Südsee-Geschichten

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. September 2018
  • |
  • 211 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7460-8192-2 (ISBN)
 
Jack Londons »Südsee-Geschichten« basieren auf dessen eigenen Reiseerfahrungen in der Südsee. Jack London hat die exotische Inselwelt intensiv bereist. Er erzählt in seinen Geschichten meist vom Umgang der westlichen Kolonialisten mit den Ureinwohnern und beschreibt den Zusammenprall von Wertesystemen und Kulturen. Der Leser begegnet in Jack Londons »Südsee-Geschichten« internationalen Händlern, Missionären, Abenteurern, und Plantagenbesitzern. Die Geschichten vermitteln auch einen Eindruck vom weitgehend ursprünglichen Leben und der unberührten Natur auf den Südsee-Inseln zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die furchtbaren Salomoninseln


Es lässt sich nicht leugnen, dass die Salomoninseln eine unzugängliche Inselgruppe sind. Anderseits gibt es noch schlimmere Stellen auf der Welt. Aber dem Neuling, der keinerlei angeborenes Verständnis für Menschen und das Leben im Urzustand hat, mögen die Salomoninseln in der Tat furchtbar erscheinen. Es ist wahr, dass Fieber und Ruhr ständig dort umgehen, dass Überfluss an ekelhaften Hautkrankheiten herrscht, dass die Luft von einem Gift gesättigt ist, das sich in jede Pore, jede Schnittwunde, jeden Haarriss einfrisst und bösartige Geschwüre verursacht, und dass viele starke Männer, selbst wenn sie dem Tode dort entgangen sind, als Invaliden in die Heimat zurückkehren. Es ist ferner wahr, dass die Eingeborenen der Salomoninseln eine wilde Horde mit herzhaftem Appetit auf Menschenfleisch und einer Liebhaberei für das Sammeln von Menschenköpfen sind. Ihr leidenschaftlichster Sport ist es, einen Menschen von hinten zu fangen und ihm durch einen geschickten Streich mit dem Tomahawk die Wirbelsäule vom Gehirn zu trennen. Es ist ebenfalls wahr, dass auf manchen Inseln, wie zum Beispiel Malaita, Gewinn und Verlust im wirtschaftlichen Verkehr nach Menschenmorden berechnet wird. Köpfe gelten als Tauschmittel, und besonders wertvoll sind weiße Köpfe. Oft veranstaltet ein Dutzend Dörfer eine gemeinsame Sammlung, die monatelang fortgesetzt wird, bis irgendein tapferer Krieger den blutigen Kopf eines weißen Mannes bringt und den Ertrag der Sammlung fordert.

Alles dies ist durchaus wahr, und doch gibt es Männer, die jahrelang auf den Salomoninseln lebten und Heimweh spürten, wenn sie sie verließen. Man muss nur vorsichtig - und glücklich - sein, um lange Zeit dort leben zu können; aber man muss auch vom rechten Schlage sein. Man muss den Stempel des unvermeidlichen weißen Mannes tragen. Man muss eben unvermeidlich sein. Man muss eine gewisse Unbekümmertheit der Übermacht gegenüber haben, eine gewisse Selbstzufriedenheit und einen Rassenegoismus, der einem die Überzeugung beibringt, dass ein Weißer an Wochentagen besser ist als tausend Neger, und dass er sonntags zweitausend Schwarze aussticht. Denn das ist es, was den weißen Mann unvermeidlich gemacht hat. Oh, und noch etwas: Der weiße Mann, der unvermeidlich zu sein wünscht, muss nicht nur die niedrigeren Arten verachten und groß von sich selber denken, er darf auch keine zu bedeutende Einbildungskraft besitzen. Er darf die Gewohnheiten, Instinkte und die Denkweise der Schwarzen, Gelben und Braunen nicht zu gut verstehen; denn das ist nicht die Art, der die weiße Rasse ihren Siegeszug um die Welt verdankt.

