Löhndorff Gesamtausgabe #1: Yangtsekiang - Ein China-Roman

 
 
Uksak E-Books (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 30. November 2017
  • |
  • 200 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
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978-3-7389-1516-7 (ISBN)
 
Ein Jahr saß der Deutsche Hans Wendt unschuldig in einem chinesischen Gefängnis.Jetzt ist er wieder frei, aber völlig mittellos- und er hat nach chinesischem Denken "sein Gesicht verloren". Der Geschäftsmann Tschang Pi bietet ihm einen Job weiter flussaufwärts an. Wendt soll Unregelmäßigkeiten in einer Mine untersuchen. Auch Tschang Pi und seine Tochter Ma Yü reisen auf demselben Dampfer nach Norden- sowie die Deutsche Ursula Kirsten, die ebenfalls in den Diensten des Geschäftsmannes steht und sich um Tschang Pis junge Tochter kümmern soll. Auf dieser Fahrt kommt Wendt mit den beiden Frauen in Kontakt, und er verliebt sich in Ursula. Deren Wege trennen sich jedoch bald wieder- das Schicksal wird aber dafür sorgen, dass sich die beiden Liebenden wenige Wochen später unter dramatischen Umständen wiedertreffen werden. Es ist die Zeit des blutigen Krieges zwischen China und Japan- und die in China lebenden Europäer werden in die Auswirkungen dieses Krieges mit hineingezogen. Hans Wendt und Ursula Kirsten sind davon betroffen- aber auch die junge Ma Yü... Ernst F. Löhndorff stellt mit diesem Roman unter Beweis, dass er ein exzellenter Kenner Chinas und dessen Kultur war. In wortgewaltiger bildhafter Sprache erzählt er von dem ungewissen Schicksal zweier Menschen, die in den Wirren des Krieges zueinander finden.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Neue Ausgabe
  • 0,45 MB
978-3-7389-1516-7 (9783738915167)
3738915168 (3738915168)

Im Büro des Gefängnisdirektors von Hongkong war es sehr heiß. Zwar brummten die elektrischen Ventilatoren unermüdlich, doch brachten sie keine Kühlung, denn durch die offenen Fenster und Türen quoll unablässig, als unsichtbarer Strom, die feuchte, erschlaffende Tropenwärme.

Vom zweiten Hof her ertönte das jammernde Geschrei eines chinesischen Taschendiebes, der von einem als "Hongkongpolizist" im britischen Dienst stehenden Landsmann mit kräftigen Stockhieben zu einem Geständnis ermuntert wurde.

Der weiß uniformierte und wohlbeleibte Gefängnisdirektor zwinkerte vergnügt mit den hellen, fettunterpolsterten Augen. Sein rundes, glattrasiertes Gesicht legte sich in wohlwollende Falten, und mit den kurzen, knubbligen Fingern der Rechten trommelte er einen unhörbaren Marsch auf der tintenbespritzten Tischplatte. Dabei betrachtete er aufmerksam einen ihm gegenüberstehenden Mann. Dieser war groß und breitschultrig und trug das aufreizend rote Haar nach der Gefängnissitte halb-kurz geschoren. Sein sommersprossiges Gesicht war beinahe regelmäßig und hätte gutmütig ausgesehen, wenn nicht das mächtige Kinn und ein zeitweiliger trotziger Zug um den Mund ihm etwas Draufgängerisches verliehen hätten. Erhöht wurde dieser Eindruck noch durch die kühn blickenden, grau-blauen Augen. Er steckte in einem groben, hässlichen Drillichanzug, der um die Hüften viel zu weit und überall in unregelmäßigen Abständen mit plumpen roten Pfeilen bedruckt war.

Wieder zwinkerte der Beamte in schlecht verhehlter Zufriedenheit, wie sie ein gutes zweites Frühstück und eine vortrefflich bezahlte, mit wenig Mühe verbundene Stellung mit sich bringen. Das Geschrei im Hof verstummte. Wie gewaltiges und doch gedämpftes Summen, von einzelnen schrillen oder metallisch klirrenden Lauten ununterbrochen durchgellt, hing der Lärm der menschenvollen Stadt in der Luft. Von der Bai wehte das Tuten eines großen Passagierdampfers herüber und erstickte plötzlich in dem überirdischen, wütenden Aufheulen eines britischen Torpedobootes.

