Mendels Wünsche: Zwischen Wien und Haifa liegt das große Meer

 
 
Verlagshaus Hernals
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Juni 2020
  • |
  • 228 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-902975-65-2 (ISBN)
 

Mendel Kohn ist zwölf Jahre alt. Er wandert 1947 mit seinen Eltern nach Palästina aus. Seine Freundin Lotte wächst im Wien der Nachkriegsjahre auf. Briefmarken sind ein fast unerschwinglicher Luxus. Dennoch halten die beiden ihre Freundschaft fortan mittels Briefen aufrecht. Zu schreiben gibt es viel. Mendel lernt das Leben in einem Kibbuz kennen und sehnt sich nach Frieden mit den Arabern. Lotte vermisst Mendel und versucht, sich an ihren aus der Gefangenschaft heimgekehrten Onkel zu gewöhnen. Eines Tages landet ein gestohlener Ring in einem Paar selbstgestrickter Fäustlinge, die Lotte nach Haifa schickt, bei Mendel. Ist es ein Zauberring, der die Wünsche der Kinder erfüllen kann? Traude Litzka siedelt die Handlung ihres Romans gleichzeitig in Wien und in Palästina zur Zeit der Staatsgründung Israels an. Die alltäglichen Herausforderungen im zerstörten und besetzten Wien, die Situation traumatisierter jüdischer Einwanderer in Palästina. All diese Themen werden aus der Sicht zweier Kinder erzählt. Daraus entseht eine spannende, berührende und manchmal auch komische Geschichte.

1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,37 MB
978-3-902975-65-2 (9783902975652)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Zur Erinnerung an meine Freundin Hanna Golan

1. Walter als Störenfried


Wien, Juni 1947


»Von den noch nicht heimgekehrten Kriegsgefangenen befinden sich 12.068 in Russland, 1.209 in Jugoslawien, 226 werden noch aus Frankreich erwartet und 147 aus Belgien. In allen anderen Ländern liegt die Zahl der dort noch in Gefangenschaft befindlichen Wiener unter 50 ...«

Aus der Rathauskorrespondenz Mai 1947

 

Eines Tages stand plötzlich Walter vor der Eingangstür.

Es war ein heißer Junitag des Jahres 1947, um die Mittagszeit, und man hatte sich gerade zum Essen gesetzt. »Man« waren Mutter, Großmutter und Franz, der ältere Sohn der Familie Reiter, während Lotte, seine Schwester, noch in der Schule war. In der Pfanne brutzelten Bratkartoffeln und Spiegeleier und obwohl alle Fenster geöffnet waren, zog der Geruch von heißem Fett bis in die letzten Ecken der Wohnung. Heute gab es ein wahres Festessen, denn Eier waren eine Seltenheit, noch dazu bekam heute jede Person ein ganzes Ei. Außerdem war es der Großmutter gelungen, im Rahmen einer »Hamsterpartie«, bei einem Bauern in Niederösterreich Spinat aufzutreiben. Auch das war eine Rarität, denn in den Wiener Gemüsegeschäften wurde so etwas nur selten zum Kauf angeboten. Die Mutter begann gerade das Essen auszuteilen, als es an der Tür läutete.

Franz, der öffnen ging, stand einem dünnen, großen Mann gegenüber, dessen grauer Mantel schlotternd an den Schultern hing. Er lehnte am Türstock, sagte kein Wort und rührte sich nicht. Eine unheimliche Gestalt, fand Franz und wollte gerade die Türe wieder zuschlagen, als die Großmutter, die nachgekommen war, einen Schrei ausstieß, ihren Enkel zur Seite schob und dem Fremden um den Hals fiel.

»Walter«, stieß sie zwischen Lachen und Weinen hervor.

»Gott sei Lob und Dank, dass du wieder da bist.« Sie zerrte ihn in die Wohnung und schloss die Türe. »Du lieber Himmel, wie du nur ausschaust. Ganz abgezehrt und dünn. Aber du wirst dich bald wieder erholt haben. Hast du ­Hunger? Ich mach dir gleich was Gutes und dann musst du dich ausruhen, damit du wieder zu Kräften kommst.«

Dann rief sie aufgeregt nach ihrer Tochter Helene, die aus der Küche gestürzt kam, sich die Hände an der Küchenschürze abwischte und ebenfalls dem Unbekannten um den Hals fiel. Auch sie begann zu weinen und selbst dem Mann gelang es nicht, seine Tränen zu unterdrücken. Franz stand etwas abseits und beobachtete diese sonderbare Szene. Weinende Erwachsene waren für den Elfjährigen höchst peinlich, wie sollte er sich da verhalten? Einfach hingehen und »grüß Gott« sagen? Diesen Menschen hatte er noch nie gesehen. Er wusste zwar, dass er einen Onkel hatte, der gleich zu Kriegsbeginn freiwillig eingerückt war, von dem man aber dann nie wieder etwas gehört hatte.

