Wir zwei in neuen Welten

Band 2 der Ventura-Saga
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. Januar 2018
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-5622-9 (ISBN)
 
Ich habe mich so sehr nach all den Dingen gesehnt, die das Leben lebenswert machen. Und ich hätte nie gedacht, dass ich diese Dinge tatsächlich bekomme. Aber jetzt gehören sie mir. Und plötzlich habe ich etwas zu verlieren.

Seren und Dom konnten von der Ventura fliehen und gemeinsam mit Ezra und Mariana auf dem entfernten Planeten Huxley-3 landen. Zunächst erscheint die neue Welt wie ein Paradies. Das erste Mal in ihrem Leben befinden sich die vier außerhalb eines Raumschiffes, spüren den Wind in den Haaren und das kalte Meerwasser an den Füßen. Und niemand schreibt ihnen etwas vor! Doch schon bald wird diese neu gewonnene Freiheit zu einer unüberwindbaren Herausforderung. Sie sind völlig auf sich gestellt und allein auf einem Planeten, der mehr Gefahren birgt, als sie sich jemals hätten vorstellen können.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Kate Ling hat bereits Short Stories und Gedichte in verschiedenen Anthologien und Magazinen veröffentlicht. Wir zwei in neuen Welten ist ihr zweiter Roman. Ein dritter Band ist in Arbeit und wird die Ventura-Saga abschließen.

Kapitel 1


Das Wasser schwappt mir gegen die Hüfte, stemmt sich mir entgegen, zerrt mich hin und her. Es ist nicht blau und klar, wie ich es mir vorgestellt habe, sondern überzogen von einer blassen rosigen Staubschicht, bestehend aus feinen Schuppen, die sich bei meiner Berührung teilen und an meinen Fingern kleben bleiben, als ich die Hand hebe und sie staunend betrachte.

»Das ist die Asche von unserem Hitzeschild«, sagt Dom, der mich beobachtet. Sein Blick gleitet hinauf zu der tiefroten Sonne. »Na komm.«

Ezra ist uns ein paar Meter voraus, dem Ufer am nächsten, vornübergebeugt, um sich Wasser aus der Nase zu prusten. Er schüttelt den Kopf und brüllt etwas. Mariana geht vor uns, die Arme vor der Brust verschränkt, mit jedem Schritt langsamer. Mir geht es genauso. Ich habe das Gefühl zu schmelzen, vom Wasser verschlungen zu werden, aber Dom schleift mich beharrlich weiter.

Ezra dreht sich um, verzieht das Gesicht und sagt etwas, aber ». diese verdammte Schwerkraft .« ist alles, was ich verstehe, weil hinter uns ein lautes Zischen aus dem Shuttle dringt, das mit einer aufschießenden Dampfwolke vom Meer gekühlt wird.

Erst als das Wasser immer flacher wird, spüre ich seine ganze Macht, spüre die Schwerkraft, sodass ich gegen meinen Willen stehen bleibe.

»Wir haben es fast geschafft.« Dom drückt meine Hand. »Noch fünfzig Meter. Höchstens.«

Ich bringe nicht mehr zustande, als ihn mit offenem Mund anzustarren. Um seine Augen und seinen Mund herum haben sich dunkle Schatten gebildet, und während ich ihn ansehe, rinnt ihm ein Blutstropfen aus der Nase.

»Geht's dir gut?«, frage ich mit gebrochener Stimme.

»Alles okay«, erwidert Dom. »An Land sehen wir weiter.«

Wir erreichen Mariana, die plötzlich ins Stolpern gerät und mit einem Mal im Wasser sitzt. Ich schiebe einen Arm unter ihre Achsel und ziehe sie hoch, um gemeinsam mit ihr weiterzugehen.

»Das ist echt .«, sagt sie an meinem Ohr, ohne den Satz zu beenden.

