König Alkohol

Roman
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Februar 2018
  • |
  • 211 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7460-9292-8 (ISBN)
 
Die Beschreibungen in »König Alkohol« von Jack London tragen deutliche autobiographische Züge. In der Romanbiographie reflektiert Jack London seine Erfahrungen mit Alkohol von früher Jugend an. Im mittleren Erwachsenenalter diktierte der Alkohol sein Leben beinahe vollständig.
Der autobiographische Roman »König Alkohol« macht Jack Londons Hassliebe zum Alkohol deutlich. Einerseits schreibt Jack London, der Alkohol habe ihn gerade in Jugendjahren abenteuerlustiger und mutiger, in höherem Alter als Schriftsteller bisweilen kreativer gemacht. Andererseits schildert Jack London in drastischen Worten den gesundheitlichen Niedergang aufgrund seines hohen Alkoholkonsums.

Kapitel 2


Diese physische Abneigung gegen den Alkohol habe ich nie überwinden können. Aber ich habe mit ihr gekämpft. Bis zum heutigen Tage bekämpfe ich sie jedes Mal, wenn ich ein Glas trinke. Der Gaumen hört nie auf, zu rebellieren, und auf ihn kann man sich verlassen, wenn man wissen will, was gut oder schädlich für den Körper ist. Aber Männer trinken nicht um der Wirkung willen, die der Alkohol auf den Körper ausübt. Sie trinken wegen der Wirkung auf das Gehirn; und ist der Körper auch nur der Mittler - umso schlimmer für ihn.

Und doch waren, trotz meiner physischen Abneigung gegen den Alkohol, die Kneipen in meiner Jugend mein liebster Aufenthalt. Wenn ich, in dichten Nebel gehüllt, auf dem schweren Kartoffelwagen saß und mir die Füße aus Mangel an Bewegung eingeschlafen waren, während die Pferde sich langsam über den sandigen Weg zwischen den Dünen hinschleppten, gab es eine lichte Vision, die mir den Weg nie zu lang werden ließ. Diese lichte Vision war die Wirtschaft in Colma, wo mein Vater, oder wer sonst fuhr, stets abstieg, um etwas zu trinken. Und ich stieg auch ab, um mich an dem großen Ofen zu wärmen und einen Pfefferminzbonbon zu bekommen. Nur einen Pfefferminzbonbon, aber das war ein fabelhafter Luxus. Kneipen hatten also ihr Gutes. Wenn ich nachher hinter den trabenden Pferden saß, konnte ich eine ganze Stunde an diesem einen Bonbon lutschen. Ich leckte ganz wenig daran und lutschte, bis er zu einem ganz winzig kleinen, herrlichen Plättchen geworden war. Und dies Plättchen durfte ich ja nicht überschlucken. Ich lutschte und sog daran, drehte es immer wieder mit meiner Zunge um, schob es bald in die eine, bald in die andere Backe, bis schließlich das Ende kam und es in kleinen Tröpfchen durch meine Kehle rann und träufelte. Horace Fletcher hätte, soweit es Pfefferminzbonbons betraf, nichts gegen mich einwenden können. Ich liebte die Kneipen. Besonders in San Francisco. Dort gab es die herrlichsten Leckerbissen - merkwürdige Brote und Kuchen, Käse, Würste, Sardinen -, wunderbare Nahrungsmittel, wie ich sie nie daheim auf unserm mageren Tische sah. Und einmal, das weiß ich noch, mischte mir der Kellner ein süßes Getränk aus Fruchtsaft und Selterswasser. Mein Vater brauchte nichts dafür zu bezahlen. Der Kellner spendierte, und er wurde das Ideal eines guten freundlichen Mannes für mich. Jahrelang träumte ich Wachträume von ihm. Obwohl ich damals erst sieben Jahre alt war, sehe ich ihn heute noch mit gleicher Deutlichkeit vor mir, obgleich ich ihm nie wieder begegnet bin. Die Kneipe befand sich im Süden der Market Street in San Francisco, auf der Westseite der Straße. Wenn man eintrat, lag der Schanktisch links vom Eingang. Rechts, an der Mauer, stand der Freilunchtisch. Es war ein langer, schmaler Raum, und im Hintergrunde, hinter den angestochenen Fässern, standen kleine runde Tische und Stühle. Der Kellner hatte blaue Augen und schönes, weiches Haar, das unter einem schwarzen Käppchen hervorlugte. Ich entsinne mich, dass er eine braune Strickjacke trug, und ich weiß noch genau die Stelle, von der er die Flasche mit dem roten Fruchtsaft nahm. Er sprach lange mit meinem Vater, und ich nippte an meinem roten Trank und betete den Spender an. Und noch nach Jahren pflegte ich sein Gedächtnis.

