Mein Bruder Yves

 
 
Männerschwarm, Salzgeber Buchverlage GmbH
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. Januar 2023
  • |
  • 312 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-86300-099-8 (ISBN)
 
Als Angehöriger der französischen Kriegsmarine lernte Julien Viaud Weltmeere und Kontinente kennen, als Pierre Loti formte er aus seinen Erlebnissen eine Fülle von Romanen und Reiseberichten, die den Leser nach Konstantinopel, Palästina, Marokko und bis nach Japan und China führen.
In seinem frühen Roman Mein Bruder Yves (1883) geht es um ferne Länder nur am Rande; im Zentrum steht das Leben auf dem Schiff und die besondere Beziehung zwischen dem Ich-Erzähler und Yves Kermadec, dem »geschicktesten, seetüchtigsten Mann« an Bord, der jedoch an Land dem Teufel Alkohol nicht entrinnen kann. Seine Schönheit - er ist »groß, schlank wie eine Antike, mit muskulösen Armen, dem Hals und den Schultern eines Athleten« - fasziniert den Erzähler. Er sieht es als seine Aufgabe an, Yves vor seiner eigenen Zügellosigkeit zu schützen, hat dies auch Yves' Mutter versprochen.
Der autobiografische Hintergrund des Romans ist besonders deutlich. Die beiden fast gleichaltrigen, aber vom Temperament und von der sozialen Stellung her ungleichen Männer verband eine lebenslange Freundschaft, von der diverse Notate, Briefe und Fotos Zeugnis ablegen; der auch zeichnerisch begabte Pierre Loti imaginierte seinen »Bruder« dabei auch als nackten keltischen Heroen in mythischer Landschaft.
1
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 1,31 MB
978-3-86300-099-8 (9783863000998)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Pierre Loti, als Louis Marie Julien Viaud 1850 in Rochefort geboren und 1923 in Hendaye (Pyrenäen) gestorben, gilt mit seinen mehr als zwei Dutzend Romanen und Reiseberichten vor allem als Vertreter eines literarischen Exotismus. Der 1883 erschienene Roman Mon frère Yves ist einer der frühesten »homoerotischen« Romane der französischen Literatur. In Frankreich hat er bis heute viele Leser gefunden; die 1894 in einer Romanzeitschrift und 1901 als Buch erschienene deutsche Übersetzung von Rudolf Proelß wird hier nach mehr als hundert Jahren neu aufgelegt.

III


Vierundzwanzig Jahre später, an einem Dezembertag in Brest.

Der Regen fiel fein, kalt, durchdringend und ununterbrochen; er rieselte über die Mauern, indem er die hohen Schieferdächer, die hohen Granithäuser noch schwärzer färbte und wie zum Vergnügen sich auf die lärmende Menge des Sonntags ergoß, die nichtsdestoweniger, durchnäßt und beschmutzt, sich in der traurigen grauen Dämmerung durch die engen Straßen drängte.

Diese Menge bestand aus betrunkenen Matrosen, die sangen, aus Soldaten, die, über ihre Säbel stolpernd, einen klirrenden Lärm machten, dazwischen drängten sich Leute aus dem Volke - Arbeiter der großen Stadt, mit abgespannten, bleichen Gesichtern, Weiber in kleinen wollenen Shawls und spitzen Musselinhauben, mit brennenden Blicken und hochgeröteten Wangen, einen Branntweingeruch um sich her verbreitend, greise Männer und Frauen, im Zustand ekler Trunkenheit, die, nachdem sie gefallen waren, und sich wieder aufgerafft hatten, kotbedeckt weiter taumelten.

Der Regen fiel und fiel, alles durchnässend, die bretonischen Hüte mit Silberschnallen, die übers Ohr gezogenen Mützen der Matrosen, die betreßten Tschakos, die weißen Hauben und Regenschirme.

Die Luft war so trübe und lichtlos, daß man sich nicht vorstellen konnte, es gäbe irgendwo eine Sonne. Man hatte das Bewußtsein davon ganz verloren. Man fühlte sich wie gefangen in den Niederschlägen und dem Dunste der großen feuchten Wolken, die alles überströmten; es schien kaum möglich, daß sie sich je wieder teilten und sich ein Himmel dahinter befände. Man atmete Wasser. Man wußte nicht mehr, welche Zeit am Tage es wäre, und ob diese Dunkelheit nur vom Regen herrührte oder die wirkliche Winternacht schon hereingebrochen sei.