Da er gerade erst hungrig von der Schule gekommen war, spürte er im Moment nur seinen Magen knurren und ihn zu beruhigen, war ihm jetzt wichtiger als alle Wiedersehensfreude. »Mama«, sagte er daher etwas unwirsch, »wann gibt es was zum Essen?«

»Siehst du denn nicht, dass es jetzt Wichtigeres gibt als deinen Hunger?«, fuhr ihn die Großmutter an. »Immerhin ist dein Onkel Walter gerade angekommen. Du solltest dich darüber freuen, statt nur ans Essen zu denken.«

»Lass nur, Mama.« Jetzt ließ dieser Onkel zum ersten Mal seine Stimme vernehmen und sie klang kratzig und rau.

»Er kennt mich ja gar nicht und ich ihn auch nicht.«

Dann ging er auf Franz zu und reichte ihm die Hand.

»Ich glaube, du bist der kleine Franz. Zumindest warst du noch klein, als ich dich das letzte Mal gesehen habe. Ich bin der Bruder von deiner Mutter, du kannst Walter zu mir sagen.«

Dann zog er seinen überweiten Mantel aus, holte seinen Rucksack, den er im Stiegenhaus abgestellt hatte, in das Vorzimmer und schloss die Tür.

»Ich könnte auch was zum Futtern brauchen, habt ihr was für mich?«

Bald waren sie in der Küche um den Esstisch versammelt und hofften, dass Walter etwas von sich und seinen Erlebnissen erzählen würde.

Er galt seit Jahren bei den Behörden als vermisst, und die Familie befürchtete schon lange, dass er ums Leben gekommen war. Und jetzt - es war wie ein Wunder - saß er bei ihnen und schlang mit großer Geschwindigkeit Unmengen von Essbarem in sich hinein. Franz wunderte sich, was er alles vertilgen konnte und hoffte insgeheim, dass für das Abendessen noch etwas übrig blieb. Wenn der so weitermacht, dachte er, frisst er uns kahl.

 

In der Zwischenzeit war auch Lotte von der Schule gekommen und Franz, der ihr die Türe öffnete, flüsterte ihr heimlich die Nachricht von der Ankunft ihres Onkels zu und dass er das ganze vorhandene Essen vertilgen würde, wenn er nicht rechtzeitig gestoppt werde. Lotte, die nie viel Appetit zeigte, war nicht beunruhigt.

»Na, hoffentlich schmeckt ihm auch der Spinat«, meinte sie und war sehr erfreut zu hören, dass davon überhaupt nichts mehr übrig war.

»Er hat alles aufgegessen«, sagte Franz empört. »Zuerst die Kartoffeln, den Spinat und die Spiegeleier und dann hat er noch immer nicht genug gehabt. Mama musste ihm noch ein Schmalzbrot streichen und zum Schluss hat er den ganzen Käse verschlungen. Gleich wird die Oma einen von uns zum Kaufmann schicken, um Nachschub zu holen.«

Und tatsächlich, kaum hatte Lotte die Küche betreten und den unbekannten Onkel begrüßt, als auch schon der Auftrag kam, schnell mal zum Steiner zu laufen und einzukaufen. Der Steiner war der Kaufmann auf der gegenüberliegenden Seite der Straße, der aber, wie Lotte wusste, bereits Mittagssperre hatte. Vor lauter Wiedersehensfreude war die Zeit übersehen worden und so wurden für Lotte noch die Kartoffelreste zusammengekratzt und das letzte vorhandene Ei dazu gebraten. Lotte war selig. Kein Spinat, nur Bratkartoffeln und Spiegelei. Der Onkel Walter wurde ihr, im Gegensatz zu Franz, immer sympathischer. Trotz seines Dreitagebartes und seiner schmutzigen Kleidung, gefiel er ihr so gut, dass sie hoffte, dass er recht lange bei ihnen blieb. Er konnte gerne von ihr alles Essen haben, besonders das, das ihr nicht schmeckte.

