Tropensymphonie

 
 
Uksak E-Books (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 25. Januar 2018
  • |
  • 120 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7389-1694-2 (ISBN)
 
Kolumbiens Minengesellschaften, das heißt in diesem Fall die Smaragdmine in Muzo und die Platinmine in Choco, haben ihre eigene Vorstellung wie man seine Arbeiter, die sich für eine fünfjährige Arbeit verpflichtet haben, behandelt. Der Begriff "moderner Sklave" macht die Runde. Aber sie fangen sie nicht mit roher Gewalt ein, o nein, das ist gar nicht nötig. Es gibt auf der Welt genug arme Teufel oder Abenteurer, die den Traum von Reichtum und großem Glück träumen. Sie kommen freiwillig... Doch schnell merken sie, dass in den Minen, die für die Aktionäre ein Paradies bedeuten mag, ein anderer, viel rücksichtsloserer und schärferer Ton herrscht als sie sich je erträumt haben und die Arbeitsbedingungen geradezu menschenunwürdig sind. Es ist die Hölle. Und die erste ist Muzo. Wer jedoch glaubt, es kann nicht schlimmer kommen, der irrt. Es kann VIEL schlimmer kommen. Dann ist man sogar geneigt, diese erste Hölle als Paradies zu betrachten, nach der man sich sehnt. Und es kommt der Tag, an dem man den Tod, und mag er noch so grausam und schmerzhaft sein, mit offenen Armen empfängt...
  • Deutsch
  • 0,45 MB
978-3-7389-1694-2 (9783738916942)
3738916946 (3738916946)

Zweites Buch: FURIOSO ODER DAS PLATIN


Adios Muzo / Der Weg zurück / Moderner Sklaventransport / Wunden im Urwald / Reichtum des Landes / Die Männer von Choco / Ein Brief / Die Vierundzwanzig / Aufstand der Platinsklaven / Gedanken an einen Soldaten / Der Preis für die Freiheit / Die Gesichter des Todes

 

 

Adios Muzo

Tränen stehen in John Adams Safegrace Harkensmiths graublauen Augen, und er schüttelt uns ein übers andere Mal die Hände.

"Boys!", spricht er. "Boys, ich möchte lieber einen Elefantenbullen auf zehn Schritt Entfernung mit der Büchse fehlen, als euch verlieren. By Gosh, ihr seid mir ans Herz gewachsen in diesem verdammten Tollhaus hier!"

Reisefertig, das heißt jeder mit einem japanischen Reisstrohköfferchen ausgerüstet, stehen Sam, ich und fünf andere Männer vor der Wellblechbaracke. Harkensmith hat Urlaub erbeten, sonst müsste er arbeiten, denn der Betrieb ist in vollem Schwung. Es kracht, poltert und dröhnt in der Runde. Der wilde aus dem Urwald herausströmende Rio Minero rauscht durch das Röhren und Kanalsystem von Muzo. Orangerote Staubwolken, die nach jedem Sprengschlag pilzartig aufstieben, zerflattern wieder in der heißen dünnen Luft. Ja, so dünn ist die Luft, dass man ohne Coca, jener Pflanze, aus der das Kokain gewonnen wird, überhaupt nicht lange leben könnte. Deshalb kaut hier jeder Coca!

Wir waren bereits in der Verwaltung, wo man uns väterlich fragte, wer geneigt wäre, nach Choco überzusiedeln. Natürlich müssten wir die Transportkosten tragen, aber der Tageslohn in den Platinminen betrage ja auch einen Peso mehr!

Selbstverständlich haben wir beide uns sofort gemeldet, denn für uns steht es fest, dass wir von Choco aus versuchen werden, entweder nach Ecuador oder nach Brasilien zu fliehen. Es tut uns leid, den alten Elefantenjäger zu verlassen, der jetzt beim Abschiednehmen fortwährend mit den Ohren wackelt, ohne dass er es zu wissen scheint.

"Well, Boys, ich werde euch schreiben, wie's hier weitergeht, verlasst euch drauf. - Und es wäre eine Teufelsfreude für uns, wenn wir uns mal später in Südafrika treffen könnten. Es ist das beste Land, das Gottes Sonne bescheint!"

