Glutopfer

Thriller
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. März 2013
  • |
  • 368 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81106-3 (ISBN)
 
Ein Serienkiller verbrennt seine Opfer bei lebendigem Leib.

"Das Streichholz verströmt erstaunlich helles Licht in dem dunklen Raum, und die Augen der Frau, die vor ihm kniet, weiten sich erschrocken. Sie hebt den Kopf, ihr Blick fleht. Er spürt die Enge in seiner Brust, die berauschende Wirkung der Erregung, den Schuss Adrenalin im Blut."

Beim Joggen durch die Wildnis entlang stillgelegter Eisenbahnschienen stößt Daniel Davis auf ein abgebranntes Depot. Im Innern eine verkohlte Leiche. Kurze Zeit später brennt es erneut, und wieder kommt ein Mensch bestialisch in den Flammen um. Spätesten jetzt wird klar, dass ein Serienkiller am Werk ist. Sind seine Opfer, die er bei lebendigem Leib verbrennt, Teil eines religiösen Rituals? Detective Samantha Michaels macht sich mit Religionswissenschaftler Davis auf die Spurensuche. Doch während die beiden fieberhaft ermitteln, treibt der Täter sein perfides Spiel mit ihnen. Ein tödliches Kräftemessen beginnt.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,53 MB
978-3-455-81106-3 (9783455811063)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Michael Lister wuchs im Nordwesten Floridas auf, wo er heute noch lebt. Er hat sich als Autor von Romanen, Essays, Theaterstücken und Drehbüchern einen Namen gemacht. Wenn er nicht schreibt, studiert er Literatur, Film und Theologie und unterrichtet am Gulf Coast Community College. Sein Roman Selbstauslöser (Hoffmann und Campe 2011) wurde mit dem Florida Book Award ausgezeichnet.

3


Jedes Mal wenn Sams Handy klingelt, greift sie hastig ­danach, weil sie glaubt, dass er es ist. Sie kommt nicht ­dagegen an. Es geschieht intuitiv, bevor ihre Gedanken einsetzen, was dann allerdings sofort passiert – sodass sie in dem Augenblick zwischen erstem Klingeln und tatsächlichem Griff nach dem Handy begreift, dass er es nicht ist und nicht sein kann.

Er wird nicht anrufen und sich tränenreich entschuldigen oder zugeben, dass es ein Fehler war, sie zu verlassen. Männer vom Typ emotional unzugänglicher paramilitärischer Polizist drehen den Hahn zu, damit er nicht tropft (Originalton über seine letzte Freundin), und dann machen sie einfach weiter und blicken nicht zurück. Er würde nicht mal anrufen, um zu fragen, ob mit ihr alles okay ist, geschweige denn, um irgendwas zu klären.

Es ist vorbei.

In vernünftigeren Momenten weiß sie das und weiß auch, dass es gut so ist, dass sie allein mit sich selbst erheblich besser dran ist als allein mit ihm, doch das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt, und ihres ist nun mal verletzt und schwer und zurzeit eben unvernünftig.

Samantha Michaels arbeitet im Miami Regional Operations Center als Agentin des Florida Department of Law Enforcement, der Strafverfolgungsbehörde, und ist für ein paar Tage nach Nordflorida zu ihrer Mutter gefahren, nach Hause in das Städtchen Marianna, um dort zu gesunden, und damit er seine Sachen in aller Ruhe aus ihrem Haus holen kann – aus dem Haus, das sie als ihres erachtet. Eigentlich hütet sie die Villa für den Besitzer, einen Internetmilliardär, der nur einmal im Jahr dorthin kommt und dem der Gedanke gefällt, dass die restliche Zeit eine Agentin vom FDLE darin wohnt.

Jetzt steht sie nackt in ihrem Kinderzimmer unter einem großen Deckenventilator, während der Schweiß über die muskulösen Kurven ihres straffen, zu blassen Körpers rinnt. Gerade ist sie von ihrem Morgenlauf zurückgekommen, und jetzt nimmt sie sich Zeit, ihren neuen Körper kennenzulernen, wie es die Wartezimmerbroschüre formulierte. Im Großen und Ganzen gefällt ihr, was sie sieht. Wenn man von den Narben, der blassen Haut und dem traurigen Gesicht absieht, hat sie einen schöneren Körper als die meisten Frauen, die halb so alt sind wie sie. Obwohl sie bald vierzig wird, sind ihr Muskeltonus und der knackige kleine Po noch da. Und trotz aller Kraft und Sportlichkeit gibt es an ihr nichts, das irgendwie männlich wirkt.