Die Matrosen brachten mit ihren offenen Gesichtern und ihren Gesängen, mit ihren großen hellen Kragen und ihren roten, vom Marineblau ihres Anzugs scharf abstechenden Litzen einen Ton übermütiger Jugend und Fröhlichkeit in diese Gassen hinein. Sie gingen und kamen von Schenke zu Schenke, alles beiseite stoßend und von unsinnigen Dingen schwatzend, über die sie unbändig lachten. Oder sie stellten sich wohl auch unter den Dachrinnen vor die Schaufenster aller der Läden, wo Sachen, wie sie sie gebrauchten, verkauft wurden: rote Tücher, die in der Mitte mit schönen Schiffen bedruckt waren, welche den Namen »La Bretagne«, »La Triomphante« oder »La Dévastation« führten; Bänder für ihre Mützen mit schönen goldenen Inschriften; kleine, kunstvoll verschlungene Seilerarbeiten, womit sie die Leinwandsäcke zu verschließen pflegten, in denen sie ihre geringe Habe an Bord bewahrten; elegante Knüpfarbeiten aus gedrehten Schnüren, an denen die Marsgasten sich ihre großen Messer um den Hals hängen; silberne Pfeifchen für die Bootsmaaten, und endlich rote Gürtel, kleine Kämme und Spiegel.

Von Zeit zu Zeit kamen heftige Windstöße, welche die Mützen mit in die Luft nahmen und die Betrunkenen ins Schwanken brachten, und der Regen fiel dann noch dichter und rascher und peitschte wie Hagel.

Die Zahl der Matrosen wuchs immer mehr. Man sah sie truppweise in die Siamstraße strömen; sie kamen vom Hafen und aus der unteren Stadt die großen Granittreppen herauf und verbreiteten sich singend in den Gassen.

Die von der Reede kamen, waren noch nässer, als die andern, noch mehr vom Regen und Seewasser übergossen. Ihre kleinen Segelboote, von den kalten Windstößen ganz auf die Seite gelegt, hatten sie, auf den schaumbedeckten Wellen dahinspringend, im Fluge nach dem Hafen gebracht. Und sie stiegen lustig die in die Stadt führenden Treppen hinauf, während sie sich wie begossene Katzen schüttelten.

Der Wind stürzte in die langen grauen Gassen herein und kündigte eine böse Nacht an.

Auf der Reede - an Bord eines am Morgen von Amerika angekommenen Schiffs - hatte mit dem Glockenschlag vier ein Bootsmann das Zeichen mit einem langen, schrillen Pfiff gegeben, dem kunstvolle Triller folgten, was in der Seesprache hieß: »Die Schaluppe bereit!« Worauf ein Freudengemurmel durch das Schiff ging, auf dem die Matrosen wegen des Regens unter der Kuhbrücke zusammengepfercht standen. Man hatte nämlich eine Zeitlang gefürchtet, daß das Meer zu hoch ginge, um nach Brest gelangen zu können, und man wartete mit Ungeduld auf das Zeichen, das die Frage entschied. Nach einer Fahrt von drei Jahren sollte man zum erstenmal wieder den Fuß auf französische Erde setzen, und die Ungeduld war daher groß.

Als die diensthabenden Männer alle in ihren kleinen Anzügen von strohgelbem Wachstuch die Schaluppe bestiegen und ihre Sitze in vorschriftsmäßiger und symmetrischer Anordnung auf den Bänken eingenommen hatten, pfiff derselbe Bootsmann aufs neue und rief: »Die Beurlaubten zum Appell!«

Der Sturm und das Meer brausten, die Reede war ganz in einen weißlichen Nebel gehüllt, in dem der Regen mit dem aufspritzenden Wasser der Wellen zusammenfloß.

Die beurlaubten Matrosen kamen eiligst aus ihren Luken hervor und stellten sich auf Deck der Reihe nach, wie man sie bei ihrer Nummer und ihrem Namen gerufen hatte, auf, die Gesichter glühend vor Freude, Brest wiederzusehen. Sie hatten ihre schönen Sonntagskleider angelegt und gaben unter strömendem Regen ihrer Toilette noch den letzten Schliff, sich einander mit einer Art von Koketterie dabei helfend.

Als man »218 Kermadec!« rief, trat Yves in ernster Haltung hervor, ein großer Bursche von vierundzwanzig Jahren, den sein gestreifter Anzug mit dem breiten blauen Kragen gut kleidete.