Die beiden Frauen hatten sich in der Zwischenzeit wieder beruhigt und warteten noch immer gespannt auf einen Bericht des Heimkehrers. Aber da kam nichts. Er zog nach dem Essen seine Pfeife aus der Tasche, stopfte sie mit einem sonderbaren schwarzen Kraut, das er Tabak nannte und zündete es an. Sofort bildete sich dichter Qualm über dem Tisch, der weiter zu dem offenen Fenster zog, aber vorher sich noch überall in der Küche ausbreitete. Lotte fing zu husten an. Der Rauch kratzte im Hals und Tränen standen in ihren Augen.

»Walter, um Gottes willen, mach doch dieses fürchterliche Ding aus, man erstickt ja.«

Die Großmutter schnappte ebenfalls nach Luft und die Mutter verließ fluchtartig den Raum.

Walter lachte. »Mein Gott, seid ihr aber zimperlich«, sagte er. »Ich hab das die letzten Jahre immer geraucht und bin nicht daran gestorben.«

»Du musst auf Helene Rücksicht nehmen. Du siehst doch, dass sie ein Kind erwartet und auch wir anderen können kaum atmen.«

»Ach so, sie ist schwanger«, murmelte er. »Ich wunderte mich schon, dass sie so dick geworden ist.«

Mit bedauerndem Blick klopfte Walter seine Pfeife aus.

»Das ist ja ein schönes Heimkommen, wenn man nicht einmal rauchen darf.«

Dann lehnte er sich aufseufzend zurück und fragte: »Gott bin ich müde. Kann ich mich irgendwo hinlegen?«

In der Zwischenzeit hatte seine Schwester den Diwan im Kabinett mit frischem Bettzeug bezogen und als sie es ihrem Bruder zeigte, ließ er sich, so wie er war, mit Kleidern und Schuhen darauf fallen und fing sofort zu schnarchen an.

 

In der Küche wurde Kriegsrat gehalten. Wo sollte man das neue Familienmitglied unterbringen? Das Kabinett, in dem bis vor kurzem eine Untermieterin gewohnt hatte, war erst vor einer Woche von Franz bezogen worden. Und da sollte er jetzt wieder hinaus? Wieder zu seiner Schwester ins gemeinsame Zimmer zurück? Er war sauer. Sehr sauer. Das hatte ihm noch gefehlt, mit der Kleinen wieder zusammen zu schlafen! Dieser neue Onkel war ihm bereits beim ersten Anblick unsympathisch gewesen und seine Abneigung wuchs in dem Ausmaß, als Mutter und Großmutter vor Glück zerflossen. Der kommt plötzlich hereingeschneit, sagt fast kein Wort, isst alles auf und stinkt mit seiner Pfeife noch die Küche voll!

 

Zornig schmetterte er die Türe ins Schloss und machte sich bereit, in den Turnverein zu gehen. Mendel Kohn, der Nachbarsbub, kam mit ihm mit. Er ging zwar mit der jüngeren Lotte in dieselbe Klasse, aber im Turnen war er so geschickt, dass es für ihn kein Problem war, mit den Großen mitzuhalten. Als Franz die Wohnungstüre öffnete, stand Mendel bereits draußen im dämmrigen Gang und wartete.

»Hallo Franz«, sagte er, aber Franz brummte nur.

»Was sagst du?«

»Nichts.«

Und nach einer Pause: »Ich bin zornig.«

»Warum? Wegen mir?«

»Nein«, brummte Franz, »mein Onkel, den ich überhaupt noch nie gesehen habe, kommt plötzlich zur Tür herein, isst alles auf, stinkt und legt sich in mein Bett. Da muss man ja zornig werden.«

»Ist doch schön, wenn Verwandtschaft kommt. Ich würde es mir wünschen. Nur mein Onkel Hersch lebt noch und in Tel Aviv gibt es eine Schwester von meinem Vater und ihren Mann. Alle anderen sind tot.«

Diese Antwort konnte Franz nicht beruhigen. Knurrend ging er neben Mendel her und fragte dann: »Wann fahrt ihr eigentlich nach Palästina?«

»Wenn die Schule aus ist. Die Bricha...

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