"Oho!", trumpft der als echter Amerikaner in seinem Nationalstolz gekränkte Sam auf. Doch der Alte winkt lächelnd ab. "Ja, glaub's mir, es ist so, Yank! - Na, wenn wir uns da mal treffen könnten, so würde ich euch ein Fest geben. Falls ihr also mal nach Nairobi kommen solltet, erkundigt euch beim Generalpostmaster nach John Adams Safegrace Harkensmith, und er wird's euch sagen, und sollte ich auch gerade auf der Spitze des Kibo sitzen! - Doch seht den armen Teufel dort!"

Seine Hand weist auf den Pfad neben der Hauptrinne der Wasserleitung. Zwei Soldaten tragen dort jemand auf der Bahre zum Hospital. Während der drei Monate hier in Muzo sah ich oft derartiges. Es mag ein Fieberkranker, ein Verrückter oder ein Selbstmörder sein. - Dreimal dreißig Tage Dasein hier in den Minen haben mich und andere dagegen abgestumpft, und die Hauptsorge war der Gedanke, dass man nicht selbst auf der Bahre lag. Aber heute - heute krampft ein eigenartiges Gefühl mein Herz zusammen, und ich kann kaum den Blick von der stillen, dort vorbeigetragenen Gestalt wenden.

Donnerschläge von Dynamit und Nitroglyzerinladungen krachen. Die Erde zittert, die dünne heiße Luft presst sich beängstigend in die Lungen. Weiß schäumt der Rio Minero aus dem hässlichen Urwaldsaum. Und still liegt der Mann auf der Bahre, die hin- und herschwankt.

"Vergesst nicht! Selbst wenn ich auf dem Kibo sitze, so werdet ihr in Nairobi erfahren, wo ich bin!", unterbricht der Elefantenjäger meine Gedanken. Und der Aufseher naht jetzt. "Adelante, Muchachos, auf nach Choco, um Platin zu graben!", überbrüllt er den Lärm, und im Gänsemarsch folgen wir ihm den Pfad hinab.

Aus einer Schlucht taucht die kakigekleidete Gestalt des ewigen Juden auf. Breitbeinig stellt er sich in den Weg, sodass jeder von uns ihn streifen muss. Und er lacht, lacht wie der seine Opfer musternde Oberteufel in der Hölle! Die Galle steigt mir ins Blut. Mit voller Berechnung und doch scheinbar ohne Absicht remple ich ihn an, dass er taumelt.

"Halt!", kreischt er so laut, dass der führende Aufseher vorne stehenbleibt.

"Sie melden sich heute Abend bei mir. Schwein!", brüllt er. Sonderbar, er brüllt mit Macht, und dennoch tönen die Worte nur schwach an mein Ohr. Denn die Welt von Muzo, diese donnernde, dröhnende Welt der Minen befindet sich in voller Arbeitsschicht.

"Señor, die Leute hier gehen heute nach Choco!", ruft der Aufseher.

Jener, den sie den ewigen Juden nennen, stiert mich wütend an, zückt die Fäuste, und ich halte die meinen deckend vors Gesicht. Da lässt er die Arme sinken. "Mögen dir die Hände in den Platingruben abfaulen! Und .", kreischt er weiter, dicht vor mich hintretend, "die Annuschka, weißt du - na, das Mädel kriegt heute Abend Prügel, die sich gewaschen haben. Denk' daran, wenn du ins Quartier kommst!"

Zwei Schritte rückwärts tretend, gibt er den Weg frei. Fast unter seinen Absätzen gähnt ein enger, vierzig Meter tiefer Schacht, der unten, wie ich weiß, mindestens zehn Fuß Schlammbrei hat. Seit neulich zwei Mann von dem plötzlich auftretenden Grundwasser darin überrascht wurden und wie Mäuse ersoffen, ehe man sie retten konnte, hat man dort vorläufig jede Arbeit eingestellt.

Ein zwingender Gedanke packt mich. Jetzt nur ein kleiner Stoß mit der rechten Schulter - und der ewige Jude hat ausgelebt, ehe sie ihn aus dem zähen Brei herausgezogen haben! Eine harte Hand hält mich aber am Arm fest. Sam schiebt mich gewaltsam vorwärts, an dem nichtsahnenden "Ewigen", vorbei.

Langsam schlängelt sich unser kleiner Zug zur Verwaltung hin. Unterwegs werfe ich noch einen Blick auf die Juanita, deren eiserne Kinnladen eben einen Strom Gestein ausspeien. Ein halbnackter, schweiß-bekrusteter Mann, dessen verzweifelte Augen mich kurz anblicken, schaufelt die Wagen voll. Mit tiefer Genugtuung, dass mir diese verdammte Höllenmaschine nicht mehr das Geringste anhaben kann, marschiere ich weiter.

