Mercy 1: Gefangen

 
Rebecca Lim (Autor)
 
Ravensburger Buchverlag
1. Auflage | erschienen am 22. September 2011 | 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-473-38443-3 (ISBN)
 
Ich empfange noch mehr Bilder von Lauren. Dabei kann ich nicht sagen, ob ich das alles selbst in ihrem Zimmer gesehen habe oder ob es nur im Kopf ihres Zwillingsbruders existiert. Ryan trägt einen Teil von Lauren in sich. Die Verbindung fühlt sich frisch an, neu. Es ist unheimlich. Schwach wie der verblichene Tag eines Graffiti-Sprayers, den der Regen nicht ganz auslöschen konnte. Eine ausgestreckte Hand. Ein Hilferuf. Ein leises »Rette mich!«. Mercy weiß: Hinter Ryans cooler Fassade verbirgt sich ein düsteres Geheimnis. Nur sie selbst kann es lüften.
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"Carmen? CAAARMEN!"

Das Wort hallt mir in den Ohren nach, mit seinem theatralisch gerollten R. Ich senke abrupt den Kopf und spähe durch einen ungewohnten Vorhang aus lockigem, schwarzem Haar. Einen Moment lang bin ich völlig orientierungslos, bis mir plötzlich klar wird, dass das meine eigenen Haare sind.

Das Geschrei kommt von einem vollbusigen, blonden Mädchen mit scharf geschnittenen Gesichtszügen, das sich schräg gegenüber von mir über den Gang beugt. Ich presse Knie und Hände fest zusammen, um das Zittern in den Griff zu kriegen.

Carmen. So heiße ich also diesmal. Und der Gedanke, dass ich nicht mehr Lucy oder Susannah bin oder das Mädchen davor, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe, dessen Leben mir aber am Ende so gut gefiel, dass ich es gern weitergelebt hätte, bringt meine Welt ins Wanken und beschleunigt meinen Atem. Ich spüre, wie Carmen blass wird, während ich darum kämpfe, ihren Körper unter Kontrolle zu bekommen.

Alles ist plötzlich zu laut, zu grell und tausendfach verstärkt. Carmens Herz fühlt sich an, als könnte es jeden Moment in ihrer Brust explodieren- in unserer Brust. Und wenn das passiert, ist es meine Schuld, dann muss ich ihren leblosen Körper sofort verlassen und mich wie ein Ghul, wie ein rachsüchtiger Ifrit in einem anderen Körper einnisten. Dabei müsste ich doch langsam wissen, was ich zu tun habe. Man sollte meinen, dass ich inzwischen genug Übung darin hätte. Aber es wird nie leichter. Jedenfalls nicht in diesen schicksalhaften ersten paar Stunden und Tagen.

Ich zwinge mich, langsamer zu atmen, und konzentriere mich mühsam. Die Muskeln in Carmens Hals und Gesicht weigern sich, ihren Dienst zu tun. Ich bin schweißüberströmt, und ich könnte wetten, dass Carmens Wangen hektisch rot sind.

Wer immer die Blonde sein mag, meine Verlegenheit entgeht ihr nicht, auch nicht, wie falsch Carmens Gesichtsausdruck plötzlich ist, ihr Verhalten. Denn der Blick der Blonden wird jetzt bohrend, ihre sowieso schon schrille Stimme schießt noch eine Oktave in die Höhe und sie kreischt: "He, was ist los mit dir, du dumme Nuss? Du bist ja so was von daneben. Ich meine: Hal-lo? Ich schrei mich hier heiser und du reagierst überhaupt nicht! Willst du denn gar nicht wissen, mit wem Jarrod Daniels jetzt geht?"

Mit einem Schlag verstummt der ganze Bus, alle Köpfe fahren zu uns herum.

Dumme Nuss? Bei diesen beiden Worten schaltet Carmens Herz einen Gang höher, heult auf unter dem Ansturm meiner irrsinnigen Wut. Ich bin also jähzornig- interessant zu wissen.

