SchattenWolf

Ein Weserbergland-Krimi
 
Nané Lénard (Autor)
 
Niemeyer C.W. Buchverlage
1. Auflage | erschienen am 27. September 2011 | 368 Seiten
 
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978-3-8271-9608-8 (ISBN)
 
Wer ist die mysteriöse Tote auf dem Gelände der alten Frankenburg? Und warum findet die Rechtsmedizin merkwürdige Flecke auf ihrem Rücken? Die Kommissare Wolf Hetzer und Peter Kruse tappen völlig im Dunklen, während im Wald das Grauen lauert, von dem sie nichts ahnen. Denn wer kennt die Schatten einsamer Nächte und was hat es mit den Kindern des Mondes auf sich? In der Nacht brennt das Licht im Verließ der Schaumburg. Dort lebt die Schuld vergangener Tage. Spät, viel zu spät hat Hetzer eine Ahnung des Bösen, das sich nicht greifen lässt. Es führt ihn an den Abgrund seines Verstandes.
Deutsch
8,85 MB
978-3-8271-9608-8 (9783827196088)
3827196086 (3827196086)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Die Sünde


An einem lauen Sommertag in den späten 70er-Jahren

Es hieß, sie war nach der Linde benannt, die auch heute noch nach vierhundert Jahren vor dem Torhaus der Schaumburg stand. Sieglind. Ein schrecklicher Name für einen Teenager in einer Zeit, wo andere Kathrin oder Ingrid heißen durften.

Heute streckte sie dem Baum, der in der Mitte so aussah, als sei ein Blitz in ihn gefahren, die Zunge raus. Es war ihr egal, dass das junge Ding, das man damals als Hexe verbrannt hatte, zum Zeichen seiner Unschuld einen Ableger in die Erde gesteckt hatte. Und das blöde Reisig war tatsächlich angewachsen. Dieser Umstand hatte dazu geführt, dass sie später so heißen musste. Vielleicht war das aber alles auch nur eine alte Geschichte, die sich jemand ausgedacht hatte.

Sieglind war das heute egal. Auf der Schaumburg war eine Mittsommerparty. Eigentlich durfte sie nur bedienen und sollte sich dann zurückziehen, aber sie hatte eine andere Idee. Vater würde es sowieso nicht bemerken. Nach Mutters Tod vor drei Jahren trank er ganz gerne ein Gläschen mehr. Niemand würde auf sie achten, wenn sie sich später am Abend ein bisschen schick machte und irgendwo am Rand mitfeierte.

Gegen zehn Uhr sagte sie ihrem Vater „Gute Nacht“ und verschwand in Richtung Vorburg. Schnell die Strumpfhose aus und rein in das Sommerkleid. Den Zopf bürstete sie aus und steckte sich zwei Spangen ins Haar. Irgendwo dahinten im Schrank war noch Schminke von Mutter. Sie trug ein bisschen Lidschatten auf und malte die Lippen rot. Ein Blick in den Spiegel sagte ihr, dass sie für ihre vierzehn Jahre schon ganz schön erwachsen aussah, wenn sie sich fertigmachte. Vielleicht hätte Vater sie so sowieso nicht erkannt. Aber Vorsicht war besser. Sie lugte aus der Tür und ging ganz dicht an der Mauer der Tordurchfahrt entlang. Als sie außer Sichtweite war, rannte sie zum Treffpunkt an der verhassten Linde.

Armin, Dieter, Uschi und Hella waren schon da und sie hatten ihren Gast aus Spanien dabei. Sieglind bekam weiche Knie.

„Mensch, da bist du ja endlich, Siggi! Ich dachte schon, wir würden hier Wurzeln schlagen, wie die Linde.“

„Jetzt seid doch nicht so ungeduldig. Los, kommt mit.“

Leise schlichen sie durch das Torhaus. Sieglind winkte sie auf die linke Seite und öffnete das Gartentor.

„Los, los, jetzt macht schon. Ich will nicht, dass wir erwischt werden. Und seid nicht so laut.“

Die Nacht war lau und in diesem Moment schob der Wind auch noch die letzte Wolke vom fast vollen Mond. Dieter kicherte.

