Die jüdische Frage

Eine marxistische Darstellung
 
 
MEHRING Verlag
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 22. Mai 2020
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  • 215 Seiten
 
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978-3-88634-764-3 (ISBN)
 
Léon geht von einem streng materialistischen Standpunkt an die jüdische Frage heran: Nicht die jüdische Religion und Kultur erklärt seiner Ansicht nach, weshalb sich die Juden als gesonderte gesellschaftliche Gruppe erhalten haben, sondern ihre Rolle in Wirtschaft und Gesellschaft. Dieser Rolle, wie sie sich über die Jahrhunderte hinweg verändert hat, spürt er in allen Einzelheiten nach und erklärt daraus sowohl den Fortbestand der jüdischen Religion als auch die Wurzeln des Antisemitismus, mit dem andere gesellschaftliche Gruppen wiederholt auf das Judentum reagiert haben.
Die Ursache des modernen Antisemitismus, der im Rassenwahn der Nazis seine extremste Form fand, entdeckt er im Niedergang der kapitalistischen Gesellschaft. Hatte der Kapitalismus in seiner Aufstiegsphase die Juden noch assimiliert und integriert, so erweist er sich dazu in seiner Zerfallsperiode nicht mehr in der Lage: Die furchtbare Krise der kapitalistischen Ordnung im 20. Jahrhundert hat die Lage der Juden unerhört verschlechtert. Den aus ihren wirtschaftlichen Positionen im Feudalismus verdrängten Juden gelang es nicht, sich in die im Auflösungsprozeß befindliche kapitalistische Wirtschaft zu integrieren. In seinen Krisenanfällen verwirft der Kapitalismus selbst jene jüdischen Elemente, die er sich noch nicht völlig einverleibt hat. Überall entwickelt sich ein wütender Antisemitismus in den Mittelschichten, die an den kapitalistischen Widersprüchen zugrunde zu gehen drohen. Das Großkapital bedient sich dieses elementaren Antisemitismus des Kleinbürgertums, um die Massen um die Fahne des Rassismus zu mobilisieren. Die Juden werden zwischen zwei Systemen zerrieben: dem Feudalismus und dem Kapitalismus, von denen jeder den Fäulnisprozeß des anderen vorantreibt.
Der Zionismus entstand als Reaktion auf diese Entwicklung. Doch dieselbe Entwicklung macht ihn auch zur Illusion: Das jüdische Bürgertum ist verpflichtet, mit allen Mitteln einen eigenständigen Nationalstaat zu schaffen und den objektiven Rahmen für die Entfaltung seiner Produktivkräfte zu sichern und das zu einer Zeit, wo die Bedingungen einer solchen Entwicklung längst vorüber sind. Man kann ein Übel nicht ohne seine Ursachen beseitigen. Der Zionismus aber will die jüdische Frage lösen, ohne den Kapitalismus, die Hauptquelle der jüdischen Leiden, zu zerstören.
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978-3-88634-764-3 (9783886347643)
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Abraham Léon, geboren 1918 in Warschau, schloss sich in Belgien als Schüler der zionistischen Jugendbewegung »Hashomer Hatzair« an. 1940 brach er mit dem Zionismus und wurde Mitglied der trotzkistischen Vierten Internationale, deren belgische Sektion er während des Kriegs leitete. Aktiv an der Untergrundarbeit in belgischen Fabriken und an der antifaschistischen Propaganda unter deutschen Soldaten beteiligt, wurde er im Juni 1944 verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Er starb im selben Jahr in der Gaskammer.
I. Grundlagen für ein wissenschaftliches Studium der jüdischen Geschichte
1. Die vorkapitalistische Periode
2. Die Periode des mittelalterlichen Kapitalismus
3. Die Periode des Manufaktur- und des Industriekapitalismus
4. Der Niedergang des Kapitalismus
II. Von der Antike bis zu den Karolingern: Die Periode des kommerziellen Wohlstands der Juden
1. Vor der römischen Eroberung
2. Der römische Imperialismus - Aufstieg und Zerfall
3. Judentum und Christentum
4. Die Juden nach dem Untergang des römischen Reiches
III. Die Periode des jüdischen Wucherers
Die Beziehungen der Juden zu den anderen Klassen der Gesellschaft
1. Das Königtum und die Juden
2. Der Adel und die Juden
3. Das Bürgertum und die Juden
4. Das Verhältnis der Juden zu Handwerkern und Bauern
IV. Die Juden in West- und Osteuropa
1. Die Juden in Westeuropa nach der Renaissance. Die These Sombarts
2. Die Juden in Osteuropa bis zum 19. Jahrhundert
V. Die Entwicklung der jüdischen Frage im 19. Jahrhundert
VI. Die widersprüchlichen Tendenzen der jüdischen Frage in der Epoche der Entfaltung des
Kapitalismus
VII. Der Niedergang des Kapitalismus und die jüdische Tragödie im 20. Jahrhundert
1. In Osteuropa
2. In Westeuropa
3. Der Rassismus
4. Über die jüdische Rasse
5. Der Zionismus
VIII. Die Wege zur Lösung der jüdischen Frage
Der Autor