Vor uns liegt ein langer blasser Sandstrand, gesäumt von Bäumen und Sträuchern, die so dicht miteinander verwoben sind, dass sie einer undurchdringlichen Wand gleichen. Schwer zu sagen, ob der Sand tatsächlich rosa ist, die Blätter tatsächlich lila, blau und rot, wie sie in meinen Augen erscheinen, denn Huxley taucht alles in einen blutroten Dunst. Am Ende des Strands erblicke ich den flachen Zipfel einer Halbinsel, deren helle Felsen hinaus ins Meer ragen; in entgegengesetzter Richtung erhebt sich ein hoher schwarzer Berg, dessen scharfe Silhouette an die Klinge eines Messers erinnert, das jeden Moment umfallen könnte. Unzählige schwarze Felsen ragen steil in den Himmel, bis hinunter zum Ufer, ein ganzer Wald von Messerklingen, als wären sie aus dem Weltraum herabgeregnet, genau wie wir. Dieser Ort scheint so etwas regelrecht anzuziehen.

Die Explorer 37 heult auf wie ein sterbendes Seeungeheuer aus einem Katastrophenfilm, und ich werfe gerade noch rechtzeitig einen Blick über meine Schulter, um zu sehen, wie sich das Shuttle zur Seite neigt und hilflos seinen verletzten Flügel reckt, während eine orangefarbene Flüssigkeit wie ein Geysir in den Himmel schießt.

»Sie sinkt«, sage ich. »Sie darf nicht sinken.«

»Sie wird nicht sinken«, erwidert Dom, doch bevor ich genauer nachhaken kann, beugt er sich krampfartig vor und spuckt einen Schwall Blut ins Meer.

Ich drücke seine Hand und gehe mit letzter Kraft weiter, obwohl Marianas Gewicht so schwer auf mir lastet, dass ich mit jedem Schritt tiefer einsinke, während Dom neben mir ins Straucheln gerät und schmerzhaft mein Handgelenk verdreht. Nur indem ich mich auf Ezra konzentriere, der vor uns durch das flache Wasser stapft und kurz stehen bleibt, um sein Unterhemd auszuziehen, sodass er prompt von einer Welle umgerissen wird, schaffe ich es, mich irgendwie vorwärtszuschleppen.

Als uns eine weitere Welle erfasst, gelingt es Mariana und mir, uns dagegenzustemmen, doch ich spüre, wie Dom den Halt verliert und umgerissen wird. Hastig drehe ich mich um und packe mit beiden Händen zu, um ihn durch die Brandung zu schleifen, während sich die Welle wieder zurückzieht. Er rappelt sich auf, und wir nutzen den Moment, um loszurennen, bis wir nur noch knietief, dann knöcheltief im Wasser stehen. Keuchend lassen wir uns in den feuchten Sand fallen.

Der Himmel ist leuchtend pink, und es schneit. Wie kann das sein? Wie kann es schneien, wenn die Luft so drückend heiß ist, dass ich kaum Luft bekomme?

»Es schneit«, sage ich zu Dom, während ich zusehe, wie eine Flocke auf seiner Wange landet, dicht unter seinem geschlossenen Auge. »Es schneit«, sage ich erneut, diesmal zu Ezra, der etwas oberhalb am Strand liegt, seine Füße unweit von meinem Gesicht, sein Oberkörper auf die Ellbogen gestützt.

»Das sind nur unsere Überreste«, sagt Ezra. »Unser Weltraumschrott.«

Mariana liegt gut einen Meter von mir entfernt auf der Seite, umspielt von der Brandung, die ihr Haar ordnet und zerzaust. Ich sehe, wie sie sich mühsam aufrappelt, um eine dunkle Flüssigkeit auszuspucken.

»Komm«, sage ich, als sie sich einigermaßen erholt hat, und reiche ihr meine zitternde Hand.

Der Strand erstreckt sich in drei Ebenen über dem Meer, und ich bringe Mariana zu der mittleren, um weder dem Meer noch dem Waldrand zu nahe zu kommen. Dann kehre ich zurück zum Wasser, um Dom auf die Beine zu zerren und ihn zu stützen, bis er ein paar Meter weiter erschöpft in den Sand sinkt.

»Brauchst du Hilfe?«, frage ich Ezra, aber der schüttelt den Kopf und dreht sich kommentarlos auf die Seite, um uns den Rücken zu kehren.

Ich setze mich neben Dom und Mariana und betrachte Huxley, der in diesem Moment am Horizont versinkt, als würde er in einer blutroten Pfütze mit dem Meer verschmelzen.