Groß, schlank wie eine Antike, mit muskulösen Armen, dem Hals und den Schultern eines Athleten, machte seine Erscheinung im ganzen den Eindruck stiller, doch selbstbewußter Kraft. Das Gesicht zeigte unter einer gleichmäßig vom Wetter gebräunten Hautfarbe etwas unerklärbar Bretonisches mit einem Anfluge von arabischem Teint. Seine Rede mit dem Accente von Finistère war kurz; die tiefe Stimme vibrierte auf eine ganz eigentümliche Weise, wie Instrumente von mächtigem Klang, die man kaum zu berühren wagt, aus Furcht vor dem Lärm, den sie machen. Die gelblichgrauen Augen standen etwas eng aneinander und lagen ziemlich tief unter den geschwungenen Brauen mit einem unveränderlichen Ausdruck des nach innen gerichteten Blicks; die Nase war sehr fein und regelmäßig, die untere Lippe stand, wie mit einem Ausdruck von Verachtung, etwas vor.

Sein Gesicht war unbeweglich, wie von Marmor, ausgenommen in den seltenen Augenblicken, da ein Lächeln erschien. Dann veränderte sich alles und man bemerkte, daß Yves sehr jung war. Das Lächeln derer, welche gelitten haben, ist von kindlicher Sanftheit und durchleuchtet die harten Züge, fast wie die Strahlen der Sonne, die gelegentlich auf die bretonischen Klippen fallen.

Als Yves erschien, sahen ihn die anderen Seeleute, die zugegen waren, mit wohlwollendem Lächeln und einem ungewohnten Grade von Achtung an.

Es war, weil er zum erstenmal auf seinem Ärmel die doppelten roten Streifen der Bootsmaaten trug, die man ihm eben verliehen hatte. Und an Bord hat ein Maat des Takelwerks etwas zu bedeuten. Diese armseligen wollenen Streifen, die in der Landarmee so schnell an den ersten besten erteilt werden, stellen in der Marine lange Jahre des Elends dar, die Kraft und das Leben junger Männer, die sie zu jeder Stunde des Tages und der Nacht, dort oben im Mastwerk, diesem Reich der Marsgasten, von allen Winden des Himmels geschüttelt, verbrauchen. Der Oberbootsmann, der sich genähert hatte, reichte Yves die Hand. Er war ja auch einst ein Marsgast bei harter Arbeit gewesen, und wußte, was starke, mutige Männer bedeuten.

»Nun, Kermadec«, sagte er, »werden jetzt diese Streifen begossen werden?«

»Gewiß«, erwiderte Yves mit tiefer Stimme, ohne sein ernstes, träumerisches Wesen zu verändern.

Es war aber nicht das Wasser der Wolken, von dem der alte Seemann sprach, denn, was dieses betraf, so war das Begießen ja sicher. Nein, in der Schiffssprache versteht man unter dem Begießen der Abzeichen, sich ihnen zu Ehren den ersten Tag, an dem man sie trägt, einen Rausch zu holen.

Die Notwendigkeit dieser Feier hatte Yves nachdenklich gemacht, weil er mir nur eben erst das heilige Versprechen abgelegt hatte, sich nie wieder zu betrinken, und er dieses Versprechen auch zu halten wünschte.

Und dann hatte er nachgerade auch diese Schenkscenen satt, die sich in allen Teilen der Welt wiederholten. Sich während der Nächte an der Spitze der unbändigsten Trunkenbolde in allen schmutzigen Löchern herumzutreiben und sich des Morgens von den Rinnsteinen auflesen zu lassen - ist ein Vergnügen, dessen man, so sehr man Matrose ist, doch endlich müde wird. Auch ist der folgende Tag immer scheußlich und sie gleichen sich alle. Das wußte Yves recht gut und wollte davon nichts mehr wissen.

Es war sehr finster, dieses Dezemberwetter, für einen Tag der Heimkehr. So sorglos und jung man auch war, so warf dieses Wetter doch auf die Freude der Rückkunft eine Art schwarzer Nacht. Yves empfand diesen Eindruck, der ihm unwillkürlich ein trauriges Staunen verursachte; denn dieses alles war doch schließlich seine Bretagne. Er fühlte sie in der Luft und erkannte sie selbst noch an dieser traumhaften Dunkelheit.

Die Schaluppe stieß ab und trug alle ans Land. Ganz vom Westwinde zur Seite gelegt, fuhr sie dahin, von Welle sprang sie zu Welle mit dem hohlen Ton einer Trommel, und bei jedem Sprung, den sie machte, stürzte eine Masse Seewasser über sie hin, wie von wütenden Händen geworfen.

Sie fuhren sehr rasch in einer Art Wasserwolke, deren große salzige Tropfen ihnen ins Gesicht peitschten. Sie hielten dieser Sintflut mit gesenkten Köpfen stand, einer eng an den andern gedrückt, wie die Schafe es beim Gewitter...

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