II.Von der Antike bis zu den Karolingern:
Die Periode des kommerziellen
Wohlstands der Juden


1.Vor der römischen Eroberung

Seit Urzeiten erfolgte der Warenaustausch zwischen Ägypten und Assyrien, den beiden ältesten Kulturzentren der antiken Mittelmeerwelt, über Syrien und Palästina. Der im Wesentlichen kaufmännische Charakter der Phönizier und Kanaaniter[38] entsprang der geografischen und historischen Lage ihrer Länder. Die Phönizier wurden das erste große Handelsvolk der Antike, weil ihr Land zwischen den beiden ersten großen Zentren der Zivilisation lag. Die assyrischen und ägyptischen Waren bildeten zu Anfang den Hauptgegenstand des phönizischen Handels. Dasselbe galt wahrscheinlich auch für die palästinensischen Kaufleute.[39] Nach Herodot waren die assyrischen Waren die ältesten und wichtigsten Artikel des phönizischen Handels. Nicht weniger alt war die Verbindung der Phönizier mit Ägypten. Die Legenden des biblischen Kanaan wie auch die phönizischen Sagen legen Zeugnis ab von den regelmäßigen, über See- und Landwege erfolgenden Beziehungen der Einwohner dieser Länder mit Ägypten. Herodot spricht auch von ägyptischen Waren, die von den Phöniziern vor langer Zeit nach Griechenland gebracht wurden.[40] Die geografische Lage Palästinas war ebenso günstig wie die Phöniziens für den Warenverkehr zwischen Ägypten und Assyrien.[41] Aber die Möglichkeiten der Schifffahrt, über die Syrien verfügte, fehlten ihm völlig. Phönizien hatte sich bis zum Überfluss mit allem versehen, was für Meerfahrten nötig war; libanesische Zedern und Zypressen lieferten ihm das Holz zum Bau, auch Kupfer und Eisen fanden sich im Überfluss in den libanesischen Bergen und in der näheren Umgebung. An der phönizischen Küste boten sich viele natürliche Häfen für die Schifffahrt an.[42] Nicht verwunderlich ist es auch, dass schon sehr früh phönizische Segelboote, schwer beladen mit ägyptischen und assyrischen Waren, alle antiken Seewege zu befahren begannen. »Diese politischen und merkantilen Verbindungen, in denen Phönizien schon seit 2000 v. Chr. mit den großen Staaten am Euphrat und Nil stand, hatten dann weiter die Ausbreitung des phönizischen Handels über die Küstenländer des arabisch-indischen Ozeans zur Folge.«[43]

Die Phönizier brachten die verschiedenen Völker und Zivilisationen der Antike einander näher.[44]

Lange Jahrhunderte hindurch behielten die Phönizier das Handelsmonopol unter den relativ entwickelten Völker des Orients und den unentwickelten Ländern des Okzidents. Zur Zeit der Handelshegemonie der Phönizier war der wirtschaftliche Stand der westlichen Mittelmeerinseln und Mittelmeerländer noch sehr zurückgeblieben. »Dies bedeutet nicht, dass der Handel in der Welt Homers unbekannt war, aber er bestand für die Griechen hauptsächlich aus Import . Rohmaterial oder Edelstoffe und die von fremden Seefahrern angebotenen Fertigwaren scheinen die Griechen meistens mit Vieh bezahlt zu haben.«[45]

Diese Situation, die sehr unvorteilhaft für die Einheimischen des Landes war, hält nur kurze Zeit an. Der phönizische Handel selbst wird ein hauptsächlicher Ansporn für die wirtschaftliche Entwicklung Griechenlands. Der Aufstieg Griechenlands wurde auch begünstigt durch die hellenische Kolonisation, die in großem Ausmaß zwischen dem 9. und 7. Jahrhundert vor Christus erfolgte. Die griechischen Ansiedler verbreiteten sich nach allen Richtungen im Mittelmeer. Die griechischen Städte vermehrten sich. Thukydides und Platon erklären die griechische Auswanderung durch den Mangel an Land.

Die Entwicklung der griechischen Kolonisation ist von einem (für die damalige Zeit) großartigen Aufschwung der hellenischen Industrie und des hellenischen Handels begleitet. Die ökonomische Entwicklung Griechenlands hat den kommerziellen Abstieg Phöniziens zur Folge. »Früher entluden die Phönizier in den griechischen Häfen ihre Waren, die sie gegen einheimische Produkte - wie es scheint, hauptsächlich gegen Vieh - eintauschten. Von nun an bringen griechische Seeleute[46] ihre Fertigwaren und Kunstwerke, ihre Stoffe, Waffen, Schmuckstücke und bemalte Vasen, deren Ruhm sehr weit reicht und die von allen Barbaren sehr begehrt sind, nach Ägypten, Syrien, Kleinasien, zu den Völkern Europas, wie den Etruskern, den noch ungebildeten Skythen, Galliern, Ligurern und Iberern.«[47]

Der wirtschaftliche Höhepunkt Griechenlands scheint in der Zeit zwischen dem 6. und 4. Jahrhundert vor Christus zu liegen. »Was diese neue Epoche kennzeichnet, ist die Tatsache, dass die Berufsarten sich vermehren, organisieren und spezialisieren. Die Arbeitsteilung ging schon sehr weit.«[48] Zur Zeit des Peloponnesischen Kriegs beschäftigten Hipponikos 600 Sklaven und Nikias 1000 in ihren Minen.