»Sonnenuntergang.« Ich teste das ungewohnte Wort. »Abendrot.«

Mein Blick gleitet nach oben und schweift über den bunten Himmel, gezeichnet von leuchtendem Rot, Orange und Lila bis hin zu einem intensiven Blau, wo sich bereits die ersten Sterne abzeichnen.

»Es gab doch Monde? Waren da nicht zwei Monde?«

Niemand antwortet mir, und da ist kein Mond. Jedenfalls nicht im Moment.

Ich betrachte Dom, berühre den violetten Bluterguss unter seinen Augen, die sich im selben Moment öffnen und seltsam verdrehen, ehe er mich wirklich ansieht. Sein Blick wirkt ungewohnt trüb, nicht strahlend wie sonst, und diese Tatsache ist so schmerzlich, dass es mir die Kehle zuschnürt. Trotzdem versuche ich zu lächeln. Du wärst fast gestorben, denke ich, aber ich weigere mich, es laut auszusprechen. Dann fallen ihm erneut die Augen zu.

Ich habe diesen Sonnenuntergang schon mal beobachtet, durch das Panoramafenster der Ventura, die Handflächen an die kalte Scheibe gepresst, während Huxley hinter dem Planeten verschwand und sich für einen Moment orangerot verfärbte, sein Licht von der Atmosphäre gebrochen, von der Wasseroberfläche reflektiert.

Dabei habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, hier unten zu sitzen, hier an diesem Strand, die Zehen im Sand vergraben. Aber wenn ich auf meine Füße blicke und die Zehen bewege, kommt mir das alles unwirklich vor, denn es ist ganz anders als in meiner Vorstellung. Huxley ist in Wirklichkeit viel größer und unglaublich nah, sein roter Feuerball vom Horizont halbiert.

Urplötzlich gerät die Luft in Aufruhr. Sie zieht und zerrt an uns, rüttelt unbarmherzig an den Bäumen, verwirbelt die verbrannten Fetzen unserer Trümmer und peitscht mir den Sand ins Gesicht, sodass mir die Augen tränen und ich sie hastig schließe.

Mariana vergräbt ihr Gesicht an Doms Schulter und kreischt auf.

»Was ist das? Was ist das? Was ist plötzlich los?«, fragt sie panisch.

»Das ist nur der Wind«, sagt Dom, der ihr beruhigend übers Haar streicht. »Ich schätze, das ist normal.«

Ich lege mich neben ihn und senke meinen Kopf auf seine Brust.

»Es wird dunkel«, sage ich.

»Ja.« Er schluckt.

Von Huxley ist nur noch ein schmaler Streifen zu sehen, der immer mehr schmilzt und schwindet, bis nur noch sein farbenfroher Geist über den Himmel spukt.

»Und jetzt?«, frage ich Dom.

Er fährt sanft über mein Haar. »Wir sollten uns erst mal ausruhen und morgen früh überlegen, was zu tun ist.«

Obwohl mir vor Erschöpfung alles wehtut, kann ich nicht schlafen. Stattdessen liege ich wach und zittere, obwohl mir noch nie im Leben so warm war. Die Hitze ist so drückend schwül, dass meine Haut gar nicht trocknet, sondern eher noch feuchter wird. Zum Glück, denn unsere Uniformen, die wir beim Schwimmen abgestreift haben, liegen unten am Meeresgrund. Wir tragen nicht mehr als unsere Unterwäsche und eine feine Schicht Sand.

Das erste Geräusch, das aus dem Wald zu uns herüberdringt, lässt Dom vor Schreck hochfahren, sodass ich mir auf die Zunge beiße und Blut schmecke.

»Oh Gott, was ist das? Was ist das? Was ist das?«, kreischt Mariana.

»Halt mal den Mund, damit wir etwas hören«, sagt Ezra, der sich auf den Ellbogen stützt und angestrengt in den Wald späht.

»Was ist das was ist was ist das?« Mariana kann anscheinend nicht aufhören.

»Mann, halt endlich den Mund, okay?«

Wir liegen da und lauschen. Mieeep. Stille. Mieeep. Stille. Dann gesellt sich eine weitere Stimme hinzu. Ähnlich wie die erste, nur etwas tiefer. Im gegenseitigen Einklang.

»Insekten?«, vermutet Dom. »Kann doch sein, oder? Wie in diesen Dokumentarfilmen von der Erde. Insekten...

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