„Mensch, Siggi, du hast dich aber schön gemacht. Hast du heute noch was vor?“

Sieglind verdrehte die Augen und stieß ihn in die Seite.

„Schönen Dank auch, Dieter! Du bist ein Idiot.“

Vom Burghof weiter oben konnten sie die Musik spielen hören. Die Lichterketten tanzten dazu. Jetzt, zu späterer Stunde, wurden die Titel langsamer und ruhiger. Zeit für Gefühle und Sehnsüchte, die durch den Alkohol an die Oberfläche drangen und wehmütig machten.

Dieter und Hella hatten es nicht lange ausgehalten und waren im Dunkel irgendwohin verschwunden. Armin und Uschi klebten aneinander, sodass zwischen Siggi und dem spanischen Gast, Jesus, eine peinliche Stille entstand. Als die Münder der Knutschenden endlich für einen Moment voneinander abließen, flüsterten sie nur kurz, dass sie bald wieder da sein würden, und liefen eilig davon, als ob sie ein dringendes Bedürfnis hätten.

Jesus ließ sich ins Gras auf den Rücken fallen und lachte leise. Seine schwarzen Locken glänzten im Mondlicht und umrahmten sein Gesicht.

„Was hast du?“, fragte Siggi, löste mit einem Griff die Spangen aus ihrem Haar und legte sich neben ihn.

„Weil ich in einem fremden Land mit einer fremden Frau auf fremdem Boden liege.“

„Aber der Mond ist derselbe!“, flüsterte Siggi.

„Ist er nicht!“

„Wieso nicht?“

„Bei euch ist der Mond männlich, bei uns weiblich! Das ist ein großer Unterschied.“

„Meinst du, das Licht ist dann ein anderes?“

„Ganz bestimmt. Eine spanische Mondfrau würde dich vor lauter Eifersucht blass und faltig machen, dein Mond küsst dir ein Lächeln ins Gesicht. So wie ich!“

Er hatte sich auf die Seite gedreht und ihr einen Kuss auf die Wange gegeben. Sie lächelte.

„Siehst du!“

„Und was kann unser Mond noch?“

„Er kann wie alle Männer sehr verschwiegen sein oder sich hinter einer Wolke zurückziehen.“

Mit dem dunkler werdenden Nachtlicht verschwammen die Konturen der Gesichter, die sich gleichzeitig näherkamen.

„Du bist eine wunderschöne Frau!“, sagte Jesus. „Noch nie habe ich Haar wie deines gefühlt. Dein Duft wird mich in meinen Träumen begleiten.“

„Aber du bist kein Werwolf, oder?“ Siggi kraulte schmunzelnd sein volles Haar, während sie ihn küsste und dabei mit der Zunge seine Zähne fühlte.

„Ich weiß nicht, was das ist, aber für dich kann ich auch ein Werwolf sein, wenn du es möchtest.“

„Lieber nicht!“, antwortete Siggi und zog ihn an sich.

Im Rausch der Sommernacht verschmolz die Musik mit den letzten Vogelstimmen. Alles entfernte sich, wurde unwichtig. Da waren auf einmal nur noch Düfte und leises Flüstern – und Hände, die auf Entdeckungsreise gingen. Die Kleidung, diese lästige Barriere, wurde geöffnet oder weggeschoben, weil sich Haut auf Haut sehnte.

Immer heißer wurden die Küsse, verlangendes Drängen nach mehr schien die Luft dünner zu machen. Siggi keuchte, es war so schön, das Gefühl, doch was machte er jetzt mit seinen Fingern. Waren es Finger? Es tat weh. Mit einem Mal kehrten die Geräusche zurück, sie zuckte vor Schmerz zusammen und vor ihm. Fühlte etwas Klebriges auf sich und an ihren Händen.

Dann rannte sie fort und wollte ihn niemals wieder sehen.

Sünde, alles Sünde. Sie zitterte, sie hatte Angst. Vater hatte ihr gesagt, sie solle sich von Männern fernhalten, vor allem jetzt, wo Mutter tot war. Sie mussten zusammenhalten, hatte er gesagt. Aber Jesus war doch noch kein Mann gewesen. Und nun? Was nun? Nun war sie befleckt. Sie roch an ihren Händen. Jetzt wusste sie, was damit gemeint war. Es war aus ihm herausgekommen, als es begann, plötzlich wehzutun, da unten.

