Pusteblumensommer

Roman
 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Mai 2017
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1508-9 (ISBN)
 
Charlotte Kristen ist Ende vierzig und allein erziehende Mutter von Malte, 14, einem Asperger Autisten. Die beiden leben glücklich zusammen in Wismar, und Charlotte baut sich gerade eine eigene Ziegenkäserei auf einer kleinen Ostseeinsel auf. Mit Männern hatte Charlotte immer nur Pech, und eigentlich hat sie mit dem Thema abgeschlossen. Bis sie - wegen eines dummen Sturzes - plötzlich ihr Gedächtnis verliert. Danach sieht sie den besten Freund und den längst abgelegten Ex nämlich in einem ganz anderen Licht. Und muss sich entweder ganz schnell an alles erinnern - oder eine längst fällige Entscheidung treffen.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 2,37 MB
978-3-8437-1508-9 (9783843715089)
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1.


Wismar im Mai


Beinahe hätte Charlotte den Termin beim Klassenlehrer ihres Sohnes vergessen. Entsprechend überstürzt war sie von Poel zurück nach Wismar gefahren und hatte nicht nur die Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Landstraße ignorieren, sondern anschließend auch noch im Halteverbot parken müssen. Mit wehendem Mantel schlitterte sie über den blank gewienerten Linoleum-Fußboden, um sich dann das pikierte Gesicht von Dr. Liedtke ansehen zu müssen, weil sie sich vier Minuten verspätet hatte.

Nach einer durchaus freundlichen Begrüßung sagte er etwas, das sie zunächst einmal sprachlos machte. Zwei, drei Sekunden lang starrte sie ihn fassungslos an. Ein heiseres, ungläubiges Lachen kam aus ihrer Kehle und blieb ihr schließlich regelrecht im Hals stecken. »Wie bitte? Was haben Sie da gerade .«

»Frau Kristen, bitte, wir wollen doch .«

Sie rang nach Luft. »Mein Sohn ist Asperger-Autist, Herr Dr. Liedtke, das heißt aber nicht, dass es ihm vollkommen egal ist, wenn er ausgeschlossen wird.«

Dr. Liedtke schwitzte, wie sie bemerkte. Mit einer Hand griff er nach seinem Hemdkragen und zupfte daran herum. »Ich fürchte, Sie haben mich missverstanden, Frau Kristen.«

»Das glaube ich nicht«, gab sie kühl zurück.

Er hatte tatsächlich vorgeschlagen, dass ihr Sohn nicht an der bevorstehenden Klassenfahrt teilnehmen sollte, weil Malte sich sehr wahrscheinlich sowieso nur im Zimmer aufhalten und die Unternehmungen schwänzen würde. Und das wiederum würde seine Mitschüler möglicherweise dazu anstiften, sich ebenfalls »zu verweigern«. Er hatte wirklich erst schwänzen und dann verweigern gesagt.

»Wollen Sie sich nicht wieder setzen?«, schlug er ein wenig kleinlaut vor. Sein Lächeln war nervös und eine Spur aufgesetzt.

Nein, sie wollte sich nicht setzen, sie wollte ihn vors Schienbein treten oder am Kragen packen und durchs Klassenzimmer schleifen. So wütend und aufgebracht war sie schon lange nicht mehr gewesen. Vielleicht sollte sie doch über einen Schulwechsel nachdenken. Dieses Gymnasium war schließlich nicht das einzige in Wismar.

Charlotte hatte die linke Hand, die sie in die Manteltasche gesteckt hatte, zur Faust geballt.

Atme tief durch, so ist's gut. Aus und ein, aus und ein. Na siehst du .

»Herr Dr. Liedtke, Malte möchte mit auf diese Klassenfahrt. Er freut sich schon darauf. Sie wissen, wie naturbegeistert er ist.« Ihr war nicht entgangen, dass er bei ihren Worten vor sich hin genickt hatte. Hatte er vor einzulenken? »Außerdem dürfen Sie ihn gar nicht so ohne Weiteres ausschließen.«

Sie biss sich auf die Zunge. Das war überflüssig gewesen. Möglicherweise hatte sie jetzt sogar einen Fehler gemacht, den sie nicht wiedergutmachen konnte und den Malte später ausbaden musste. Doch sie brachte keine Entschuldigung heraus, es ging einfach nicht. Dazu war sie viel zu aufgebracht.