Bertie Arkwright war nicht unvermeidlich. Er war zu sensitiv, zu zart besaitet, und besaß zu viel Einbildungskraft. Er war zu sehr an die Welt gebunden. Er passte sich seiner Umgebung mit zu großem Feingefühl an. Daher waren die Salomoninseln der letzte Ort der Welt, wohin er hätte kommen dürfen. Er kam nicht dorthin, um zu bleiben. Einen fünfwöchigen Aufenthalt zwischen zwei Dampfern hielt er für genügend, um dem Ruf nach dem Primitiven zu genügen, den er auf den Saiten seiner Seele tönen hörte. So erzählte er wenigstens den Touristinnen an Bord der >Makembo<, wenn auch mit andern Worten, und sie verehrten ihn als Helden, denn sie waren Frauen und kannten nur das Dampferdeck, während er sich mühsam seinen Weg durch die Salomoninseln bahnen wollte.

Es war noch ein Mann an Bord, von dem die Damen jedoch keine Notiz nahmen. Das war ein kleiner, schrumpeliger Mann mit welker, mahagonifarbener Haut. Sein auf der Passagierliste vermerkter Name tut nichts zur Sache, aber seinen anderen Namen, Kapitän Malu, gebrauchten die Neger von Neuhannover bis zu den Neuen Hebriden als Zauberformel und Kinderschreck. Wilde Menschen und Länder waren sein Fall, und unter Fieber und Beschwerden, bei dem Knall von Snidergewehren und der Peitsche des Aufsehers hatte er fünf Millionen in Form von Trepang, Sandelholz, Perlmutter und Schildpatt, Steinnüssen und Kopra, Weiden, Fabriken und Plantagen zusammengescharrt. Kapitän Malus kleiner Finger, der gebrochen war, hatte mehr Unvermeidlichkeit in sich als Bertie Arkwrights ganzes Gerippe. Aber die Damen konnten ja nur nach dem Äußeren urteilen, und ohne Zweifel war Bertie ein ansehnlicher Mann.

Bertie unterhielt sich mit Kapitän Malu im Rauchzimmer und vertraute ihm seine Absicht an, das rote, blutige Leben auf den Salomoninseln zu sehen. Kapitän Malu gab zu, dass diese Absicht ehrgeizig und ehrenwert war. Erst einige Tage später begann er sich für Bertie zu interessieren, als der junge Abenteurer ihm eine automatische 44-Millimeter-Pistole zeigte. Bertie zeigte den Mechanismus und erklärte ihn, indem er ein geladenes Magazin auf den hohlen Kolben setzte.

"Es ist ganz einfach", sagte er. Er ließ den äußeren Lauf am inneren entlanggleiten. "Sie ladet und spannt sich selbst, sehen Sie. Und dann brauche ich nur am Abzug zu ziehen, achtmal, so schnell, wie ich den Finger krümmen kann. Sehen Sie, hier ist die Sicherung. Die ist das Beste daran. Sie ist ganz zuverlässig. Das reine Kinderspiel." Er nahm das Magazin heraus. "Sie sehen, wie zuverlässig."

Er hielt sie in der Hand, die Mündung gerade auf Kapitän Malus Magen gerichtet. Kapitän Malus blaue Augen betrachteten sie unerschütterlich.

"Hätten Sie etwas dagegen, sie anderswohin zu richten?" fragte er.

"Sie ist ganz sicher", behauptete Bertie. "Ich habe das Magazin herausgenommen. Sie ist jetzt nicht geladen, verstehen Sie."

"Eine Schusswaffe ist immer geladen."

"Diese aber nicht."

"Drehen Sie sie doch lieber weg."

Kapitän Malus Stimme war eintönig, metallisch und leise, aber sein Auge verließ die Mündung nicht, solange sie auf ihn zielte.

"Ich wette fünf Pfund, dass sie nicht geladen ist", schlug Bertie eifrig vor.

Der andre schüttelte den Kopf.

"Ich werde es Ihnen zeigen."

Bertie setzte die Mündung an seine eigene Schläfe mit der offenbaren Absicht, loszudrücken.