So stieß ich trotz meiner abschreckenden Erfahrungen immer wieder auf König Alkohol, der, siegreich und allgegenwärtig wie immer, auf mich lauerte und mich an sich zog. Hier war es die Nebenbedeutung der Kneipe, die einen tiefen Eindruck auf das empfängliche Gemüt des Kindes machte. Und hier war ein Kind, das sich seine ersten Urteile über die Welt bildete und die Kneipe prachtvoll und wunderbar fand. Weder Läden noch öffentliche Gebäude oder menschliche Wohnungen öffneten mir ihre Türen und erlaubten mir, mich an ihrem Herd zu wärmen oder von der Götterspeise zu essen, die auf den schmalen Borden an der Wand stand. Ihre Türen blieben mir stets verschlossen; die Türen der Kneipen aber standen immer offen. Und immer und überall fand ich Kneipen, auf Wegen und Pfaden, in engen Gassen und geschäftigen Hauptstraßen, erleuchtet und freundlich, im Winter warm, im Sommer dunkel und kühl. Ja, die Kneipen waren eine herrliche Stätte, und sie waren mehr als das.

Als ich zehn Jahre alt war, hatte meine Familie die Ranch verlassen und war in die Stadt gezogen. Und hier begann ich nun als Zeitungsjunge. Einer der Gründe hierfür war, dass wir Geld brauchten. Ein anderer, dass wir Beschäftigung brauchten. Ich hatte den Weg zur Volksbibliothek gefunden und las nun bis zur Nervenzerrüttung. Auf den armen Ranches, auf denen ich gelebt hatte, gab es keine Bücher. Durch ein wahres Wunder hatte ich vier Bücher geliehen bekommen, prachtvolle Bücher, und die hatte ich verschlungen. Eins war das Leben Garfields; das zweite Paul du Chaillus afrikanische Reisen; das dritte ein Roman von Quida, von dem die letzten vierzig Seiten fehlten; und das vierte Irvings >Alhambra<, dieses hatte mir eine Schullehrerin geliehen. Ich war ein schüchternes Kind. Ich brachte es nicht wie Oliver Twist fertig, um mehr zu bitten. Als ich der Lehrerin >Alhambra< wiedergab, hoffte ich, sie würde mir ein anderes Buch leihen. Und da sie es nicht tat - wahrscheinlich hielt sie mich für sehr unbegabt -, weinte ich den ganzen Heimweg, die drei Meilen von der Schule bis zur Ranch. Ich wartete sehnsüchtig darauf, dass sie mir wieder ein Buch leihen würde. Viele Stunden versuchte ich mir selbst so viel Mut einzuflößen, dass ich sie bitten konnte, aber nie erlangte ich die erforderliche Kühnheit.

Und dann kam Oakland, und auf den Regalen jener Volksbibliothek entdeckte ich die ganze große Welt. Hier gab es Tausende von Büchern, die ebenso gut wie meine vier Wunderbücher, und einige, die sogar noch besser waren. Die Bibliotheken waren damals noch nicht auf Kinder eingerichtet, und ich erlebte seltsame Abenteuer. Ich erinnere mich, wie mich im Katalog der Titel >Die Abenteuer des Peregrine Pickle< reizte. Ich füllte einen Bücherzettel aus, und der Bibliothekar händigte mir die gesammelten, unverkürzten Werke von Smollett in einem Bande aus. Ich las alles, hauptsächlich jedoch Geschichte und Abenteuer, und alle die alten Reisenden und Entdecker. Ich las morgens, nachmittags und nachts. Ich las im Bett, ich las bei Tisch, ich las auf dem Schulweg, und ich las in den Pausen, wenn die andern spielten. Ich fing an, reizbar zu werden. Jedem sagte ich: "Geh weg. Du machst mich nervös."