Ein unerklärlicher, dumpfer Schmerz breitet sich in meiner linken Hand aus, und ich berge sie schützend im rechten Ellbogen an der Seite, als sei ich gerade verwundet worden. Carmens Haut ist jetzt so heiß, dass mein Zorn sie töten wird, wenn das nicht aufhört. Und das darf nicht sein, sie ist unschuldig. Es ist, als wäre ein Gebot aus meinem tiefsten Inneren aufgestiegen, das ich momentan nicht erfüllen kann.

Auf diese seltsame Weise, in der ich manchmal zu viel zu schnell in mich aufnehme, registriere ich, dass außer mir noch neunzehn andere Mädchen anwesend sind plus zwei Lehrerinnen. Beide sind schlecht gealtert. Die eine hat kurzes, eisgraues Haar und ein hartes Gesicht und trägt baumelnde Ohrgehänge. Die andere mit dem massigen Kinn hat eine lächerlich mädchenhafte Bobfrisur.

Ich spüre die Qualen des Fahrers vorne, der in der ständigen Angst lebt, dass seine Frau ihn wegen eines anderen Mannes verlassen könnte. Eine Angst, die ihm anhaftet wie ein Geruch, wie ein Hexentier auf seiner Schulter, das an seiner Seele nagt. Bin ich die Einzige, die es sieht?

Dann schrumpft die Welt zusammen, verengt und verflacht sich, wird wieder weniger als die Summe ihrer Teile. Carmens Herz schlägt langsamer, ihr Atem geht regelmäßiger. Die linke Hand tut nicht mehr weh; ich lasse sie los und richte mich in meinem Sitz auf.

Immer noch sind alle Augen im Bus auf uns gerichtet. Ist die Blonde eine Freundin? Oder was sonst ist sie für mich?

Ich kämpfe immer noch darum, Carmens Gesichtsausdruck unter Kontrolle zu bekommen, und lalle mühsam: "Schlimmer Migräneanfall."

In meinem letzten Leben- oder dem von Lucy- hatte ich ständig Migräne. Für ein Wesen wie mich, dessen wahres Ich weder Kälte spürt noch jemals krank wird, war das wie Krieg im Kopf, von kurzen Atempausen unterbrochen. Als fänden Lucys Geist und Körper immer wieder Wege, sich gegen mich zu kehren, um mich irgendwann ganz zu vernichten. Ich trauere meinem Dasein als Lucy nicht nach, obwohl ich ihr alles Gute wünsche. Hoffentlich hat sie sich davon erholt, dass ich einfach in ihrem Leben herumgetrampelt bin. Irgendwann werde ich auch sie vergessen, so wie alle anderen.

Meine lahme Erklärung reicht anscheinend aus, um die allgemeine Neugier zu befriedigen, denn alle wenden gelangweilt die Augen ab und der Lärmpegel im Bus steigert sich wieder zum Dröhnen eines Düsenjets in meinen Ohren. Die Blonde mit dem spitzen Gesicht faucht mich an: "Was Besseres fällt dir wohl nicht ein!" Dann dreht sie sich mit einem abfälligen Schnauben um und wendet sich einem anderen Mädchen zu. So habe ich endlich meine Ruhe.

Mit steifen Bewegungen wie ein Roboter drehe ich mich zum Fenster um. Draußen fliegt Weideland unter einem bleiernen Himmel vorüber. Die Ebene ist gesprenkelt mit toten Bäumen und Farmgebäuden, hin und wieder einer wiederkäuenden Kuh, ein alltäglicher Anblick, und das Gras am Straßenrand wird höher und struppiger, je weiter wir fahren. Die rote Erde macht sandigen Abschnitten Platz, riesige Salzebenen dehnen sich vor mir aus. Mir ist, als könnte ich schon das Meer riechen, und ich frage mich, was mich diesmal erwartet: nicht Lucys Gegend mit den tristen, heruntergekommenen Häuserblocks und den finsteren Dealern auf Skateboards, aber auch nicht Susannahs protzige Villa mit einer Haushälterin, die rund um die Uhr im Einsatz ist, und einer hypochondrischen Mutter, die Susannah einfach keine Ruhe lässt.