»Ich muss Ihnen nicht sagen, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, dass wir Malte an dieser Schule aufgenommen haben. Mit seiner Behinderung wäre er an einer . speziellen Schule womöglich besser aufgehoben.«

Jetzt hatte Dr. Liedtke einen Fehler gemacht. Charlotte mochte es nämlich überhaupt nicht, wenn man im Zusammenhang mit ihrem Sohn von einer Behinderung sprach, auch wenn das grundsätzlich die richtige Bezeichnung für Asperger-Autismus war. Sie selbst hatte Malte nicht eine Sekunde seines Lebens als behindert angesehen. Er war überdurchschnittlich intelligent, überdurchschnittlich zurückhaltend und still und überdurchschnittlich ehrgeizig, mehr nicht.

Die Psychologin, die vor einigen Jahren die Diagnose gestellt hatte, hatte Charlotte darauf hingewiesen, dass Malte zum Beispiel Anspruch auf einen Behindertenausweis habe, etwas, das ihm, der es nicht gerade leicht im Leben gehabt hatte und in Zukunft auch nicht haben würde, etliche Vergünstigungen einbrächte. Doch Malte hatte einen solchen Ausweis nicht gewollt, bis heute nicht. Und sie hatte es verstanden.

Sie unterdrückte ein Seufzen und lächelte Dr. Liedtke an. »Sagten Sie nicht neulich, dass Malte zu den besten Schülern gehört, die Sie je unterrichtet haben? Und dass Sie stolz sind, ihn an der Schule zu haben?«

Seine Antwort musste sie nicht hören, weil sie sie kannte. Plötzlich durchfuhr sie ein ungutes Gefühl. »Hat einer der Mitschüler gesagt, dass er Malte nicht dabeihaben will?«

Dr. Liedtke schüttelte langsam den Kopf. »Nein, ich fürchte lediglich .« Er schien über etwas nachzudenken und sagte schließlich: »Na schön, ich bin einverstanden, dass Ihr Sohn mit in die Eifel fährt.«

Erwartete er, dass sie sich nun bedankte, ihm sagte, wie wunderbar sie seine Entscheidung fand und wie überaus großmütig er doch war?

Nun, da konnte er ewig warten.

Charlotte nickte knapp und wandte sich zur Tür.

»Ach, und Frau Kristen .«

Sie drehte sich zu ihm um.

»Die Reise wird nicht ganz billig sein.«

Reg dich jetzt bloß nicht wieder auf .

»Als alleinerziehende Mutter haben Sie natürlich Anspruch auf Beihilfe.«

Ihm schien es nicht mal unangenehm zu sein, sie auf dieses heikle Thema anzusprechen. Dabei hatte sie noch nie um finanzielle Unterstützung gebeten, bisher hatte sie immer selbst für ihren Sohn sorgen können.

»Nicht nötig. Trotzdem vielen Dank, Herr Dr. Liedtke.«

Damit öffnete sie die Tür und ließ sie hinter sich zufallen. Einen Moment lang musste sie stehenbleiben. Sie hatte ein sonniges Gemüt, aber es gab durchaus Momente, in denen sie kurz vor dem Explodieren stand. Sie verknotete den Gürtel ihres Trenchcoats, hängte sich ihre große Handtasche um und lief rasch den langen Flur entlang.

Zwei Schüler kamen aus einem der Räume und stießen beinahe mit ihr zusammen, weil sie die Köpfe zusammengesteckt und auf ihre Smartphones gestarrt hatten. Charlotte wich ihnen geschickt aus, drückte die Glastür auf und war unendlich froh, als sie draußen an der frischen Luft stand.

Die Kirchturmuhr von St. Georgen schlug zwölf, als Charlotte kurz darauf über den Marktplatz ging.