Die Finger des Uniformierten hörten auf zu trommeln. Und mit wunderbarer, von langer Übung zeugender Geschicklichkeit sank er etwas tiefer in seinen Sitz zurück und schwenkte gleichzeitig die kurzen Beine vor sich auf den Tisch, sodass das Tintenfass von den weißbeschuhten Füßen eingerahmt war.

Sorgfältig entnahm er dem Bastetui eine Manila, biss die Spitze mit den kräftigen Zähnen ab und zündete sie genießerisch an. Nun warf er einen raschen, gewohnheitsmäßigen Blick auf das große, an der Wand hängende Bild des englischen Königspaares und sprach dann vorwurfsvoll, wie man mit einem Kind redet, das man nicht gerne bestrafen will, zu dem Rothaarigen: "Aber mein bester Mister Wendt, ich dachte wirklich Wunder, was Sie mir zu eröffnen hätten, als Sie um diese dringende Unterredung nachsuchten! Es ist die achte seit Ihrem Hiersein!"

"Ich habe um diese Unterredung bereits vor sieben Wochen vorschriftsmäßig gebeten, Sir!", erwiderte der Angeredete mit fester Stimme.

Behaglich nickte der Dicke. "Weiß ich, weiß ich, mein lieber Wendt - oder soll ich Sie, wie ich es eigentlich müsste, Gefangener Nummer 638 nennen? Nun, ich will ein Auge zudrücken, da Sie ein weißer Mann sind und eine geachtete Stellung einnahmen, ehe Sie den beklagenswerten Pfad der Sünde und Finsternis beschritten!"

Er machte eine kleine Pause, und es schien, als ob er wohlgefällig dem Echo seiner eigenen Stimme nachlausche, ehe er weitersprach: "Ein Gefängnisdirektor in Seiner Majestät - Gott segne sie! - Kronkolonie Hongkong hat sehr viel zu tun und kann nicht gleich jedem Gesuch nachgeben!"

"Aber ich bin unschuldig, Sir, vollkommen unschuldig, und ich protestiere immer wieder gegen diesen schmachvollen Rechtsspruch, der mich, auf eine abgekartete Sache hin, zu einem Jahr Gefängnis verurteilte!"

"Weiß ich, weiß ich, mein Lieber. Unschuldig sind sie immer alle! Doch das war Sache des Richters, der Sie verdonnert hat. Sogar Ihr eigener Konsul will nichts mehr von Ihnen hören, da er von Ihrer Schuld überzeugt ist! Aber warum denn diese echt deutsche Hast und Überstürzung, lieber Wendt? Nehmen Sie sich doch, da Sie ja schon geraume Zeit im Fernen Osten sind, ein Beispiel an orientalischer Geduld oder, noch besser, an britischer Gelassenheit. Ihr Jahr ist ja fast herum, es fehlen nur noch ein paar Wochen daran. Glauben Sie mir, es hat schon mancher schuldig oder unschuldig im Kittchen gesessen und wurde nachher doch ein angesehener, von Seiner Majestät - Gott segne sie! - geadelter Mann. Aber Sie müssen vernünftig werden. Nur um mir, der ich gar nicht befugt bin, solch dummes Zeug anzuhören, wieder mal Ihre sogenannte Unschuld anzupreisen, haben Sie meine wirklich kostbare Zeit in Anspruch genommen?"

Er schielte nach der Uhr, ob es noch nicht an der Zeit sei, in den Klub zu gehen, und fuhr dann fort: "Ich dachte, heute wirklich etwas anderes, Vernünftigeres von Ihnen zu hören. Sie haben doch die beste Gelegenheit, Ihre Mitgefangenen auszuhorchen! Zum Beispiel könnte man annehmen, dass Sie bei den gemeinsamen Spaziergängen mit dem Gesindel - hehehe, klingt nett, nicht wahr? - also dass Sie bei diesen, der Freude und Erholung gewidmeten Spaziergängen rund um den zementierten Hof unseres Institutes - hehehe! - allerlei zu hören bekommen! Sie sprechen doch ganz leidlich Kantonesisch und auch etwas Mandarin und könnten den Behörden außerordentliche Dienste leisten, wenn Sie herausbrächten, ob Ihr gelber Zellennachbar zu den Piraten der Bias Bai gehörte, die neulich den kleinen Küstendampfer ausgeplündert haben? Unverschämtheit so etwas, dicht vor Hongkong! Und ob das einäugige Halbblut - der Wärter berichtete mir vorhin wahrhaftig, dass der Kerl sich eine Ratte gezähmt hat, die in seiner Zelle aus- und einschlüpft! - ob dieser Bursche bei dem Überfall in der Nathan Road neulich in Kaulun drüben beteiligt war!