Das Land ist so trocken wie Carmens Haut, die von hässlichen Ekzemen entstellt ist. Ohne groß zu überlegen, kratze ich die raue Stelle an ihrem rechten Handgelenk auf, bis Blut auf die Manschette ihres langärmligen, weißen Hemds zu tropfen beginnt. An manche Dinge erinnert sich der Körper einfach, wie ich inzwischen weiß.

Endlich passieren wir ein Schild mit der Aufschrift: "Willkommen in Paradise. 1503Einwohner." Jenseits davon schimmert ein Streifen schmutzig graues Wasser auf, weiße Schaumkronen rollen in der Ferne an.

Der Ortsname lässt mich scharf die Luft einziehen, obwohl ich nicht genau weiß, warum. Ich glaube nicht, dass ich hier zuvor schon einmal war, weil mich nichts an meine früheren Leben erinnert, an die sechzehn, zweiunddreißig, achtundvierzig Kurzbesuche auf dieser Erde- oder wie viele es auch immer waren.

Ob Carmen sich über den fehlgeleiteten Lokalpatriotismus auf dem Ortsschild lustig macht? Möglich. Hin und wieder erhasche ich einen kurzen Blick auf meine Mädchen, meine Gastgeberinnen, meine Körperhüllen. Sie sind bei mir, aber willenlos und gefügig. Vielleicht denken sie, dass sie träumen und bald erwachen werden. Manche drängen ab und zu nach oben: Wie Taucher, denen die Luft ausgeht, durchbrechen sie die Wasseroberfläche, keuchend und um sich schlagend, bis sie einfach erlöschen, weil der Kraftaufwand zu groß ist. Die Tatsache, dass kein Gespräch zwischen uns stattfindet, kein Abgleich der Interessen und Wünsche, erleichtert unseren Umgang auch nicht gerade. Trotzdem ist mir in jeder Sekunde bewusst, dass ich fremdes Territorium besetze. Dieses Wissen beeinflusst alles, was ich mache, was ich bin. Ich bin nie wirklich entspannt, weil ich mich nie ganz wohl in einer Haut fühle, die nicht mir gehört.

Paradise ist sehr weit davon entfernt, seinem Namen Ehre zu machen- ein schmutziges kleines Kaff, wie auf dem Reißbrett angelegt, am Rand einer hässlichen, morastigen Insel gelegen, die sich irgendwo im Meer verliert. Die Highschool, vor der wir halten, besteht aus niedrigen, kastenförmigen Gebäuden und Sturmzäunen, sie alle übersät mit tausendmal neu übertünchten Graffiti. Die Schule liegt in den kahlen Randbezirken des Ortes und gibt sich gar nicht erst den Anschein, als wollte sie sich in die Landschaft einfügen.

Der Bus hält ruckelnd an, die vorderen Türen öffnen sich zischend, und in die Mädchen um mich herum kommt Bewegung wie bei einer Tierherde, die sich im Schlaf regt.

Ich habe eine gute Stunde lang geschwiegen aus Angst, dass ich nicht die richtigen Worte finde. Als jemand zum zweiten Mal ungeduldig "Carmen Zappacosta" faucht, kann mich wieder nur das abfällige Schnauben der Blonden dazu bringen, Kopf und Hand zu heben. Dann lasse ich die Hand wieder fallen und sie plumpst schwer in meinen Schoß wie totes Fleisch.

Ich kneife die Augen zusammen. Die eisgraue Lehrerin mit dem grimmigen Gesicht hat mich angesprochen. Sie schüttelt den Kopf, bevor sie mürrisch fortfährt: "Die Hausregeln sind klar: nicht trinken, nicht rauchen, nicht mit jemandem aus der Gastfamilie schlafen. Wir haben...

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