"Einen Augenblick", sagte Kapitän Malu ruhig und streckte die Hand aus. "Lassen Sie mich sehen."

Er zielte auf die See und zog am Abzug. Eine schwere Entladung folgte zugleich mit dem scharfen Schlag des Mechanismus, der eine heiße, rauchende Patronenhülse seitwärts auf das Deck schleuderte. Berties Mund öffnete sich staunend.

"Ich habe den Lauf zurückgezogen, nicht?" erklärte er. "Das war dumm von mir, muss ich sagen."

Er kicherte matt und ließ sich in einen Liegestuhl fallen. Das Blut war aus seinem Gesicht gewichen und hinterließ dunkle Ringe unter den Augen. Seine Hand zitterte und war unfähig, die Zigarette an die Lippen zu führen. Er war zu sehr an die Welt gebunden und sah sich mit tröpfelndem Gehirn auf dem Deck hingestreckt.

"Wirklich," sagte er, "wirklich."

Der Kommissar, der sich auf der Rückreise von Sydney befand, war an Bord der >Makembo<, und mit seiner Erlaubnis machte man bei Ugi halt, um einen Missionar an Land zu setzen. Und bei Ugi lag die Jacht >Arla<, Schiffer Kapitän Hansen. Nun war die >Arla< eines von den vielen Schiffen, die Kapitän Malu gehörten, und auf seinen Vorschlag und auf seine Einladung kam Bertie als Gast an Bord der >Arla<, um eine viertägige Werbekreuzfahrt an der Küste von Malaita entlang mitzumachen.

Darauf sollte die >Arla< ihn bei der - ebenfalls Kapitän Malu gehörenden - Reminge-Plantage absetzen, wo Bertie eine Woche bleiben konnte, und dann wollte er nach Tulagi, dem Sitz der Regierung, fahren, wo er der Gast des Kommissars sein sollte.

Kapitän Malu zeichnete noch verantwortlich für zwei weitere Vorschläge, und nachdem er sie gemacht hat, verschwindet er aus dieser Erzählung. Der eine wurde Kapitän Hansen, der andre Mr. Harriwell, dem Verwalter der Reminge-Plantage, gemacht.

Beide hatten den gleichen Wortlaut, nämlich: Mr. Bertie Arkwright einen Einblick in das raue, blutige Leben auf den Salomoninseln zu verschaffen. Und einem Gerücht zufolge soll Kapitän Malu noch erwähnt haben, dass eine Kiste Whisky fällig sein würde, wenn Mr. Arkwright einen besonders prachtvollen Einblick erhielte.

+++

Ja, Swartz war immer zu dickköpfig. Denken Sie, er nahm vier von seiner Bootsmannschaft mit nach Tulagi, um sie auspeitschen zu lassen - offiziell, wissen Sie -, und fuhr dann im Walboot mit ihnen zurück. Es war etwas stürmisch, und das Boot kenterte gerade vor der Einfahrt. Swartz war der einzige, der ertrank. Natürlich war es ein Unfall."

"Ein Unfall? Wirklich?" fragte Bertie, der nur halb zuhörte, denn er guckte nach dem Schwarzen am Steuerruder.

Man hatte Ugi verlassen, und die >Arla< glitt durch die sommerliche See den bewaldeten Hängen von Malaita zu. Der Rudergast, der Berties Aufmerksamkeit derart auf sich zog, hatte sich einen Pennynagel wie einen Speiler durch die Nase gesteckt. Um den Hals trug er eine Schnur von Hosenknöpfen. Durch Löcher in den Ohren waren ein Dosenöffner, der abgebrochene Stiel einer Zahnbürste, eine Tonpfeife, das Messingrad einer Weckuhr und mehrere Patronenhülsen gesteckt. Auf der Brust hing vom Halse herab die Hälfte eines Porzellantellers. Einige vierzig, ähnlich herausgeputzte Schwarze lagen auf Deck umher, fünfzehn davon gehörten zur Besatzung des Bootes, die übrigen waren...

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