Diese bedeutende wirtschaftliche Entwicklung Griechenlands hat die meisten bürgerlichen Wissenschaftler dazu verleitet, von einem »griechischen Kapitalismus« zu sprechen. Sie gehen sogar so weit, Industrie und Handel Griechenlands mit der gewaltigen wirtschaftlichen Entwicklung des Industriezeitalters zu vergleichen.

In Wirklichkeit bleibt die Landwirtschaft die ökonomische Basis Griechenlands und seiner Niederlassungen. ». die griechische Kolonie ist fast immer: keine Handelskolonie, sondern Militär- . -kolonie oder Ackerbaukolonie.«[49] So berichtet Strabon über Cumae, eine griechische Siedlung in Italien, dass ihre Einwohner erst 300 Jahre nach ihrer Niederlassung entdeckt hätten, dass sich ihre Stadt in der Nähe des Meeres befand. Der primär landwirtschaftliche Charakter des Wirtschaftslebens der hellenischen Welt ist unbestreitbar. Es kann auch nicht die Rede von einer Industrie sein, die mit der modernen Industrie vergleichbar ist. »Organisation und Produktionsmethode sind handwerksmäßige geblieben.«[50] Nur die Bergwerke bieten vielleicht ein dem, was wir heute kennen, vergleichbares Bild - wenigstens was die Arbeitskraft betrifft.

Die Tatsache, dass Industrie und Handel trotz ihres großen Ausmaßes hauptsächlich in den Händen von Fremden geblieben sind, zeigt am besten ihre relativ untergeordnete Stellung innerhalb der griechischen Wirtschaft. »In dem riesigen Handelsnetz, dessen Mittelpunkt Athen ist, auch in der Industrie, überwiegt der Anteil der Nichtathener«.[51] Auf Delos, dem großen Handelszentrum, ergeben die Inschriften, dass fast alle Kaufleute Fremde waren.[52]

Der griechische Bürger verachtet Handel und Industrie. Er ist in erster Linie Grundbesitzer. Aristoteles und Platon sind dagegen, dass man Kaufleute in der Polis zulässt.[53]

Man muss sich also davor hüten, die Bedeutung der industriellen und kommerziellen Entwicklung Griechenlands zu überschätzen. Tatsächlich war die griechische Expansion hauptsächlich landwirtschaftlicher und militärischer Art. Sie ging jedoch einher mit einem für die damalige Zeit sehr bedeutsamen industriellen und kommerziellen Wachstum.[54] Die Griechen wurden nie ein Handelsvolk wie die Phönizier und die Juden; aber die griechischen Niederlassungen und später die hellenischen Reiche brachten es zu einem sehr beachtlichen Handels- und Industrieaufschwung. Es versteht sich von selbst, dass die griechischen Staaten, obwohl nicht wirklich merkantil, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Kräften Handel und Industrie, die ihre wichtigsten Geldquellen waren, förderten.

Der Zerfall des phönizischen Handels ist aber nicht allein auf die wirtschaftliche Entwicklung Griechenlands und seiner Kolonien zurückzuführen; ein anderer wichtiger Grund ist der wachsende Antagonismus zwischen Persien und Griechenland. Parallel zur Ausdehnung der hellenischen Zivilisation erfolgt der triumphale Siegeszug der Perser durch Asien. Das persische Reich erlangt seinen Höhepunkt im 5. Jahrhundert vor Christus. Es erstreckt sich über einen Teil Asiens und über Ägypten.

Die parallele Entwicklung der griechischen und der persischen Zivilisation musste dem phönizischen Handel den Todesstoß versetzen. Der Handel zwischen Asien und Europa wurde sicherlich sehr erschwert durch die Aufteilung des Mittelmeerraumes zwischen zwei einander feindlichen Großmächten. Die persische und die griechische Welt schufen jede für sich einen eigenen Handelsverkehr.

Man kann annehmen, dass Palästina, früher völlig von Phönizien abgelöst, mit dem phönizischen Abstieg und der Entwicklung des asiatischen Handels nach der Periode der persischen Eroberungen wieder eine zunehmend wichtige Rolle im Handelsverkehr spielt. Die Durchgangsstraße zwischen Ägypten und Babylon gewinnt ihre alte Bedeutung zurück. Während der phönizische Handel mehr und mehr von seiner antiken Bedeutung einbüßt, derart, dass »zur Zeit des Lukian Pökelfleisch den Hauptumsatz bildete«,[55] spielen die Juden im persischen Reich eine führende Rolle.

Bestimmte Historiker schreiben dem babylonischen Exil für die Transformation der Juden in ein Handelsvolk eine wichtige Rolle zu. In Babylon hätten sich die Juden »zu jenem Handelsvolk zu entwickeln begonnen, als welches wir sie in der Wirtschaftsgeschichte...

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