Die Rose von Darjeeling

Roman
 
 
Blanvalet (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. März 2013
  • |
  • 640 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-08492-9 (ISBN)
 
Zwei Freunde. Ein Schicksal. Eine Liebe, die nie vergeht .

Darjeeling in den Dreißigern. Kathryn, eine junge Engländerin voller Träume, lebt auf der Teeplantage ihres Vaters. Sie ist begeistert als zwei deutsche Reisende bei ihnen Halt machen: der attraktive Gustav, der Kontakte für seinen Teehandel knüpfen will, und sein bester Freund Carl, der auf der Suche nach einer neuen Rhododendrenart ist. Allem Widerstand zum Trotz folgt sie den jungen Männern auf ihre gefährliche Expedition in den Himalaya - und merkt dabei, wem ihr Herz gehört. Doch die Plantage ihres Vaters steht vor dem Ruin, und in Deutschland bricht der Krieg aus .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Blanvalet
  • 0,87 MB
978-3-641-08492-9 (9783641084929)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Die freie Journalistin und Autorin Sylvia Lott ist gebürtige Ostfriesin und lebt in Hamburg. Viele Jahre schrieb sie für verschiedene Frauen-, Lifestyle- und Reisemagazine, inzwischen konzentriert sie sich ganz auf ihre Romane. Mit »Die Inselfrauen«, »Die Fliederinsel« und »Die Rosengärtnerin« stand sie wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Jersey

August 1990

Natürlich wollte Lady Kathryn ihr Geheimnis nicht mit ins Grab nehmen. Sie saß vor dem Spiegel ihrer französischen Frisierkommode und bürstete kräftig durch ihr immer widerspenstiger werdendes, kinnlanges weißes Haar. Mit der Morgenluft wehte ein Duft von Rosen und Petunien durch die geöffneten Fenster herein. Nein, die Zeit war reif. Seit sechzig Jahren, seit sie gewusst hatte, dass sie schwanger war, rang Kathryn mit sich, wann und wie sie es ihrer Familie sagen sollte. Bei einem feierlichen Candle-Light-Dinner? Oder bei gedecktem Apfelkuchen zum Nachmittagstee in ihrer Sitzecke neben dem Rhododendronsolitär - am besten noch zur Hauptblütezeit? Manchmal dachte sie mehrmals am Tag darüber nach, stellte sich vor, wie ihr Vater, ihr Mann, und dann, nachdem beide gestorben waren, ihr Sohn Charles, die Schwiegertochter und ihr Enkel darauf reagieren würden.

Am Tag von Charles' Geburt hatte sie sich vorgenommen, es ihm zu sagen, wenn er die Volljährigkeit erreicht hätte. Doch ausgerechnet dann geschah etwas, das für eine kurze Zeit erneut ihre Welt aus den Angeln hob. Als sie sich allmählich wieder in gewohnter Weise zu drehen begann, musste Kathryn ihre Enthüllung erneut verschieben, weil es ihr sonst niemals gelungen wäre, zur Normalität zurückzukehren.

Die Sonne schien jetzt in den Spiegel und blendete sie. Kathryn stand auf, um den alten geblümten Vorhang aus indischer Seide vorzuziehen. Er stammte aus einem der vornehmsten Geschäfte Kalkuttas, immer noch verliehen die verwegenen pinkfarbenen Blumen ihrem ansonsten in Resedagrün und Cremetönen gehaltenen Privatsalon einen Hauch Poesie. Sie stieß mit dem Ellbogen gegen ihre Harfe, die in der Ecke stand. Ein tiefer Ton schwang nach, etwas Staub wirbelte auf. Ach, ja, schade, lange hatte sie nicht gespielt, aber vielleicht könnte sie bald wieder einmal einen Versuch wagen.

Zwei Jahre hatte es damals gedauert, bis sie das Thema wieder an sich heranlassen konnte. In den Wechseljahren schwor sie sich, ihr Geheimnis allerspätestens an ihrem achtzigsten Geburtstag preiszugeben. Das hätte immerhin den Vorteil, dass ihr Vater und ihr Mann Alfred, der selige Lord Taintsworth, es nicht mehr erfahren würden.