Ihre Wunden verstören sie, und sie fragt sich, ob das Gefühl je zurückkehren wird, doch dann versucht sie, sich auf all das zu konzentrieren, was gut an ihrem Spiegelbild ist.

Warum liebt Stan mich nicht? Warum sieht er nicht, wie umwerfend ich bin? Womit habe ich ihn nur vertrieben? Was kann ich tun, damit er zurückkommt? Vielleicht, wenn ich die Schnitte nicht hätte, wenn ich nicht verstümmelt wäre, wenn –

Hör auf damit. Es liegt nicht an dir. Es liegt an ihm.

Das möchte sie glauben, das erklären ihr seine und ihre Freunde ständig, aber sie kann einfach nicht.

Als ihr Handy klingelt, geht sie rasch zum Nachttisch, schnappt es sich, wobei sie an den Kolben ihrer Waffe stößt, und sieht auf das Display. Der Anruf kommt aus ihrer Dienststelle, und sie denkt allen Ernstes daran, die verschwitzte Laufkleidung wieder anzuziehen, bevor sie rangeht. Doch dann lacht sie kopfschüttelnd über sich selbst und klingt durch das schwindende Lächeln noch täuschend fröhlich, als sie sich meldet.

»Sam?«

Errötender blasser Körper. Hämmern des verwundeten Herzens im Harnisch der Brust.

»Ja?«

Sie fragt sich, ob Stan die atemlose Verletzlichkeit in diesem einzigen Wörtchen hört. Vielleicht helfen ihr die vierhundert Meilen und der Handyempfang dabei, das vor ihm zu verbergen.

»Tut mir leid, dass ich anrufen muss«, sagt er.

»Schon okay.«

Sie stellt sich vor, wie er in seinem weitläufigen Büro an seinem gigantischen Schreibtisch sitzt. Stan Winston in all seiner Abteilungsleiterherrlichkeit. Kopf hoch. Schultern zurück. Brust raus. Tiefgebräunte Haut, die aus dem übertrieben teuren Anzug blitzt. Vor kurzem geschnittenes, dichtes weißgraues Haar. Strahlend blaue Augen.

Er ist zwanzig Jahre älter als sie und ihr Chef – und dass sie sich mit ihm eingelassen hat, kommt ihr inzwischen nur noch selbstzerstörerisch vor, doch damals hat sie das völlig anders gesehen.

»Ich weiß, dass du, äh …«, setzt er an.

Du weißt gar nichts. Tu bloß nicht so.

»… gerade Zeit mit deiner Mutter verbringst, fährt er fort, aber wir haben hier eine Situation, in der wir deine Unterstützung brauchen.«

Er braucht mich nicht, sondern wir.

»Was ist los«, fragt sie und überlegt, ob das nun desinteressiert oder defensiv klingt.

»Übel verbrannte Leiche. Drüben bei Bayshore. Im Wild­re­ser­vat.«

Sie weiß, dass er wieder raucht. Hat wahrscheinlich nie aufgehört.

»Kleines County, kleines Department. Wahljahr. Der Sheriff hat Unterstützung angefordert.«

Solange es nicht um Korruption in einem Department geht, mischt sich das FDLE eigentlich nie von sich aus in Fälle ein, die in die Zuständigkeit der Dienststelle eines Sheriffs oder der Polizei gehören.

»Und?«

Sie hat nicht vor, es ihm leicht zu machen.

»Würdest du mal hinfahren und dir das ansehen?«

Er muss nicht fragen, und beide wissen das.

»Warum schickst du nicht jemand von der Dienststelle in Tallahassee?«

Das wäre sinnvoller. Will er, dass ich möglichst lang wegbleibe?

Als sie Tallahassee erwähnt, muss sie wieder an Daniel denken. Sie hat sich vorgenommen, zum Campus der Florida State University zu fahren, angeblich, um ehemalige Professoren und Freunde zu besuchen, aber eigentlich, weil sie ihm zufällig begegnen will.

Bin ich deswegen nach Hause gefahren? Weil ich dann in der Nähe von Tallahassee, in der Nähe von Daniel bin? Kann schon sein. Vielleicht komme ich über Stan viel schneller hinweg, als ich dachte.