Im Hospital untersucht uns Mann für Mann die Maschine des "weisen Sabio aus dem Lande Alemania". Niemand hat jedoch Smaragde im Magen; die Ärzte beglückwünschen uns, und anschließend hält uns der kaltschnäuzige Generaldirektor in seinem Heiligtum eine lange Rede, von der ich nur die Worte behalte: "Ehrliche und tüchtige Arbeiter können in diesem Lande ihr Glück machen!"

Hm, denke ich, der Señor hat recht, aber wäre es nicht noch besser für Arbeiter und Arbeitgeber, wenn man Muzo ein klein wenig verbessern und ein wenig menschenwürdiger aufziehen würde? -

Wir marschieren auf dem traurigen Weg zu dem traurigen Wachtgebäude am Stacheldraht. Der kleine Harkensmith ist vor Erregung fast aus dem Häuschen geraten. Je gedämpfter der Lärm der Minen wird, desto lauter ertönt seine Stimme. "Boys, schreibt! - Ach Gott - ich werde mir heute einen antrinken vor lauter Kummer! - Vergesst nicht: Generalpostmaster in Nairobi! Ach, da ist die Pforte!" Die Soldaten stehen vor dem Wachthause und grinsen freundschaftlich. Nochmals werden wir untersucht, und dann geht's zum Tore hinaus. Harkensmith hat uns umarmt, und nun sehe ich, wie er, ohne sich umzuschauen, zurück zu den Minen rennt - dem Getöse entgegen, das für uns leiser und leiser wird. Eine Abteilung Soldaten begleitet uns, und was erblicke ich? Wem gehört dieses schwarze, mit weißlichen Pockennarben besäte, leutselig lächelnde Gesicht unter dem zerknüllten Sombrero? Wer zeigte stets eine Vorliebe für knallrosa seidene Hemden, die immer schmutzig waren?

"O Golly und lieber Jesus! Dieses schwarze Kind ist verdammt glücklich, wenigstens zwei von euch lebendig zu sehen!", ertönt der gemütliche Dialekt der Mississippiplantagen, und Don Rafael schüttelt Sam und mir die Hände. Nachdem er sich nochmals prüfend die Reihe angesehen hat, schlägt er ein Kreuz und murmelt ernsthaft: "Für euren Kameraden, den Schweigsamen, müsst ihr doch etwas ." "Well, Don Rafael, wie weit bringen Sie uns, amigo?", frage ich lebhaft, denn Sam beginnt bereits ein böses Gesicht zu machen. Der Schwarze antwortet Spanisch: "Bis Bogotá, Amigos. Von dort kommt ihr nach Santàta und dann Choco. - Doch seht, Muchachos, da halten schon die Autos! - Viva el Señor Ford! - Und da steht auch der brave tapfere Señor Lopez, Leutnant der Cazadores de Bogotá!" Langsam, fast schwerfällig, besteigen wir die Lastwagen. Leutnant Lopez nickt uns zigarettenrauchend zu, und ich muss plötzlich an Jules denken. Jules den Franzosen, der ein feiner Kerl, aber ein armer, armer Teufel war. Wir werden an seinem Grab vorbeifahren. Ich weiß gar nicht mehr, ob es unter einer Lebenseiche oder unter einer sogenannten Regenschirmpflanze mit ihren gigantischen Blättern ist.

Die Autos rumpeln los. Der Lärm von Muzo, wo tausend Arbeiter sich die Seele aus dem Leibe schuften, ist versiegt. Und nun kommt das andere Muzo! Das Muzo der Frauen mit den Keuschheitssteinen, das Muzo der Rumbana, die mir Floripondio geben wollte. Das Muzo der Annuschka mit den strohblonden Haaren und den Augen, die so merkwürdig grün wie geschliffene Smaragde sind .

 

 

Der Weg zurück

"Weißt du noch, dass es dort war?" Sam zeigt auf einen grünbewucherten Hügel hinter den Häusern des Tambos, in dem einst Bürgermeister "Feuerschnauze" regierte.

"Boys, dieses schwarze Kind rät euch, alte Sachen nicht mehr aufzurühren. Tote werden dadurch nicht lebendig!", sagte Rafael,...

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