Am nächsten Sonntag wurde sie achtzig. Schwer vorstellbar, nun wirklich so alt zu sein. Innerlich fühlte sie sich auch heute noch phasenweise wie eine junge Frau, manchmal auch wie fünf oder wie hundertzwanzig oder zeitlos. Meist musste sie eine Weile überlegen, wenn sie irgendwo ihr Alter angeben sollte.

»Du wirst achtzig, altes Mädchen!«, sagte sie ungläubig zu ihrem Spiegelbild, einer freundlichen Seniorin mit gewelltem Bubikopf, tiefem Seitenscheitel und niedrigem Haaransatz.

Ihre Stimme klang immer noch, wie schon in ihrer Jugend, leicht rauchig. Der helle Teint, übersät mit Sommersprossen und Altersflecken, fältelte sich reichlich, aber fein wie ein Strahlenkranz um die Augen und an den Wangenpartien. Dem gealterten Hals gönnte sie keinen längeren Blick mehr. Die wohlgeformte gerundete Nase war immer noch etwas zu kurz, obwohl ihr Vater ihr als Kind versprochen hatte, ihre Nase würde niemals aufhören zu wachsen. Sie schmunzelte. Der Blick ihrer grünen Augen unter den kräftigen Brauen (die sie beim Friseur dunkelblond nachfärben ließ) konnte blitzschnell von Melancholie zu Belustigung wechseln, doch meist war er gütig und wohlwollend. Kathryn trat einen Schritt zurück. Früher war sie mittelgroß gewesen, heute galt sie eher als klein.

»Bist geschrumpft, musst dich gerader halten!«, mahnte sie die Lady im hellgrauen Hemdblusenkleid mit den bequemen Pumps. »Nimm dir ein Beispiel an Queen Mom.« Ihr Spiegelbild winkte sogleich ab. Man konnte doch froh sein, dass es überhaupt wieder ging mit dem Gehen. Seit den Rheumaschüben im Winter hatte sich ihr Zustand erfreulich gebessert. Gnädig nickte sie sich zu. »Du wirst tatsächlich achtzig.« Punkt. Und keine Ausreden mehr!

In vier Tagen würde die Bombe platzen. Der Skandal würde nicht nur in Adelskreisen und bei Cocktailempfängen der Upperclass von Jersey, sondern bis in die Markthalle von Saint Helier, der Hauptstadt der Insel, für Gesprächsstoff sorgen! Selbst die wortkargen Hummerfänger im Hafen am alten Schlachthof würden beim Ausbessern ihrer Körbe darüber ratschen und sicher glatt vergessen, ihre Zahnlücken zu verbergen.

Kathryn gluckste unterdrückt in sich hinein. Ihr Sinn für Humor hatte ihr geholfen, viele dramatische Ereignisse im Leben zu überstehen. Und doch schmerzte es auch. Immer noch, nach so vielen Jahren. Gerade jetzt wieder spürte sie den vertrauten Stich in der Brust, dem ein sehnsüchtiges süßes Ziehen folgte. Ihre Kehle schnürte sich zu, Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie atmete tief durch und schloss die Lider. Manchmal spürte sie die Liebe wieder: so jung und unverbraucht, so intensiv, innig, tief und weit und allumspannend wie damals. Eine Träne lief ihre Wange hinunter.

Am stärksten überkam sie dieses Gefühl, wenn sie im Mai ihrem Rhododendron nahe war. Es gab viele Rhododendren in ihrem Park, die meisten wuchsen in Gruppen angeordnet, doch sie meinte immer nur den einen: die »Rose von Darjeeling«. Das Herz ging ihr auf, wenn der inzwischen fast vier Meter breite und drei Meter hohe Prachtbusch seine Knospen austrieb und seine großen scharlachfarbenen Blüten öffnete. Wie aus hauchdünnem Wachs modelliert wirkten sie und schienen, besonders in der Morgensonne, von innen heraus zu leuchten. Dieser Rhododendron hatte eine eigene Aura, Kathryn ließ sich insgeheim von ihr umfangen wie von den Armen eines Geliebten.