Aber stattdessen kommen Sie her und stehlen mir meine kostbare Zeit, um mir zu erzählen, dass Sie unschuldig sind. Goddam, Mann, man hat doch bei Ihnen, dem kontrollierenden Ingenieur der Bahn zwischen Kaulun und Hankau, als Sie in Kanton einstiegen, im Koffer ganz beträchtliche Mengen von Heroin und Kokain gefunden, die Sie in die Kronkolonie Seiner Majestät - Gott segne sie! - einschmuggeln wollten. Es war doch Ihr Koffer! Und zwölf Monate für ein solches Delikt sind eine milde Strafe!"

Angriffslustig schob Wendt sein Kinn vor und protestierte hartnäckig: "Ich bin aber unschuldig, Sir! Irgendein Chinese oder auch ein Weißer, vielleicht war es sogar ein Brite, der neidisch auf meinen schönen Posten war, hat das Rauschgift in meinen Koffer gepackt, als ich im Speisewagen saß!"

"Well, well, möglich ist alles. Aber das geht mich doch nichts an! Tatsache bleibt, dass es eine Ungeheuerlichkeit sondergleichen ist, wenn ein Beamter, wie Sie es waren, Heroin und Koks schmuggelt. Die Herren der Eisenbahndirektion, der, wie Sie wissen, auch einflussreiche Chinesen angehören, waren, wie ich nachträglich hörte, sehr ungehalten über Sie, und einer davon, der sehr ehrenwerte Mister Tschang Pi, hat das Höchstmaß an Strafe für Sie verlangt!"

Wendt stieg das Blut ins Gesicht. "Was, Tschang Pi? Der mich seinerzeit in Schanghai in Dienst stellte? Das ist doch fast unmöglich!"

"Derselbe! Aber, goddam, Mann - hehehe - nehmen Sie die kleine Sache doch nicht so tragisch! Wenn Ihre Zeit herum ist, treten Sie in unseren Polizeidienst oder, wenn Ihnen das nicht passen sollte - nun, China ist groß und steckt voller Möglichkeiten für tüchtige Leute -, gehen Sie doch in die Armee des Marschalls Tschiangkaischek! Vielleicht haben Sie dabei Gelegenheit, dem sehr ehrenwerten Eisenbahnpräsidenten und Millionär, Herrn Tschang Pi, ordentlich eins auszuwischen! Und gleichzeitig, wenn Sie in des Marschalls Hauptquartier sind, können Sie Augen und Ohren aufbehalten. Sie wissen, England liegt viel am Frieden der Welt - und der Secret Service zahlt recht gut, wie ich, Ihnen im Vertrauen zu sagen, von gewisser Stelle aus ermächtigt wurde. Hehehe, trefflich, nicht wahr? Der Ferne Osten bietet, wie ich ja schon sagte und wie Sie auch wissen, ungeahnte Möglichkeiten!"

Die grau-blauen Augen des Deutschen weiteten sich vor Staunen.

"Secret Service?"

"Ja!", nickte der andere und beobachtete verstohlen das Gesicht seines Gegenübers, auf dem sich ein nachdenklicher Zug ausprägte. "Bin ich dann", fragte Wendt langsam, "bin ich dann, wenn ich aus dem Gefängnis komme und in Ihre Dienste trete, wieder ein Gentleman, das heißt, ein Ehrenmann?"

Eine lange Pause entstand. In der Bai tuteten hastende Dampfer. Propellerdröhnen drang vom Flugplatz KaiTak herüber. Pfiffig betrachtete der Brite den Deutschen, ehe er...

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