niemand Geringerem als Thor persönlich, den übermächtigen Jörmungandr zu töten. Dummerweise ging der Gott des Donners dabei ebenfalls drauf. Selbst schuld, wenn man sich mit einer derart großen Schlange anlegt.

Etwas südlich von...

"Wer dieses mal witzige, mal sachliche und mal mitfühlend geschriebene Buch gelesen hat, wird Schlangen künftig auf jeden Fall mit Faszination betrachten - und vielleicht sogar mit Sympathie. . Ein überaus lesenswertes Buch." Dagmar Röhrlich, Deutschlandfunk "Wissenschaft im Brennpunkt", 24.07.16

"Der Herpetologe Sebastian Lotzkat räumt, klärt und listet auf - und fordert einen Perspektivwechsel. ... Wer dem Autor folgt, wird Seite für Seite zum Schlangenversteher." Hella Kemper, Zeit Wissen 05/2016

"Herrlich unprätentiös geschrieben, der Autor findet klare Worte für die üble Nachrede, der sich Schlangen ausgesetzt sehen. ... Amüsant und faktenreich, ohne sich in Details oder Fachsprache zu verlieren. Eingestreute Anekdoten und Reisegeschichten in bester Science-Slam-Manier kommen dem Lesevergnügen zugute." Arne Baudach, Spektrum Online, 20.07.16

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