Sie war befleckt, war gezeichnet von der Sünde. Es roch an ihr, sie stank nach Sünde. Tränen liefen über ihre Wangen, als sie versuchte, sich unbemerkt zurückzuschleichen. Leise drückte sie sich an der Burgmauer entlang. Die Gäste waren längst fort. Sie hatte die Zeit vergessen. Und doch hatte sie das Gefühl, als ob tausend Augen sie sehen konnten und das, was sie getan hatte. Der Wind kreischte in den hohen Bäumen und die Grillen lachten dazu. Sie liebte die Burg, doch heute wollten die Schatten von Haupthaus und Bergfried sie erdrücken.

Sie erreichte den Eingang der Vorburg und hoffte, dass die Tür wenigstens heute nicht knarrte. Sie war viel zu spät. Alle Lichter waren aus, die Gaststätte oben war längst geschlossen.

Vater würde schon in ihrer Wohnung im Torhaus sein. Gut, dass er sie im Garten nicht gesehen hatte. Hoffentlich schlief er schon und hatte nicht bemerkt, dass sie nicht da war.

Gott sei Dank, der Riegel ließ sich fast geräuschlos öffnen. Innen war alles ruhig. Schnell in die Küche, dachte sie. Da konnte sie sich das Gesicht abwaschen, die Schminke war eh vom Heulen verlaufen – und den Körper, der ihr plötzlich fremd war, der nicht mehr nur ihr gehörte und der nach ihm roch. Sie wollte sauber sein, sich reinigen von den letzten Stunden, als ob es sie nie gegeben hätte. Dann würde sie vielleicht vergessen können, worauf sie sich eingelassen hatte.

Schnell und lautlos streifte sie das Kleid und die Unterwäsche ab – die Strumpfhose hatte sie vorhin schon ausgezogen – und warf alles in den Wäschekorb im Hauswirtschaftsraum. Hier konnte sie niemand hören, das Bad war zu dicht an Vaters Schlafzimmer. Sie band die Haare zu einem Zopf zusammen, ließ das Wasser laufen und wartete, bis es langsam warm wurde.

„Wo kommst du jetzt her?“

Vater hatte mit einem Ruck die Küchentür aufgerissen. Er stand wütend im Rahmen. Sie konnte riechen, dass er getrunken hatte.

„Ich bin noch ein bisschen spazieren gegangen.“

„Nackt?“

„Nein, ich habe mich gerade ausgezogen. Die Sachen sind in der Wäschetruhe.“

Vater öffnete die Tür zum Wirtschaftsraum und hob den Deckel.

„Ah, das Fräulein hatte sich schick gemacht! Hat es etwa einen Verehrer?“ Er rümpfte die Nase, hob das Kleid und roch daran. „Was ist das für ein Gestank?“

„Keine Ahnung. Woher soll ich das wissen? Ich bin nur ein bisschen in der Nachtluft spazieren gegangen.“

„Dann will ich es dir sagen. Das ist der Geruch einer geilen Nutte, die es mit jedem treibt. Bist du so ein verhurtes Dreckstück, das einfach die Beine breit macht? Für jeden? Wie viele meiner Gäste hast du schon rangelassen?“

Siggi war entsetzt.

Sie begann zu weinen. Es war falsch gewesen. Sie war schuldig, das wusste sie. Sie hätte sich nicht mit ihm einlassen dürfen, aber sie konnte kein Wort herausbringen.

„Sag endlich was, du verlogenes Stück. Wie lange treibst du es schon hinter meinem Rücken?“

Siggi schluchzte. „Es war nicht so. Ich wollte doch nur …“ Die Worte blieben ihr weg. Vater wurde immer ungehaltener.

„Was wolltest du? Spaß haben? Es dir ordentlich besorgen lassen? Das kannst du haben!“

Mit diesen Worten packte er sie am Pferdeschwanz und schob sie in die Küche zurück. Siggi geriet in Panik.

„Papa, aua, das ziept, was machst du?“

„Das wirst du...

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