»Du weißt, wie selten jemand mit Feuer tötet«, sagt er. »Kein Mensch hatte dort je so einen Fall. Der Sheriff hat im Department nach einem Experten gefragt.«

Expertin ist sie nicht unbedingt, aber innerhalb des FDLE wahrscheinlich am nächsten dran.

»Außerdem bist du dort aufgewachsen«, fügt er hinzu. »Im Gegensatz zu den meisten Agenten in Tallahassee.«

Sie zögert und überlegt, wie sie ablehnen kann, ohne dass es Theater gibt. Sie ist der Sache nicht gewachsen, aber das soll er möglichst nicht merken.

»Klingt richtig übel«, sagt er. »Die könnten dich wirklich gebrauchen, aber wenn du dich der Sache nicht gewachsen fühlst –«

»Ich bin der Sache gewachsen«, sagt sie, und es klingt trotzig, defensiv.

»Gut«, sagt er. »Wenn du dich beeilst, kannst du bei der Tatortsicherung helfen. Die Leiche wurde erst vor ein paar Stunden entdeckt.«

»Bin schon unterwegs.«

»Danke. Ich weiß das wirklich zu schätzen.«

Sie kann hören, dass seine Stimme nun anders klingt, weicher. Gleich wird er sie fragen, wie es ihr geht, oder etwas Persönliches sagen, und das erträgt sie einfach nicht.

»Danke, dass du an mich gedacht hast, Chef«, sagt sie und staunt, wie leicht und munter sie wirken kann. »Ich melde mich, sobald ich was weiß.«

Während Daniel allein im Wald wartet, geht er auf und ab, überlegt, sucht nach Spuren und achtet auf genügend Abstand zum alten Depot, damit er dem Geruch entgeht und den Tatort nicht kontaminiert.

So viel Tod, denkt er. So viel Leiden.

Leben ist leiden. Mit diesen drei Worten beginnt nicht nur der Buddhismus, sondern auch die Weisheit selbst.

Er spürt, dass eine Attacke im Anmarsch ist.

Klopfendes Herz.

Schwindliger Kopf.

Panik.

Druck.

Angst.

Verlust.

Der Anblick dieser grauenhaften Überreste und der unverwechselbare Gestank einer verkohlten Leiche haben gewaltsam den Deckel einer Kiste im Keller seines Unterbewusstseins geöffnet. Nun fallen Bilder, Gerüche, Geräusche aus dem ultimativen Wachalbtraum eines Kindes herab wie Funken und Asche eines hungrigen, rasch um sich greifenden Feuers, das alles auf seinem Weg verzehrt.

Das muss aufhören.

Er lebt nun schon so lange mit der Angst, dass sie ihm mehr als vertraut ist – er hat es sich darin geradezu bequem gemacht. Wenn er sie nicht bald unter Kontrolle bekommt, wird es darüber hinaus nichts mehr geben.

Er holt tief Luft, um das Nahen der Panikattacke zu bremsen.

Doch auf einmal, genau wie als Kind, ist er in etwas unbeschreiblich Warmes, Liebevolles, Starkes gehüllt und beginnt, wieder normal zu atmen – beinahe sofort.

Was ist da gerade passiert?

Du weißt es. Das gab es schon mal.

Das ist eine Weile her.

In seiner Jugend hat er nach der traumatischsten Erfahrung seines Lebens etwas Unerklärliches, Transzendentes, Unsagbares gespürt – etwas, das ihn auf einen Weg gebracht hat, der letztlich von dieser Erfahrung wegführte und sie in einem Ausmaß verdunkelte, dass er oft daran zweifelte, sie je gemacht zu haben.

Was er jetzt empfindet, schafft nur eine vage Verbindung zu dem vergangenen Vorfall, genügt aber als Geschmack, als Erinnerung, um ihm Kraft zu geben und das Gefühl aufzufrischen, dass – was? Dass etwas möglich ist?

Seine Gedanken kehren zu der verkohlten, aschenen Masse im Depot zurück, die nicht mehr als menschlich zu erkennen ist.

Die Geduld, die es braucht, um einen menschlichen Körper so vollständig zu verbrennen, der Aufwand, das Experimentieren im Vorfeld, die schiere Willenskraft – all das ist fast so verstörend wie die Tat an...

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