Sie hob nur kurz den Kopf und blickte in die Richtung, aus der die Schläge zu hören waren.

Nach einer, nein eigentlich zwei nervenaufreibenden Beziehungen war sie vor fünfzehn Jahren von Hamburg nach Wismar gezogen. Ihr Sohn war hier geboren worden.

Nach der Asperger-Autismus-Diagnose war sie zunächst wie vor den Kopf geschlagen gewesen, bald aber hatte sich ihr Gedankenknäuel aufgedröselt und jedes einzelne Puzzleteil sich in ein anderes gefügt.

Endlich hatte sie gewusst, warum Malte war, wie er war.

Warum er zurückhaltender, stiller war als andere Kinder, nervöser, abwesender. Warum er oft über Dinge lachte, die sie nicht lustig finden konnte. Warum er sie nur so selten ansehen mochte und sich nicht gern umarmen ließ. Seine Großeltern hatten sich häufig darüber beklagt, dass er ihnen nicht einmal die Hand geben wollte, von einer beinahe erdrückenden Umarmung gepaart mit feuchten Küssen ganz zu schweigen.

Malte war ausgesprochen klug, wissbegierig und neugierig. Er hatte immer auf alles eine Antwort gesucht, und als er in die Schule gekommen war, hatte ihr sein unglaublicher Ehrgeiz manchmal Angst gemacht. Für ihn grenzte eine Drei in einer Klassenarbeit an einen Weltuntergang. Der Sportunterricht war seit jeher die Hölle für ihn, da er eine andere Körperwahrnehmung hatte als andere.

Dafür gab es regelmäßig Momente, in denen Charlotte stumm und zutiefst beeindruckt in der Tür gestanden und ihm zugesehen hatte. Dann nämlich, wenn er bäuchlings auf dem Teppich gelegen und mit seiner Ritterburg gespielt hatte. Oder wenn er versonnen lächelnd am Fenster gestanden und die Spatzen beobachtet hatte, die sich draußen im Garten in kleinen Erdlöchern wälzten. Wenn er ein Puzzle gemacht hatte, bei dem sie kapitulieren musste oder wenn seine Augen geleuchtet hatten, weil sie ihm seinen heißgeliebten Tigerenten-Pudding gekocht oder seinen ebenso geliebten Plüschpinguin wiedergefunden hatte, der tagelang spurlos verschwunden gewesen war.

Hatte Malte sich darauf eingelassen, mit anderen Kindern zu spielen, so waren die hinterher der einhelligen Meinung gewesen, noch nie einen so phantasievollen, fairen Spielkameraden gehabt zu haben.

Sein Gerechtigkeitssinn war sehr ausgeprägt, nichts konnte ihn mehr bestürzen, als zusehen zu müssen, wie jemand schlecht und unfair behandelt wurde. Bei Tieren war es noch schlimmer. Einen verletzten oder gar überfahrenen Igel sehen zu müssen, ließ ihn in Tränen ausbrechen, und bei einer streunenden Katze drehten sich seine Gedanken tagelang darum, ob das arme Tier wohl etwas zu fressen finden würde.

Als sie damals nach Wismar gekommen war, war der Kirchturm von St. Georgen das Erste gewesen, was Charlotte gesehen hatte. Wismar hatte sie sofort ins Herz geschlossen.

Sie und ihr Sohn hatten eine hübsche, urgemütliche Altbauwohnung mit einer Dachterrasse bezogen, von der aus man über die Dächer der Stadt blicken konnte. Eine Aussicht, um die sie noch heute jeder beneidete.

Ihr Handy klingelte. Das Ding mochte sie nach wie vor nicht besonders. Sie hatte es nur angeschafft, damit Malte sie jederzeit erreichen konnte. Und umgekehrt natürlich auch. Manchmal trieb er sich stundenlang irgendwo am Hafen oder in einem der Museen herum, ohne auf den Gedanken zu kommen, dass sie sich Sorgen machen könnte. Wenn sie ihn dann später erleichtert kurz umarmt...

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