Und nun, mit zehn Jahren, war ich also als Zeitungsjunge auf der Straße. Ich hatte keine Zeit zum Lesen. Ich hielt mich daran, um zu lernen, wie man sich durchschlägt, wie man dreist und frech wird und die Leute verblüfft. Meine Einbildungskraft und Neugier allen Dingen gegenüber machten mich anpassungsfähig. Dabei galt meine Neugier nicht am wenigsten den Kneipen, und in mehr als einer von ihnen ging ich ein und aus. Ich erinnere mich noch jetzt der langen Reihe Kneipen von einer Ecke zur andern auf der Ostseite des Broadways, zwischen der Sixth und Seventh Avenue.

Das Treiben in den einzelnen Kneipen war sehr verschieden. Hier redeten Männer laut, lachten mächtig, und die Atmosphäre trug das Gepräge einer gewissen Größe. Dort war alles alltäglich, und es geschah nichts Außergewöhnliches. In einer dritten wieder war immer Leben, zuweilen sogar unheimliches, wenn Fäuste hieben und Messer stachen, das Blut floss und breitschultrige Polizisten in geschlossenem Trupp hereinkamen. Große Augenblicke für mich, der ich den Kopf voll hatte von all den wilden, heftigen Kämpfen der tapferen Abenteurer zu Wasser und zu Lande. Es gab keine spannenden Erlebnisse, wenn ich durch die Straßen trottete und meine Zeitungen durch die Türen steckte. Aber in den Kneipen lag selbst über den Trunkenbolden, die sich, sinnlos berauscht, auf den Tischen oder Sägespänen wälzten, ein Schimmer des Geheimnisvollen und Wunderbaren.

Und mehr noch: es war nichts gegen die Kneipen einzuwenden. Die Väter der Stadt sanktionierten sie und gaben ihre Bewilligung. Sie waren nicht die schrecklichen Stätten des Lasters, als die ich Knaben sie beurteilen hörte, die nicht wie ich Gelegenheit hatten, sie kennenzulernen. Schrecklich mochten sie sein, aber höchstens schrecklich wunderbar, und gerade das schrecklich Wunderbare möchte ein Junge ja kennenlernen. Auch Seeräuber, Schiffswracks und Schlachten waren schrecklich, und welcher richtige Junge gäbe nicht seine unsterbliche Seele, um mit dabei zu sein?

Übrigens sah ich in den Kneipen auch Reporter, Redakteure, Rechtsanwälte, Richter, deren Namen und Gesichter ich kannte. Sie drückten der Kneipe das Siegel bürgerlicher Billigung auf. Sie bestätigten mein Gefühl, das mich an die Kneipe fesselte. Auch sie mussten hier ja etwas Ungewöhnliches finden, dieses gewisse Etwas, nach dem ich suchte und tappte. Was das war, wusste ich nicht; aber etwas musste es schon sein, denn die Kneipe zog die Männer an, wie der Honigtopf die Brummer. Ich hatte keine Sorgen, und die Welt erschien mir hell und licht; ich ahnte daher nicht, dass diese Männer Vergessen von ewiger Plackerei und altem Gram suchten.

Nicht, dass ich damals getrunken hätte. Von meinem zehnten bis zu meinem fünfzehnten Jahre rührte ich selten ein Glas an, aber ich kam ständig in Berührung mit Trinkern und Orten, wo getrunken wurde. Der einzige Grund, weshalb ich nicht trank, war, dass ich den Geschmack nicht leiden konnte. Im Laufe der Zeit arbeitete ich als Hilfsjunge auf einem Eiswagen, stellte Kegel auf einer Kegelbahn auf, die zu einer Wirtschaft gehörte, und fegte Kneipen an Sonntagsausflugsorten aus.

Die gemütliche dicke...

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