Das Außergewöhnlichste aber an der besonderen Züchtung war ihr Duft. Nur wenige Rhododendren verströmten Wohlgerüche, sah man einmal ab von einigen zur Gruppe der Azaleen gehörenden Arten wie dem nasenbetäubend honigsüß riechenden gelben Rhododendron luteum, an dessen Honig sich einst die Soldaten des Xenophon um 400 vor Christus auf dem Rückmarsch von Babylon vergiftet hatten. Ihr Rhodo duftete anders. Nicht aufdringlich. Auch nicht nach Zimt, Jasmin oder Orchidee wie einige der Vireya-Arten, die nur in tropisch-schwülen Regionen Südostasiens oder in den Gewächshäusern von Kew Gardens gedeihen konnten. Den zarten, geheimnisvoll lockenden Duft der Rose von Darjeeling begleitete eine schwer beschreibbare Note, die einmalig war. Deshalb verließ Kathryn während der Blütezeit von Anfang bis Ende Mai nur zu einem alljährlichen Pflichttermin in London für drei Tage ihr Anwesen. Sie hielt sich am liebsten draußen bei ihrem Rhododendron auf. Meist saß sie auf dem Rasen direkt daneben in einem Gartensessel, der zu einer dunkelgrün gepolsterten, silbrig verwitterten Teakholzsitzgruppe gehörte, und las.

Eine gepflegte Grünfläche schwang sich von der Sonnenterrasse des Herrenhauses sanft abwärts bis zu ihrem Lieblingssitzplatz. Sie hatte den Strauch knapp vierzig Jahre zuvor in den lichtdurchbrochenen Schatten alter Eichen und Magnolien gepflanzt. Hier nahm sie, sobald die Witterung es zuließ, mit ihrer Schwiegertochter Alexandra den Nachmittagstee ein. Hier empfing sie die Damen der Hausfrauenvereinigung, um mit ihnen Wohltätigkeitsbasare zu besprechen, oder das Komitee zur Organisation des Blumenfestes. Sofern das Rheuma es ihr erlaubte, buddelte sie auch gern in benachbarten Beeten zwischen Funkien, Bluebells, Primeln und Bambus. Nur um immer, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, für Momente die Augen zu schließen und diesen Duft in sich aufzunehmen, der in ihr alles wieder lebendig machte.

Jeder wusste, dass die Herrin von Greenville Manor diesen Rhododendron besonders liebte. Und normalerweise war sie auch die Großzügigkeit in Person, wenn sie um Ableger aus ihrem viel bewunderten Park gebeten wurde. Zum Beispiel von den zahlreichen pensionierten Offizieren, die im milden Klima der vom Golfstrom verwöhnten Kanalinsel ihren Ruhestand mit der Gärtnerei verbrachten - und von denen mancher wohl auf einen engeren Kontakt zur verwitweten Lady hoffte. Doch sie konnte recht schmallippig werden, sobald sie auf Samen oder gar Reiser ihres Rhodos angesprochen wurde. Später, pflegte sie dann zu sagen, später einmal. Doch »später« kam nie.

Spezialisten fachsimpelten gern, um welche Sorte es sich wohl handeln möge, nur Kathryn blieb stets wortkarg, wenn es um die Herkunft ihres Rhododendrons ging. Man vermutete ganz allgemein, dass ihre Ladyschaft schöne Erinnerungen an Kindheit und Jugend auf der Teeplantage ihres Vaters in Darjeeling mit dem immergrünen Strauch verband. Damit mussten sich die Leute eben begnügen.

»Wer verkaufte den Männern von diesem griechischen Feldherrn denn den giftigen Honig?«, hatte ihr Enkel Maximilian sie einmal gefragt, als sie ihm beim gelben Rhododendron von den armen Soldaten erzählte.

»Niemand. Sie haben ihn in der Natur entdeckt, im fernen Kaukasus, in den Nestern wilder Bienen.«

»Und sind sie daran gestorben?«

»Nein, sie fühlten sich sehr elend, vielleicht glaubten sie, dass sie sterben müssten. Sie lagen dann auch eine Weile wie tot am Boden. Aber sie waren nur betäubt.«

Miles' Augen blitzten. Sie spazierten weiter durch den Garten. Zu vielen Gehölzen konnte Kathryn etwas Spannendes erzählen.

»Gibt's zu deinem Lieblingsrhododendron auch eine Geschichte, Grandma?«

Sie zögerte etwas. »Ja, mein Schatz.«

»Erzählst du sie mir?«

»Jetzt nicht. Später.«

»Wann später?«

»Wenn ich achtzig werde.«

»Versprochen?«

»Ja, versprochen.«

Vier Tage noch. Wieder spürte Kathryn einen Stich in...

"Ein Schmöker für entspannte Sonntage."

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